Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein
RE: Schweinejournalismus Revisited | 20.07.2012 | 22:43

Als Guttenberg ins Gerede kam, haben seine Anhänger gesagt: Haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Scheiß auf den Doktor. (So damals Franz JOsef Wagner wörtlich in Bild) Damals wie heute gilt: Es geht um das, worum es geht. Wichtigere Sachen gibt es immer.

Worum geht es hier? Nicht um Altmaier. Nicht um Homosexualität in der Gesellschaft. Sondern um die Regeln des Journalismus. Jedenfalls interessiert mich das an diesem Thema. Und um die freiwillige Gleichrichtung der Öffentlichkeit. Die taz hat hier etwas gemacht, das wir sonst nur der Bild-Zeitung zutrauen. Wo ist der Unterschied, ob Charlotte Roche nach dem Tod ihrer Brüder bedrängt wird - oder ob gegen den Willen des Betreffenden über seinen sexuellen Präferenzen spekuliert wird und er regelrecht gedrängt wird, Auskunft zu geben? Ich sehe keinen Unterschied. Es ist Schweinejournalismus.

Warum ist das wichtig? Weil man sich daran erinnern sollte, wenn die taz uns das nächste mal erklärt, was anständiger Journalismus ist (siehe Wulff Affäre und Nannen-Preis).

Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Und wenn ein Fehler passiert ist, ist auch die Frage des Umgangs damit eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Ich gebe ein selbstkritisches Beispiel - damit es nicht so aussieht, als hackte ich nur gerne auf anderen herum: Neulich haben wir hier einen Blog gehabt, der den Bild-Chef Kai Diekmann verleumdet hat. Den haben wir gelöscht und wir haben uns dafür entschuldigt. Das war handwerklich notwendig und richtig. Wir haben aber in dieser Entschuldigung die Kommentarfunktion nicht freigeschaltet. Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt jemand gemerkt hat - aber es war ein Fehler.

Das hätten wir nicht machen dürfen. Wir hätten uns der Diksussion darüber stellen müssen, dass wir diesen Blog gelöscht haben. So müsste die taz sich jetzt offensiv mit der Angelegenheit befassen - und nicht versuchen, das Ganze irgendwo in einem dunklen Keler zu verstecken.

Ich verstehe einfach nicht, dass man selber das Verhalten an den Tag legt, das man den anderen immerzu vorwirft.

Sie sehen schon: Mir geht es ums Prinzip. Ich bin allerdings auch ein kleinteiliger Typ und ein schlimmer Spießer, das gebe ich zu :)

RE: Frage an die taz | 20.07.2012 | 16:12

Danke für den Link.

Das erinnert mich an die Stelle bei Douglas Adams wo es um eine Umgehungsstraße geht und darum, dass die Pläne öffentlich auslagen - wie war das gleich, in einem Keller, in dem das Licht nicht ging, hinter einer verschlossenen Tür an der ein Schild hing: Vorsicht, bissiges Raubtier ... Irgendwie so.

Ich kann es auch deutlicher sagen: Wenn eine Zeitung wie die taz, die an andere Blätter sehr hohe Ansprüche hat, sich einen solchen "Fehler" leistet - ich halte es für eine moralische Sauerei! Weil dahinter ein aggressives Anspruchsdenken steht - dann muss sie die Debatte darüber offensiv führen. Und nicht unter einem Link, den kein Mensch findet, weil die entsprechenden Suchbegriffe alle ins Leere gehen. Versuchen Sie mal "Ines Pohl" oder "Peter Altmaier" bei taz.de in die Suchmaske einzugeben und gucken Sie, wo Sie landen ...

Noch klarer: Mir ist Peter Altmaiers Orientierung egal. Mir geht es um den handwerklich-ethischen Anspruch dieser Zeitung.

RE: Zu welchem Zweck betreiben wir Journalismus? | 18.07.2012 | 22:57

Danke für die Beschäftigung mit dem Thema.

Ich habe das alles gelesen. Und mir fallen dazu diese Gedanken ein:

Journalisten sind in den seltensten Fällen einfach nur Büttel des Kapitals.Gleichschaltung gibt es nicht. Aber es gibt freiwillige Gleichrichtung.Und das ist viel schlimmer.

Woher kommt die? Aus dem Wunsch, dazu zu gehören. Die Merheit zu vertreten. Richtig zu liegen.

Manche Kommentatoren benutzen hier das Wort "unabhängig" - das ist ein zentraler Begriff. Aber da geht es nicht um Geld.

Mancher spricht hier von "Fakten". Was soll das denn sein? Auch das Wort "objektiv" macht mich nachdenklich ...

Es gibt Auffassungen der Wirklichkeit und Werte und Argumente. Wahrheiten gibt es nicht.Selbstironie, Zweifel, Distanz - das ist wichtig. Ich weiß auch, dass das in der Form des Kommentars schlecht unterzubringen ist. Wer auf 4000 Zeichen seine Meinung verbreitet, und dann gleichzeitig deutlich macht, es könnte aber auch alles ganz anders sein - den muss man nun wirklich nicht lesen. Darum gehört zum Verständnis eines Textes eine Art Beziehung zum Autor, ein Verständnis einer Linie, eines Charakters.

Ich glaube, Aufklärung muss heute vor allem bedeuten: Selbstaufklärung über die Bedingtheit des eigenen Denkens.

Debatte ist ein Wert an sich.

Und Mut tatsächlich auch.

Worum es mir geht, hat György Dalos so formuliert: "Ich bin ein Linker in meinen kulturellen Reflexen, möchte jedoch diese Haltung nicht ohne Reflexion über mich ergehen lassen. Dementsprechend muss ich für den GAU gerüstet sein, wenn etwa ein Konservativer plötzlich Recht hat oder ein Vertreter des Fortschritts eine enorme Dummheit präsentiert. Jenseits dieser traditionellen Sicht fühle ich mich jenen Paradiesvögeln verpflichtet, die in einer Frage so, in einer anderen wiederum anders denken. Andersdenken ist für mich nicht nur eine Form der ideologischen Devianz, sondern auch das Recht, über etwas anderes als die Themen des gängigen Diskurses nachzudenken."

Das klingt so einfach - und es ist so schwer. Am Ende ist alles eine Frage der Sympathie :)

RE: Jakob Augstein und die wirkliche Wirklichkeit | 12.07.2012 | 12:01

Ja, ja ... so ist das, wenn man aus dem Zusammenhang zitiert ...

Ich habe im Netz eine Sache gelernt, die schon ganz lange bekannt ist (ihr könnt ja mal suchen und googlen): Wenn Kritik sonnvoll sein soll, muss man verstehen wollen.

Sehr viele Diskussionen im Netz verlaufen deshalb ins Leere weil ein Verstehen (gar nicht mal ein Verständnis) gar nicht angestrebt ist. Das ist schade. Denn es gibt eine Reihe von Themen, wo das Reden lohnt. Und wenn man mal einen findet, der wirklich an Debatte interessiert ist, lohnt es sich fast immer.

(Der hier aus dem Zusammenhang gerissene Gedanke spielte sich vor dem Hintergrund von Spekulationen ab, Gauck und Merkel manipulierten gemeinsam die Öffentlichkeit. Das halte ich für abwegig.)

Man kann meinen Gedanken auch kürzer und einfacher fassen: Jeder interpretiert immer alles wie es ihm passt. Aber relevant ist am Ende die Interpretation, die sich durchsetzt.

RE: Was Gauck meint, wenn er redet | 09.07.2012 | 09:34

Lieber wwalkie, vielen Dank für diesen klugen Text! Ich hoffe, Sie sind einverstanden, dass ich mir Ihr Johannes Müller Zitat für meine SPON.Kolumne zu Gauck ausleihe? Es ist eine sehr passende Fundstelle und mir leuchtet Ihre Interpretation sehr ein! Danke dafür!!

Ihr JA

RE: Im Namen der Austerität | 05.07.2012 | 16:33

Danke für diesen klaren Text.

Das Steuerthema wird mir hier allerdings zu schnell abgehandelt. Die neue französische Regierung hat bereits angekündigt, einen Großteil der Mittel, die für die Reduktion der Staatsschuld benötigt werden, durch höhere Steuern und Abgaben für Banken, Energiekonzerne und wohlhabende Einzelpersonen aufbringen zu wollen. Die Finanztransaktionssteuer, die nun endlich eingeführt werden soll, soll nach einer Schätzung des DIW allein in Deutschland rund elf Milliarden Euro im Jahr bringen. Die Anpassung der Steuern nach unten ist eben nicht der einzige Weg, wie der Autor resigniert. Es geht auch anders.

Und zu Europa: Die Idee der Europäischen Integration war lange Jahre eine funktionale. Praktische Vorteile – Freiheit des Kapitals, der Arbeit, der Freizügigkeit, der Dienstleistungen - sollten das Fundament bilden für immer engere politische Zusammenarbeit. Das hat funktioniert. Es ist auch so etwas wie eine europäische Identität entstanden, vielleicht sogar eine Solidarität. MIr greift es zu kurz, dass als monetaristisches Eliten-Projekt abztun. Das wird der großen Leistung der Euro(pa)-Väter und -Mütter nicht gerecht. Europa war und ist ein faszinierendes Projekt des Friedens und des Internationalismus.

Darum muss jetzt die Politische Union kommen. Da wiederum bin ich voll und ganz bei Altvater (er war Politik-Prof am Otto Suhr Institut, als ich dort in den 90ern Euro-Integration und Währungspolitik studiert habe)

RE: Offener Brief an Albrecht Müller | 30.06.2012 | 12:48

Ich fühle mich angesichts des linken Widerstands gegen den Fiskalpakt nicht so wohl. Ich teile die Kritik, die Katja Kipping hier bei uns aufgeschrieben hat. Aber ich mache mir Sorgen um die europäische Integration und um den Euro. Alles, was danach kommt, ist noch schlimmer. Verkürzt: Nationalismus ist gefährlicher als Kapitalismus.

Sven Giegold (glaube ich) hat ein interessantes Argument gebracht: die Schuldenbremse wird die Staaten zwingen, eine gerechtere Steuerpolitik zu betreiben, weil sie sich das Geld, das sie den Reichen erlassen, nciht mehr an den Finanzmärkten borgen können. Wenn man das so sieht, wird es eine politische Zuspitzung geben, bei der die Wähler entscheiden können, welche Steuer- und Sozialpolitik sie wollen. Früher wurde die Verteilung über die Inflation gesteuert, dann über Schulden - und künftig über Steuern?! Wenn man das Vertrauen in den demokratischen Prozess nicht ganz verloren hat, dann ist das keine schlechte Aussicht. Und wenn man das Vertrauen ganz verloren hat - dann spielt es eh keine Rolle ...

Ich setze Hoffnung auf die Klagen in Karlsruhe. Es ist gut, wenn die Deutschen dazu gezwungen werden, sich mit dem Konflikt der europäischen Anforderungen und dem Grundgesetz zu befassen. Es ist gut, wenn die Politik gezwungen wird, mehr für Europa zu werben.

Die Überwindung des Nationalstaats - darin liegt die große Hoffnung.

RE: Offener Brief an Albrecht Müller | 29.06.2012 | 12:13

Für mich stellt die Art der Kommentierung der Nachdenkseiten ein Problem dar. Die Seite hat viele Leser und sie verfügt in den Kreisen, die für den Freitag und für mich wichtig sind, über Bedeutung.

Leider arbeiten die Nachdenkseiten mit Mitteln, die ich für unseriös halte, Unterstellung, Invektive, Verdrehung ... Ich hatte das bereits erwähnt. Müller tritt als Oberlehrer auf, der aber selber absichtsvoll nicht genau liest. Ich kenne diese Propaganda-Methoden von rechtsextremen Seiten, die sich hin und wieder mit meinen Texten befassen. Das ignoriere ich. Bei den Nachdenkseiten kann ich es, glaube ich, nicht ignorieren. Wenn ich das dauerhaft unkommentiert lasse und still dulde kommt das einer Zustimmung gleich. Das gefällt mir nicht. Ich bin nun wirklich nicht dünnhäutig. Das darf man auch nicht sein, wenn man sich im Netz bewegt. Das Netz ist kein Ort für Zimperliche. Aber ich finde, man muss auch im Netz seine Integrität schützen. Und ich finde nicht, dass man als Journalist oder Kommentator jeden Unsinn hinnehmen muss, der über einen geschrieben wird.

RE: Verschweigen, was ist | 03.06.2012 | 12:06

Satire? Ich weiß nicht. Die taz versucht immer wieder Satire und die Titanic macht gar nichts anderes - ich finde, das geht regelmäßig schief. Irgendwie ist die Ära der Satire vorüber. Das Problem ist, dass die Wirklichkeit so absurd ist, dass keine Satire mithalten kann. Neulich hat die FAS mal Satire gemacht und im FEU geschrieben, das Grass Gedicht stamme aus der Titanic Redaktion. Ich habe das als Geschichte sofort geglaubt, mich nur gewundert, dass es nicht mehr Reaktionen hervorgerufen hat. Nach ein bisschen googlen war dann klar, dass es ausgedacht war. Aber ich war überhaupt nicht verwundert. Wenn alles möglich ist, was soll dann Satire?

Ironie - und das ist ja noch mal was anderes - geht schon eher. Aber die Erfahrung lehrt, das Ironie ohne zusätzliche Informationen wie Gesichtsausdruck, Stimmlage, persönliche Bekanntschaft .. ziemlich oft ziemlich schief gehen kann. Denken Sie nur an unsere Community Threads. Regelmäßig wenn einer ironisch sein will, kommen drei und fallen über ihn her ...

Linker Boulevard wäre genauso fies wie rechter Boulevard - nur mit anderen Zielen. Es würden eben nicht die Ausländer und Stratäter und Hartzer runtergemacht sondern die Banker und die Bosse. Und zwar pesonalisiert. Das stelle ich mir lustig vor. Man nimmt sich als Zielscheibe nicht diejenigen, die sich nicht wehren können. Sondern die mit den großen Rechtsabteilungen. Ansonsten müssten auch linker Boulevard nackte Frauen zeigen und Fußball und Autos und Servicejournalismus und den ganzen Quatsch. Klar. Sonst wäre es ja kein Boulevard.

Ich weiß nicht, ob die Leser das gut fänden. Der Deutsche ist obrigkeitshörig und mag es eigentlich nicht, wenn die Autoritäten in Frage gestellt werden. Für '68 schämt sich das Land ja immer noch und kann gar nicht verstehen, dass da einmal alles für kurze Zeit in Frage gestellt wurde ...

Aber noch mal und um jedes Missverständnis auszuräumen: Das geht nicht mit einer Wochenzeitung. Wir machen das beim Freitag nicht. Wollen wir nicht. Können wir nicht. Werden wir nicht. Das geht nur täglich.

((Und das Netz ist deshalb Boulevard weil es kurz ist und böse und hart und oberflächlich und wankelmütig und emotional und und und ...))