Deutschland bringt bei mir nichts zum Klingen

Hegelplatz 1 Unlängst musste sich unser Verleger fragen: Wie hält er es mit Heimat, Patriotismus und Nation?
Jakob Augstein | Ausgabe 20/2018 21

Liebe Hegelplatzbesuchende (genderneutral), gegenüber liegt ja das Gorki Theater. Gehen Sie da mal hin, wenn Sie in der Nähe sind. Alle paar Wochen findet dort der Freitag-Salon statt. Da rede ich mit einem Gast, das Radio überträgt das Gespräch. Es ist eine Kopie des alten Formats von Günter Gaus – Kopie, keine Nachfolge. Der spätere Freitag-Herausgeber Gaus hat solche Gespräche geführt wie niemand danach.

In dieser Woche war Thea Dorn zu Besuch, die Publizistin, die mancher aus dem Fernsehen kennt, als Viertel des Literarischen Quartetts. Dorn hat ein Buch über Deutschland geschrieben: Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. Aufgeklärt bin ich natürlich, klar, aber ich habe mich doch gefragt: Bin ich Patriot? Es gibt – darum geht es natürlich auch in diesem Buch – schon diesen Gegenreflex des Linken gegen das Nationale, das Patriotische, auch bei mir. Ich stoße mich an den Begriffen wie mit dem Kopf an einem Balken. Als Mitglied der Nachkriegsgeneration – das kann man bei einem 1967 Geborenen schon noch so sagen – tut man sich mit dem Nationalen schwer. Aber man ist lernfähig: Wenn der erste Schrecken überwunden ist, würde ich mich auch als Patriot bezeichnen, in dem Sinne, dass mir nicht egal ist, wie es in der Bundesrepublik zugeht. Es geht mich etwas an. Es betrifft mich.

Dorn, die eine kluge Konservative ist, hat das Buch geschrieben, weil sie sich Sorgen um das deutsche Bürgertum macht. Zu Recht, würde ich sagen. Sie fürchtet, es könne nach rechts driften und versagen, wie schon zuvor in der deutschen Geschichte. Also wünscht sie sich eine zivile Renaissance des Nationalen. Überhaupt bringt sie das Wort von der „Leitzivilität“ ins Spiel, das ihr besser gefällt als das von der „Leitkultur“. In der Tat, was man in der frankophonen Welt den Citoyen nennt, das könnte man in Deutschland schon gut brauchen, wo man immer eher den Bourgeois kannte. Aber die Nation? Brauchen wir die Nation? Bei allem, was anliegt, hilft uns da die Nation?

Darüber wurden Thea Dorn und ich uns nicht einig. Für mich ist die Nation eine funktionale Zwischenschicht, an der mein Herz nicht hängt, sie liegt eingebettet in die Region und Europa, die mir beide viel mehr bedeuten. Wenn ich Heimat sage, meine ich die Region, die mir lieb ist (Hamburg), und Europa, ohne das, mit allem, was so dazugehört, ich mir ein Leben nicht recht vorstellen will. Aber Deutschland? Bei mir kommt da nichts zum Klingen. Bei Thea Dorn schon. Warum nicht? Ein aufgeklärter Patriotismus macht mir keine Sorgen. Und es ist doch schön, dass sie ihr Buch mit Brechts Kinderhymne enden lässt: „Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir’s / Und das liebste mag’s uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs.“

Hegelplatz 1. Unter dieser Adresse können Sie den Freitag in Berlin erreichen – und ab sofort wir Sie. An dieser Stelle schreiben wöchentlich Simone Schmollack, Michael Angele und Jakob Augstein im Wechsel. Worüber? Lesen Sie selbst

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06:00 22.05.2018
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 207
Jakob Augstein

Ausgabe 44/2020

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