Neue alte Selbstverständlichkeit

#metoo In zu großen Teilen kontraproduktiv, wie so oft. Dabei sage ich doch immer: Dreht das Rad - aber überdreht es nicht. Nur auf mich hört ja leider keine/r.
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In einer idealen Welt müsste dieser Kommentar nicht geschrieben werden. In einer idealen Welt wäre nämlich völlig klar, dass Anmachen und Belästigung klar unterscheidbar sind.

Das schreibt die gleiche Eva Horn auf SPIEGEL ONLINE, die vor acht Wochen im selben Blatt „dumme Anmachen, unverlangt zugesandte Blumensträuße oder im Suff geschriebene SMS” als „eklatante Beispiele für (… …) strukturellen Sexismus” beschrieb – und auch sonst alles in einen Topf warf, von Straftat bis Flirt(versuch).

Das reichte eigentlich schon, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben, wann und wo Journalismus durch unreflektierte Hashtag-Reiterei ersetzt wird.

Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt”, schreiben 100 Frauen aus Kultur und Wissenschaft in ihrem öffentlichen Brief gleich zu Beginn. Oh ja. Das Aussprechen von Dingen formerly known as Selbstverständlichkeit ist ultra-enorm wichtig geworden. Deshalb distanziere auch ich mich, bevor ich weiter schreibe, erst noch einmal in aller Form von (brachialer) sexualisierter Gewalt und (strukturellem) Sexismus! Mit Ausrufezeichen.

Polemik Ende. Weiter im Brief: „Dieses Fieber, die ‚Schweine‘ zur Schlachtbank zu führen (…), dient in Wahrheit den Interessen der Feinde sexueller Freiheit, der religiösen Extremisten, der schlimmsten Reaktionäre (…)”. Besser kann man nicht sagen, was das so gut gemeinte wie über weite Strecken schlecht gemachte #metoo im Zweifel anzurichten vermag.

Der Aufhänger des offenen Briefes, die „Freiheit, lästig zu sein”, vergilt einerseits Gleiches mit Gleichem in immer unaushaltbarer werdenden Clickbait-Zeiten. Das ewige Thema ‚Freiheit oder Sicherheit..?’ (oder beides oder keins von beidem) spielt auf dem Schlachtfeld #metoo allerdings keine unbedeutende Nebenrolle, sondern zielt just auf die Fragen, die wir, die sog. westlichen Gesellschaften, uns derzeit ohnehin permanent stellen (müssen): Wer sind wir..? Wo stehen wir..? Wer wollen wir sein..? Wo wollen wir hin..?

Jetzt steht überall zu lesen, wie hinterhältig und/oder dümmlich man doch sein muss, #metoo so begriffen zu haben, als solle/dürfe zwischen schwersten Gewaltverbrechen und intersexueller Kommunikation (mit oder ohne Heiratsabsicht) nicht mehr unterschieden werden. Auffallend viele männliche Schreiber üben sich auf diese Weise in abstreitender Selbstrelativierung; ganz so, als sei nicht für jedermann und jederfrau nachlesbar, was nur ein paar Wochen zuvor noch in Dauerschleife an Eintopf gerührt wurde.

Oder zum Beispiel diese Aufforderung zum Abschminken. Das muss der Punkt gewesen sein, an dem der deutsche Teil des sogenannten Westens Islamismus-ähnlichen Zuständen gedanklich bis dato am nächsten gekommen war. Aber dahin werde ich niemandem folgen. Keinem Mann und keiner Frau. Was ich – zur Sicherheit – auch einfach mal in Klartext zu Protokoll gegeben haben wollte. Done.

Und ich möchte auch nicht, dass diejenigen Geschäftsmodell-Feministinnen und -Feministen, die in und um #metoo unfreiwillig bewiesen haben, dass Blindwütigkeit noch immer nicht reflektiertes Denken und Schreiben ersetzt, mich in Mithaftung für ihr angerichtetes Chaos nehmen, wenn ihnen als Konter (sic!!) zum ‚Deneuve-Brief’ die an Selbstverständlichkeit nicht zu übertreffende Formel einfällt, dass Sexismus, Rassismus und Homophobie nicht in Ordnung sind. Denn das ist der Gipfel der Hinterhältigkeit.

Liebe Frauen und Männer, die ihr es gut meint, aber mitunter erschreckend schlecht macht: Wenn wir so an die Probleme Sexismus, Rassismus und Homophobie rangehen wollen, wie ihr es unter #metoo teilweise tut, ist das einzige, was wir erreichen, die Fütterung der „konservativen Revolution” (nach Dobrinth und Erdoğan). Das habt ihr hiermit schriftlich.

Und übrigens würde ich mich ein bisschen schämen, volltheatralisch in schwarz zu den Golden Globes zu erscheinen, wenn alle wüssten, dass ich seit Jahrzeeehnten wusste, was Weinstein & Co. so getrieben haben. Diese Bemerkung aber nur ganz am Rande, weltexklusiv für die dFC. Alles andere zuerst erschienen auf mundfunk.wordpress.com

01:15 11.01.2018
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Geschrieben von

janto ban

Problem zerkannt, Problem geBant.
janto ban

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