janto ban
18.09.2015 | 20:32 33

Groß(artig)es Palaver

Welt im Ohr Eine Call-in-Sendung, in der Hörer einmal ganz angstfrei sagen dürfen, was sie umtreibt - kann das gutgehen..? Und wie.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied janto ban

Denn WDR5-Hörer sind schlau.

Die 37-mitütige Radiosendung, die anzuhören hier gleich empfolen wird, ist das Beste, das der Empfehlende bisher zum Thema gehört hat.

Darum geht's:

>> "Wir schaffen das!" sagt die Kanzlerin. Viele Deutsche packen an. Viele haben aber auch Angst und fühlen sich damit nicht gesehen. Wie ehrlich und nüchtern diskutieren wir die Folgen der Krise? <<

zur Seite: WDR5 Tagesgespräch vom 18.09.2015 mit dem Migrationsforscher Klaus Bade (Link zum Player unter dem Bild)

zur mp3-Datei

An anderer Stelle kann man Professor Bade zum Thema fluchen hören, dass es eine wahre Freude ist. (link, Audio unten)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (33)

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Ehemaliger Nutzer 19.09.2015 | 00:27

Vielleicht interessiert Sie das Buch von Bude: Angst der Gesellschaft.. kann man über die Bundeszentrale für politische Bildung für "schlappe" 4,50€ kaufen.

kurze Inhaltsangabe:

"Wir möchten dazugehören. Wer sich vom Konsum ausgeschlossen, vom Glück verlassen sieht, den sozialen Absturz vor Augen hat oder kein Rezept für die vielen Probleme des Alltags findet, fühlt sich bedroht und entwickelt leicht Ängste. Heinz Bude analysiert eine Gesellschaft, in der dies mehr und mehr Menschen betrifft."

http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/201854/gesellschaft-der-angst



mymind 19.09.2015 | 00:35

Danke auch von mir für den Hinweis. Meine Gedanken sind gerade ganz woanders _ aber Gedanken mache ich mir seit eh & je über die Hintergründe, die auch Bade anspricht, aber die nie öffentlichkeitswirksam thematisiert wurden.

Z.B. wenn es um Ausbeutung von Ressourcen & Arbeitskräfte in diversen Ländern ging oder um deren geopolitsch strategische Absicherung & deren Kriegsprotektion bis hin zur Kriegsführung....

janto ban 19.09.2015 | 01:15

Dieses Thema, wie der ganze Themen-Komplex, interessiert mich sehr. Als Phobiker, der seine Ängste heute zum Glück mehr im Griff hat, als sie ihn, bin ich mit den Dingen von Grund auf und aus erster Hand vertraut und könnte im Prinzip selbst ein Buch schreiben. Aber man lernt ja auch nie aus.

Was ich hier in der letzten Woche geschrieben habe, darf gern als Teil einer kleinen Selbsttherapie verstanden werden. Immerhin habe ich gelernt, dass Ängste sich festigen und ausweiten, wenn man vor ihnen flieht, anstatt sich ihnen auszuliefern. Das mögen Ängste nämlich gar nicht.

Ich verfolge dabei meist den "3-Punkte-Plan gegen schlimme Dinge", wie ich ihn immer nenne. Und der geht:

1. Stell dir das Katrastophalste vor, das passieren kann.

2. Akzeptiere es.

3. Tu alles in deiner Macht stehende, damit es nicht eintritt.

Den faz-Artikel kannte ich schon, werde ihn aber gleich morgen noch mal lesen. Gute Nacht!

janto ban 19.09.2015 | 01:43

"Nie öffentlichkeitswirksam thematisiert" ist insofern richtig, als dass aus dem Wissen um unser kollektives/staatliches (whatever) Agieren und dessen negative Folgen - zunächst für andere und irgendwann auch für uns - nicht die entsprechenden Konsequenzen gezogen wurden. Es ist ja nicht so, dass die Dinge nicht breit kommuniziert worden wären.

"Öffentlichkeitswirksam" im Sinne von Allgemeinwissen, das vermittelt wurde, war es schon. Denken wir z.B. an den Wohlstandsmüll, den wir den Afrikanern in die Gegend kippen, die Meere, die wir ihnen leer fischen, die Binnenmärkte, die wir ihnen kaputtsubventionieren und so weiter. Aber öffentlichkeitswirksam im Sinne von angekommen, in dem Sinne, dass wir unsere allgemeinen Standards absenken müssen, ist es nie.

Wenn Bade von etwas "ganz ganz Großem" spricht, das gerade passiert, dann glaube ich ihm das einfach mal so. Und in Kombination mit dem, was ich hier jetzt sage, kam es halt, dass ich (s. Punkt 3 des Plans gegen schlimme Dinge oben) immer wieder beim Geld und bei der 'himmelschreienden Ungleichheit' gelandet bin. Ein Thema, dass Maybritt Illner gestern Abend wegwischt, als wenn es rein gar nichts mit der aktuellen Situation zu tun hätte.

Und niemand hat Ulrich Reitz widersprochen, als er weissagte, dass es zu Verteilungskämpfen in den unteren Segmenten (oder so ähnlich) kommen wird. Wenn es um diese Verteilungskämpfe geht, sind sich plötzlich alle einig. Nach dem Motto: war so, ist so, bleibt so. Aber über den anstehenden Verteilungskampf, über den man hätte sprechen müssen, um das Thema der Sendung ("...wie schaffen wir das?") zu beantworten: kein Wort. Nicht die Spur der Erkenntnis, dass das enorme und immer größer werdende Reichtums- und Armuts- bzw. Sicherheits- und Unsicherheitsgefälle der einzige Grund ist, warum gerade geschieht, was geschieht. Hätte mit der aktuellen Situation nichts zu tun, behauptet Illner. Da packt man sich doch vor'n Kopp.

"Millionen auf der Flucht – wie schaffen wir das?" hieß das Thema der Sendung. Und die Frage ist so dämlich gestellt, dass man die - etwas anders gelesen - glatt mit "durch unser Arschloch-Verhalten gepaart mit Erkenntnisresistenz" beantworten könnte. Aber ich darf mich nicht aufregen.

Danke für's Lesen und so! Gute Nacht!

mymind 19.09.2015 | 02:30

Was ich mit öffentlichkeitswirksam meine, ist die Vermittlung, dass ´unser Wohlstand´ _ wobei ich nicht persönlich Deinen oder meinen_ auf Kosten anderer Länder geht & insbesondere der sog. 3. Welt. Das war bereits Bewusstsein als ich Teenie war_ aber dann kam Kohl.& auf einmal war es gar nicht mehr ´IN´ über solche weltpoilitischwirtschaftliche Konstellationen & Zusammenhänge zu erfahren, zu debattieren oder sich damit auseinandersetzen zu müssen. Nach der Wende folgte ja in atemberaubender Weise ein weltpolitisches Ereignis nach dem anderen _ Keine Zeit zum Atem birgt das Risiko, den Überblick zu verlieren _ würde jeder Doc sagen _ genau das ist mit dem Demokratieverständnis hierzulande passiert.

Wenn Bade von etwas "ganz ganz Großem" spricht, das gerade passiert, dann glaube ich ihm das einfach mal so.

Ja das passiert auch. Was meinst Du denn konkret in Bezug auf Bades Statements?

Den Illner-Talk habe ich gestern nicht gesehen, der von letzter Woche hat mir gereicht. Warum schraubst Du Dir diesen undifferenzierten Quark rein?

Millionen auf der Flucht – wie schaffen wir das?" hieß das Thema der Sendung. Und die Frage ist so dämlich gestellt, dass man die - etwas anders gelesen - glatt mit "durch unser Arschloch-Verhalten gepaart mit Erkenntnisresistenz" beantworten könnte. Aber ich darf mich nicht aufregen,

Aufregen schon, Nerven verlieren nicht. Ich schone meine Nerven manchmal, indem ich mir Sendungen wie solche nicht anschaue, da ich weiß was hintenrum rauskommen soll _ alles andere als Erkenntnisgewinn zu einem Thema…

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Ehemaliger Nutzer 19.09.2015 | 11:10

Ausgeschlafen?😉 Dann bei einer Tasse Sonstiges die Beate Winkler vielleicht lesen...ich erlebe es auch so Mit meinen Schülern....da sind Fakten nur Fakten....geht ihnen nicht wirklich unter die Haut...und ich verstehe die Jungs und Mädels schon..

Ängste aufgreifen

Verunsicherung und Ängste in der Bevölkerung müssen aufgegriffen werden. Die unterschiedlichsten Interessen – seien es demografische, wirtschaftliche oder kulturelle -, die wir an Einwanderung haben, gehören benannt. Aber Ängste allein mit Fakten entkräften zu wollen ist zu wenig. Es geht auch um Gefühle – vor allem um Angst. Daher brauchen wir Vertrauen in unsere Zukunft und in die Handlungsfähigkeit von Gesellschaft und Politik. NGOs, Wohlfahrtsverbände, der Flüchtlingskoordinator und Unternehmen wie die ÖBB haben in vergangenen Tagen und Wochen Hervorragendes geleistet. Sie machen Druck auf die Regierung – und auf die europäische Politik! -, Konzepte und Perspektiven zu vermitteln. Gefragt ist eine Politik, die über gute Koordinierungs- und Kommunikationsmechanismen verfügt und die in ihrer Realisierung durch ein eigenes Einwanderungs- und Integrationsministerium unterstützt werden könnte. Erfahrungen aus der Geschichte zeigen: Wanderungsbewegungen gibt es seit Jahrtausenden, und Menschen haben in Krisenzeiten Ungeheures geleistet. Das gelingt besonders gut, wenn wir uns auf unserer Fähigkeiten und Begabungen konzentrieren – und die der "Fremden".

http://derstandard.at/2000022449135/In-welcher-Gesellschaft-wollen-wir-leben

janto ban 19.09.2015 | 12:28

|| Was meinst Du denn konkret in Bezug auf Bades Statements? ||

Die Stelle, an der er sagt:

>> Politik muss klar sagen: Wenn das jetzt nicht klappt, fliegt uns die ganze EU um die Ohren. Das ist eine der Kernfragen, um die es hier geht. Politik müsste außerdem sagen: Wir stehen jetzt einmal vor einer historischen Wende; hier passiert irgend etwas ganz ganz Großes. Und zum anderen: Wir müssen uns um die Urasachen kümmern. Und dazu müssen wir Systemfragen stellen. Wir müssen also weltökonomische/weltökologische Fragen stellen, über die Ursachen dieser Wanderung, an denen wir zu einem beträchtlichen (...) Teil als westliche Welt mit Schuld sind, weil wir z.B. die Ausplünderung Afrikas betreiben (...) <<

Was mich daran so beunruhigt ist, dass wir, die westliche Welt, genauso wie Russland, China, Indien, Teile Südamerikas und alle Industrienationen, meilenweit davon entfernt sind, Systemfragen überhaupt nur zuzulassen, weil wir im Gegenteil in immer stärkerer Höher/Schneller/Weiter-Konkurrenz zueinander stehen und sogar der Ausbeutungswettbewerb um Rohstoffe und Ressourcen in den armen und ärmsten Teilen der Erde immer unerbittlicher wird. Das heißt also, dass das etwas ist, das nur auf höchster internationaler Ebene verhandelt und vereinbart werden könnte. Doch der UNHCR geht das Geld aus. Jetzt schon.

Talkssendungen wie Maybritt Illner gucke ich mir z.B. an, um mir anzugucken, wie der öffentliche Diskurs tickt; z.B. an welchen Stellen die Leute klatschen und an welchen nicht. Und was ich oben beschreibe, dieses Wegwischen der (innerdeutschen) Systemfrage schlechthin durch die Moderatorin, ist ein Paradebeispiel, wie sich ein treffenderes vielleicht nicht finden lässt. Da stellt die Sendung im Titel sogar schon die richtige Frage, aber wenn Katja Kipping über Rückverteilung von oben nach unten sprechen will, gehört das angeblich nicht zum Thema. Drastischer kann gar nicht vor Augen geführt werden, dass und warum die Frage, ob wir 'es' schaffen, bis auf Weiteres mit 'Nein' beantwortet werden muss.

Und da reden wir über Veränderungen in einem Ausmaß, die ja nicht, wie manche meinen, durch individuelles Handeln auf freiwilliger Basis vonstatten gehen können, sondern von oben verordnet werden müssen. Aber richtig! Nicht durch Vorantreiben der Ursachenpolitik, also Gürtelengerschnallen der einen zugunsten weiterer Überfettung der anderen, sondern genau umgekehrt. Und mit "der anderen" sind im letzten Satz die Reichen in Deutschland gemeint, das reiche Deutschland in Europa und das reiche Europa in der Welt.

Wie das - außer durch totalen Krieg - durchbrochen werden soll, weiß aber niemand so genau, weil uns ja hier schon das private Vorsorgesystem fast zusammenbricht, wenn eine vergleichsweise kleine Volkswirtschaft wie Griechenland taumelt. Man muss aber kein Freund z.B. privater Altersvorsorge sein, um zu sehen, wer die Policen hält und auf Rendite hofft. Das sind die gleichen Leute, die alle vier Jahre aufgefordert sind, sich eine Bundesregierung zu wählen.

"System" bedeutet ja nichts anders, als dass die Elemente so aufeinander bezogen sind und sich bedingen, dass alles Einfluss auf alles hat. Hinzu kommt das durch die innere Unwucht des globisierten Systems übermächtig gewordene Hebelprinzip: Eine kleine Änderung hier - große Auswirkungen da.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir schaffen es nicht. Das ist mir in den letzten Wochen ganz klar geworden; deshalb ging's mir schlecht. Aber ich hab's schon fast abgearbeitet.

|| Keine Zeit zum Atem birgt das Risiko, den Überblick zu verlieren _ würde jeder Doc sagen (...) Aufregen schon, Nerven verlieren nicht. ||

Genau so. Und den Rat werde ich ab sofort mal wieder beherzigen. Heute großer Spieleabend mit Freund, Schwester, Schwager, Mutter und Hund. Hin und Rück: ca. 50km. Macht π mal Daumen 4 bis 5 Liter Schwarzes Gold. Aber wir ham's ja, wonnich :o|

janto ban 19.09.2015 | 13:33

Abgebrochen :o|

Wow, danke. Das ist ein wirklich guter Artikel.

Ja, es geht um Angst. Den Begriff ziehe ich auch vor, obwohl er vielen zu hart erscheint und sie es lieber Sorgen o.ä. nennen.

Bei mir, ganz persönlich, sind es unterschwellig zwar auch Ängste, die auf Stichworte wie erzkonservativer Kulturalismus (Islam), Verdrängungswettberwerb im unteren Segment und ähnlich unaussprechliche Dinge für einen irgendwie Linken hören. Aber die Haupt-Angst macht mir die beobachtbare Reaktion der deutschen, europäischen und internationelen Politik auf die Ereignisse. Dass wir, als Deutschland, ein paar Millionen Menschen verteilt über mehrere Jahre beherbergen können, ist klar. Hinter allem weiteren stehen Fragezeichen; time will tell.

Ganz große Angst macht mir die Beobachtung, dass der öffentliche Diskurs in D seit Jahren von Islamismus-Talk dominiert war, wenn es um das Thema Islam in D ging - der plötzlich verstummte. Weil es z.B. darum ging, Pegida etwas entgegenzusetzen; was völlig richtig war und ist. Aber die Küchenpsychologie lehrt, dass verdrängte Ängste nicht abheilen, sondern im Verborgenen wachsen und auf ihren großen Auftritt lauern. Dass die Menschen im öffentlichen Diskurs gerade außschließlich als eben solche wahrgenommen werden, denen aus humanistischen Gründen Soforthilfe, notfalls in Eigenregie, zu leisten ist, ist fantastisch.

Aber ich traue dem Braten nicht. Und mein "Vertrauen in unsere Zukunft und in die Handlungsfähigkeit von Gesellschaft und Politik" ist auch im Eimer. Vor allem das in die Politik, sprich in das, was wir uns als Gesellschaft in dieser Demokratie zur Vertretung wählen. Das passt nämlich, wie ein kurzer Blick auf die Sitzverteilung im Bundestag zeigt, hinten und vorne nicht zusammen. Ganz böse gesprochen doktern die vielen freiwilligen Helfer und Spender gerade an den selbstgeschaffenen Symptomen herum, ohne es zu ahnen. Und wer es ahnt, traut sich nicht, es laut zu denken, weil es um irgendwie unaussprechliche Zuzsammenhänge geht.

Dass schon viele Leute verstanden haben, dass es letztlich - manchmal um drei Ecken, manchmal ganz direkt - ihr Wohlstand ist, der die Flüchtlinge zu uns treibt, um hier, bei den (Mit-)Verursachern Schutz zu suchen, glaube ich jedenfalls nicht. Verstanden hat das - falls überhaupt jemand - nur die sog. Industrie, die sich, mehr als über die sog. Fachkräfte, schon auf die ganzen Ausbeutungswilligen freut - Herkunft, Hautfarbe, Religion: egal. Was gern mit Weltoffenheit verwechselt wird, aber Turbokapitalismus x.0 in Reinform darstellt. Vulgär-Marxismus nannte Herfried Münkler das, was ich zuletzt sagte, neulich bei Hart aber Fair. Ist mir aber egal.

Ich muss Schluss machen. Liebe Grüße!

janto ban 19.09.2015 | 14:32

Das meine ich.

"Lebensversicherungen lohnen sich nicht mehr? Von wegen! Alte Verträge bringen oft Traumrenditen. Eine solche Police sollte man nicht kündigen (...)"

Dieser Tage das Wort "Traumrenditen" in den Mund zu nehmen, das muss man sich erst mal trauen. Oder keine Ahnung von überhaupt nichts haben.

Währned gezielte Steuerhöhungen ausgeschlossen und allesschwächende Sparpakete geschnürt werden. Das Geld also nicht dort geholt wird, wo es ist, sondern fortdauernd dort, wo es nicht ist. Die zementieren die Verhältnisse, wie schon in den vorangangenen Krisen. Der Schweinekapitalismus geht stärker aus ihnen hervor, als er hineingegangen ist. Die beschleunigen das Unheil, anstatt ihm entgegenzuwirken. Es ist nicht zum aushalten..

silvio spottiswoode 21.09.2015 | 00:33

So, habe jetzt alles gehört, super Gespräch, yup. :-)))

Hier noch was Schönes, ein Sloterdijk Text, den ich heute zwei mal vorlesen musste; bin schon ganz heiser:
Peter Sloterdijk "Die Machtwandlerin"
http://www.handelsblatt.com/my/politik/deutschland/zehn-jahre-kanzlerin-merkel-die-machtwandlerin/12336914.html?ticket=ST-4255064-BPMGayCF6cpCp1SnPXte-s02lcgiacc02.vhb.de

It's a must, dearie. Der absolute Burner! Du wirst es lieben, ich garantier's. Und auf die Kulturpolitik trifft es alles ebenso zu ...

Er prägt der Begriff der dahindämmernden Palliativpolitik und der Lethargokratie. "Lethargokratie ist hochbewegliche Trägheit an der Spitze des Staates in ständiger Tuchfühlung mit den Chancen des historischen Moments."

ist zwar hinter einer Paywall, Handelsblatt. Hier eine Zusammenfassung,
http://m.huffpost.com/de/entry/8156680

und wenn's morgen gut laufen sollte, schaffe ich auch noch eine ausführlichere in der Mittagspause ...


"Sie handelt nicht, sie reagiert. Sie präveniert nicht, sie fährt erschreckt hoch, wenn die Realität ans Tor klopft. Sie begnügt sich damit, darauf zu warten, bis ein Problem durch medialen Alarm von der öffentlichen Stimmung als so dringend wahrgenommen wird, dass sich ein Eingreifen seitens der Saumagen-essenden Elite nicht länger vermeiden lässt."

Angela Merkel verkörpert "in psychologischer Sicht eine Container-Persönlichkeit. In Hohlraum-Figuren dieses Typs deponieren zahllose Menschen etwas von ihren Hoffnungen, ihren Ärgernissen, ihren Träumen, ihren Niederlagen, ihren Sorgen, ihren Müdigkeiten. Im Container-Politiker ist Platz für jede Projektion. Der natürliche Preis einer solchen Delegation ist Entpolitisierung. Wo Politik war, wird betreutes Dahindämmern."

silvio spottiswoode 21.09.2015 | 18:01

:) ... Du Fuchs, Du. Nach seinem selbstverliebsüffisantenthirnten Demenzartikel Die Revolution der gebenden Hand haben sie ihn in der FAZ bestimmt nicht mehr rangelassen, mutmaße ich mal, hihi. Also blieb jetzt nur noch das Handelsblatt ... ist das nicht auch Holtzbrinck? So wie, öhhhh, ... WiWo ? glaube ich, und definitiv Zeit(!), FAZ(!), Tagesspiegel, und die Berliner Zitty, ... whatever; jedenfalls nicht die regierungsnahe Springer oder WAZ-Gruppe. Ach, egaaal. It's in the mail. Check ya post, mate; weil, ist ein schicker Text. Hab nichts dazu geschrieben, sorry, dicker Kuß, aber der Berg wächst hier vor mir gerade in ungeahnte Höhen. Praktikanten können so so anstrengend sein. Sniffle sniffle.

silvio spottiswoode 04.10.2015 | 19:18

Schau mal, hier der aktuelle Text von Carolin Emcke Kopf über Wasser; ich finde das großartig wie sie hier schreibt »Es lässt sich nur üben, wie es zu lernen ist. Im täglichen Ritual der Entdeckung.«

Da »Es gibt keinen Grund in einer demokratischen Gesellschaft, ängstlich zu sein vor etwas, das wir noch nicht kennen: beim Schwimmenlernen haben wir erfahren, dass es sich lernen lässt, in eine neue Materie einzutauchen und sich in ihr zu bewegen. Dass es sich nicht allein, sondern nur gemeinsam lernen lässt. Soziales, demokratisches Miteinander in einer offenen, sich wandelnden Gesellschaft lässt sich auch nicht üben. Es lässt sich nur üben, wie es zu lernen ist. Im täglichen Ritual der Entdeckung. Ich bin nicht sicher, aber vielleicht ist es das, was Angela Merkel sagen wollte mit dem Satz: "Wir schaffen das." Vielleicht wollte sie sagen: "Wir lernen das. Wie wir lesen und schwimmen gelernt haben.« (SZ, 1.10.15)

janto ban 04.10.2015 | 19:52

Schön.

Aber ich bin kein Romantiker, Silvi, ich bin Realist. Schon immer gewesen. Und jetzt kommt der Pessimismus hinzu.

Wir kennen es schon, Silvi. Guck nur nach Frankreich, da siehst du, was uns erwartet. Ich schaff's nicht, mir vorzumachen, dass es bei uns anders laufen wird.

Ich möchte, dass wir ein liberales Land bleiben. Aus Gründen, wie man so sagt. Wenn aber die Rechten erst die Deutungshoheit über die Debatte gewonnen haben, weil die Linken sich in ihrem Traum von der Grenzenlosigkeit verfangen, wo alle Brüder sind und niemand von irgendwas oder irgendwem abhängig ist, wird es mit der Liberalität schnell vorbei sein.

Erst sind es die "Kamelwämser" und dann die "Arschficker". War immer so, wird immer so sein. Nach Assad- und Putinvollverstehen kommt guter Bürgerkrieg (Terror) und das Verbot von Homo-Propaganda (Klerikal-Illiberalismus).

So sehe ich das..

silvio spottiswoode 04.10.2015 | 19:54

Will sagen, es ist wichtig die Flüchtlingsdynamik als Prozess zu begreifen; als Experiment mit offenem Ausgang.

Mit Deiner Kritik hast Du natürlich recht, wobei allein nicht helfen wird. Die Probleme sind da, schon lange: Falsche Verteilungsdynamik; ausgehungerte Basis; fette, verantwortungslose Bonzen ohne Realitätsbezug in der Politik; kaputtgesparte gesellschaftliche Infrastruktur; kaputtes Bildungssystem; katastrophale Entwicklungen bei Wohnraum in Ballungsgebieten, wo Menschen zum allergrößten Teil auch arbeiten müssen; demographischer Wandel aufgrund fehlender politischer Anreize; ungerechte Steuerpolitik; verbaselte Energiewende; dann noch TTIP Selbstbedienungsmentalität und Ausbeutung der Bevölkerungen, samt Korruption und CETA on top; alles schlimm und immer schlimmer etc. ...

Sehr geil dazu Serdar Somuncu hier im interview – Die Ostdeutschen sind ein okkupiertes Volk. (ntv 02.10.15)

»Ich hab immer, wenn ich auf Tour war, mit Neonazis gesprochen. Ich hab gelernt, dass im Dialog mit Neonazis auch sehr viel Fruchtbares rauskommen kann. Ich hab bei vielen Auftritten im Osten, gerade dadurch, dass ich die Meinung der Menschen zugelassen habe, Erlebnisse gehabt, die ich mir so gar nicht vorstellen konnte. Ich kann mich erinnern, dass Neonazis zu mir kamen und gesagt haben: "Ich find den Ansatz gut, so über 'Mein Kampf' nachzudenken".

Also kein Tabu?

Nein, gar nicht.«

Und unbedingt auch noch Augstein lesen, hier – eigentlich gibt es auch einen Bezug auf Michael Jägers Frage- und Antwortspiel wenn er sagt:

»Der Streit steht uns noch bevor. Und wir werden sehen: Das Geheimnis besteht darin, die Frage zu stellen, nicht, sie zu beantworten. Wenn beispielsweise Edmund Stoiber sagt: „Die Muslime gehören zu Deutschland, nicht der Islam“, dann ist das eine surreale Logelei, die dem Ernst der Lage nicht angemessen ist und nur seine große Furcht vor Veränderung entlarvt.« (aus dem BamS Interview 3.10.15)

Ich finde Emcke, Augstein und Sumuncu gehen die Sache mit dem notwendigen Elan an; denn was vor allem zählt ist die Zuversicht das Unmögliche möglich zu machen. Sonst packt man die Herausforderungen nicht, weil sie natürlich viel zu groß sind, erstmal. Nur geht es doch sowieso alles schon lange nicht mehr; ob nun mit oder ohne ein paar Flüchtlinge macht meines erachtens nicht den Unterschied. Die Problme liegen wo anders; siehe oben. Phuh ... jetzt Dinner

janto ban 04.10.2015 | 20:16

:o) Das "BamS Interview" ist gar kein Interview, sondern ein reiner Augstein-Text. Die nur mit ihrem dämlichen fett-unfett-fett-unfett-drucken.

Wenn Augstein schreibt: "Denn in die Einwanderungsgesellschaft der Zukunft werden sich auch die Deutschen integrieren müssen", weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll. Imgrunde lese ich daraus, dass ich auf gepackten Koffern werde schlafen müssen, weil Homosexualität in eine paar Jahren vielleicht wieder verboten sein wird. Nenn mich bescheuert, aber es ist so. Ich bin mit den sog. Spätaussiedlern aufgewachsen und habe im Leben schon allerlei Muslime kennen- und schätzen gelernt. Das war für mich immer selbstverständlich. Aber dieses neuerliche Gerede von Veränderung, die ich demnächst über mich ergehen lassen müsse, macht mir wirklich Angst. Er soll Klartext reden und sagen, was er damit meint, aber nicht rumschwurbeln. Wie tolerant muss ich intolerantem Konservatismus gegenüber demnächst sein..? Die Frage soll er mir mal beantworten. Dann weiß ich, worauf ich mich einzustellen habe und gebe Ruhe oder packe meine Koffer und flüchte.

silvio spottiswoode 04.10.2015 | 20:23

ja, das ist alls richtig. Und genau da liegt auch unsere Aufgabe, glaube ich: Vermittlung. Bildung und Kultur. (Shoot. Hätte nie gedacht, ich könnte mal so klar sagen was genau meine Lebensaufgabe ist. Scary.)

Also, was hilft es die Probleme zu kennen?

Wir haben einen demographischen Wandel, sind mitten drin. Er ist da. Wir haben zu wenig bezahlbaren Wohnraum und Millionen qm an Leerstand – wegen der Spekulationen mit Mieten etc.; wir haben diese Entwicklungen alle von langer Hand kommen sehen.

Auch die Flüchtlinge. Ich schäme mich fast es jetzt zu zugeben, aber, Alter, was haben wir für Witze gerissen, über Flüchtlinge ... warum die nicht schon längst hier alle einmarschiert sind, der Grusel-Burner. Jahrelang, hey, warum machen die nicht reverse colonization? Marschieren nicht endlich hier ein, warum lassen die sich das gefallen? ... .

Was wir jedoch nicht haben, sind Politiker, die ein gesellschaftliches Rahmenwerk bauen, um diesen Entwicklungen zu begegnen. Das geht offensichtlich nur durch Druck von unten, sehr viel Druck; durch Mehrheitsverhältnisse seitens der Bevölkerung.

Das Allerallerwichtigste ist jetzt meines Erachtens Solidarität. Dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen. Solidarität auch mit den Flüchtlingen.

Und knallharte Forderungen: Umverteilung; massive Steuerreformen; TTIP und CETA ersatzlos gestrichen, weg; gesamte Versorgung und Infrastruktur zurück in die öffentliche Hand; Internet-, Wasser-, Stromversorgung als Genossenschaften regional organisieren; Leerstand in Ballungszentren abschaffen; Privatisierungen verhindern und, und und. Den ganzen Filz raus aus der Politik ...

silvio spottiswoode 04.10.2015 | 20:39

»Wie tolerant muss ich intolerantem Konservatismus gegenüber demnächst sein..? Die Frage soll er mir mal beantworten. Dann weiß ich, worauf ich mich einzustellen habe und gebe Ruhe oder packe meine Koffer und flüchte.«

Gar nicht. Denn sie kommen zu Dir :)

Die Frage ist: Wie vermittelst Du Deine Werte? Oder besser: Warum haben die Flüchtlinge sich Europa – Deutschland – ausgesucht? Was gefällt ihnen daran so gut, dass sie hier her kommen. Anders gefragt: Was glauben sie lief in ihrem Heimatland schef?

Viele Flüchtlinge wären sicherlich die ersten, die eine Radikalisierung in der Bevölkerung verhindern möchten. Also, Du rennst da bei einigen offene Türen ein, hättest sogar viel eher Partner ...

silvio spottiswoode 05.10.2015 | 01:01

Hast Di das mit dem Bericht aus Berlin mitbekommen? Merkel wurde im ÖRF mit Tschador dargestellt. Ich dachte, ich träume schlecht, als ich das sah .... Hier ist auch schon ein echt richtig guter Blog dazu.

"Minarette hinter dem Reichstag, Merkel mit Tschador. Die Kreativabteilung der ARD versucht offensichlich mit ihrer Fotomontage den Grafikern von NPD, Pegida und PI Konkurrenz zu machen. Gibt es überhaupt noch Hemmschwellen dieser Tage?"

"Dass ausgerechnet die CDU/CSU sich als Anwalt von Frauen, Schwulen und Lesben entbehrt nicht einer gewissen Scheinheiligkeit. Wenn es um die vollständige Gleichstellung der Homo-Ehe mit der Hetero-Ehe geht, blockieren die Konservativen. Auch die vom Bundesverfassungsgericht gekippte und von Christdemokraten favorisierte “Herdprämie” zeugte nicht vom Willen die Gleichberechtigung der Frau zu stärken. Dass Gewalt, Schlägereien und sexuelle Übergriffe auch außerhalb von Flüchtlingsunterkünften keine Seltenheit sind, diesem Phänomen im Kontext von Fußballspielen, Volksfesten oder asylkritischen Demonstrationen aber offensichtlich weniger Bedeutung beigemessen wird, verdeutlicht die Problematik einer Berichterstattung, die einfache Botschaften sendet."

"Die geistigen Brandstifter des rechten Terrors sitzen in den Parlamenten und den Redaktionsstuben der Republik. Auch heute wurden wieder Brandanschläge gegen Flüchtkingsunterkünfte bekannt."

janto ban 05.10.2015 | 02:26

Habe ich gesehen. Dazu fällt mir im Moment aber nichts anderes ein, als das, was ich seit Wochen schreibe: Angst zu unterdücken, anstatt sie zuzulassen und somit abzuarbeiten, führt grundsätzlich in die Vollkatastrophe. Was die Verantwortlichen der ARD bewogen hat, diese Montage auf Sendung zu bringen, weiß ich nicht. Vielleicht drückt das Verdrängte schon so arg durch's Unterbewusstsein, dass der Kessel kurz vor'm Platzen steht. Da bin ich mit meinen Cassandra-Rufen bei gleichzeitigem Hissen der Weißen Flagge eigentlich noch ganz gut dabei, finde ich.

silvio spottiswoode 05.10.2015 | 08:18

G'day, Mate. Zur Angst. :)

Angst, wie immer auch begründete, ist leider kein guter Ratgeber. Ganz besonders in schwierigen, gar unmöglichen Lebenslagen. Leider hilf Angst nie die Probleme zu lösen. Was jedoch hilft: ruhig durchatmen, nicht die Nerven zu verlieren, nachdenken, sich auf seine Fähigkeiten zu besinnen ... Und vor allem: Mut. Mut ist das Allerallerwichtigste. Mutig den Unwägbarkeiten die Stirn zu bieten und über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Also - mit Verlaub - genau das, was Du oder ich hier jeden Tag tun; ich jetzt gleich wieder tun werde. Kein Scherz, hüstel, röchel. Der Glaube an die eigene Vision - an Wunder wenn Du so willst - versetzt Berge. Yo. Ich hasse Leute die so abgeklärten mist reden, wie ich hier, jetzt schreibe, aber ich kann das wirklich, auch leider, aus Erfahrung bestätigen. Mut! Das einzige was hilft. Mut und Verdrängung der Realität. :)
Nur ist Populismus in öffentlichrechtlichen rundfunkt und Fernsehanstalten so ziemlich das genaue Gegenteil von Mutigsein. Vor allem ist Mehrheitskonformes Rumpoltern eben noch keine Politik. Das sollte jemand De Meziere, Seehofer, Klöckner et al dringend mal wissen lassen.

Was wirklich einigermaßen erstaunlich ist, finde ich: Wie wenig vermittelnd, wie wenig aufklärerisch ARD und ZDF offensichtlich sind. Das ist einfach irre, oder?

Himmel wirf Hirn herab, aber was glauben diese steuergeldalimentierten Dünnbrettbohrer, sei ihre Aufgabe in einer Demokratie? Würde mich echt mal interessieren zu hören. Vor allem: Stell Dir vor, wer da alles sein Okay gegeben haben muss, bevor der Mist überhaupt ausgestrahlt werden konnte. Denn das war ja nicht nur die Grafik, nicht nur die Bildredaktion. Diese populistische Stimmungsmache ist von ganz oben verordnet: Rainald Becker, der Stlv. Chefredakteur, hat es ja auch selbst moderiert. Das war absolut kein zufälliger Patzer von irgend einem namenlosen Blogger, ehm, Praktikanten. grummel grummel.

Wir sollten alle den Nobelpreis für Arbeiten unter Schlafentzug bekommen. hach, drück mir die Daumen, dass Heute einigermaßen läuft. Seufz, schnüff, heul, argh, ich will nicht, aber es hilft nicht ... mwa mwa mwa

silvio spottiswoode 08.10.2015 | 18:06

Da fehlen doch wieder ganze Texte, mein Freund. ?? ... grrr

Also, hier für Dich ein suhuperschöner Text auf SPON, von Margarete Stokowski Flüchtlingsdebatte: Schon wieder deutsche Werte manipuliert

»Die CSU kündigt im Zweifel Notwehr an. Notwehr, das kann nur heißen, Seehofer wird sich persönlich mit Söder an der deutsch-österreichischen Grenze aufstellen und demonstrativ knutschen. Ein Kiss-in. Als Zeichen für unsere Werte. Das halten die Flüchtlinge doch alle nicht aus! Billiger als Stacheldraht. Nur die, die das ertragen, dürfen durch. Und zur Sicherheit stellt man da noch eine arbeitende, christliche Frau daneben, die ihre Meinung sagt. Nehmt doch gleich die Steinbach. Das ist dann ganz sicher Abschreckung genug.«

janto ban 08.10.2015 | 21:41

Ja, schwer. Zum Schluss hin, den du zitierst, musste ich auch grinsen. Aber die Art der Argumentation trifft den Kern der Sache für mich nicht. Deutsche Konservative des Jahres 2015 mit jungen, arabischen Moslems (vor allem m) zu vergleichen, ist möglich, aber doch ziemlich schief. Und überhaupt habe ich das Gefühl, dass es dieser Tage als umso linker gilt, je mehr Flüchtlinge man sich ins Land wünscht. Ich biete 10 Millionen. Was bietest du..? ;o)