Das unerreichbare Ziel

Corona Seit einem Jahr versucht Angela Merkel mit ihrem Kurs etwas, das sie nicht kann – und versäumt, was sie können müsste
Das unerreichbare Ziel
Noch so großer Respekt für Merkels Lebensleistung kann nicht darüber hinweg helfen, dass ihre Pandemiestrategie eine Katastrophe ist

Foto: Michael Kappeler/AFP/Pool/Getty Images

In der vergangenen Woche hat sich Angela Merkel entschuldigt. Sie bat „alle Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung“ – also Sie und mich, uns alle. Leider für den falschen Fehler. Sie hat für die unsinnige Idee einer „Osterruhe“ um Verzeihung gebeten – und nicht für ihre gescheiterte Coronapolitik. Weil sie Kanzlerin ist und das schon so furchtbar lange, betrachten viele Leute Angela Merkel mit Ehrfurcht und sind gerührt, wenn sich das Objekt ihrer Verehrung plötzlich bei ihnen entschuldigt. In den Zeitungen stand, Merkel zeige „Größe“, und Markus Söder murmelte etwas von „Respekt“. Damit sind wir endgültig auf der Schwundstufe der Debatte angekommen. Noch so großer Respekt für Merkels Lebensleistung kann nicht darüber hinweg helfen, dass ihre Pandemiestrategie eine Katastrophe ist.

Diese Strategie funktioniert nicht und kann nicht funktionieren, weil sie auf einer irrigen Annahme beruht. Sie versucht, mit untauglichen Mitteln ein unerreichbares Ziel zu erreichen. Eine demokratische Gesellschaft kann ein solches Virus gar nicht auf Dauer besiegen. Sie kann sich dem Virus nur anpassen. Nur Inseln oder Diktaturen können das Virus wirklich eindämmen. Am allerbesten können es Inseln, die zu Diktaturen werden.

Der Kölner Philosoph Markus Gabriel hat den Gedanken, der demokratische Staat könne eine globale Pandemie durch Freiheitsbeschränkungen lösen, „eine Form der Verschwörungstheorie“ genannt. Ein zugleich erschreckendes und einleuchtendes Bild. Gabriel sagt, der demokratische Staat sei dafür zu schwach: „Dass er sich mit dem Heilsversprechen eines unbedingten Gesundheitsschutzes maßlos übernommen hat, sollte nach einem Jahr, in dem wir mehr ,error‘ als ,trial‘ erlebt haben, evident sein.“ Angela Merkel und ihre Corona-Notregierung haben den Menschen vorgegaukelt, man könne das Virus beherrschen. Aber das geht nur unter Umständen, die wir hier nicht haben und auch nicht herstellen können.

Die Unfähigkeit der Regierung bestand also nicht darin, dass sie keine „Osterruhe“ durchsetzen konnte, sondern darin, dass sie es überhaupt versucht hat. Merkel und ihre Virusjäger haben im vergangenen Jahr unheimlich viel Zeit und Glaubwürdigkeit damit vergeudet, etwas zu versuchen, was sie nicht können und auch nicht können sollen: ein über die Atemwege übertragbares Virus in einer freien Gesellschaft auszurotten. Und viel zu wenig Zeit damit, das zu tun, was sie eigentlich können müssten: Impfstoff und Coronatests besorgen, das Gesundheitssystem besser ausstatten, die Schulen schneller digitalisieren, die Alten und Schwachen besser schützen.

Angela Merkel hält sich zugute – und wird von ihren Huldigern dafür gelobt –, dass sie die ganze Zeit auf die Wissenschaft gehört habe. Aber das allein bedeutet gar nichts. Wissenschaft? Welche Wissenschaft? Am 9. Dezember vergangenen Jahres hat Merkel im Bundestag den neuerlichen Einschluss verteidigt, der immer noch anhält und bis Mitte April verlängert wurde, und hat als Rechtfertigung dafür, das Land erneut auf Eis zu legen, sehr tief in die Kiste gegriffen. Sie hat von der „Kraft der Aufklärung“ gesprochen „und dem Glauben daran, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte.“ Sie hat – kleine Episode aus dem Kanzlerinnenleben – zum Besten gegeben, dass sie in der DDR Physik studiert habe („das hätte ich in der alten Bundesrepublik wahrscheinlich nicht getan“), weil sie sicher war, „dass man vieles außer Kraft setzen kann, aber die Schwerkraft nicht, die Lichtgeschwindigkeit nicht und andere Fakten auch nicht“.

Also Aufklärung, Schwerkraft, Lichtgeschwindigkeit – in diese Reihe hat Merkel ihren Coronakurs gestellt. Glücklicherweise ist auf die Schwerkraft mehr Verlass als auf Merkels Maßnahmen. Sonst würden uns noch ganz andere Dinge um die Ohren fliegen … Das Ziel dieser Rhetorik bestand darin, alle Leute, die an ihrem Kurs zweifeln, als Idioten und Flat-Earthers hinzustellen, mit denen man nicht mal reden muss. Stichwort Alternativlosigkeit, man erinnert sich.

Keine Frage: Es ist gut, sich bei Wissenschaftlern Rat zu holen. Die Frage ist nur, bei welchen. Merkel hat sich die falschen ausgesucht, Leute wie Christian Drosten oder Melanie Brinkmann, die ganz viel von Virologie verstehen und ganz wenig von der Gesellschaft. Offenbar hat aber so eine Pandemie gar nicht so viel mit Viren zu tun, sondern viel mehr mit Menschen.

Die offene Frage der Flatten-the-Curve-Strategie war vom ersten Tag an: Wie lange dauert das? Jetzt dauert es schon ein Jahr. Man stelle sich vor, das hätte man damals den Leuten gesagt; vielleicht hätten sie dann gleich stärker darauf gedrängt, dass der Staat einen anderen Weg einschlägt, nämlich den, den man auf Dauer ohnehin wählen wird, mit diesem neuen Virus, das man nicht mehr aus der Welt bekommen wird, leben zu lernen. Stattdessen wird das Ende unserer Freiheitseinschränkungen noch immer an das Erreichen einer Herdenimmunität durch Impfungen gekoppelt. Gleichzeitig warnt man uns vor den unabsehbaren Entwicklungen der Mutationen.

Wer weiß denn, welche Mutationen da noch kommen? In Indien soll es bereits impfresistente neue Formen geben. Wenn sich Merkels Corona-Kurs nicht ändert, werden wir unsere Freiheit erst viel später zurückbekommen – oder auch gar nicht? Weil sie etwas versucht, das sie nicht kann – und versäumt, was sie können müsste.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 01.04.2021
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

Ausgabe 15/2021

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