janto ban
19.06.2017 | 18:08 28

Von Muslimen und Menschen

Bullshit Bingo Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt und werde es wieder tun.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied janto ban

|| Der Undemokrat Erdogan vermittelt seinen Landsleuten jenen Stolz, der ihnen in Deutschland verwehrt bleibt. || link

Seinen Landsleuten. ach so. Ich hatte gedacht, das wären meine. Da sieht man mal, wie dämlich ich bin.

Und Stolz, ja, Stolz ist ganz wichtig. Richtig. Schade, dass im Wort kein 'r' vorkommt, sonst könnte man es hitlern.

Errrdoğans Türrrken sind stolzzz auf's Vahterrrsvahterrrlandt! Anti-liberrraldemokrrratischerrr Turrrbooohnaziooohnalismusss nurrr, wenn es anti-deutscherrr isttt!

Nee, find' ich gut. So hat jeder seins. Ich mein Jodeldiplom, Augstein seinen Quoten-Schrott im sonst passablen Artikel und die ihren Stolz. Aber ich wollte was ganz anderes.

Hatte lauter EIL-Meldungen auf meinem Handy, dass ein Kleintransporter in eine Gruppe Muslime gerast ist. Und jetzt weiß ich nicht, wie ich mein Facebook-Profilbild hinterlegen soll; mit britischer Flagge oder mit Halbmond.

Außerdem berichtet die systemische Lügenpresse nicht, ob und wie viele Muslime bei dem Hochhaus-Brand gestorben sind. Das muss man doch aufschlüsseln. Vielleicht sind durch die Waldbrände in Portugal Gruppen von Christen umgekommen und wir wissen es gar nicht.

Vielleicht habe ich aber auch nur einen Hitzekoller. Man weiß es nicht, wonnich.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (28)

iDog 19.06.2017 | 21:34

Finde ich echt gut, ehrlich inspirierend. Man kann es nur mit Humor noch ertragen , soviel steht fest. Ich hatte das erst gestern , als in der einzigen hiesigen Zeitung (die sogenannte One-line-ausgabe) berichtet wurde , dass hier in der Nähe ein Torero von Berufs wegen aufgespießt wurde und darauf hin den Löffel abgab - für die Statistik: wahrscheinlich ein Christ.

Nun bin ich nicht empfindlich. Immerhin kommen auf einen toten Torero wahrscheinlich und in etwas 10000 tote Stiere. Wer's mag. Ich mag's nicht. Aber jetzt kommt’s : Man konnte da auch auf das Video klicken , um sich die Tragödie des christlichen Gladiators anzuschauen. Hab ich nicht gemacht. Ich würde ja auch nicht drauf klicken , wenn die Meldung wäre, dass irgendjemand in der Innenstadt eine Oma ( konfessionslos) auf einem Zebrastreifen plattgefahren hat. Wer wollte so was schon sehen? Alle? glaube ich jetzt nicht.

Aber zurück zu den Kampfstieren. Die sind hier ziemlich beliebt obwohl immer mehr Leute gleichzeitig meinen , dass es ja Tierquälerei sei. Aber der Traditionserhalt dieser Quälerei ist anscheinend wichtiger als alles andere, ausser natürlich dem Geld das damit verdient wird. Da kommt man nicht drumherum . Und son gezüchteter Kampfstier ist ja auch sonst zu nix gut. Das ist so wie mit Pudeln. Ich meine Königspudel. Die mit den toupierten Haaren und den großen Augen. Das sind große Hunde. Vor tausend Jahren hatten die Gruppe Ideal ( Neue Deutsche Welle sic!) mal ein paar von diesen Königspudeln auf einen Plattencover . Die waren Hellblau gefärbt, die Pudel , und rosa. Wenn man die jetzt quälen würde... ne jetzt will ich nicht vorgreifen.

In jedem kleine Kuhdorf, ich wohn in einem, wird dann im Sommer so'n Fest veranstaltet, wobei in einem abgezäunten Bereich eine paar verwirrt Kälber von noch verwirrteren Jugendlichen , Kindern und Erwachsenen herumgeschubst werden. Dazu wird ein wahnsinniger Krach gemacht vor allem von einem DJ, der unglaublich viel Mist erzählt, damit die Leute glauben , dass ihnen das ganz Spaß macht. Getrunken wird dabei natürlich auch.

Wir haben das von der Terrasse aus gehört und uns gefragt, wie das den Kälbern, ein ganzer Sattelschlepper voll, wohl gefällt , vor allem der Krach, inklusive Ballerdisco gegen Ende, YMCA volle Pulle und noch schlimmere Songs, falls möglich?

Dadurch sind wir auf die Pudel gekommen. Wenn man nämlich einfach mal diese blauen, toupierten Königspudel in das Gatter treiben und dann die Leute animieren würde , die Viecher mal richtig zu treten, zu scheuchen und überhaupt kirre zu machen. Würde das auch noch funktionieren: Tritt den Pudel! Und wer den Pudel am besten Tritt ... eben Bullshit Bingo. Das ist hier in unserer schönen Milka Welt der glücklichen Kühe ein Grundbedürfnis, wie es aussieht. Kann doch gar nicht gemein genug sein, oder?

janto ban 19.06.2017 | 22:27

Wieso..? Ich bin doch ruhig. Da ist mir doch ein sehr nachdenklicher Text gelungen. Man muss ihn halt ein bisschen um die Ecke lesen.

Warum schwadroniert Augstein von Landsmannschaft und Stolz, wenn es um Deutschtürken geht, obwohl er diese Konzepte doch ablehnt. Warum sind vor der Mosche Muslime angegriffen worden, aber im Hochhaus Menschen verbrannt.

Sind das nicht zwei hochspannende Fragen..?

gozilla 19.06.2017 | 23:38

"Leicht" zu beantworten: Die mörderische Attacke auf die Menschen vor der Moschee war - so heisst es im Meinungsmedium- "Hasskriminalität" eines Einzeltäters, der geschrien haben soll: Ich will alle Muslime töten.Punkt.

Die Ursache für das Massensterben im Hochhaus ist auf die "geizkriminelle" Energie von regierungs- und hauseigentumsnahen Menschen zurückzuführen, die Brandschutzvorschriften als für sie nicht lohnende Investitionskosten verabscheuen, aber den Tod von Menschen nicht absichtsvoll bzw. direkt in Kauf nehmen. Der "Hasskriminelle", in diesem Falle der 47 Jahre alte Darren Osborne aus der walisischen Hauptstadt Cardiff, will den unbedingten Tod seiner Feinde in die eigene Hand nehmen: "Ich will alle Muslime töten".

Ernsthaft: Gegenseitiges abschlachten ist keine Lösung. Und auch nicht das einseitige Bedauern von Menschenleben, wenn es gerade in das eigene Weltbild passt.

Apropos sonst passablen Artikel: Ja, besonders gefallen hat mit diese knackig daher kommende Satzkombination:

Ali, mach mal Klo sauber. Heute heißt es: Ali, geh mal demonstrieren. Die Deutschen wollen immer noch, dass ihre Gastarbeiter gehorchen.

Aber die Zeit der Onkel-Tom-Türken ist vorbei.

Wollen wir nicht alle, dass die Menschen unabhängig von ihrer religiösen/ethnischen Herkunft sich emanzipieren -und demnächst auch aus der Zeit der Onkel-Erdogan-Türken herauswachsen?

janto ban 20.06.2017 | 00:10

|| Wollen wir nicht alle, dass die Menschen unabhängig von ihrer religiösen/ethnischen Herkunft sich emanzipieren -und demnächst auch aus der Zeit der Onkel-Erdogan-Türken herauswachsen? ||

Alle..? Keine Ahnung. Aber ich. Na klar. Vorerst ist allerdings das glatte Gegenteil der Fall, wie ich da schon beheule. Wenn Erdotib sagt is nich, dann is nich. Wobei kaum festzustellen ist, wer da nun eigentlich mitgelatscht ist und wer nicht. Das muss ich zugeben, sonst wird es falsch.

|| (...) "Hasskriminalität" eines Einzeltäters, der geschrien haben soll: Ich will alle Muslime töten.Punkt. ||

Semikolon, das überzeugt mich nicht. Was da steht ist richtig und für die Analyse unentbehrlich. Ich bin doch nicht so blöd, dass ich den Unterschied zwischen einem mutmaßlich nach grober Fahrlässigkeit lichterloh brennenden Hochhaus und mutmaßlich vorsätzlichem Mord mit gruppenspezifischem Hass-Motiv nicht erkenne. Nee. Ich weise nur auf das hin, was ich spüre. Ich spüre doch immer alles so gut.

Und ich spüre, dass Theresa Mays (?, ich glaube, die hat das gesagt, bin mir aber nicht sicher) 'Das war ein Angriff auf alle Londoner' nicht richtig zündet. Schon allein sprachlich nicht, wenn man die ersten EIL-Meldungen zum Anschlag und die nachfolgenden Überschriften liest. Und man stelle sich noch vor, Boris Johnson rief seine Brexiteers auf, sich nicht an einer Großdemo zu beteiligen, auf der sich mal locker und unmissverständlich gegen Islamophobie positioniert werden soll. Dann wäre die Katastrophe aber perfekt, was.

P.S.: Hiermit distan positioniere ich mich aufs Schärfste gegen das Hassverbrechen des 47 Jahre alten Darren Osborne aus der walisischen Hauptstadt Cardiff und alle anderen Hass- und Gewaltverbrechen gegen Musl Menschen.

Zufrieden..? Ich auch wieder nicht. Ich bin generell schwer zufriedenzustellen in letzter Zeit. Aber ganz ruhig und sachlich :o)

Ernstchen 20.06.2017 | 11:06

Mensch Janto, ich bin ja derzeit kaum hier, einerseits aus Zeitgründen, andererseits aus einem gewissen Überdruss an schlechten Nachrichten und sich gegenseitig zerfleischenden Leuten ähnlicher Wellenlänge, aber ich bewundere deinen Masozynismus zutiefst. Das ist kein Lapsus Janto Ban. Du bist der Sarkasmusnichtversteherfänger von Hanau. Oder der Sarkasmusnichtzulasserfänger. Such dir eins aus. Ich feier dich, Baby. Hurra, diese Welt geht unter ....

gozilla 20.06.2017 | 16:32

Ja, heute bin bin unbedingt zufrieden (Du hoffentlich auch!). Außerdem gebe ich dem@ Ernstchen recht, dass auf Dauer kein Mensch hier und dort glücklich wird, wenn nur schlechte Nachrichten transportiert werden und die Leute sich gegenseitig zerfleischen. Hamsterrad-Diskurse halt, die schlechte Laune verbreiten.

Ich mache ab heute Fastensprechen/-schreiben zum Thema Musl Menschen...

janto ban 20.06.2017 | 21:27

Darf ich auch der Sarkasmusnichtverstehenwollerfänger sein..?

Du bist wieder zu gut zu mir, Ernsterl. War in letzter Zeit auch kaum hier. Aber die letzten Tage viel. Den Islam reformieren und dir das Gemminnerlied für den ESC2018 schreiben - das sind die Dinge, die ich noch wollte, bevor ich gen Weltuntergang reite, die Krempe tief im Gesicht, ein Rammstein-Riff aus den 90ern pfeifend.

Hurra!

janto ban 20.06.2017 | 22:10

|| ... heute bin bin unbedingt zufrieden (Du hoffentlich auch!) ||

Geht so. 10 Grad weniger Hitze wäre schön.

Und ich mag den Begriff Hamsterrad-Diskurs nicht :o( Weiß zwar zu gut, was gemeint ist, aber gerade dieser Tage habe ich das Gefühl, dass der Kreisel anfängt zu eiern.

|| AHaber bezeichnet das Berliner Moschee-Projekt als "Skandal" und "Verrat". (...) "Sabah", eine der größten Zeitungen, titelte: "In der Fetö-Kirche beten Männer und Frauen". Das Boulevardblatt "Takvim" berichtete unter der Überschrift "Gülen Ketzerei, Applaus aus Israel". Die Gülenisten in Deutschland verzerrten den Islam nach ihren "eigenen, perversen Ansichten", schrieb die Tageszeitung "Star". ||

Aus dem (mich) verstörenden Artikel, den ich weinßtein oben schon hinwarf. Wobei ich mich fragen muss, warum er mich verstört, weil ich doch selbst immer sage, dass wir die meiste Zeit nicht über Religion, sondern über Politik reden. Und was da passiert, ist ein Clash der Weltanschauungen in Reinform: demokratisch-liberal vs. patriarchaisch-autoritär.

Ich musste heute auch viel über den kleinen Hype um den Imam nachdenken, der - so lese ich es zwischen allen Zeilen - vielleicht eine Lynchung im Affekt verhindert hat. Das steht zwar so nirgends, wird aber überall impliziert. Dazu muss ich sagen, dass ich das nicht mitfeiern kann. Nicht, weil ich nicht fändt, dass der Imam schnell, gut und richtig gehandelt hat, sondern weil sein Handeln meinen Mindestanforderungen an Geistliche jedweder Konfession entspricht. Womit wieder das leidliche Thema Erwartungen angesprochen wäre.

Ich diskutiere über den ganzen Themen-Komplex so gerne kilometerlang, weil ich hochinteressiert bin an Psychologie und Soziologie. Und Gesellschaftspolitik. Und beinahe alles, worüber die letzten Tage auch dort gesprochen wurde, fällt für meine Begriffe unter diese Disziplinen. Weil ich die großen Religionen mindestens so sehr als Machtinstrument wie als Wegweiser zum persönlichen Seelenheil ansehe.

Und zu allem Überfluss bin ich hoffnungslos dem Mantra 'Der Weg ist das Ziel' verfallen. Und wenn er auch im Kreis führt. Mathematisch besehen nähert man sich dem Ziel bei solchen Rundgängen exakt so oft, wie man sich von ihm entfernt. Nix gewonnen - aber auch nix verloren. So what..? ;o)

Liebe Grüße!

silvio spottiswoode 22.06.2017 | 18:04

Howdi, sehr sehr schöner Text, wie immer. :o))

Heftig, wütend, direkt ... ganz nah an der Sache. Ich mag das ja sehr. So upinyourface. (Wobei ich tatsächlich momentan viel zu wenig lese; es mir da zeitlich so wie Ernstchen geht.)

Apropos »Kaputtarbeiten«: Hast Du diese Replik von Murad Kayman gelsen? http://murat-kayman.de/2017/06/20/onkel-tom-tuerken-und-die-neue-german-angst/

»Sehen die Nachkommen der ersten Gastarbeitergeneration ihre Eltern als unterwürfige „Onkel Toms“? Was ist das bitte für ein Bild, dem man sich bereitwillig hingibt? Ja, die erste Generation der türkischen Gastarbeiter hat sich bis an die Grenze der Ausbeutung – und viele sicher auch darüber hinaus – buchstäblich kaputtgearbeitet. Sie wurde auf vielerlei Weise gedemütigt und im gesellschaftlichen Ansehen herabgestuft. Aber dennoch war und ist dieser Elterngeneration eine besondere Würde zu eigen, die gerade auch von der Bereitschaft, sich für eine bessere Zukunft der eigenen Kinder aufzuopfern, getragen wird. Dieser Würde, dieser Leistung und diesem Erbe das Etikett des servilen Sklaven umzuhängen, sollten sich zu allererst die türkischstämmigen Leser widersetzen. Stattdessen applaudieren sie in großer Zahl einer solchen Zuschreibung – in der Annahme, sie träfe nur den verhassten Debattengegner. Warum ist das so?« Hier

Musst Du ganz lesen, ist ein großer Text. Trifft das Menschsein.

Den Text hatte übrigens der Chef verlinkt. – Ich finde, Du solltest das locker sehen. Man bringt sich mit dem Schreiben in die Welt; darf dabei auch mal daneben liegen. Er lernt! It's a process, mate.