„Die Leute sind ja nicht blöd“

Freitag-Salon Sandra Maischberger wehrt sich gegen den Vorwurf, ihre Talksendung sei boulevardesker geworden. Höchstens ein Mal in zwei Jahren hat sie ein schlechtes Gewissen
Jakob Augstein | Ausgabe 24/2014 28
„Die Leute sind ja nicht blöd“

Foto: Marc Beckmann für der Freitag

Jakob Augstein: Frau Maischberger, ich will mit Ihnen über Journalismus zwischen Allmacht und Ohnmacht reden.

Sandra Maischberger: Ich Ohnmacht, Sie Allmacht.

Die Themen, mit denen Sie sich jüngst so beschäftigt haben, sind: Parkinson, Krebs, Kalter Krieg, Steuermoral, Stiftung Warentest, Hartz IV. Das ist so, als würde man den „Stern“ verfilmen.

Danke. Der Stern, wie er mal gedacht war, war nah am Menschen und trotzdem politisch, wenn es sein muss.

Beim richtigen „Stern“ funktioniert das aber nicht mehr.

Bei uns schon. Vielleicht liegt es am Papier. Unser Blick kommt von innen, nicht von außen. Wir machen selten Expertenrunden, sondern laden Menschen ein, die das leben, worüber andere reden, und Leute, die darüber bestimmen.

Sie haben einmal eine Sendung über einen Gerichtsfall gemacht, bei dem ein Mann mit islamischem Hintergrund eine Frau umgebracht hat und angeblich bei Gericht eine Strafmilderung mit Verweis auf seinen religiösen Hintergrund bekommen hat.

Er hat die Höchststrafe bekommen, aber nicht die Sicherheitsverwahrung.

In den Boulevardzeitungen war die Rede vom „Islamrabatt“. Auch Sie haben das Wort benutzt. Dabei hatte die eingeladene Islamwissenschaftlerin gleich zu Beginn gesagt: Im Rechtsstaat würdigt jeder Richter den Täter und seinen Hintergrund beim Urteil. Das gehört einfach dazu.

Genau deshalb ist das für uns ein Thema, weil der Begriff „Islamrabatt“ in der Welt war. Er ist auch bei uns gefallen, aber eben nicht in der Art und Weise, wie Sie das jetzt insinuieren. Wenn die Bild „Islamrabatt“ schreibt, wenn es im Netz ein Thema ist, habe ich zwei Optionen: Entweder mache ich das Thema nicht, oder ich mache es, greife das Schlagwort auf und versuche, es zu hinterfragen.

Sind Sie mittlerweile boulevardesker geworden?

Was ist denn boulevardesker?

Boulevardesk ist zum Beispiel, das Word „Islamrabatt“ als eine Art Turbo zu benutzen, auch wenn man weiß, dass es eigentlich Quatsch ist.

Sie sind ein Meinungsjournalist, der schlau ist und rhetorische Fähigkeiten hat, seine Meinung zu äußern. Das bin ich als Moderatorin nicht. Sie haben diesen Begriff bewertet, wie Sie es für richtig halten. Mache ich nicht. Am besten ist die Sendung dann, wenn ich fünf Leute mit unterschiedlichen Meinungen dahabe und die sich austauschen. Wenn ich denen sage, das oder das ist Quatsch, nehme ich das Ergebnis vorweg. Das kann und möchte ich nicht.

Aber das Wort „Islamrabatt“ hat einen Hintergrund, es gibt einen Bedeutungsraum.

Es ist ein Kampfbegriff. Können wir uns darauf einigen?

Und es war von Ihnen in der Sendung ein rhetorischer Trick, den immer wieder zu benutzen.

Ja, in jenem Moment, in dem wir über diesen Fall gesprochen haben, aber das waren zehn, zwölf Minuten. Da haben wir über das Wort geredet und natürlich haben wir es auch benutzt. Danach haben wir das Thema gewechselt und haben es nicht mehr benutzt. Aber Sie wollen mir unterstellen, ich hänge mich an die Bild-Zeitung, schreie „Islamrabatt“, obwohl mir ganz egal ist, was daraus wird. Das war aber nicht so.

Aber wie ist es jetzt mit der Demokratie? Ist es so, dass wir Journalisten die Leute zu einer politischen Öffentlichkeit formen? Wirken Sie daran mit?

Ich bilde es mir ein. Ich bin der Meinung, dass Demokratie nur funktionieren kann, wenn es eine interessierte Öffentlichkeit gibt. Journalismus im Fernsehen muss zweierlei tun: Themen aufgreifen, die Menschen interessieren, und solche Themen, für die sie sich interessieren sollten. Europa ist ein klassisches Beispiel, ganz schwierig. Mache ich eine Europa-Sendung, weiß ich, dann rutscht die Quote in den Keller. Es sei denn, ich lade Genscher dazu, ob Sie es glauben oder nicht.

Oder einen Verrückten.

Genscher und einen Verrückten.

Es gibt ja Leute, die sagen, es gebe eine wachsende Kluft zwischen Politik und Medien auf der einen und der Bevölkerung auf der anderen Seite. Wie sehen Sie das?

Wir geraten heute schneller in den Verdacht, uns untereinander und mit der „politischen Klasse“ abzusprechen. Und das ist nicht ganz einfach von der Hand zu weisen, weil es auch schwieriger geworden ist, im Fernsehen echte Kontroversen mit Gästen zu besetzen. Beim Thema Salafisten zum Beispiel muss ich auch im eigenen Sender erklären, warum da auch ein Salafist sitzen muss; oder beim Thema Scientology, wenn ich einen Scientologen einladen will. Ich habe das so gelernt: Ich rede nicht über, sondern mit jemandem. Früher haben wir bei Live aus dem Schlachthof Jugendgruppen der Neonazis eingeladen, Giovanni di Lorenzo hat das als Erster getan, weil der Diskurs der 80er Jahre so war: Rede mit ihnen, dann kommt diese Glorifizierung gar nicht erst zustande.

Nun hat sich in den letzten Jahren sehr stark ein politisch korrekter Begriff davon, wer im Fernsehen etwas sagen darf und wer nicht, herausgebildet. Heute heißt es immer gleich, wenn ich jemanden einlade, gebe ich ihm ein Podium. Aber ein Podium ist meiner Meinung nach etwas, wo jemand unwidersprochen seine Sachen behaupten kann. In dem Moment jedoch, wenn andere ihre Meinung sagen und Kontra geben, ist das kein Podium mehr. Aber ich muss mich permanent gegen diese innerhalb des Senders vorweg passierenden Einflussnahmen zu wehren versuchen.

Man muss eben bereit sein, Stress zuzulassen. Ich erinnere mich an frühere Auftritte von Oskar Lafontaine, da hat er eine Taktik angewendet, die ich weder danach noch davor im Fernsehen gesehen habe: Er hat nicht mehr mit der Moderatorin geredet, sondern direkt in die Kamera zum Volk. Das war unheimlich.

Das macht Norbert Blüm heute noch … Das kommt aber nicht gut an. Der Fernsehzuschauer ist ja nicht blöd.

Der Fall Wulff war für mich eine Zäsur. Elitemeinung und Volksmeinung gingen da weit auseinander. Wir haben immer geschrieben, der muss weg, und die Leute empfanden es als eine Treibjagd. Und ich dachte: Wieso, das ist doch unser Job.

Aber von welcher Öffentlichkeit reden wir? Von der Internetöffentlichkeit, den Foren. Ich habe das Gefühl, dass es unterschiedliche Öffentlichkeiten gibt. Die Internetöffentlichkeit ist doch eine andere, weil sich da Leute durchsetzen, die durchaus zu Meinungsführerschaften taugen. Das ist anders zu betrachten als die Öffentlichkeit oder die Öffentlichkeiten, mit denen wir es vorhin zu tun hatten.

Okay, Sie definieren gerade das Problem weg. Das waren jetzt nur die falschen Leute, die sich geäußert haben. Nochmal, ich beschäftige mich mit vielen verschiedenen Themen, und in diesem Fall war es exemplarisch.

Ich habe es anders erlebt. Irgendwann hat es sich gedreht, aber ganz am Anfang mit dem Anruf auf der Mailbox von Kai Diekmann, dem Chefredakteur der Bild-Zeitung, mit dem Kredit für das Haus, war es anders, und mit der Bobbycar-Geschichte in der Süddeutschen ist es gekippt. Am Anfang war bei uns der Rücklauf eher, dass 70 bis 80 Prozent der Zuschauer Christian Wulff sehr kritisch gesehen haben.

Und dann haben sie gesagt, jetzt wird es zu viel. Lasst ihn in Ruhe. Tretet nicht auf ihn, der liegt schon am Boden.

Und da hatten sie auch recht. Das Problem war einfach, Wulff ist nicht zurückgetreten. Aber in diesem Fall haben sich mehrere Journalisten vorgenommen, der muss zurücktreten, und dann wurde es in der Spirale immer eins drunter.

Wenn Elitenmeinung und Massenmeinung auseinandergehen, ist das gefährlich?

Wir verlieren unsere Glaubwürdigkeit. Eindeutig, wir werden dann Teil des Spiels.

Und was tut man dann?

Man versucht dagegenzuhalten. Fangen wir mit den Politikern an. Ich habe mich vor nicht allzu langer Zeit filmisch mit jener Phase auseinandergesetzt, die mich politisiert hat: mit dem NATO-Doppelbeschluss. Da gab es einen Kanzler Schmidt, der hatte die öffentliche Meinung mehrheitlich gegen sich. Es hat ihn nicht beeindruckt, und er hat auch nicht versucht, eine Brücke zu bauen. Ich finde, man muss etwas tun, das man für richtig hält, und sich im Zweifel dafür abwählen lassen. Das ist die Aufgabe der Politik. Unsere Aufgabe ist es, neben der Elitenmeinung auch die abzubilden, die andere Gruppen haben. Und dazwischen Brücken zu bauen, damit überhaupt eine öffentliche Meinung entsteht, Menschen interessiert bleiben.

Nein, ich sage den Leuten, was ich denke, und dann müssen sie den Rest selber denken.

Sie haben keine Mission. Das wäre auch für einen Journalisten falsch. Da sind wir ausnahmsweise einig.

Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen? Jetzt bitte nicht mit einer Gegenfrage antworten.

Muss ich aber: Warum fragen Sie mich das?

Weil ich manchmal ein schlechtes Gewissen hatte, als ich noch als Reporter gearbeitet habe.

Mit Politikern und Experten muss man das nicht haben, die wissen, was sie tun. Schwierig wird es, wenn jemand sein Leben ausbreitet. Und da bilde ich mir ein, höchstens ein Mal in zwei Jahren ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil wir jemanden verleitet haben, etwas zu sagen, bei dem ich im Nachhinein das Gefühl hatte, er hätte es lieber nicht tun sollen. Aber meistens entscheiden wir das vorher in der Redaktion und diskutieren, wen wir einladen. Überwiegen die Bedenken, laden wir denjenigen oder diejenige nicht ein. Ich überrede auch niemanden mehr, in meine Sendung zu kommen, wenn er oder sie es nicht will.

Sandra Maischberger, geboren 1966 in München, gehört zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Talkkosmos. Vor ihrem aktuellen ARD-Format Menschen bei Maischberger arbeitete sie für unterschiedliche private und öffentlich-rechtliche Sender sowie als Autorin. Sie wurde mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet, vergangenes Jahr auch mit dem Bundesverdienstkreuz Der nächste Freitag -Salon „Bruchstellen: Russland, die Ukraine und das neue Ost-West-Verhältnis“ mit Wladimir Kaminer findet am 30. Juni 2014 im Berliner Gorki-Theater statt. Beginn: 19 Uhr. Weitere Informationen auf freitag.de/salon

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06:00 16.06.2014
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 206
Jakob Augstein

Ausgabe 27/2020

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