Wachsende Ungleichheit u. Kapitalkriminalität

Tagungsbericht Am 1. April veranstaltete Business Crime Control e.V. diese Tagung. Viel Ergeiz und Engagement - aber insgesamt leider ein unfreiwilliger organisierter Aprilscherz.
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Am 01.04.2017 von 11:00 Uhr bis 18:00 Uhr im Bürgerhaus Frankfurt-Bornheim.

Den veranstaltenden Verein habe ich bis dahin nicht gekannt und kenne ihn jetzt immer noch nicht wirklich. Der Vorsitzende des Vereins ist erkrankt und so teilen sich die anderen Vorstandsmitglieder Einleitungen und Moderation. Es gibt Vorträge von:

  1. Dr. Markus Grabka, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin
  2. Benidict Ugarte, Chacón, Politwissenschaftler und Linkspartei-Abgeordneter, Mitglied in einem Untersuchungsausschuss
  3. Mathew D. Rose, Investigativer Journalist

Es fällt sofort auf, dass sowohl die Vorstandsmitglieder des Vereins (bis auf eine Ausnahme) als auch die Vortragsredner ausschließlich männlich sind.

Dr. Markus Grabka gibt einen sehr interessanten Einblick in die Vermögens- und Armutsforschung und erklärt noch am besten anhand von Folien, bei denen allerdings manche Abkürzung und Fachbegriffe erklärungsbedürftig sind.
Mittagspause.

Benedict Ugarte Chacón bringt uns das halblegale Geschäftsmodelle der Leerverkäufe von Aktienpaketen zum Zweck der Steuerersparnis etwas näher. Es gibt mehrere Versuche, das sehr komplizierte Geschäftsmodell zu erklären. Allerdings mussten sich bei der Erforschung Finanzbeamte und parlamentarische Ausschussmitglieder Monate lang intensiv mit der Materie beschäftigen. Die Erklärung innerhalb von einer Stunde kann aus Gründen der Komplexität nur misslingen und ich sehe viele ratlose Gesichter. Ein Mann vom Vereinsvorstand berichtet über seinen Auftritt als Gastredner bei einer anderen Veranstaltung, bei der er Insider-Details zu den letztjährigen Panama-Papers zum Besten gegeben hat. Den betreffenden Vortrag gibt es aber scheinbar nirdendwo zu lesen, zu hören oder zu sehen.

Journalist Mathew D. Rose ist ein Amerikaner, der seit einigen Jahrzenhnten in Deutschland lebt und arbeitet. Er kritisiert die Arbeit vieler Medien unter dem Einfluss von wirtschaftlichen und industirellen Einflüssen sowie dem Druck von Anzeigenkunden und das Resultat von abnehmend kritischer Berichterstattung.

Pause: Vorstand, Referenten und Gäste diskutieren. Ein verhaltensorigineller Polit-Nerd spricht mich an und fordert mich auf, alle möglichen YouTube-Reportagen zu schauen, denn deutsche Medien sind ja alle manipuliert und gekauft. Er textet mich so voll, dass ich mir nichts merken kann. Auf dem Kopf trägt er eine Kappe auf der steht "Von Idioten umzingelt" oder so ähnlich. Damit wird er es kaum weit bringen, wer liest schon gerne, ein Idiot zu sein. Kurz darauf textet er einen Mann zu, den er wohl schon kennt und daher duzt. Der fragt ihn nach einer Garantie, dass die empfohlenen Informationen ungeklärter Quelle nicht ebenfalls manipuliert sind. Und dem Anderen fällt dann nichts mehr ein.

Diskussion: Es gibt diverse Nachfragen und Diskussionen. Der erste Vortragsredner Dr. Grabka ist bereits abgereist. Der Moderator ist Fernsehjournalist und neu gewähltes Vorstandsmitglied des veranstaltenden Vereins, seien und die anderen Namen kenne ich nicht. Er ist in der Zwickmühle, sich mit der abnehmenden Qualität deutscher Qualitätsmedien zu beschäftigte und den Qualitätsjournalismus vieler Qualitätsjournalisten einschließlich ihm selbst nicht zu diskreditieren.

Der Polit-Nerd mit der Idioten-Kappe, der mich in der Pause vollplapperte, empfiehlt einige alternativen Quellen und bietet eine Liste an, die seine Freunde und er - "wir" zusammen gestellt hat. Der Moderator fragt nach, wer "wir" ist. "Das tut nichts zur Sache." Diese Aussage lässt ihn sehr unseriös und unsouverän wirken. Ein paar Leute lachen.

Ein Mann Anfang / Mitte 40 regt eine Presseerklärung und / oder Resolution an, in der mehr Steuer- und Vermögensgerechtigkeit, z.B. eine angemessene Vermögenssteuer und eine Kapitaltransfersteuer, gefordert werden.

Auf einem Büchertisch liegt u.A. ein Heftchen von knapp 50 Seiten in schwarz-weiß mit einigen roten Farbtupfen aus, das vom veranstalteten Verein heraus gegeben wird und alle drei Monate erscheint. Ich blättere es durch. Damit scheint man nicht viel Aufklärungsarbeit leisten zu können.

Wir hören noch die Information, dass viele Artikel aus diesem Heftchen und auch Aufzeichnungen von zahlreichen Veranstaltungen auf der Homepage des Vereins zu lesen und nachzuhören sind.

Fazit:

Die Vorträge sind insgesamt interessant und nachvollziehbar, stellen wohl auch viele Zuhörerinnen und Zuhörer zufrieden, hinterlassen bei mir aber einen zwiespältigen Eindruck. Wer sich nicht schon lange mit der Materie beschäftigt - wie ich - ist mit den Themen etwas überfordert und mit der Fülle und Masse an Details überfüttert, die man sich schwer alle merken kann. Der rote Faden fehlt trotz aller Bemühungen. Dann gibt es noch ein Organisationsproblem. Die Veranstaltung ist bis 18:00 Uhr angekündigt. Der Raum ist aber nur bis 17:00 Uhr gebucht. Während sich die letzten Anwesenden noch intensiv unterhalten, wird der Raum bereits vom Personal umgeräumt und für die Nachfolgeveranstaltung dekoriert. Viel Erfahrung mit Veranstaltungen scheinen sie bei diesem Verein nicht zu haben.

Der Verein Business Crime Control e.V.

Am Sonntag schaue ich mir die Homepage des Vereins an, deren Adresse übrigens nicht mal im Tagungsflyer steht und die ich über die Suchmaschine finden muss.

Da finde ich zuerst eine knappe Presseerklärung, in der die Kapitalertragssteuer oder z.B. auch eine Steuer auf Gewinne vom Verkauf von Unternehmen, weg gelassen oder vergessen wurden. Zusammenhänge zwischen den beiden ersten Vorträgen ihrer eigenen Veranstaltungen scheint niemand gemacht zu haben.

Mit dem Betrieb einer Homepage scheinen sie auch nicht viel Erfahrung zu haben. Es sieht sehr schlampig aus. Formatierungen sehen so unprofessionell aus, als hätte einfach jemand den Text einkopiert uns sich nicht mehr angeschaut. Überschriften und Einleitungstexte sind kleiner als der Haupttext. Manche Textpassagen sind rot und sehen aus wie weiterführende Links, beim Anklicken passiert nichts. Roter Text und Links sind nicht auseinander zu halten und so macht es keinen Spaß. Zwischendrin gibt es graue Flächen, die so aussehen, als hätte es dort mal Fotos gegeben, die aber verschwunden sind. Weder aktuelle Texte aus dem Heftchen noch Veranstaltungsmitschnitte finde ich auf der Homepage - mit einer Aunahme, bei der es allerdings nicht um Wirtschaftskriminalität oder Vermögensungleichheit geht sondern um den Filmregisseur Fassbinder. Zum Abgewöhnen - man gibt sich nicht die geringste Mühe, Interessierte anzulocken, sondern scheint fast die Absicht zu haben verirrte Besucher wieder abzuschrecken. Die letzten brauchbaren Beträge sind vom Mai 2016 und man braucht unnötig Zeit, um sie zu finden. Dann finde ich zwei weitere Internetauftritte auf Linksnet und tatsächlich hier beim Freitag - hier tut sich seit Mai 2016 tatsächlich gar nichts. So wird man weder interessiertes Publikum noch Mitglieder gewinnen - schon gar nicht die Jungen, die man gerne haben möchte. Junge Interessierte wären dringend nötig, denn der Altersdurchschnitt der Tagungsgäste liegt jenseits der 50. Die lesen ja noch Heftchen und Blättchen. Junge Leute bestellen keine Heftchen per Fax sondern informieren sich im Internet und dort gerne mobil.

16:24 11.04.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jasmin Blankenberg

Filmiebhaberin und Lebensliebhaberin
Jasmin Blankenberg

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