„Das geht uns alle an“

Im Gespräch #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek erklärt Jakob Augstein, warum Alltagssexismus auch viele Männer nervt
Jakob Augstein | Ausgabe 19/2013 137
„Das geht uns alle an“
Foto: Thomas Lobenwein

Jakob Augstein: Frau Wizorek, sind Sie Feministin?

Anna Wizorek: Ja. Das Feminismus- label schreckt zwar manche Leute ab, aber unter anderem auch deswegen habe ich es mir zum Ziel gesetzt, diesen Begriff anzunehmen und positiv zu besetzen.

Welche Reaktionen erfahren Sie als Feministin?

Ich stelle immer wieder fest, dass Leute überrascht sind, wenn ich mich selbstbewusst als Feministin bezeichne. Sie reagieren irritiert, haben eine klischeehafte Vorstellung von Feministinnen und Feminismus. Dann beginnt meine Aufklärungsarbeit.

Vor zehn Jahren hätte mich diese Antwort nicht gewundert, heute schon. Ich hätte gedacht, wir wären inzwischen weiter und ins allgemeine Bewusstsein wäre gedrungen, dass es eine moderne Form von Feminismus gibt.

Nein, gerade in Deutschland, wo die Wahrnehmung des Feminismus von Alice Schwarzer dominiert wird, ist das nicht so. Im Zuge der #Aufschrei-Debatte verhielten sich viele der klassischen Medien so, als hätten sie unter einen Stein geguckt, nur um überrascht festzustellen, dass dort noch ganz andere Feministinnen sind.

Sind Sie der westdeutschen Frauenbewegung der Siebziger und Achtziger eigentlich dankbar?

Auf jeden Fall. Aber ich bin ja in der DDR aufgewachsen. Ein gleichberechtigtes Leben hat für mich deshalb nicht mit der westdeutschen Frauenbewegung begonnen, sondern mit der Erfahrung, dass meine Mutter arbeiten gehen konnte und dennoch Zeit für die Familie hatte. Etwas, das mit dem Fall der Mauer dann nicht mehr selbstverständlich war.

Dem Feminismus wird mitunter auch vorgeworfen, Frauen in einer Opferrolle zu definieren und damit diese erst zu zementieren.

Gesellschaftliche Probleme müssen kritisch benannt werden, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Gerade #Aufschrei hat gezeigt, dass viele betroffene Frauen erst einmal feststellten, dass sie selbst keine Schuld trifft und sie nicht allein sind. Zum Opfer wird man immer gemacht. Man sucht sich das nicht aus. Insofern finde ich es tragisch, zu sagen: „Lasst euch nicht zum Opfer machen.“

Man kann die Rolle annehmen – oder eben nicht ...

Wenn mich zum Beispiel ein Mann blöd anmacht, kann ich ihn zwar beschimpfen, aber er kann mich daraufhin tätlich angreifen. Ich bin dann immer noch das Opfer und nicht in der Lage mich besser zu fühlen. Das hat nichts damit zu tun, ob ich eine Opferrolle aktiv annehme oder nicht.

Braucht der Feminismus Vorbilder?

Eindeutig ja.

Wie etwa Alice Schwarzer?

Sie ist lediglich ein Vorbild. Es gibt weitaus mehr Frauen, die aktiv waren. Ich finde es schade, dass sie die einzig Sichtbare ist. Es schadet der Sache, weil dann das Bild einer einzigen Form von Feminismus entsteht. Aber der Feminismus ist keine homogene Bewegung, sondern setzt sich aus verschiedenen Strömungen zusammen.

Wer sind in Deutschland wichtige aktuelle Figuren für Sie?

Meine Mitbloggerinnen bei kleinerdrei.org. Anna-Katharina Meßmer und Yasmina Banaszczuk. Kluge, passionierte Frauen.

Und Publizistinnen, Theoretikerinnen, Buchautorinnen?

Carolin Emcke etwa, aber auch US-amerikanische Frauen. Ich wurde sehr stark über feministische Blogs an das Thema herangeführt, nicht über einen akademischen Kontext. In den USA gibt es da gerade online wichtige Stimmen wie Jessica Valenti, Jaclyn Friedman, Deanna Zandt, Jill Filipovic.

Was bedeutet es, dass diese Frauen alle Amerikanerinnen sind?

Dass wir in Deutschland noch ganz schön hinterher sind. Es gibt hierzulande zwar eine feministische Blogosphäre. Die ist aber teils etwas verkopft und hat wenige Schnittstellen zum Mainstream.

Wie steht es mit Angela Merkel und Ursula von der Leyen als Vorbilder?

Es sind starke Frauen, aber ich fühle mich nicht von ihnen repräsentiert. Ursula von der Leyen kann ich noch am ehesten wegen ihrer Bemühungen für die Quote unterstützen. Obwohl sie sich doch nicht gegenüber der Parteimeinung durchsetzen konnte. Tragisch finde ich, dass Angela Merkel und Kristina Schröder sich während der #Aufschrei-Debatte nicht geäußert haben. Sie halten sich gezielt aus dem Thema heraus. Ich finde, das sagt alles über sie.

Vielleicht auch, weil Rainer Brüderle Koalitionspartner ist?

Man kann auch abseits von Brüderle über Sexismus reden, genau das ist ja unter #Aufschrei passiert.

Haben Sie noch Erwartungen an die Politik? Oder richten sich Ihre Erwartungen eher an Medien und Zivilgesellschaft?

Im Grunde an alle diese Bereiche. #Aufschrei hat mir gezeigt, dass die Politik bei diesem Thema sehr willkürlich reagiert. Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat alle Parteien aufgefordert, gemeinsam zu reagieren. Nur die SPD hat sich ein wenig geregt.

Wie empfinden Sie die Männer Ihrer Generation im Vergleich zu älteren Männern?

Wesentlich aufgeschlossener, was die Sensibilität gegenüber Geschlechterthemen angeht. Zumindest ist das in meinem direkten Umfeld so. Ich denke aber auch, dass es sexistisches Verhalten generationenübergreifend gibt.

Sehen Sie in den Männern Ihrer Generation Kampfgenossen?

Auf jeden Fall! Die Resonanz nach meinem Auftritt bei Günther Jauch war sehr ausgeglichen, von Frauen wie auch Männern, die dankbar dafür waren, dass diese Debatte angestoßen wurde. Das zeigt, dass allzu oft ein Männlichkeitsbild fortgeschrieben wird, das auch viele Männer satt haben. Warum soll ein Mann sich auch darüber definieren, Frauen schlecht zu behandeln?

Ertappen Sie sich eigentlich manchmal selbst auch beim Denken in Geschlechterstereotypen?

Natürlich. Man kann noch so viel Theorie gelesen haben und merkt doch an gewissen Punkten, wie die eigene Sozialisation nachwirkt und einem das Denken vorzuschreiben versucht.

Was halten Sie von den Femen-Aktivistinnen?

Was mich an Femen stört, ist, dass es in dieser Bewegung offenbar keine Frauen gibt, die nicht einer gewissen Normschönheit entsprechen. Ich kann mich mit dieser Form von Protest nicht identifizieren, aber es steht ihnen frei, diesen so durchzuführen. Ich finde es aber zum Beispiel problematisch, dass sie sich für muslimische Frauen einsetzen wollen und ihnen dabei doch nur ein westliches Bild aufdrücken. Es ist kontraproduktiv, sich in Berlin nackt vor die nächstbeste Moschee zu stellen.

Grundsätzlich haben Sie aber nichts dagegen, nackt Politik zu machen?

Es ist ein Mittel, um politisch zu sein.

Warum gehen Frauen nicht radikaler vor, um ihre Ziele zu erreichen? Warum streiken sie nicht? Ich würde nicht warten wollen, bis etwas passiert, und mich erst einmal mit einer Flexiquote zufriedengeben.

Warum schieben Sie die Verantwortung jetzt wieder ausschließlich Frauen zu? Es geht ja um Probleme, die gesamtgesellschaftlich gelöst werden müssen.

Meine Erfahrung in Zeitungsredaktionen zeigt, dass, wenn Männer nicht durch Frauen dazu gezwungen werden, auch keine Veränderungen zustande kommen.

Ich sehe die Quote als eine Art notwendigen Hack des Systems, um vorherrschende Strukturen mit Gewalt aufzubrechen. Sie ist kein Allheilmittel, aber ein guter Schritt, um eine gewisse Entwicklungsstufe zu erreichen. Warum keine Straßenproteste zustande kommen, kann ich nicht erklären, aber wenn ständig erzählt wird, dass wir es ohne feste Quote schaffen, glauben das viele eben auch. Gäbe es Proteste, wäre ich dabei.

Ist das Internet für den modernen Feminismus eine Hilfe?

Ja, es ermöglicht die Bildung einer Gegenöffentlichkeit.

Worüber haben Frauen bei #Aufschrei vor allem geschrieben?

Über Belästigungen auf der Straße und wie sie sich dagegen gewehrt haben – Situationen, in denen geschildert wurde, wie früh vielen Frauen so etwas in ihrem Leben bereits passiert und wo die Sprache dafür noch besonders fehlt. Beispiele für Sexismen im Arbeitsumfeld waren dabei: Situationen, wenn eine Frau ein neues Projekt übernehmen soll und Kollegen sich sorgen, ob sie überhaupt dazu in der Lage ist. Oder Fälle, in denen Frauen in Führungspositionen vom Kunden nicht als Chefinnen wahrgenommen wurden.

Warum haben diese Frauen genau diesen Kanal zu diesem Zeitpunkt genutzt?

Ich glaube #Aufschrei hatte einen Nerv getroffen. Es war ein Moment, in dem Frauen sehen konnten, wie andere offen über ihre Erfahrungen sprechen. Das hatte eine starke Außenwirkung und die Reflektion eigener Erfahrungen zur Folge. Viele entschieden sich daraufhin, mitzureden und sich damit ein Stück weit zu befreien.

Es wundert mich dennoch, dass viele so unmittelbar nach oder durch den Brüderle-Text im Stern eingestiegen sind – als gäbe es nicht etliche andere Gelegenheiten, sich über diese Erfahrungen auszutauschen.

Das ist das Problem von Alltagssexismus. Er ist allgegenwärtig und wird doch unsichtbar gemacht. Die Debatte war unfassbar anstrengend, weil immer wieder behauptet wurde, es handele sich doch nur um Kleinigkeiten – gerade was die Belästigungen auf der Straße angeht. So etwas türmt sich auch auf. Irgendwann ist der Kanal voll.

Sie selbst sind im Zuge von #Aufschrei auch verbal angegriffen worden. Hat Sie das beunruhigt?

Natürlich, aber das ist auch das Netz, da kann man wenig machen. Es gab eine Zeit, in der ich fast sekündlich Twitter-Accounts wegen Beschimpfungen geblockt habe. Das ist natürlich ermüdend.

Macht das auf Dauer traurig?

Man muss schon Wege finden, um diese Erfahrungen zu kompensieren und nicht das ganze Negative in sich aufzunehmen.

Welche Wege wären das?

Ich habe das Offlinedasein gewählt und umgebe mich mit Menschen, von denen klar ist, dass sie mir nichts Böses wollen.

Ein dramatischer Schritt für Sie.

Ich bin ja nicht wochenlang aus dem Internet verschwunden, aber es ist natürlich hart festzustellen, dass Twitter dann erstmal zu einem gewissen Grad unbenutzbar geworden ist. Ich habe eine Zusammenfassung der Hass-Mails unter #Aufschrei getwittert, denn das sind ja genauso Symptome des Alltagssexismus. Ich will so etwas sichtbar machen. Indem man das postet, holt man es in die Öffentlichkeit. Das schwächt diese Leute, weil sich plötzlich auch andere Menschen damit auseinandersetzen und das kritisieren.

Anne Wizorek, 31, gab mit dem von ihr eingeführten Hashtag #Aufschrei Tausenden Frauen das Stichwort, um auf Twitter über Alltagssexismus zu diskutieren. Sie ist Beraterin für Onlinekommunikation und twittert unter @marthadear

Der nächste Freitag -Salon „Öffnet die Tore – für die Demokratie?“ mit der Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg findet am 15. Mai im Berliner Gorki-Theater statt. Beginn: 19.30 Uhr. Mehr auf freitag.de/salon

 

09:00 10.05.2013
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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