„Alles ist verschwunden!“

Ostdeutschland Als 1991 in Hoyerswerda Rassisten wüteten, blieb Grit Lemke stumm. Wieso? Jakob Augstein hat sie es verraten. Ein Gespräch
„Alles ist verschwunden!“

Foto: Philipp Plum für der Freitag

Genau 30 Jahre nach den rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda veröffentlichte Grit Lemke ihren dokumentarischen Roman Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror (Suhrkamp 2021). Darin ging sie unter anderem auf die Suche nach Ursachen des Pogroms und wollte wissen: Wie konnte so etwas passieren, in einer Stadt, die ja nicht kulturlos war? Während der Ostbeauftragte der Großen Koalition den Menschen im Osten vergangenes Jahr ein anhaltendes „Demokratieproblem“ unterstellte, sieht Lemke die Lage wesentlich differenzierter. Im Salon-Gespräch mit Jakob Augstein erklärte sie auch, warum ihr so manches Urteil zu „billig“ erscheint.

der Freitag: Frau Lemke, warum haben Sie ein Buch über Hoyerswerda geschrieben?

Grit Lemke: Ich glaube, man kann Dinge am besten erzählen, wenn man sie gut kennt. Nach Timbuktu fahren und denken, dass man den Ort versteht? Daran glaube ich nicht. Aber Hoyerswerda, da bin ich aufgewachsen. Und ich hatte das Gefühl, in der großen Erzählung unseres Landes kommt meine Erfahrung nicht vor. Auch nicht, wie ich die DDR erinnere, den Sozialismus ...

Kann man Ihre Arbeit auch als Ethnologie bezeichnen?

Ich sehe mich so. Es gibt ja den Begriff der „dichten Beschreibung“. Der kommt von Clifford Geertz, einem nordamerikanischen Kulturanthropologen, der dieses berühmte Beispiel des „Zwinkerns“ gebracht hat. Das ist ja eigentlich ein Zucken des Auges. Aber es kann 150 verschiedene Bedeutungen haben: je nach Kultur oder welche Beziehung ich zu einem Menschen habe. Diesen Unterschied zwischen Zucken und Zwinkern gilt es herauszufinden.

Ich kenne in diesem Zusammenhang nur den Begriff der „teilnehmenden Beobachtung“ – die aber natürlich schwer ist, wenn es um die eigene Geschichte geht.

Das stimmt. Es geht darum, das Eigene mit einem anderen Blick zu betrachten. Das habe ich in Hoyerswerda gemacht. Dafür musste ich mich erst viele Jahre in der Fremde bewegen. In Neuseeland oder Amerika habe ich Geschichten gefunden, die mich mehr an meine eigene erinnert haben als die Erzählungen, die ich aus Deutschland kannte. Dafür bin ich zurückgegangen: um das Universelle in unseren „kleinen“ Hoyerswerda-Geschichten zu entdecken.

Es gibt ein schönes Zitat von Ihnen: „Wenn man aus der Lausitz kommt, hat man ein besonderes Verhältnis zur Heimat – weil sie sich ständig verändert.“

Ja, das ist mir im Studium bewusst geworden. Ich habe mich schon immer für Heimat interessiert. Aber was ist das eigentlich? Erst mal kennt man ja nur das, womit man groß geworden ist. Am Wochenende sind wir immer aufs Dorf zu unseren Großeltern gefahren. Da fuhr man dann durch eine Welt voller Löcher, das waren die Tagebaue, später wurden das Seen. In der Stadt war das auch so: überall Kiefern und aufgeschüttete Berge von dem Aushub für die Häuser, dann kamen die Kräne, irgendwann war da auf einmal ’ne Stadt.

Ein bisschen wie in Berlin-Mitte ...

Schöner! Und Berlin-Mitte wird ja leider nicht abgerissen. Hoyerswerda wurde abgerissen. Das ist mir beim Schreiben des Buches bewusst geworden: Was macht das mit einem Menschen, wenn es in der äußeren Umgebung überhaupt keine Gewissheit gibt? In der Forschung spricht man von „Territorialität“: Dass ein Mensch einen Heimatraum braucht, ist eine anthropologische Konstante.

Zur Person

Grit Lemke , geboren 1965, ist Autorin und Regisseurin. An der Berliner Humboldt-Universität promovierte sie in Europäischer Ethnologie, woraus der TV-Kurzfilm Künftig zünftig entstand. Bis 2017 leitete sie das Programm des Filmfestivals DOK-Leipzig. 2019 führte sie Regie bei der Dokumentation Gundermann Revier. Sie lebt in Berlin und zweitweilig in Hoyerswerda

Viele Linke haben mit dem Begriff der Heimat ihre Probleme.

Bei uns kommt er aus einer Unsicherheit. Weil das, was in Hoyerswerda passierte, ist ja symptomatisch: Das Land ist verschwunden. Es ist alles verschwunden! Selbst wenn es andere Städte in der DDR nicht so hart getroffen hat wie Hoyerswerda, wo mehr als die Hälfte weg ist, auch von der Bevölkerung, sind überall Betriebe geschlossen worden. Da ist wie ein Bulldozer die Geschichte drüber weggerollt.

1988 hat Gerhard Gundermann gesungen, Hoyerswerda sei „die schönste Stadt hier im Land“. Das war aber schon ein bisschen übertrieben, oder?

Waren Sie mal in Hoyerswerda?

Nee.

Worüber reden wir dann hier?

Sehen Sie, ich bin ein typischer Westdeutscher.

Ich erinnere mich, wie Gundi uns das Lied zum ersten Mal präsentiert hat. Da saßen wir in diesem legendären FMP-Club, das war so ein kleiner Keller, und Gundi sagte, es gäbe da einen „gewissen Grönemeyer“ im Westen. Und der hätte ein Lied geschrieben über seine Bochumer Heimat – eine stinkende Industriestadt. Da hat er sich gedacht, na gut, wenn dieser Grönemeyer das kann, dann können wir das auch. Und die „blasse Blume auf Sand“, von der er im Refrain singt, ist doch ein schönes Bild. Es war ja wirklich nicht wahnsinnig bunt.

Hoyerswerda war in der DDR eine Stadt der Verheißung. Wieso?

Gundi hat immer gesagt, wir haben dem Land „den Arsch gewärmt“. Dafür war Hoyerswerda gebaut: für die Energiewirtschaft. Die Leute kamen dahin, weil das auch ein sozialer Aufstieg war.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es keine Bergmannstradition wie im Ruhrgebiet gab, wo die Leute in vierter Generation in die Schächte fuhren.

Na ja, Bergbau in der Lausitz gibt es schon über hundert Jahre. Aber nicht in diesem Umfang. Schwarze Pumpe war wirklich der größte kohleverarbeitende Industriekomplex der Welt. Dort wurden auch ein paar international anerkannte Hochtechnologien entwickelt. Diesen BHT-Koks zum Beispiel, mit dem man Kohle effektiv verstromen kann. Was fehlte, war die Bergmannskultur. Dafür wurden dann Leute aus den Wismut-Werken im Erzgebirge geholt, die für das „Glück auf!“ und „Ich bin Bergmann, wer ist mehr?“ sorgten.

Sprechen wir jetzt mal über das Pogrom. September 1991: Neonazis greifen Asylsuchende an, Schaulustige applaudieren, die Polizei greift kaum ein. Das Problem wird damit gelöst, dass die ausländischen Vertragsarbeiter in Busse gesetzt und aus der Stadt gebracht werden. Die Nazis haben das als großen Sieg gefeiert. Was haben Sie damals gemacht?

Na ja, eben leider nichts. Das ist die große Frage, die ich mir auch in dem Buch stelle: Wie konnte das passieren in einer Stadt, die ja nicht kulturlos war? In einer Arbeiterstadt, wo extrem viel gelesen wurde. Mein Buch ist genau zum 30. Jahrestag des Pogroms rausgekommen, das ist ja kein Zufall. Es gab in Hoyerswerda natürlich eine kleine Gruppe von Glatzen und den Rassismus gegen die Vertragsarbeiter. Zum Beispiel habe ich jetzt Fotos gesehen, die lange vor dem Pogrom entstanden sind und auf denen „Negerklatschen am 3.10.“ stand. Das wurde irgendwie ausgeblendet in einer Zeit, in der alles den Bach runterging. ’91 waren im Kombinat Schwarze Pumpe ja die Messen schon gesungen. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung.

Wir sind hier ja auch nicht vor Gericht. 1991 kam auch Matthias Matussek – damals noch ein guter Reporter beim „Spiegel“ – und schrieb in dem Artikel „Jagdzeit in Sachsen“, dass in Hoyerswerda „der braune Dreck in Strömen“ fließe. Auch atemberaubend.

Das war natürlich fatal! Man hat auch Westreporter erlebt, die irgendeinen Skinhead vor einen linken Jugendclub gezerrt und gesagt haben: „Jetzt mach mal hier den Hitlergruß!“

Sie schreiben, damals hätten sich viele in Hoyerswerda „als Opfer betrachtet“. Und dass sie das wegen der medialen Stigmatisierung der Stadt irgendwie auch gewesen seien.

Das habe ich aber nicht in dem Buch geschrieben, sondern irgendwo anders.

Ja. Und bei der ersten Beobachtung schwinge ich noch mit. Aber dann zu sagen: Was für ein Glück, da kommt jetzt der Matussek und beschimpft uns alle als Nazis und deswegen schließen wir die Reihen und lassen die Schuld gar nicht an uns ran? Das finde ich komisch.

Deswegen habe ich ja das Buch geschrieben, in dem auch Opfer des Pogroms zu Wort kommen. Zum Beispiel David, der Mann aus Mosambik, mit dem ich mich unterhalten habe. Da habe ich erst wirklich begriffen, dass es sich um eine Leidensgeschichte handelt, mit der wir uns beschäftigen müssen.

Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, dass Sie dafür so lange gebraucht haben.

Doch. Der fatale Fehler, den die Politik gemacht hat, war, den Eindruck zu erwecken: Man muss nur lange genug schreien, dann ist die Stadt ausländerfrei! Die Presse hat das null interessiert. Und die Stadt hat sich 30 Jahre lang als Opfer inszeniert und gesagt: „Wir sind doch gar nicht so, hört doch mal off jetzt.“ Mittlerweile gibt es viele zivilgesellschaftliche Initiativen in Hoyerswerda und ich bin ziemlich sicher, so was könnte dort nicht mehr passieren. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Doch, es hat tatsächlich 30 Jahre gedauert.

Aber wieso denn?

Na ja, ich bin jetzt keine Psychologin. Aber ich glaube, das hat mit diesem riesigen Trauma zu tun. Wie gesagt, es war ja nicht nur das Pogrom, der gesamte Boden unter den Füßen war weg. Dein Betriebsteil wird abgewickelt, deine Kinder haben hier keine Zukunft mehr – und dein Haus wird übrigens nächstes Jahr abgerissen. Da kann man sich hinstellen und sagen: „Das ist aber ganz schön scheiße, dass ihr nicht über die Opfer des Pogroms nachgedacht habt.“ Das ist aber auch ziemlich billig.

Haben Sie die Rede von Angela Merkel zum Tag der Deutschen Einheit mitbekommen? Da hat sie das erste Mal als Ostdeutsche gesprochen und einen Autor der Konrad-Adenauer-Stiftung kritisiert, der das Leben in der DDR als „Ballast“ bezeichnet hatte.

Das hat sie gesagt, weil ihre Amtszeit endete. Sie wollte ja nie das Ossi-Mädchen sein. An ihrer Stelle hätte ich das mehr thematisiert.

Deswegen sind Sie auch nicht Bundeskanzlerin geworden.

Dann möchte ich den Posten nicht. Ich lehne ihn hiermit ab!

Sie haben mal was Tolles gesagt. Nämlich dass der Ostdeutsche erst nach dem Ende der DDR erfunden wurde.

Das kommt ursprünglich von Wolfgang Engler und Jana Hensel. Aber ja: Der Ostdeutsche ist was anderes als der DDR-Bürger.

Kommt diese ostdeutsche Figur jetzt an ihr Ende?

Ich glaube nicht. Es gibt ja diese schönen Karten vom Katapult-Magazin, die das zeigen: Wo wohnen die Geringverdiener in Deutschland? Und dann schälen sich, schöner als irgendein geografisches Institut der DDR das jemals hätte malen können, die Grenzen der ehemaligen DDR heraus. In 150 Jahren, wenn die ostdeutschen Chefredaktionen auch mit Ostdeutschen besetzt sind, können wir uns vielleicht noch mal unterhalten.

Für Sie ist der Heimatbegriff so bedeutend. Für mich gar nicht.

Na ja, wissen Sie, das ist wie mit dem Geld. Jemand, der reich ist, kann sagen: Ist mir nicht wichtig.

Das ist ein zentraler Irrtum der Ostdeutschen, denke ich, denn natürlich haben auch die Westdeutschen ihren Staat verloren.

Was hat sich denn in Ihrer Heimatstadt Hamburg so alles verändert? Erklären Sie mir das mal.

Westdeutschland war in den 80er Jahren zu seiner Blüte gekommen: sinkende Kriminalität, der Glaube an die Globalisierung. Das gab es danach nicht mehr.

Es gibt dieses Buch Lütten Klein von Steffen Mau, wo er genau das beschreibt: Zur Tragik des Einigungsprozesses kam hinzu, dass die ostdeutsche just dann auf die westdeutsche Gesellschaft traf, als es dort vorbei war mit dem Aufschwung. Klar, kein Land ist heute das gleiche wie vor 30 Jahren. Darauf können wir uns einigen.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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