„Uns geht es so gut, dass es weh tut“

Soziale Medien Mit "Armes Deutschland" wirft Rayk Anders einen kritischen Blick auf die Bundesrepublik. Ein Gespräch über politisches Desinteresse und den Umgang mit Anfeindungen
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„Uns geht es so gut, dass es weh tut“
Auch die Pegida-Demos behandelt Rayk Anders bei "Armes Deutschland"

Foto: Jens Schlueter/AFP/Getty Images

Herr Anders, wie lange existiert Ihr Format „Armes Deutschland“?

„Armes Deutschland“ ist ziemlich genau 100 Tage vor der Bundestagswahl 2013 online gegangen. Zunächst nur auf Facebook und beschränkt auf kurze Sprüche und lustige Bilder. Aber nur mit Bildern stößt man dann doch relativ schnell an Grenzen. Daher habe ich bereits nach einigen Wochen begonnen, Videos zu drehen und auf YouTube zu stellen.

Worum geht es Ihnen bei „Armes Deutschland“?
Mein Ziel war es, komplexe, politische Themen möglichst einfach darzustellen. Aus diesem Grund habe ich anfangs vor allem auf Comic-Bilder und Foto-Montagen gesetzt. Eben etwas Übersichtliches, das man schnell versteht. Die Videos erlauben mir, inhaltlich mehr in die Tiefe zu gehen und dabei gleichzeitig Zusammenhänge noch anschaulicher darstellen zu können.

Und wie sind Sie überhaupt auf die Idee für „Armes Deutschland“ gekommen?
Ich habe mich früher nie für Nachrichten interessiert. Ich war auch nicht besonders gut in der Schule. Ehrlich gesagt wusste ich, wie viele andere in meinem Alter, nach der Schule nicht einmal, was ich später überhaupt einmal machen wollte: Du kommst aus der Schule, hast ein bisschen Gedichtsanalyse und den Satz des Pythagoras mitgenommen, und keine Ahnung, was dir das jetzt im Leben eigentlich konkret bringen soll. Also setzt du dich irgendwann hin und machst dir Gedanken, wo deine Stärken liegen.

Und das hat Sie zum Journalismus geführt.
Ich konnte immer besser mit Worten als mit Formeln umgehen, also wollte ich etwas tun, bei dem ich im weitesten Sinne mit Sprache arbeiten kann - ohne direkt Deutschlehrer zu werden. Diese Überlegungen führten dann zum Journalismus. In den darauffolgenden Jahren, als ich Journalismus studierte und meine ersten Berufserfahrungen beim Fernsehen, Zeitungen etc. machte, fing ich erst „gezwungenermaßen“ an, mich wirklich mit Nachrichten und Politik auseinanderzusetzen. Und wenn du dir diesen Kram nicht nur ab und zu mal gibst, sondern wirklich täglich und in der Tiefe - dann sitzt du irgendwann nur noch mit schüttelndem Kopf da und kannst nicht glauben, dass es so tatsächlich in der Welt abgeht.

Was meinen Sie genau?
Wie dreist und stumpf und sinnlos und lächerlich vieles einfach ist. Wenn du an diesem Punkt bist, dass dich gewisse Sachen einfach aufregen; Korruption, Lügen, Fremdenfeindlichkeit - kürzen wir es ab: „Ungerechtigkeit“.

Und so entstand dann „Armes Deutschland“?
Ich wollte mich nicht nur darüber aufregen, danach die Füße hochlegen und mein Bier trinken. Ich will, dass sich etwas ändert und auch andere auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. „Armes Deutschland“ ist das Format, das aus diesem Wunsch entstanden ist.

Haben Sie vor „Armes Deutschland“ andere Formate produziert?
Bevor ich mein eigenes Format gestartet habe, durfte ich schon in sehr vielen Bereichen der Medienbranche meine Erfahrungen sammeln. Unter anderem beim Radio, bei Online-Magazinen, Tageszeitungen und beim Fernsehen. Bei „Armes Deutschland“ versuche ich all diese Erfahrungen zu nutzen, um ein Format zu schaffen, das sowohl ein junges Publikum unterhält, das sich für Nachrichten sonst kaum interessiert - also wie ich mich selbst früher - aber auch Leuten etwas bietet, die in den Themen schon drinstecken.

Und das gelingt Ihnen anscheinend auch sehr gut, Sie erreichen ein sehr großes Publikum: Über 30.000 Menschen folgen Ihnen auf Facebook und Youtube, auch bei Twitter schenkt man Ihnen viel Beachtung. Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Formats?
Eine der häufigsten Rückmeldungen, die ich von Zuschauern bekomme, lautet: „Du sprichst mir aus der Seele“. Meine Beiträge sind ja nicht nur eine bloße Anhäufung von Daten und Informationen, sondern ich sage auch sehr deutlich meine persönliche Meinung zu einem Thema.

Haben sich traditionelle Nachrichten-Formate selbst überlebt?
Der klassische Nachrichten-Ansatz, möglichst urteilsfrei über ein Ereignis zu berichten, ist absolut ehrenwert und wichtig. In seiner „Blutsleere“ à la Tagesschau kann dieser Ansatz aber dazu führen, dass sich die Menschen nicht angesprochen fühlen, so dass sie sich gar nicht erst auf die Themen einlassen.

Und inwiefern unterscheidet sich „Armes Deutschland“ von orthodoxen Nachrichten-Formaten?
Ich denke, dass es die Mischung macht: Auf der einen Seite biete ich Informationen über aktuelle Themen, auf der anderen Seite beziehe ich aber auch persönlich Stellung, was viele dazu einlädt, ebenfalls ihre Meinung zu sagen. Ob diese sich mit meiner deckt oder ich dafür angegriffen werde: darum geht es mir nicht. Das Wichtigste ist, dass man mit den Themen überhaupt in Berührung kommt und auch etwas abseits der Kardashians und dem neuesten „Fast and the Furious"-Streifen etwas von der wahren Welt mitbekommt.

Zuweilen hört man Vorwürfe, dass die heutigen Generationen nur an Unterhaltung, Shopping und Likes interessiert wäre; Politik interessiere sie nicht. Was halten Sie von solchen Einschätzungen?
Diesen „die Jugend von heute taugt doch nichts mehr!“-Vorwurf gab es natürlich schon immer. Aber nehmen wir einfach zum Spaß mal an, die Jugend von heute sei tatsächlich die Desinteressierteste aller Zeiten: Warum ist sie das? Weil sie es kann.

Inwiefern?
Wir haben in der ersten Welt, namentlich hier in Deutschland, einen Standard erreicht, von dem man in den meisten anderen Ecken dieser Erde nur träumen kann. Wenn Leute sich in Hollywood-Welten eher zuhause fühlen, als in ihrer eigenen Nachbarschaft; wenn manche Menschen lieber darüber abstimmen, welchen Nagellack ihre Lieblings- YouTuberin im nächsten Video tragen soll, statt wer in ihrer Regierung sitzt - dann: Gratuliere, wir haben gewonnen. Uns geht es so gut, dass es weh tut.

Also eine Folge des Wohlstands?
Demokratie heißt eben auch, dass man überhaupt keine Teilhabe am politischen Prozess haben muss, wenn man nicht will. In anderen Ländern gehen Leute zur Wahl, obwohl sie mit dem Tod bedroht werden. Bei uns überlegt man stattdessen, ob man zur Bundestagswahl seine Stimme nicht auch im Supermarkt abgeben könnte, um den Leuten den Arsch noch mehr hinterherzutragen, „bitte, bitte, macht doch ein bisschen mit“.

Aber im Internet findet man schon eine sehr aktive politische Diskussion, die oft leider auch ins Absurde abdriftet. Gerade auf Youtube findet man ja zahlreiche Videos über Chemtrails, New World Order, Illuminaten, Reptilienmenschen und was sonst nicht alles diskutiert wird. Trägt das Internet zur Verbreitung solcher Ideen bei, quasi als Nebenwirkung?
Auf jeden Fall. Zum Beispiel diese rechten Behauptungen die man auf einigen Facebook-Seiten liest, wonach Asylbewerber in Wahrheit im Geld schwimmen und so weiter. Oder als anderes Beispiel KenFM: während der Ukraine-Krise hatten sie zum Beispiel auf ihrer Facebook-Seite ein Bild geteilt, das angeblich zeigen sollte, dass das abgestürzte Flugzeug MH17 von einem nicht-russischem Jet abgeschossen worden sei. Dabei war es in Wirklichkeit nur eine simple Foto-Montage, für die irgendwer eine Boeing-Maschine auf Google Maps-Karten aus dem Jahr 2006 kopiert hatte. So ein Unsinn wird ungeprüft tausendfach geteilt.

Wie gehen Sie mit solchen Sachen um?
So etwas ärgert mich maßlos. Aber ich tue mein Bestes, solchen Schwachsinn bei mir zu thematisieren und richtigzustellen. In der Hoffnung, dass es vielleicht einige doch noch mal zum Nachdenken anregt.

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Foto: Rayk Anders


Neben der positiven Resonanz, waren Sie in der Vergangenheit auch schon des Öfteren Beleidigungen und Bedrohungen ausgesetzt: Sie wurden u.a. als „Schwule Deutschhasserhurensohnjude“ und „Volksverräter!“ bezeichnet und Ihnen wurde ein langsamer und qualvoller Tod gewünscht. Hatten Sie solche Reaktionen erwartet?
Wenn man sich rechtsradikalen Behauptungen entgegenstellt, gehören solche Äußerungen einfach dazu und sind Ausdruck derer argumentativen Hilflosigkeit. Was bleibt dir denn noch übrig, wenn dir jemand jedes deiner angeblichen „Argumente“ mit ein paar einfachen Fakten in der Luft zerreißt, die jeder Zwölfjährige auf der ersten Seite der Google-Suchergebnisse auch selbst hätte entdecken können? Diese Leute haben nichts in der Hand und in dem Moment, in dem sie jemand darauf hinweist, reagieren sie mit dem einzigen, was ihnen bleibt: Aggression.

Welche Themen haben denn besonders heftige Reaktionen hervorgerufen?
Die höchsten Wellen schlagen wohl meine Beiträge zu Flüchtlingen.

Wie erklären Sie sich das?
Die Leute sind es gewohnt, dass man Flüchtlinge im Fernsehen immer nur als Drogendealer mit wackelnder Handkamera und Bushido-Musik zeigt. Wenn ich dann ein Video im Flüchtlingsheim drehe und zeige, wie sich freundliche Kinder Kakao mit ihren Freunden teilen und ihre Mütter Yoga auf dem Spielplatz machen, rasten manche Leute aus, weil es ihnen ihr Bild von den bedrohlichen Flüchtlingen kaputt macht. Dann heißt es: Wenn ich nette Flüchtlinge zeige, mache ich Multikulti-Propaganda. Diese Leute sind so in ihrer eigenen Blase drin, es regt sie innerlich richtig auf, wenn ihnen jemand etwas zeigt, was ihre eigenen Vorstellungen der Welt in Frage stellt.

Wie gehen Sie mit solchen Anfeindungen um? Haben Sie jemals daran gedacht, deswegen mit „Armes Deutschland“ aufzuhören?
Aufhören würde ich deswegen auf keinen Fall. Denn genau diese traurige Tatsache, dass es solche Menschen heute tatsächlich noch gibt, ist mit ein Grund, warum ich „Armes Deutschland“ als Gegen-Entwurf so wichtig finde. Wenn du jemanden mit dem Tod bedrohst, weil ihm sein Video nicht gefällt... ich meine, komm schon, was stimmt nicht mit dir?

Wie gehen Ihre Familie und Ihre Freunde mit solchen Angriffen auf Sie um?
Meine Mutter schaut sich alle meine Videos an. Und ja, sie macht sich oft Sorgen; ich denke, das haben Mütter so an sich. Mein Freundeskreis sieht das entspannter. Da kommen dann eher Vorschläge, über wen ich alles noch Videos machen sollte.

Meinen Sie, dass ein Format wie „Armes Deutschland“ auch im Fernsehen funktioniert hätte?
Das ist schwer zu sagen, da das klassische Fernsehen sein Publikum sehr auf Distanz hält. „Armes Deutschland“ lebt auch von der Interaktion mit den Lesern und Zuschauern. Was oft noch interessanter und unterhaltsamer ist, als meine eigenen Beiträge, sind die Rückmeldungen der Netzgemeinde. Unter den Videos entladen sich regelmäßig die interessantesten Zusatz-Infos, politische Diskussionen oder auch einfach nur die absurdesten Foto-Montagen. Es ist ein Genuss, sich durch dieses kreative Chaos zu klicken und zu sehen, wie die Leute über meine Beiträge ins Gespräch miteinander kommen.

Ist diese Interaktion mit dem Publikum nicht vielleicht sogar das Geheimnis Ihres Erfolgs?
Dieses „Mitmachen“ so vieler Leute schafft natürlich eine andere Verbundenheit zum Format, als wenn es reines Frontal-Programm wäre, bei dem man allein vor dem TV sitzt. Trotzdem glaube ich, dass meine Beiträge auch im Fernsehen funktionieren könnten.

Tatsächlich ist mir aufgefallen, dass Sie häufig mit Ihrem Publikum direkt kommunizieren.
Ich schreibe so gut wie immer selbst mit, weil es einfach unheimlich Spaß macht. Aus diesen Online-Diskussionen zwischen Fremden sind mittlerweile schon viele Freundschaften entstanden.

Was kann man von Rayk Anders in der Zukunft erwarten?
Ich hoffe, dass ich online noch lange meinen Senf über Politik und die Gesellschaft dazugeben kann. Zusätzlich würde ich meine Fühler auch gern über Facebook und YouTube hinaus in weitere Bereiche ausstrecken und mit „Armes Deutschland“ neue Dinge ausprobieren. Aktuell arbeite ich zum Beispiel an einem Buch und hoffe, dass ich es im nächsten Jahr vorstellen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person: Rayk Anders wurde 1987 in Berlin geboren. Sein Youtube-Format „Armes Deutschland“ zählt zu einem der beliebtesten, gesellschaftspolitischen Youtube-Formaten im deutschsprachigen Raum. Anders hat Journalismus studiert und lebt in Berlin.

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08:25 10.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Rebuschat

Geboren 1982, zweifacher Familienvater. Volljurist, seit 2011 journalistisch tätig.
Jan Rebuschat

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