Deutschland erwacht

Köln Wir sind wieder das Land der Pogrome und des Hasses. Die Täter: Deutsche. Die Opfer: Migranten. Die Rassisten sehen das anders
Jakob Augstein | Ausgabe 02/2016 359
Deutschland erwacht
„Schärfer die Kinne, verbissener die Lippen, brutaler die Unterkiefer“
Foto: Zuma Press/Imago

Wollen wir über Köln reden? In Köln jagt jetzt der rechte Mob die Ausländer durch die Straßen. Oder über Deutschland? In Leipzig verwüsten die Rechten eine ganze Straße. In Hessen wird ein Asylheim beschossen. Und überall im Land brennen solche Heime. Wir können auch über muslimische Männer reden. Über ihr Verhältnis zu Frauen. Ihr Verhältnis zum Recht. Ihr Verhältnis zur Freiheit. Die Diskussion nach der Silvesternacht von Köln ist vor allem deshalb so schwierig, weil wir entscheiden müssen, worüber wir reden: über uns oder über die Fremden? Beides zugleich, das hat die vergangene Woche gezeigt, geht nicht. Es ist also eine Frage der Priorität. Was ist uns wichtiger?

Die Demagogin Tatjana Festerling hat bei einer Demonstration in die Menge gerufen: „Wenn die Mehrheit noch klar bei Verstand wäre, dann würde sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“ Das ist die Sprache des Nationalsozialismus. Wir wissen aus der Vergangenheit, welche Taten solchen Worten folgen können. Die Brutalisierung schreitet fort. Die fremdenfeindlichen Aufzüge im Osten zeigen es: Was Kurt Tucholsky im Jahr 1921 beim Blick auf die Bilder von George Grosz geschrieben hat, das gilt heute wieder. „Die deutschen Gesichter haben sich verhärtet. Schärfer sind die Kinne geworden, verbissener die Lippen, brutaler die Unterkiefer.“

Deutschland ist wieder das Land der Pogrome. Deutschland ist wieder das Land des Hasses. Es gehörte stets zum identitären Inventar sowohl der alten Bundesrepublik als auch der DDR, dass sich die deutsche Vergangenheit nicht wiederholen könne. Das war ein Irrtum. Spätestens seit Köln wissen wir es. Das ist nicht die einzige Lehre aus Köln. Aber die wichtigste.

Die Auswüchse der Silvesternacht von Köln gehören zu zwei Forschungsfeldern: Polizeiarbeit und Migrationsfolgen. Aber die Auswüchse nach Köln gehören zu einem anderen Forschungsfeld: die deutsche Mittelschicht und ihre Aggressivität. Natürlich muss die Kölner Polizei aus dieser Nacht Konsequenzen ziehen. Eine Stadt darf nicht die Kontrolle über ihr Zentrum aufgeben. Und natürlich müssen die Täter ins Auge gefasst werden – man weiß allerdings über sie viel weniger, als die Menge der veröffentlichten Berichte und Kommentare nahelegt. Eine plausible Vermutung: Sie gehören zu jener besonders desperaten Gruppe von Migranten, die zwar keinen Aufenthaltstitel haben, in Deutschland aber geduldet werden. Sie dürfen bleiben, aber keine Wurzeln schlagen. Sie leben in Sicherheit, aber auch in Sinnlosigkeit. Bestraft die, derer ihr habhaft werden könnt. Kümmert euch um die anderen, die keine Täter sind. Mehr ist zu den widerlichen Übergriffen nicht zu sagen.

Die Handlungsmaschine läuft. Es werden Maßnahmen getroffen. Konsequenzen gezogen. Gesetze verschärft. Aber die eigentliche Bedeutung dieser Silvesternacht liegt darin, uns die Augen über Deutschland geöffnet zu haben. Unerwartet groß ist das Potenzial an destruktiver Energie, das sich nach Köln einen Kanal suchte. Der Zorn gegen Ausländer und die Ablehnung des Islam werden zum neuen Fokus der erlaubten bürgerlichen Aggression. Individuelle Gewaltausbrüche und Grenzüberschreitungen erlangen dadurch einen Schein von Legitimation.

Es ist die gleiche Legitimation, mit der plötzlich jeder jetzt erzählen darf, welche üblen Erfahrungen er mal mit einem Ausländer gemacht hat – und das mit immer weniger schlechtem Gewissen. Die Journalistin Antonia Baum hat das gerade in der FAS vorgemacht. Anfangs kämpft sie noch mit den Skrupeln der Rücksicht auf vergangene, zivilere Konventionen oder der Verantwortung für die brisante öffentliche Stimmung.

Dann aber rafft sie sich zur Erkenntnis auf, sie sei „kein Pädagoge, und Leser sind keine Schüler“ und berichtet, ganz befreit, von ihrer eigenen sexuellen Ausländer-Fantasie: „Du läufst durch die Straßen, siehst, dir kommt eine Gruppe von Männern entgegen, die schwarze Haare haben und die du sofort reflexhaft als Araber, Kurden, Türken oder von mir aus Nordafrikaner identifizierst, und du weißt, es dauert noch ein paar Schritte und dann sagen sie was. Ob du ficken willst, dass dein Arsch und deine Titten gut sind ...“

Die Worte in ihrer pornografischen Härte sind wichtig. Sie sind das Pendant zum jüngsten Focus-Titel, der eine nackte blonde Frau zeigt, deren Körper von den Abdrücken schwarzer Hände gezeichnet ist. So enthüllen sich eigene rassistische und sexistische Projektionen.

Auf gespenstische Weise reihen sich diese Phänomene ein in das Spektrum der neuen Brutalisierung in Wort und Tat, das von den zunehmend reaktionären Kommentaren in den nach rechts driftenden Medien wie Cicero, Welt und FAZ bis hin zu den Verwüstungen durch rechte Schlägerbanden reicht. Eine gefährliche Stimmung macht sich breit, Imaginationen von einem Recht auf „Notwehr“ tauchen auf – gegen die angeblich verfehlte Flüchtlingspolitik der Regierung und gegen eine angeblich zur Integration unfähige islamische Kultur.

Der Firnis unserer Zivilisation zeigt sich brüchiger, als zu befürchten war.

Info

Lesen sie mehr zum Thema in Ausgabe 2/16 des Freitag

06:00 14.01.2016
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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