Jakob Augstein
Ausgabe 2817 | 13.07.2017 | 06:00 375

Die Schuld der anderen

Hamburg Für Randale gibt es keine Rechtfertigung? Richtig. Nur sind die G20 selbst organisierte Gewalt

Die Schuld der anderen

Der G20-Gipfel hat die Gewaltfrage aufs Tapet gebracht

Foto: Leon Neal/Getty Images

Deutschland hat einen neuen Staatsfeind Nummer eins: den Linksterroristen. Aktivist oder Randalierer, selbst Gewalttäter genügt nicht. Es muss schon der Linksterrorist sein. Der Linksterrorist konnte Hamburg in Schutt und Asche legen, so geht das neue Narrativ weiter, weil sich Politik und Öffentlichkeit in der Vergangenheit viel zu sehr auf die rechte Gewalt konzentriert hätten. Nun aber, nach dem G20-Gipfel, wird dringend ein Kurswechsel verlangt.

Es ist verblüffend, mit welcher Geschwindigkeit sich diese neue Erzählung verbreitet und wie freudig sie aufgenommen wird. Es muss eine Menge Leute da draußen schwer genervt haben, dass es immer die Rechten sind, die wegen ihrer Gewalt am Pranger stehen. So, als würden die sogenannten bürgerlichen Journalisten und Politiker sich für neue Nazis irgendwie zuständig fühlen, oder von deren Taten besonders kompromittiert.

Wer nun unbedingt rechte mit linker Gewalt vergleichen will, muss zur Kenntnis nehmen, dass seit 1990 in Deutschland – je nach Quelle – zwischen 80 und 180 Menschen durch rechte Gewalt den Tod fanden. Über Todesopfer linker Gewalt gibt es in diesem Zeitraum keine Informationen. Das liegt vermutlich unter anderem daran, dass sich rechte Gewalttäter vor allem Schwächere als Opfer suchen – Migranten, Obdachlose, Behinderte. Während der linke Randalierer sich vorzugsweise mit hochgerüsteten Polizisten anlegt, die sich ganz gut zu verteidigen wissen.

Sind diese Überlegungen schon eine Verharmlosung der linken Gewalt während des G20-Gipfels in Hamburg? Man muss da heute vorsichtig sein. Man landet schnell im Sympathisantensack – wie damals, als die Bundesrepublik wirklich mit Terroristen zu tun hatte, die sich für links erklärten. Der G20-Gipfel hat die Gewaltfrage aufs Tapet gebracht. Dass Gewalt falsch sei, darauf können sich schnell alle einigen. Aber die spannende Debatte beginnt erst danach. Was ist eigentlich Gewalt? Wer ist ihr Opfer?

Da wird der Demonstrant, der zum Steinewerfer wurde, eine andere Meinung haben als der Polizist, den seine Oberen in die erste Reihe gestellt haben, und diese beiden wieder eine andere als die Politiker, die sich im Wahlkampf befinden – oder die Bürger, deren Stadt geopfert wurde. Und zwar von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz. Sie sind dafür verantwortlich, dass mitten in einer Millionenstadt ein Gipfeltreffen abgehalten wurde, dessen unfriedlicher Verlauf von allen Experten lange im Voraus prophezeit worden war.

Die strafrechtliche Verantwortung jeder einzelnen Tat liegt beim Randalierer, Brandstifter, Steinewerfer, Körperverletzer – der dadurch zum Straftäter wird, aber noch nicht zum Terroristen. Aber die politische Verantwortung tragen andere. Angela Merkel wollte diesen Gipfel nach Deutschland holen, und sogar ausdrücklich nach Hamburg. Merkel hat damit die Gewalt nach Hamburg geholt.

Die G20 stehen für ein Weltmachtsystem, in dem acht Menschen ebenso viel besitzen wie 3,7 Milliarden. Diese Zahl ist der Inbegriff schierer Gewalt. Und auch der Gipfel selbst, der eine stolze, freie Stadt als Geisel nahm, war ein Akt der Gewalt. Hunderttausende von selbstbewussten Bürgern wurden zu Statisten einer quasi-monarchischen Show degradiert, die alle Werte konterkariert, die wir gerade im Zeitalter der Globalisierung hochhalten müssen.

Die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke twitterte: „Jede TV-Minute, die der Gewalt der Hooligans gewidmet wurde, war eine Minute, in der nicht die Beschlüsse der #G20 kritisiert werden konnten.“ Dabei ist gar nicht vorstellbar, dass friedliche Proteste gegen den Gipfel auch nur annähernd so viel Beachtung gefunden hätten wie die gewalttätigen Auseinandersetzungen. Machen wir uns nichts vor: ein paar pflichtschuldige Bilder, ein paar wohlwollende Worte – das wäre es gewesen. Erst die Gewalt macht den Protest gegen G20 erwähnenswert. Denn auch wenn dieser Gedanke in der gegenwärtigen Aufwühlung wie ein Affront erscheint: Natürlich hat auch die Gewalt der Demonstranten eine politische Dimension. Und dabei kommt es nicht einmal darauf an, ob der gewaltbetrunkene Randalierer sich dessen selber bewusst ist.

Die Gewaltdemonstranten haben Autos angezündet. Das ist eine Straftat. Vorstellbar wäre noch der Hinweis, dass die Besitzer dieser Autos, die sich unschuldig und unbeteiligt wähnen, plötzlich daran erinnert werden, dass sie beides eben nicht sind – unschuldig und unbeteiligt. Denn das Auto, das eine Familie in Hamburg-Ottensen gekauft und bezahlt hat und das da am Wochenende angezündet wurde, ist selber kein wertneutraler Gegenstand, sondern ein politisches Objekt.

Es besteht aus Rohstoffen, die unter den Terms of Trade einer von den G20 beherrschten Welt gefördert und gehandelt wurden: Kupfer aus Chile, Bauxit aus Guinea oder Seltene Erden aus China – geschürft, transportiert, verarbeitet unter Bedingungen, die man mit gutem Gewissen weder den Menschen noch dem Planeten zumuten kann. Aber die Familie aus Ottensen hat kein schlechtes Gewissen. Wir alle haben kein schlechtes Gewissen.

Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 28/17.

Kommentare (375)

apatit 13.07.2017 | 08:01

"Deutschland hat einen neuen Staatsfeind Nummer eins“ …. usw.! Und da hätte ich auch lieber gehabt, Bosbach bleibt sitzen, auch wenn Frau D. manchmal etwas gewöhnungsbedürftig ist! Denn jetzt kommen die nie überwundenen Reflexe hoch, allem Linken gegenüber - und das ist sehr schlimm, sehr schlimm und auch ich frage mich da “Cui Bono“! Wolfgang Bosbach [CDU] verläßt die Sendung von Maischberger...

gelse 13.07.2017 | 08:36

>>Es besteht aus Rohstoffen, die unter den Terms of Trade einer von den G20 beherrschten Welt gefördert und gehandelt wurden…<<
Ja, da ist sehr viel Inkonsequenz im Gange. Dass für eine friedlichere, weniger zerstörte Welt der massive Rohstoff- und Energieverschleiss heruntergefahren werden muss ist schon lange nicht mehr unbekannt. Man könnte damit ja auch den Arbeitsstress herunterfahren und für gesündere Lebensbedingungen sorgen. Aber als Wohlstand wird immer noch nicht Gesundheit und Wohlbefinden im weiteren Sinne propagiert, sondern eben die Schrottproduktion mit steigendem technischem Aufwand.
Natürlich ist die Änderung des katastrophalen Weges eine grosse ökonomische Herausforderung. Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Alterssicherung könnte nicht mehr länger durch Mitfahren auf dem Trittbrett der Privatprofiteintreiber geschehen. Mit dem Prinzip: Jede/r nach seinen/ihren Fähigkeiten, jedem/jeder nach seinen/ihren Bedürfnissen sind bessere Lösungen denkbar.
Es ist machbar, vor dem Systemzusammenbruch noch halbwegs gestaltend, danach nur noch auf Ereignisse reagierend.

gelse 13.07.2017 | 08:45

Hab davon gehört. Dem Bosbach passte es wohl nicht, dass das Berichtverbot für bestimmte Journalisten kritisiert wurde.
Das ist logisch: Wer nicht jederzeit die Gewähr bietet, die allumfassende Macht des Privatreichtums als alleinseligmachend zu bejubeln, ist aus der Perspektive von dessen Interessenvertretern ein Staatsfeind.
Ich denke aber, dass Bosbach mit seiner Flucht die Akzeptanz der Obrigkeit nicht gefördert hat. ;-)

balsamico 13.07.2017 | 09:57

Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren.

Der Weg von der Ottenser Hauptstraße auf die Sternschanze ist ja auch nicht unkompliziert wenn man ihn z.B. über Bangladesch nimmt. Abgesehen davon liegt es in der Natur der Menschen, die Hänge auch aktiver Vulkane zu besiedeln, unter dem Beifall derjenigen, die weiter weg wohnen. So ist er nun mal, der Homo Sapiens: sorglos, bis es ihn selbst trifft.

Und noch eins: Man kann nicht alle Klöße auf einmal essen, auch beim allerbesten Willen nicht.

G. Lange 13.07.2017 | 10:17

"Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren."

Da kann ich Herrn Augstein nur zustimmen.

Nach Noam Chomsky leben wir in einer Welt, in der "hunderte Millionen Menschen direkt oder indirekt infolge westlicher Kriege und Interventionen ermordet wurden". Eine Welt,
in der sich hinter den meisten Kriegen und Konflikten, "wirtschaftliche und geopolitische Interessen des Westens" verbergen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Politik des
Westens "jeden Terrorismus weit in den Schatten" stellt.

Die Geschichte der westlichen Wertegemeinschaft ist eine Geschichte des massenhaften Tötens. Nicht zu vergessen die Millionen getöteter Menschen durch pro-westliche Militärputsche.

Kriege, Kriegsverbrechen und Propaganda
Der Terrorismus der westlichen Welt - Teil 1
http://www.heise.de/tp/artikel/43/43771/1.html

Staatsterrorismus, Tyrannei und Folter
Der Terrorismus der westlichen Welt - Teil 2
http://www.heise.de/tp/artikel/44/44047/1.html

erftstadtboy 13.07.2017 | 11:16

guter kommentar zur lage, prima!

vor allem der hinweis auf die strukturelle und tatsächliche gewalt weit weg, die gerne verschleiert und/oder ausgeblendet wird. wir leben seit 5-8.000 jahren in zivilisationen, das bedeutet ausgeprägte hierarchien und gewalt, die unterprivilegierten buckeln für die privilegierten, ohne das gibt es (bisher) keine zivilisation.

Magda 13.07.2017 | 11:20

Wir alle haben kein schlechtes Gewissen.

Ein schlechtes Gewissen ist aus meiner Sicht eine unpassende Vokabel aus dem christlichen Schuld- Strafe- Besteck. Es gibt eine Menge Leute, überall, die sich mit den Auswirkungen, die unsere westlichen Lebensweise hat, ernsthaft beschäftigen. Nicht erst seit heute. Was aber oft zu finden ist, ist Ratlosigkeit. Denn ein "System" interessiert sich nicht für unser Gewissen. Deshalb wendet sich der Zorn an Personen, an Figuren, an Feindbilder.

Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren.

Doch - aber viele sehen auch, dass man das eigene "schlechte Gewissen" nicht mit Gewalt beruhigen kann.

Moorleiche 13.07.2017 | 11:20

Die Geschichte der westlichen Wertegemeinschaft ist eine Geschichte des massenhaften Tötens. Nicht zu vergessen die Millionen getöteter Menschen durch pro-westliche Militärputsche.“

Wie man sich seine privilegerte Lesart eben so zusammen sucht. Die 100 Millionen Tote der roten Terrorregime in 80 Jahren sind vermutlich schwer zu toppen (gute Quote, 1,2 Mio pro Jahr), auch wenn es bei einigen polytheistischen Gemeinschaften der Frühzeit wohl Großtötungen gegeben hat – Männer, Frauen, Kinder egal – die ihres Gleichen im Bezug auf Bevölkerungsdichte und Zahl der Toten noch immer suchen. Auch ist die Gefahr in der guten, alten vorwestlichen Gemeinschaft der Urmenschen an Gewalt durch Artgenossen zu sterben bei satten 10% (einige Quellen sagen 20%) gewesen. Wenn wir heute im Westen von extrem gewalttätigen Innenstädten reden, weil da alle bewaffnet sind und es Bandenkriege gibt, dann gibt es dort 375 Tote pro 100.000 Einwohner, in Europa bewegen wir uns irgendwo im niedrigen zweistelligen Bereich in den Großstädten, so „schlimm“ ist der Westen.

Man kann natürlich strukturelle Gewalt kritisieren.

Johan Galtung ergänzte den traditionellen Begriff der Gewalt, der vorsätzlich destruktives Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe bezeichnet, um die strukturelle Dimension:

„Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.““ (Quelle)

Man muss dann aber auch sehen, dass der Begriff sehr breit ist und auch etwas willkürlich. Wie ist z.B. die Vernachlässigung des Bruttoinlandsglücks im Westen mit einer vielleicht glücklicheren Existenz auf meinetwegen niedrigerem medizinischen Niveau zu gewichten?

Und die nicht ganz unentscheidende Frage ist, wie man auf Gewalt (und auf welche) reagieren soll. Gewaltsam? Wer sagt, dass Gewalt eben zum Menschsein gehört und dass dies einfach eine Art der Kommunikation ist, muss dies als Möglichkeit allen zugestehen. Linke, die den Colt kurioserweise immer recht locker sitzen haben, sind ja ideologisch oft so gepolt, dass sie der Idee anhängen, der Mensch sei an sich friedlich, erst das Eigentum (von Produktionsmitteln) mache ihn aggressiv. Eine Idee, die immer noch krude genug ist, um wirklich nirgendwo gedeckt zu sein, aber man glaubt dran. Obwohl der Mensch ja vom Affen abstammt, der wirklich oft sagenhaft brutal vorgeht.

Ansonsten kann ich den Impuls verstehen, sich mit den „Kleinen“ zu solidarisieren und Augstein strickt am Robin-Hood-Mythos der Linken ja fleißig weiter. Nur muss man sich mal entscheiden ob brennende Autos (sind ja nur Autos, wa?) nun ein einfach Ausdrücke linker Gewalt sind (die man nun kleinreden möchte) oder, ob das alles mit links gar nichts zu tun hat und das in Wahrheit (vermutlich rechte) Provokateure gewesen sind, die sich unter den grundguten (weil irgendwie linken) Schwarzen Block gemischt haben.

Naja und wenn man allen Ernstes das brennende Auto zum irgendwie politischen Objekt ideologisch hochwuchten will (um dann genau was zu erklären?), muss leider im erwähnt werden, dass im Rahmen dieser Denkfigur dann auch das brennende Asylheim ein politisches Objekt ist. Das wäre dann wohl ein Eigentor, denn rechte Gewalttäter könnten immer sagen, sie meinten ja nicht die Menschen, es ginge um die politische Idee. Als politischer Kampf verbrämte Gewalt ist allerdings schon immer eklig gewesen.

erftstadtboy 13.07.2017 | 11:37

bitte belege für die behauptung, dass die tötungsquote bei "urmenschen" (wer soll das überhaupt sein?) 10-20% beträgt. und wie werden "urmenschen" definiert?

mir erscheint das eher wie die alte, relativierende leier des 18./19.jhds, der mensch ist des menschen wolf, nur um die eigene gewaltaffinität zu legitimieren. gilt heute bei ethnologen und anthropologen eigentlich als widerlegt. selbst die konservative faz schrieb mal, dass kriege und gewaltexzesse erst mit eigentum entstanden sind, weil sie sich ab da lohnten (klassische sichtweise konservativer autoren...wenn sich was lohnt druff).

menschen verhalten sich i.d. regel den rahmenbedingungen entsprechend, sie können morden und extrem empathisch/solidarisch sein.

anbei noch ein link zum thema von marylene patou-mathis, leieterin der abteilung für urgeschichte des naturgeschichtemuseums in paris

https://monde-diplomatique.de/artikel/!5220952

es bringt auch wenig "linke" und "rechte" gewaltopferzahlen aufzurechnen. denn linke macht ist weitgehend geschichte, rechtskapitalistische macht nicht. diese behauptet weiterhin steif und fest, menschenrechte/freiheit etc/pp seien antrieb und ziel, verhält sich aber entgegengesetzt. da muss sich diese machtformation zahlen, die das gegenteil belegen, gefallen lassen, oder aufhören sich mit diesen werten zu schmücken.

hallino 13.07.2017 | 11:37

Wie aus inoffiziellen Kreisen zu vernehmen ist, soll die Hamburger Polizei unbestätigterweise mitgeteilt haben, sich in Zukunft für den Bestand der Roten Flora aktiv einzusetzen, weil statt der angekündigten 8.000 nur 1.300 gewaltbereite Autonome zum G-20 Treffen angereist sind und die Polizei einigermaßen ihr Gesicht als ordnungspolitische Macht wahren konnte.

Moorleiche 13.07.2017 | 11:39

"Ein schlechtes Gewissen ist aus meiner Sicht eine unpassende Vokabel aus dem christlichen Schuld- Strafe- Besteck."

"Denn ein "System" interessiert sich nicht für unser Gewissen."

Wenn nun das Christentum ein System wäre?

Ist aber auch so falsch. Systeme interessieren sich extrem für unser Gewissen, die brauchen unseren Gehorsam, unser Funtionieren.

Das Problem ist gerade umgekehrt das, dass Systeme das was beim Menschen mehr als nur seine systemkonforme Funktion ist, ausblendet und klein macht. Gut ist, wer gut funktioniert.

Das Individuum muss sich selbst darauf besinnen (oder erst mal begreifen), dass Funktionalität und Gehorsam a) durchaus wichtige Eigenschaften sind, um in einer Gemeinschaft existieren zu können, aber b) eben nicht alles ist. Es gibt eine darüber hinaus.

Sich allem Funktionieren von Anfang an radikal zu verweigern ist nicht unbedingt die beste Idee, sondern einfach präkonventioneller Narzissmus. Das prä- und postkonventionelle notorisch zu verwechseln ist die Schwäche der Linken.

Ihr durchaus erfolgreicher Kampf gegen all das, was sie für strukturelle Gewalt hielten und halten, hat die Zahl der präkonventionellen Narzissten, so wie es aussieht, erheblich vergrößert, ihnen aber mit Sicherheit neue Ausdrucksformen gegeben und ihr Anliegen als irgendwie sinnvoll zu legitimieren versucht. Da nun aber Gewaltspieler sich auch mal für rechte oder islamistische Ausdrucksformen entscheiden können, wird das Ganze etwas kompliziert. Dann muss man anderen verbieten, was man sich selbst erlauben will, der schmale Grat auf dem wie Augstein bei seinen regelmäßigen Abstürzen beobachten dürfen, aber mal von dessen raren Auftritten abgesehen ... wie war noch mal die Grundkritik gegen den bösen Westen. Doppelmoral? Sich selbst zu nehmen und zu erlauben, was man anderen verbieten will?

Moorleiche 13.07.2017 | 11:44

Mir erscheint der Begriff der strukturellen Gewalt gut gemeint, aber beliebig zu sein. Wie die meisten Formen des Utilitarimus oder die Krankheitsdefinition der WHO (von der bekannt ist, dass sie poltisch gemeint war), oder Alice Millers Definition von Kindesmissbrauch.

Wir müssen die Gewalt ja hierarchisieren und seinen Lieblingspudding nicht zu bekommen oder 2 Stunden ohne WLAN zu sein und zu sterben, da werden dann vermutlich sogar notorische Hierarcheigegner Unterschiede erkennen können.

erftstadtboy 13.07.2017 | 11:48

noch eine ergänzung: die tötungsquote von 10-20% bei "urmenschen" lässt sich an heute noch existierenden jäger&sammler-gruppen nicht verifizieren (z.b. hazda oder eine andere gruppe aus dem amazonas, deren name mir blöderweise grad nicht einfällt...).

häufig wird dann auf die tatsächlich sehr gewalttätigen gruppen auf papua-neuginea verwiesen, aber das sind keine "urmenschen", sondern gärtnerzivilisationen mit ausgeprägten glaubenssystemen und hierarchien, also schon ziemlich "entwickelt".

Moorleiche 13.07.2017 | 11:49

"bitte belege für die behauptung, dass die tötungsquote bei "urmenschen" (wer soll das überhaupt sein?) 10-20% beträgt. und wie werden "urmenschen" definiert?"

Das habe ich unabhängig voneinander bei Ian Morris in dem Buch "Krieg - Wozu er gut ist" und Yuval Noah Harari in "Eine kurze Geschichte der Menschheit gelesen", beide beziehen sich auf die reichlichen Quellen anderr Forscher.

Für den Urmenschen habe ich keine eigentliche Definition, ich meine da wirklich die ersten Menschen die herumstreunten und die innerhalb der Gruppe stark zusammenhielten und nach außen extrem aggressiv waren.

Den Rest beantworte ich gerne später, ich muss jetzt kurz weg.

denkzone8 13.07.2017 | 12:19

was gewöhnlich alles schluckende leser auch wissen sollten:

aus dem platt-machen der roten flora durch eine afd-ini

ergibt sich ein disput über die weiter-verwendung des grundstücks:

a)ein info-zentrum zum thema:

die stimme gehört in die wahl-urne( cdu auf ini der bertelsmann-stiftung)

b)ein allegorisches denkmal: hamburgia umarmt die demokratie

(mit sound-schleife: freude, schöner götter-funke) der spd,

c) ein wirklich freier markt-platz(selbständige drogisten erstellen die verbots-listen) der fdp,

d) ein mobilisierender thälmann-treff der volks-solidarität

(verleih von segway-rollatoren) der partei der linken.

e) die grünen wollen einfach nur beete für urban-gardening.

-

erftstadtboy 13.07.2017 | 12:20

eine kurze internet-recherche ergab: ian morris ist vertreter des neoevolutionismus, der auf dem evolutionismus des 19.jhd. fusst, also dem menschenbild vom wolf des menschen wolf. im falle von morris auch vom krieg u.a. als motor von frieden und fortschritt (hm). also legitimation von extremer gewalt zum wohle der menschheit, mal wieder. frieden durch krieg.

harari hingegen scheint fast mehr auf meiner linie zu liegen (bzw. ich auf seiner), sieht er die bauerngesellschaft doch als rückschritt und versklavung, letztlich einen holzweg. was er im detail zu welchen aggressiven kleingruppen sagt, konnte ich im netz nicht herausfinden.

http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/eine-kurze-geschichte-der-menschheit-raeumt-mit-einigen-vorurteilen-auf--81218828.html

http://www.deutschlandfunkkultur.de/die-coolness-des-universalhistorikers.950.de.html?dram:article_id=260718

Richard Zietz 13.07.2017 | 12:27

»Man landet schnell im Sympathisantensack.«

In der Tat.

Am Durchdrehen sind derzeit einige. Wolfgang Bosbach schmeisst im Maischberger-Talk die Brocken. Nicht, weil die von Jutta Ditfurth geschilderten Polizeiübergriffe nicht stattgefunden hätten. Sondern vielmehr darum, weil bereits deren Darlegung ein »Angriff auf den Rechtsstaat« ist sowie die oberhalb jeder Kritik stehende Polizei. Längst geht es also nicht mehr um Fakten. Sondern vielmehr um geforderte Staatstreue, deren Grad alleinig an der Bereitschaft gemessen wird, in die verbreitete Hysterie mit einzustimmen. Wobei der Platzverweis, den Maischberger – aus Paritätsgründen! – nach Bosbachs freigewähltem Abgang an Ditfurth aussprach, das aktuelle Zustandsbild nur abrundet.

Dass aktuell beim Überschnappen und Schaum-vor-dem-Mund-Versprühen kein Halten mehr ist, beweist derzeit auch die FDP mit ihrem moralischen Tremolo gegen eine satirische Wahlkampagne der Grünen. Besorgniserregend dabei ist, dass die Medien nicht mehr die Frage aufwerfen, ob Christian Lindner & Kompagnons zu heiß geduscht haben, sondern vielmehr die, ob nun auch die Grünen (!!) in trumpschen Fake-News-Bereichen unterwegs sind.

Ein Volk von Anstandswauwaus, Denunziationsbürgern, Blockwarten, Polizeihelfern und Gartenzwergen. Vorsorglich erkläre ich daher, dass auch ich die drohnenbesorgte Einäscherung von Gemeinden für ein völlig angemessenes Mittel halte, falls straffällige Kaugummiautomaten-Knacker anders nicht mehr dingfest gemacht werden können. Dem Gesetz muß Geltung verschafft werden. Wer da nach Kollateralschäden fragt oder gar Sinn und Nutzen in Abrede stellt, ist selbst ein Verbrecher.

na64 13.07.2017 | 12:43

Dieses Thema ist ein Ping Pong spielen mit den politischen Positionen der Bürger und wenn ich an die Bildzeitung denke, dann führt deren Hetze zu einem Denken das keiner will. Das ist auch Gewalt und Manipulation. Alles was außen Rechts ist ist somit etabliert und die Wahl ist auch entschieden. Jetzt kommt dann ein Mix auf uns zu aus tolaler Überwachung gepaart mit rechten Gedankengut und Kritik, wie auch Meinungen die anders sind, werden als Kleinkriminell bezeichnet. Folgt dann darauf soziale Ausgrenzung und ein neuer innerdeutscher entflammbarer Rassismus, der sich gegen den Nachbar und den Arbeitskollegenrichtet??? Was für Verwerfungen Politik anrichten kann ist schon bemerkenswert. Und wird jetzt die Bildzeitung verboten, wegen Ihrer Hetze in der Öffentlichkeit? Nö, Sie ist ja ein tolles Werkzeug für die C Parteien. Na dann gehe ich jetzt einen trinken und denke an anderen Scheiß.

Michaela 13.07.2017 | 13:10

.... nur die G20? - nur unsere globale Gesellschaft ist strukturelle Gewalt!

Die Fliege wird nicht ins Netz fliegen, oder wird sie ins Netz fliegen, die Fliege - und ja - der Mensch, er ist ja keine Fliege,

der Mensch er würde keiner Fliege ein Leid antun,

würde er nicht,

wenn er ein Mensch wäre,

nur, leider - der Mensch ist ein Phantasieprodukt,

der Mensch hat sich den Menschen ausgedacht,

damit er auf der Erde das Leben ausmacht,

dabei jedoch glaubt,

ein Mensch zu sein,

Leben zu sein,

wo er doch nur der Tod

ist!

luddisback 13.07.2017 | 13:33

das sehe ich anders. er versucht sich als stimme gegen die breit angelegte hysterische berichterstattung, die gerade von allem anderen abzulenken versucht. er tut seinen job als journalist, und ich finde das völlig ok und, in nach endspiel der pressefreiheit riechenden tagen, auch respektabel. schließlich riskiert er zukünftige akkreditierungen und andere schikanen, indem er hier nicht wohlfeil der regierung nach dem maul redet.

ich stimme ihm nicht in allen punkten vorbehaltlos zu, aber das kann auch nicht der maßstab sein in einer debatte.

Moorleiche 13.07.2017 | 13:42

mir erscheint das eher wie die alte, relativierende leier des 18./19.jhds, der mensch ist des menschen wolf, nur um die eigene gewaltaffinität zu legitimieren.“

Mir erscheint das noch anders. Die eine grundsätzliche Frage ist, ob Gewalt zur menschlichen „Natur“, zu seinem Sosein gehört, oder nicht. Ich habe ehrlich gesagt bislang nicht eine Quelle, biologisch, psychologisch, gefunden, die behauptet, dass der Mensch frei von Aggressionen und in der Folge ihrer möglichen Äußerung: Gewalt wäre. (Ein Grund, warum ich schon die Kernthese des Kommunismus für verfehlt halte, mit Freud, gegen Marx.)

Dessen ungeachtet ist es eine andere Frage, ob der Mensch seiner Natur, Biologie, seinem ererbten Sosein ausgeliefert ist und die Antwort lautet: Nein.

So wie die Geschichte der Menschheit eine von Kriegen und Gewalt ist, gibt es immer auch Inseln der Gewaltfreiheit des friedlichen Zusammenlebens von Glaubensbrüdern und -schwestern. Die dürfen sich nur nicht mit anderen überlappen und da Glaubensgemeinschaften (ob religiös, politisch oder sonst einer Weltanschauung folgend), tendenziell missionarisch unterwegs sind (was sich aus der inneren Logik einer mythischen Gemeinschaft implizit ergibt: man ist entspannt wenn alle den gleichen Glauben teilen und angespannt, wenn dies nicht der Fall ist).

gilt heute bei ethnologen und anthropologen eigentlich als widerlegt. selbst die konservative faz schrieb mal, dass kriege und gewaltexzesse erst mit eigentum entstanden sind, weil sie sich ab da lohnten (klassische sichtweise konservativer autoren...wenn sich was lohnt druff).“

Egal wo das stand, es ist Quatsch. Schon Affenhorden führen regelrechte Kriege, denkzone8 hat mir vor wenigen Tagen den Hinweis auf ein Interview mit einem Evolutionsbiologen gegeben, mir ist der Name entfallen, frag ihn bitte mal. Das eben, weil der Affe noch sehr „natürlich“ agiert. Soll hier erst mal nur heißen, dass die große Mutter Natur oder die natürliche Ordnung unsere Rettung nicht ist. Es ist vor allem Michael Tomasello gelungen die Lücke zwischen biologistischen Ansätzen und dem sich hieraus ergebenden, aber darauf nicht reduzierbaren Verhalten der Frühmenschen erklärend zu schließen. Extrem kurz: Aus der Notwendigkeit der gemeinsamen Nahrungssuche ergab sich nicht nur die Fähigkeit zum Teamplaying, sondern es ergaben sich im Individuum auch innere, psychische Strukturen, um Artgenossen über ihren bloßen Nutzen zu wertschätzen, auch dann, wenn sie gerade mal nicht funktionieren. Erste Idealisierungen waren das, die für stabile Beziehungen zuständig sind.

menschen verhalten sich i.d. regel den rahmenbedingungen entsprechend, sie können morden und extrem empathisch/solidarisch sein.“

Korrekt. Menschen können ultrakooperativ – weit mehr als jedes Tier – und ultrabrutal – auch hier mehr als jedes Tier – sein.

es bringt auch wenig "linke" und "rechte" gewaltopferzahlen aufzurechnen.“

Sag ich doch und ist mein Argument gegen verkorkste „linke“ Argumentation, die gerade hier genau das versucht. Gewalt oder noch allgemeiner: ein Unrecht, relativiert im Allgemeinen kein anderes. Darum töten wir keine Mörder und lügen vor Gericht nicht, um Lügner zu überführen. Augstein sagt: Für Randale gibt es keine Rechtfertigung? Richtig. Nur sind die G20 selbst organisierte Gewalt“ und kündigt das mal eben schlank auf. Also nicht so richtig, aber irgendwie auch nicht so nichtrichtig. Eben irgendwie der irgendwie linke Augstein, der oft gut ist, wenn er Zeit zum Nachdenken hat und der auch im Dialog schlagfertig und souverän ist, der aber grauenhafte Wochentexte in Reihe produziert. Mittelstrecke ist nicht seine Distanz.

Was will er denn sagen? Manchmal ist Gewalt in Ordnung? Wenn man willkürlich alles zum politischen Akt umdefinieren kann, wie ist es dann mit dem Massenmord von Breivik? Der sieht seine Tat auch als politischen Akt an. Reicht das? Wer hat die Hoheit über die Deutung? Muss ich jedem Arschloch seine Lippenbekenntnisse abkaufen? Dann auch dem Nazi. Wenn nicht, sollte man mal über den Wert und Unwert von Pseudobergründungen nachdenken. Oh, da fühle ich ein Unrecht, ich muss mal eben ein Haus anzünden um meine emotionales Gleichgewicht wieder herzustellen.

denn linke macht ist weitgehend geschichte, rechtskapitalistische macht nicht. diese behauptet weiterhin steif und fest, menschenrechte/freiheit etc/pp seien antrieb und ziel, verhält sich aber entgegengesetzt.“

Ja, sollte man als Selbstwiderspruch rot markieren und damit jedem der es hören und nicht hören will, auf die Nerven gehen. Aber – siehe oben – ein Selbstwiderspruch rechtfertigt nicht eigene. Ein Selbstwiderspruch ist stets anzuprangern und man ist legitimiert nach Begründungen zu fragen. Genau so wie Aggression zu unserem Sosein gehört, gehören auch Selbstwidersprüche dazu und aufzulösen sind sie nur in dem Sinne, dass man auf ein größeres Ganzes und Gutes verweist, also ein Ideal. Das gibt die Legitimation eigentlich nicht zu lügen, aber … Manchmal ist das der Sprung auf eine neue Ebene der Abstraktion, aber oft ist es eine Nachlässigkeit, ein Rückfall, eine Regression, in der Güteklasse des Augstein Textes kann zumindest ich keinen Fortschritt erkennen.

da muss sich diese machtformation zahlen, die das gegenteil belegen, gefallen lassen, oder aufhören sich mit diesen werten zu schmücken.“

Der Kampf um Werte ist extrem wichtig, ostdeutsche Nazis wollen die gerne für mich schützen, aber ich fühle nicht, dass ich mit ostdeutschen Nazis irgendwelche Werte gemein hätte. Allerdings geht es mit mit Hamburger Linksextremisten auch so.

Michaela 13.07.2017 | 13:47

...noch was zum linken Terror - ich denke Terroristen haben keine politische Agenda im Sinne von Systemwechsel, von prinzipiellem, grundlegendem Systemwechsel.

Terroristen sind schlicht der Gipfel an verblödeter Biomasse, die von cleveren Interessenten auf die Jagd gesandt, ins Spiel gebracht werden - jeglicher Protest in Form von Happening, dem nicht auch eine eigene, ganz persönliche Lebenseinstellung, vor allem Lebensbewältigung zur Seite steht, ist schlicht instrumentalisiertes Geplänkel im System, im globalen, destruktiven System unserer seltsamen, schizophrenen Art.

Jede Art von Terror, jede Art von unmenschlichem Verhalten entlarvt uns, als Unmenschen, wir demaskieren uns in sämtlichen Handlungen, die offensichtlich destruktiv und meist unmittelbar mörderische Auswirkungen zeigen!

Der Mensch ist die Fliege, er ist auch die Spinne - und Fliegen fressen kaum je Spinnen - es sei den, diese ist tod aus dem Netz gefallen - jeder hier kann sich nun zuordnen, zum Fliegenschwarm, dem Fleisch dass die Spinnen nährt, oder glaubt hier einer zu den Spinnen zu zählen?

Ich denke selbst ein Augstein ist eine reudige Fliege, sobald er wirklich lästig wäre, würde ihne schon eine Spinne einweben und genüsslich auslecken - aber halt - ist er nicht eingewoben in den Wohlstandskonkon, wird sein Leben nicht ausgeleckt und sind nicht alle Menschen in den Wohlstandszonen nicht mehr oder minder vollversorgte Leichen im Gewebe, die es nur auszulecken gilbt - ja, sehnen sich die frei fliegeneden Fliegen nicht alle so sehr nach dem Netz, das sie endlich auffängt und ihnen auch diese unglaubliche Geborgenheit schenkt, so ein Leichnam, so ein konservierter, nützlicher Leichnam, Spinnenfutter im Vorratspack.

Was in die Gräber und Krematorien gelegt wird, das sind die ausgesaugten Hüllen.

Aber wem erzähl ich dies - Ihr wisst es doch alle.

Zack 13.07.2017 | 14:14

Nicht, weil die von Jutta Ditfurth geschilderten Polizeiübergriffe nicht stattgefunden hätten. Sondern vielmehr darum, weil bereits deren Darlegung ein »Angriff auf den Rechtsstaat« ist sowie die oberhalb jeder Kritik stehende Polizei. Längst geht es also nicht mehr um Fakten. Sondern vielmehr um geforderte Staatstreue, deren Grad alleinig an der Bereitschaft gemessen wird, in die verbreitete Hysterie mit einzustimmen.

Volltreffer.

War dann Maischsbergers Sendung ein Unfall - mit van Aken und(!) Ditfurth, zwei Linke, die nicht nur ausreden, sondern auch die öffentlichen Narrative angreifen konnten - was gegen alles Wissen und alle Erfahrung solcher PR-Veranstaltungen spricht, oder zeigt das die ersten Risse, nach einer nicht zur aller Zufriedenheit durchexerzierten Aufstandsbekämpfungsinszenierung?

karamasoff 13.07.2017 | 14:30

Wer mit Ditfurth und van Aken gleich zwei Vertreter dessen einlädt, was die politische Rechte in Ermangelung von Vorstellungskraft und Begrifflichkeiten - etwas was sie im Gegenteil zu jenen "Linken", die zumeist nichts mit ihrem Wahlvolk gemein haben, mit ihrem Wahlvolk gemein hat - "linke Positionen" zu nennen gedenkt, kann sich, hinsichtlich des kurzen Zeitabstandes zwischen realem Event und Schwatzbude, den Vorwurf von Inszenierung gefallen lassen.

Die Art und Weise des Ablaufes spricht erst recht dafür, es so zu interpretieren: Siehe Volk, so und nicht anders geht man mit Linken sachgemäß und sauber um! Im TV entsorgen, auf der Straße BUMM.

Zack 13.07.2017 | 15:18

Alles abgesprochen? Bosbach macht die angepisste Leberwurst und Ditfurth wird das Schwarze Peterle verpasst und TV-mäßig öffentlich gerichtet? Weiß nicht, Bosbach war wirklich angepisst und nicht nur er allein, auch der CDU-Bulle und die SPD-Tussi (wer der Choleriker neben v. Aken war, keine Ahnung) alle hoch emotionalisiert. Falls die Hinrichtung Ditfurths beabsichtigt war, und zuzutrauen ist das den Machern ja, wäre das nach hinten losgegangen. Allerdings war der Versuch von M., Dithfurth als böse Verursacherin für Bosbachs Auszugsentscheidung rauszuwerfen zugegebenerweise auffällig unprofessionell, durchschaubar, willkürlich und einigermaßen dämlich. Außer van Aken, legten alle, incl. die scheußliche Moderatorenzicke, einen ganz schlechten Auftritt hin (auch wenn Ditfurth viel richtig stellte).

Richard Zietz 13.07.2017 | 15:23

»Ditfurth war klasse, fand ich. Aber seit wann ist die bei Ihnen beliebt. :-)«

Keine Sorge; Ditfurths »Beliebtheit« steht bei mir auf relativ unverändertem Kurs.

Grundsätzlich allerdings halte ich Fragen der Sympathie für wenig geeignet, politische Positionen zu beurteilen. Beispiel: Martin Schulz. Verglichen mit anderen aus der üblichen Funktionsträgerriege sicherlich ein sympathischer Zeitgenosse – empathiefähig, humorvoll, einer der das Leben kennt (und auch zu genießen weiß). Aber politisch – machen wir uns über diesen Schmalspur-Danton, der die Lippen spitzt, aber nicht pfeift, besser nichts vor.

Moorleiche 13.07.2017 | 15:32

"Ein Volk von Anstandswauwaus, Denunziationsbürgern, Blockwarten, Polizeihelfern und Gartenzwergen. Vorsorglich erkläre ich daher, dass auch ich die drohnenbesorgte Einäscherung von Gemeinden für ein völlig angemessenes Mittel halte, falls straffällige Kaugummiautomaten-Knacker anders nicht mehr dingfest gemacht werden können."

... und drehst das Hysterierad fröhlich weiter.

denkzone8 13.07.2017 | 18:03

xxx breath-taking news xxx : unter uns einsicht-suchenden:

bin durch einen schlauen zufall

auf einen atem-beraubenden artikel

über die fünfte (körperliche) gewalt,

ihre inszenierte wirkung auf dritte,

und die aporien linker kapitalismus-kritik gestoßen worden:

soziologie-prof.: armin nassehi,

eine linke braucht es nicht mehr(irreführende überschrift).

die formeln der kapitalismus-kritik sind leer geworden.

in: ZEIT vom 13.7.

die irreale hoffnung, daß durch lektüre sich viel überflüssiges gequake erübrigt, behalte ich für mich....

aber man kann eine stufe höher kommen...

lebowski 13.07.2017 | 19:28

Die Sache mit dem Auto und den darin eingebauten Rohstoffen ist ein interessanter Hinweis. Bleibt zu hoffen, dass alle Randalierer mit Öffis angereist sind, um sich das Recht zu erwerben, derart zu Tat zu schreiten.

Es gibt aber böse Stimmen, die behaupten, bei den Randalierern handelt es sich im wesentlichen um die verkommene Brut der Baby-Boomer-Generation, die mit 18 von Daddy ihr erstes Auto geschenkt bekommen.

Aber man soll nicht kleinlich sein. Man kann ja mal als Fazit festhalten: wir haben nicht den Kapitalismus, wir sind der Kapitalismus.

apatit 13.07.2017 | 19:47

"schon eine Verharmlosung" ... aber hier auch ...ODER?

Mal ganz naiv festgestellt, wenn nach und nach Nazis Leute in Deutschland ermorden 180-200 , es gibt ja keine Zahlen weil jeder seine Statistik führt … wo war da der gesamtgesellschaftliche Aufschrei und die Debatte? Und hier spricht man schon wieder von linken Terrorismus? Das ist mir nicht nur zu hoch sondern auch zu durchsichtig!

ODER gibt es da eine pol. gewollte andere Betrachtung?


roswitha 13.07.2017 | 20:06

Die Kritikpunkte der Foristen sind mir nicht ganz nachvollziehbar. Augstein sagt an keiner Stelle, dass das Agieren der Demonstranten gerechtfertigt sei. Er kritisiert aber zurecht die Tatsache, dass sich das Narrativ der als Gefahr anzusehenden Linken durch die Medien in das Bewusstsein aller schreibt, ohne das Ganze in den Kontext des G20-Treffens zu setzen. Das vereinfacht die Problematik auf unredliche Weise, da die G20er ihrerseits eine strukturelle Gewalt ausüben, die wir als alle in diesem System Lebenden mehr oder weniger unbewusst mittragen, die aber durch den schönen Schein der gepflegten Äußerlichkeit und des scheinbar harmlosen Konsumierens überdeckt wird. Mitnichten rechtfertigt er damit irgendeine Gewalt, sondern kratzt an unseren biederen Träumen, dass diese Gewalt nichts mit uns zu tun hat.

Was mir fehlt, ist eine genauere Recherche, wer die Demonstranten bzw. die Gewalttäter wirklich waren. Da hilft eine auf den nachdenkseiten veröffentlichte Darstellung mehrerer Geschäftsinhaber aus dem Schanzenviertel, die von der Gewalt selber betroffen waren. Ihren Aussagen nach waren die Gewalttäter nicht Linke aus dem schwarzen Block, sondern betrunkene junge Männer, die ähnlich wie Hooligans bei einem Fußballspiel eher auf ihre Chance warteten, ungehindert dreinschlagen zu können, Anlass egal.

koslowski 13.07.2017 | 20:18

Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren. – Das ist wohl so und verweist auf ein politisches Dilemma für die, die sich als irgendwie links verstehen:

Es mag Ihnen, Herr Augstein, gelingen, Ihren Zorn über Ihr abgefackeltes Auto zu kontrollieren, indem Sie die vermummten Täter als Instrumente der Rache der Geschichte an uns Mitläufern der strukturellen Gewalt des "Weltmachtsystems " begreifen. Dem abgefackelten Familienvater aus Ottensen geht diese strukturelle Gewalt am Arsch vorbei. Er will, dass der Staat ihn und sein Eigentum schützt. Dieser Wunsch ist legitim. Er wird Linke, die ihm vorwerfen, er mache sich schuldig am Elend der Welt, indem er durch Untätigkeit und Anpassung ein falsches System toleriere, ignorieren und beifällig klatschen, wenn diese - vielleicht für lange Zeit - in die politische Bedeutungslosigkeit sinken.

janto ban 13.07.2017 | 20:57

|| Und hier spricht man schon wieder von linken Terrorismus? ||

Wer spricht von linkem Terrorismus..? Ich aber bestimmt nicht. Ich spreche von linker Saudämlichkeit, sich zum wiederholten Mal nicht von (links- bis rechts)extremer Gewalt distanzieren zu können/wollen. Es hätten Putins vollrechtsradikale Höllenhunde höchstpersönlich durch Hamburg toben können, da hätte Augstein noch nicht wissen wollen, wie der Hase läuft.

Dabei ist es so einfach. Alleiniger Verlierer dieser ganzen Sache, von "Welcome to Hell" bis zur real existierenden Hölle von Hamburg, ist die pol. Linke. Und das finden hier offenbar alle totaaal dufte. Was mich - natürlich - nicht mehr wundert. (Rechts)Radikale, die stellvertretend kriegerisch für die "friedliche Linke" das System ficken, das ist der sog. Ukraine-Konflikt in klein.

Zack 13.07.2017 | 21:00

Was die Zerstörungen der meisten Läden angeht war das wohl auch so.

Bei den dubiosen - weil zweistündig und ungestört - Autoverbrennungsaktionen u.a. in Ottensen, ist es noch völlig offen wer das war.

Ihren Aussagen nach waren die Gewalttäter nicht Linke aus dem schwarzen Block, sondern betrunkene junge Männer.

Was die Stör- und Abwehrmaßnahmen gegen den gezielt und zweckmäßig eingesetzten Terror der Polizei angehen, Barrikaden und Steine, war das nicht so.

sch123 13.07.2017 | 22:15

Es ist nicht alles am Westen scheiße, der Chauvinismus schon.

Und eine Alternative können wir glaube ich gar nicht so recht denken aus unserer Box heraus.

Wenn man den Bogen jetzt ganz weit schlagen wollte würde ich sagen, man hätte (auf D bezogen) nach der Wende darüber nachdenken können, wie man die Stärken beider Systeme optimal verbinden könnte und wie man leben möchte als Gesellschaft. Naja, irgendwie off-topic so langsam...

miauxx 13.07.2017 | 23:30

"Er kritisiert aber zurecht die Tatsache, dass sich das Narrativ der als Gefahr anzusehenden Linken durch die Medien in das Bewusstsein aller schreibt, ohne das Ganze in den Kontext des G20-Treffens zu setzen."

"In den Kontext des G20-Treffens" setzen heißt dann hier aber eine Befürwortung von Gewalt - oder auch das Überschreiten dessen, was noch unter ziviler Ungehorsam läuft -, auch wenn Augstein eine so explizite Aussage freilich umschifft. Auf Twitter war er da vor ein paar Tagen noch deutlicher. Der Wunsch nach einem "so hoch" wie möglich "getriebenen Preis" für G20-Treffen meint sicher nicht den "friedlichen, bunten und kreativen Protest", in dessen Befürwortung sich die gesamte Politik von SPD bis CSU sonnt. Mit dem Verweis auf die Straftat, für die jeder 'Sachbeschädigende' selbst in Verantwortung stehe, versucht sich Augstein nur vor dem "Sympathisantensack" zu retten, auf den er ja selbst verweist.

"Ihren Aussagen nach waren die Gewalttäter nicht Linke aus dem schwarzen Block, sondern betrunkene junge Männer, die ähnlich wie Hooligans bei einem Fußballspiel eher auf ihre Chance warteten, ungehindert dreinschlagen zu können, Anlass egal."

Das halte ich auch zu einem großen Teil für wahrscheinlich. Wer ähnliche Anlässe in den bekannten Großstädten schon selbst erlebt hat, weiß, dass sich jede Menge Volk allein des Abenteuers wegen an Demos und "Schwarze Blöcke" dranhängt.

SigismundRuestig 13.07.2017 | 23:31

Eine G20-Parabel:Ein langjährig tätiger, etwas ausgebrannter Zirkusdirektor will mit einem neuem Zirkusprogramm seinen nachlassenden Ruf mehren. Lange vorbereitet, weltweit beworben, gibt er eine mit internationalen Stars besetzte Raubtier-Show, durchsetzt mit einigen Clowns-Nummern. Die zahlreich aus aller Welt angelockten Zuschauer sind höchst unzufrieden und zerstören das Mobiliar im wunderschönen Zirkuspalast. Der Zirkusdirektor aber lobt die Show und auch sich selbst, weil er die jetzt kritisierten Unzulänglichkeiten der Show ja so vorhergesehen und auch in einem Abschlußbericht so notiert habe. Gleichzeitig lässt er seine Zirkushunde von der Leine und seine Zirkusfamilie mit den Fingern auf den Hausmeister zeigen, der einzig und alleine schuld an den Gewaltexzessen trage - schließlich ist er ja der Hausmeister. Nur der Hausmeister entschuldigt sich für die misslungene Show, will aber partout nicht zurücktreten!
Diverse Schlauberger haben herausgefunden, dass die Zuschauer wohl extremistische Gegner von Tierdressuren waren, weshalb alle Parteien, die derartige Meinungen auch unterstützen, bis September 2017 öffentlich an den Pranger gestellt werden.
Aufgrund von Hinweisen von befreundeten Auslandszirkussen wurden zudem von den zahlreich angereisten Journalisten diejenigen ausgesondert, die schon einmal als Tierdressuren-Gegner aufgefallen waren. Die Circus-Clowns sind damit beschäftigt, dies der interessierten, der Pressefreiheit zugetanen Öffentlichkeit zu vermitteln. D.h. der Zirkus geht weiter.
Unterdessen ist der Zirkusdirektor mit der Vorbereitung einer neuen Zirkus-Show beschäftigt, die ab Ende September zum Thema "Sie kennen mich - auf Ihren Wählerstimmen lässt es sich gut ruhen" gegeben werden soll.Es sind Wahlkampfzeiten:https://youtu.be/dOa-fcp74uU

janto ban 13.07.2017 | 23:45

|| Die fortgesetzten Versuche aus den Reihen von Politik, Polizei und Verfassungsschutz, Aktivist*innen [sic!, Anm.] aus Hamburg fernzuhalten, haben nicht gefruchtet. Auch für das Vorbereitungsbündnis war in den letzten Tagen nicht abzuschätzen, wie stark Einschüchterungsversuche und Stimmungsmache, das Hickhack um die Camps, die Kontrollen und Einreiseverbote unsere Mobilisierung beeinträchtigen würden.

Diese Rechnung ist nicht aufgegangen und es hat sich heute Nachmittag und Abend gezeigt, dass mittlerweile tausende Aktivist*innen [sic!, Anm.] in Hamburg angekommen sind. Diese werden – so wollen wir hoffen – in den nächsten beiden Tagen dafür sorgen, dass wir Bilder eines wirksamen Protests und Widerstandes zu sehen bekommen, andere Bilder als die von der Auflösung der Welcome to Hell-Demonstration. ||

aus der Presseerklärung des Bündnisses „Welcome to Hell!“ vom 06.07.17, Anmerkungen und Unterstreichung von mir

Und dann empfehle ich das STATEMENT DES QUEER FEMINISTISCHEN BÜNDNIS / FLTI* BLOCK ZUR BULLENGEWALT AUF DER VORABENDDEMO

|| Die G20 stehen für ein Weltmachtsystem, in dem acht Menschen ebenso viel besitzen wie 3,7 Milliarden. Diese Zahl ist der Inbegriff schierer Gewalt. ||

Richtig. Und Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Aber armer, armer Augstein. Schau, mit was für einem Gesocks Sie sich solidarisieren. Und mit was für dämlichen Mitteln. Urlaubsflugreise schon gebucht..? CO2-Bilanz schon gecheckt, Gewalttäter..?

|| Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren. ||

Wer ist "wir"..? Und ist das als Bitte zu verstehen..? Soll ich meine Kontonummer angeben oder lieber jemanden schicken, der Ihnen eine Gewalterfahrung zuteil werden lässt. Oder muss mir jemand geschickt werden..?

Der Kommentar nur, um meiner Fassungslosigkeit noch mal so richtig Ausdruck zu verleihen. Ich hoffe, es ist mir gelungen.

miauxx 13.07.2017 | 23:52

Aber auch die bürgerliche Sicht steht gewissermaßen vor einem Dilemma. 1789 etwa mag in den Lesezirkeln und Gebildeten-Salons seine humanistischen Vordenker gefunden haben - aber ohne Bastille-Sturm, Barrikaden und halt auch militanten Aufruhr hätten wir vielleicht auch immer noch monarchischen Absolutismus ...

Meinungs-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit sind ohne Zweifel nicht hoch genug einzuschätzende Rechtsgüter. Aber wir haben eben auch die Situation, dass die Politik unserer übersatten Gesellschaften, in denen es ja doch auch immer mehr knirscht, diese Meinungsäußerungen, Demonstrationen usw. einfach und völlig folgenlos absorbiert. Es scheint zu genügen, dass die Leute auf der Straße ihre Meinung sagen dürfen. Es interessiert politikseitig aber buchstäblich nicht. Die größte Angst besteht gerade noch darin, dass das Wählerkreuz an der falschen Stelle oder gar nicht markiert wird. Dementsprechend werden etwaige Begehren allerhöchstens zu Wahlkämpfen aufgegriffen. Wie ernst/konsequent diese, so "man" gewählt wurde, wieder aufgenommen werden, ist bekannt.

Man muss doch den Eindruck haben, dass die "demokratisch-freiheitlichen Grundrechte" gerade nur noch in und zur Kontrastziehung zu Ländern, wo sie so nicht bestehen, hochgehalten werden.

sch123 14.07.2017 | 00:16

Mein Gott, Sie kriegen sich aber auch gar nicht mehr ein was?

Was ist denn an dem verlinkten Statement jetzt so skandalös? Dass die sich über Polizeigewalt ärgern, oder dass sie von "Bullen" sprechen?

Mit "Gesocks" zeigen Sie dann ihrerseits wes Geistes Kind sie sind. Jetzt müssen sie denen nur noch ihre Grund- und Menschenrechte absprechen, ah, sorry, war ja an anderer Stelle bereits geschehen, ein bisschen Links-, Rechts- und islamistischen Extremismus (ermordeter Ausländer, LKW in Menschenmenge, brennendes Auto bitte selber sortieren) durcheinanderrühren und Sie sind voll auf Linie mit den ganzen anständigen aufrechten Deutschen, die Gewalt und Rechtsverstöße ganz furchtbar ablehnen, geradezu traumatisiert und fassunglos sind, aber eigentlich über Gewalt nur reden und nachdenken wollen wenn sie von "links" kommt.

sch123 14.07.2017 | 00:30

Und Sie können mir glauben: ich lehne diese linke Gewalt durchweg ab, ich halte sie für völlig sinnlos und schädlich.

Aber sie widert mich nicht halb so sehr an und gruselt mich nicht ansatzweise so sehr wie die Reaktion der Reaktion, die Gewaltfantasien und Autoritätssehnsüchte der aufrechten Deutschen.

Der autoritäre Charakter wie er im Buche steht...

Richard Zietz 14.07.2017 | 06:02

«Aber wir haben eben auch die Situation, dass die Politik unserer übersatten Gesellschaften, in denen es ja doch auch immer mehr knirscht, diese Meinungsäußerungen, Demonstrationen usw. einfach und völlig folgenlos absorbiert.«

Folgenlos im allerwortwörtlichsten Sinn. Die – friedliche – Demo am Samstag mit über 70.000 (!!) Teilnehmer(innen) war in den Medien eine Randnote (beim zdf wurde ihr Stattfinden gleich komplett unterschlagen); die Zahlen-Kapriolen, um die Teilnehmermenge nach unten zu rechnen, zum Teil aberwitzig.

Darüber hinaus kann aktuell von einer »Meinungsfreiheit« – also Pluralität der Meinungen – nicht die Rede sein (siehe auch hier). Fakt ist allenfalls, dass die von einer breiten Koalition von rechtskonservativ bis SPD/Grüne-Mainstream erpresste Meinungsuniformität von einem Teil der liberalen Medien und Meinungsträger (darunter, löblich, Freitag-Verleger Jakob Augstein) nicht mitgetragen und durch eine tendenziell durchaus heterogene Berichterstattung unterlaufen wird. Das ist ein Hoffnungsschimmer; wie weit er trägt, muß man sehen. Gut möglich, dass zumindest der kritische Teil der schreibenden Zunft hier erkannt hat, dass die Basics mittlerweile zur Disposition stehen.

Fazit: Mit einem Fuß stehen wir derzeit bereits in einem von interessierter Seite herbeigeredeten (um nicht zu sagen: herbeigeknüppelten) Staatsnotstand. Die Gründe liegen auf der Hand: der sinnlose, verpulverte Gipfel, der Ausnahmezustand und die massiven Übergriffe zu dessen Durchsetzung, die auch in der normalen Bevölkerung weitverbreitete Unzufriedenheit mit dieser Veranstaltung. Exakt diese Stimmung ist es nunmehr, die ausgebrannt, aus dem Gedächtnis getilgt werden soll – indem man einen kollektiven Feind herbeischreibt, eine tatsächliche Diskussion über das, was vorgefallen ist, unterbindet, Kritikverbote verhängt und das Auf-Linie-Bringen unbotsamer Medien durch gezielte Akkreditierungs-Entzüge forciert.

Alles in allem kein Klima, dass für eine echte Aufarbeitung förderlich ist.

gelse 14.07.2017 | 08:14

>>Krankenversicherung für alle gut oder schlecht?<<
Kurz, um nicht allzu „offtopic“ zu werden:
Eine gesetzliche Krankenkasse, in der Alle pflichtversichert sind und die von jedem Einkommen einen bestimmten Prozentsatz als Beitrag einzieht könnte die Leistungen gegenüber den derzeitigen KK verbessern und gleichzeitig den Beitragssatz absenken. Natürlich würden Einige jammern, weil bei sehr hohem Einkommen der Beitrag höher wäre als was sie jetzt für die Privatversicherung ausgeben und das Privileg der Bemessungsgrenze wegfiele. Objektiv gesehen wäre aber niemand benachteiligt, weil Alle den gleichen Satz ihres Gesamteinkommens bezahlen würden.
Als Alternative wurde auch schon mal über ein steuerfinanziertes Gesundheitswesen diskutiert.
Es sind Vor- und Nachteile beider Vorschläge sorgfältig abzuwägen.

>>Ist nun die Familie ein Fluch oder Segen?<<
Eine Entgrenzung der Kleinfamilie könnte für einen Teil der Kinder vorteilhaft sein, im Sinne „freie Entfaltung der Persönlichkeit“. Dieses Grundrecht geniessen nicht alle Kinder gleichermassen. Die Diskussion dazu wäre zu komplex, um hier geführt zu werden und müsste wahrscheinlich eine Generation lang andauern.

>>Gewalt als Mittel der Kommunikation okay oder zu verdammen?<<
Kurzkommentar dazu: Gewalt kann kein Mittel einer Kommunikation sein, sondern nur ein Mittel der Durchsetzung bzw. des sich Wehrens.
Gewalt als Entladung von Spannungen wäre davon gesondert zu betrachten, weil nicht zielgerichtet.

gelse 14.07.2017 | 08:43

>>Man muss doch den Eindruck haben, dass die "demokratisch-freiheitlichen Grundrechte" gerade nur noch in und zur Kontrastziehung zu Ländern, wo sie so nicht bestehen, hochgehalten werden.>>
Also Abgrenzung von Staaten, die offen autoritär regiert werden, während hierzulande die autoritäre Herrschaft noch, aber immer weniger, verschleiert wird.
Die Verschleierung besteht aus zwei Ebenen:
1) „Du darfst ruhig mal Deine Meinung sagen (sie interessiert uns eh nicht).
2) Die steile These, Machtfunktionäre wie Politiker und Manager seien „die Mächtigen“. Auch gegen die offen zutage liegende Erkenntnis, dass diese Spitzen der Funktionärshierarchie ausgetauscht werden können ohne dass sich irgendetwas ändert, wird diese Legende immer weiter erzählt und eifrig nachgeplappert.

gelse 14.07.2017 | 08:49

>>Aber armer, armer Augstein. Schau, mit was für einem Gesocks Sie sich solidarisieren. Und mit was für dämlichen Mitteln. Urlaubsflugreise schon gebucht..? CO2-Bilanz schon gecheckt, Gewalttäter..?<<
Keine Ahnung, wie CO2-Bilanz und Rohstoffverbrauch des Verfassers des obigen Artikels aussieht. Ich empfehle, den Artikel ohne Vermutungen darüber zu lesen und den Inhalt zu berurteilen.

...

apatit 14.07.2017 | 08:59

"Es hätten Putins vollrechtsradikale Höllenhunde höchstpersönlich durch Hamburg toben können, da hätte Augstein noch nicht wissen wollen, wie der Hase läuft."

Sie merken es einfach nicht! Das sind genau die Sätze wie Putin usw. von den Doppelmoralisten und Brunnenvergifter von Heute und dann noch “Gesocks“ usw. Denken SIE die Leute sind so blöde um nicht zu merken – Es geht nur noch um Profit und Interessen und da wird eben mal die Oma in Pakistan von einer US Drohne im Gemüsebeet weg-gebombt - das ist dann ein chirurgischer Unfall oder wenn Frau Merkel mit den “Kopfabhackern“ in der Elbphilharmonie der leichten Muse lauscht … dann ist das Politik auf höchsten Niveau??? Ich würde mit Schimpfwörtern vorsichtiger sein, erinnert mich aber an gewisse Stammtischgespräche von den sogenannten “Gutbürgerlichen“ … nach dem 3. Pils!

denkzone8 14.07.2017 | 10:12

das konservative element in der empörung

(in der frz.rev. und anderswo)

hat im progressiven kontext eine oft übersehene funktion.

auch die staatlich nicht gezähmte 5.gewalt der zivilen, privaten,

willkürlichen, körperlichen, unmittelbaren gewalt,

die als tätige propaganda diskursive wege abschneidet,

produziert evidenzen,die, an dritte adressiert(wie der terror) atem-los macht, durch kürze fasziniert

und ausdauer-verlangende bemühungen

scheinbar überflüssig macht.

sch123 14.07.2017 | 10:50

Warum wir keine Alternative denken können?

Weil wir total und von Kindesbeinen an vom spätkapitalistischen System und -modell vereinnahmt sind. Nicht nur in unserem Denken, in allen Aspekten unseres Seins inkl. soziale Beziehungen, Erlebnisse usw...

D.h. mit kritischem Denken können wir ahnen, dass es eine Alternative geben muss, aber nicht wie diese aussehen könnte. Weil wir uns gar nicht komplett frei machen können von unserer Vereinnahmung, mal ganz zu schweigen von unserem Ethnozentrismus.

Moorleiche 14.07.2017 | 11:31

Kapitalismuskritik ist doch aber genau so ein Ansatz, der das tut, was angeblich nicht geht. Es macht mich immer halbwegs fassungslos wie schnell wir uns mit der Erklärung abspeisen lassen (und damit gleichzeitig instrumentalisieren lassen!), dass wir gar nicht anders denken können, als z.B. in den Denkgrenzen des Kapitalismus.

Zu anderem als mehr Urlaub, Geld oder Rente seien wir nicht fähig. Dabei fliegen uns die Alternativkonzepte vom BGE, einem Kloster, der flotten Ökokommune als konkreter Ansatz oder in der Philosophie Konzepte eines ganz anderen Denkens dooch geradezu im Tiefflug um die Ohren.

Es ist doch ein linkes Eigentor, wenn man sich unablässig mit dem Neoliberalismus (der bereits ein küstlicher Kampfbegriff ist und eigentlich was völlig anderes meint) beschäftigt und sich dann wundert, dass man davon nicht weg kommt.

Die Psychologie ist da längst weiter. Man hat die Wahl sich einem System zu unterwerfen oder es für sich zu nutzen. An 1000 Ecken kann man aus dem System aussteigen, Sand im Getriebe sein, aber es wird genug Bereiche geben in denen man mit dem System auch einverstanden ist Das darf man sein. Freiheit heißt auch, sich nicht schwarz oder weiß zu machen, sondern die sich dazwischen zu positionieren. Nur Fundamentalisten sagen, dass man ganz oder gar nicht sein muss.

Moorleiche 14.07.2017 | 11:36

Kann man machen, aber ich glaube, dass das "Vor" beim Vorurteil auch zeitlich zu sehen ist. Wie bei Kahnemann. Das schnelle Denken ist für vieles sehr gut geeignet, aber zuweilen kommt man bei den gründlichen Analyse zu anderen Ergebnissen. Wir haben beides drauf, das hat damit zu tun, dass in uns zwei Kommunilationssysteme miteinander verbacken sind, das Affektsystem (was ein Motivations- und vor allem Kommunikationssystem ist) und unsere Sprache. Beide sind inzwischen so tief ineinander verwachsen, dass man sie nicht mehr trennen kann.

sch123 14.07.2017 | 11:38

Gewalt, Widerstand, Militanz etc. kann man als vernünftiger Mensch eigentlich nicht fundamental ablehnen, Sie bringen das Beispiel Frankreich, bei den USA ist es das Gleiche, und tatsächlich wird in keinem Land ja Gewalt so tabuisiert in Debatten wie in Deutschland, was bei genauerem Hinsehen schon sehr merkwürdig ist.

Militanz und Widerstand grundsätzlich ablehnen würde bedeuten, dass man es hinzunehmen hätte wenn der Staat z.B. befehlen würde alle Homosexuellen zu denunzieren und zu inhaftieren, bzw. weniger drastisch und überspitzt, dass jegliches politische System für alle Ewigkeit hinzunehmen wäre.

D.h. der empörte Bürger lehnt nicht Gewalt und Militanz ab, er verteidigt das Gewaltmonopol des deutschen Staates, den er dementsprechend über alle Zweifel ausreichend erhaben sieht.

Dass die Gewalt und Militanz im Rahmen von G20 größtenteils abzulehnen ist, liegt ja nur daran dass sie ihre eigene Ohnmacht nicht wahrhaben will und daher sinnlos, ziellos und eventuell gar kontraproduktiv ist. Von Letzterem (dass sie kontraproduktiv ist) beginne ich mich gedanklich zunehmend zu verabschieden angesichts des gleichermaßen bedrückenden aber auch lehrreichen reaktionären Gegenschlags.

Wolfbert 14.07.2017 | 12:10

Sehr treffender Kommentar von Augstein, finde ich.

Die strukturelle Gewalt stützt sich meist auf tatsächliche.

Auf tagesschau.de gab es gestern folgende Meldung:

Regierung genehmigt Exporte - Wieder Waffen für Saudi-Arabien

Da wollte ich folgenden Kommentar abgeben:

„Verbindung zu Hamburg:

Irgendwo im Internet gefunden:
>Die einen zünden die Welt an, die anderen Autos - Lasst uns also über die Autos reden!<
Um Missverständnissen vorzugreifen: das ist keine Rechtfertigung für Gewalt auf Demos!“

Der Kommentar ist nie erschienen:

"Der Kommentar wurde von der Moderation nicht freigegeben"

Versteht man das?

denkzone8 14.07.2017 | 12:16

das konzept der offenen gesllschaft(popper) im gegensatz zur

totalitären: ist grobschlächtig.

aber die idee des unblutigen macht-wechsels

mittels des stimm-zettels,

die auch eigentums-beschränkungen zu- läßt,

hat viele aus guten gründen auf ihrer seite.

die ächtung offener, unverhüllter, rechtfertigungs-unwilliger gewalt -

auch staatlicher(bei abschiebungen, vor-die-tür-setzen etc.)

ist eine sozio-kulturelle errungenschaft, die sich nicht durch verweise auf andere zwänge de-legitimieren lassen sollte.

oder?

Moorleiche 14.07.2017 | 12:30

Ich verstehe das. Sie stecken argumentativ in der Mitte fest.

Was wollen SIE sagen? Ich könnte Sie ja so interpretieren: Boah, das Schweinesystem unterstützt wieder mal die blöden Saudis. Ich koche, nicht zum aushalten. Ich muss ein Auto oder Haus anzündeen, dann geht's mir wieder gut.

Wer brennende Autos zu politischen Statements hochjazzen will, muss erklären, warum das für brennende Flüchtlingsheime nicht gelten soll.

Und das kann er nicht.

Exilant 14.07.2017 | 12:42

Die schlimmste Art von Gewalt ist Krieg und Terror. Wer Waffen produziert und exportiert, duldet es, daß Krieg geführt wird.

Selbstverständlich sind Unterdrückung, Ausbeutung, Spekulation auf Rohstoffe, u.ä. auch ungeheure Gewalt.

Die häufigste Form von Gewalt hierzulande ist die Alltagsgewalt, d.h. Rassismus, andere Diskriminierungen rechtsextremistischer Art (Diskriminierungen können nie links sein) oder Mobbing, Stalking, "Ellenbogengesellschaft", Nötigung durch aggressives Auto- und Radfahren, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Rechtsstaat ist teilweise ausgehöhlt und existiert bei Recht auf Unterkunft in keinster Weise und verstößt gegen Grund- und Menschenrecht (auch der europäische Charta aus dem jahre 2000). Wenn ich lese, was eine Stadträtin in Berlin zur Privatsphäre schreibt, schlackern einem die Ohren.

Denn es ist auch eine besondere Form der Gewalt: Unterkunft zu verweigern, es sei denn, man läßt sich diskriminieren. Das verbot der Sippenhaft ist faktisch aufgehoben. Und Nazis als Aufpasser. Ich habe in den letzten Jahren nur selten eine warme Mahlzeit zu mir nehmen können. Warum? Weil zu mir als einem Imbiss das Geld nicht reicht. Und die Tagesstätten für Wohnungslose dürfen faktisch nur Behinderte, Nicht-Erwerbsfähige, vor allen Dingen Fremde und Rechtsextremisten, nicht jedoch Erwerbsfähige, wenn sie nicht rechtsextremistisch denken. Auch dies eine Form von Gewalt.

Moorleiche 14.07.2017 | 12:58

Der Kontext ist willkürlich und erzwungen. Weil es irgendwo auf der Welt Gewalt gibt und ich das nicht ertragen kann, ist es eine legitime Reaktion Gewalt auszuüben?

Was, wenn der Nächste das nun nicht ertragen kann? Gewalt erzeugt Gewalt, nicht wahr?

Das was strukturelle Gewalt genannt wird, ist nicht selten der Versuch allumfassende Gewalt einzusämmen, durch höhere Instanzen und versuchsweise Monopolisierung.

Metambigo 14.07.2017 | 13:34

Ich halte Augsteins Ansatz nicht für willkürlich und erzwungen, sondern für (diesmal) leicht nachvollziehbar. Denn er meint nicht irgendeine abstrakte Gewalt, die "irgendwo in der Welt" (ohne unser Zutun) geschieht.

Sondern jene, an der wir durch unseren Lebensstil und der (zumindest!) Duldung unserer politischen Entscheidungsträger direkt oder indirekt beitragen.

Und er "legitimiert" Gewalt als Gegenreaktion nicht, sondern stellt sie in einen diesbezüglichen - und damit erklärend/verstehbar machend - Kontext, der selbige oft erst generieren tut.

sch123 14.07.2017 | 13:59

Richtig, die Zeiten in denen eine positive Veränderung aus einer gewaltsamen Machtübernahme resultierend denkbar ist sind längst vorbei. Abgesehen davon dass die Machtübernahme angesichts der Über-Macht des Staates ohnehin völlig ausgeschlossen ist --> s. Ohnmacht.

Die andere Seite ist, dass das spätkapitalistische System geradezu in Perfektion Störungen absorbiert und Frau Merkel ist vielleicht eine gar nicht so untreffende Personifizierung. Sprich, Wahlen werden sicherlich nichts ändern.

Diese Ratlosigkeit muss man halt erstmal aushalten und so stehen lassen. Der vielversprechendste Hebel für allmähliche Veränderung ist vermutlich das Subjekt?

Das gilt jedoch leider für Änderung in jedwede Richtung, wie wir in den letzten Jahren geradezu mustergültig erleben dürfen. Nicht verzweifeln, kritisch bleiben. Oder so?

koslowski 14.07.2017 | 14:04

ohne Bastille-Sturm, Barrikaden und halt auch militanten Aufruhr hätten wir vielleicht auch immer noch monarchischen Absolutismus ... – Das wohl nicht. Bürgerliche Gesellschaft, Kapitalismus, konstitutionelle Monarchie und Republik wären auch ohne Marktweiber gekommen. Deren Militanz war Ausdruck und Katalysator eines grundlegenden politisch-gesellschaftlichen Wandels. Welche historische Funktion hat die Gewalt der Schwarzen Blocks in Hamburg? Vielleicht markiert sie den Anfang vom Ende des „Weltmachtsystems“? Warten wir es ab. Inzwischen scheint sie in Deutschland eher Ausdruck des politischen Scheiterns der Linken und Katalysator für die Rückkehr rechter Dominanz zu sein.

sch123 14.07.2017 | 14:08

Differenzierung ist immer gut. Sich keine Illusionen über die Totalität der Vereinnahmung zu machen möchte ich auch nicht als Resignation missverstanden sehen.

Man kann "ist ja nicht alles schlecht" aber als genauso resignativ auffassen wie "wir können halt nicht anders".

So war es aber wie gesagt auch überhaupt nicht gemeint, sondern in dem Sinne, dass echtes kritisches, emanzipatorisches Denken sich seiner Grenzen erstmal bewusst werden muss, um diese dann ggf. überwinden zu können. Zumindest manchmal und teilweise. Und zu diesen Grenzen gehört auch die totale Vereinnahmung unseres gesamten Lebens durch die kapitalistische Ideologie. Ich würde den Aufwand nicht unterschätzen, da überhaupt erstmal auszubrechen über ein bisschen "netteren" Kapitalismus hinaus...

gelse 14.07.2017 | 15:19

>>Ich würde den Aufwand nicht unterschätzen, da überhaupt erstmal auszubrechen über ein bisschen "netteren" Kapitalismus hinaus...<<
Beim Traum vom "netten Kapitalismus", einem "Kaputtalismus mit menschlichem Antlitz", nett wenigstens in den Zentren, schwingt eine Menge Kaltkriegsnostalgie mit: Die Zeit, in der den Untertanen Zugeständnisse gemacht wurden (während fernab, in Korea, Vietnam, Afghanistan der heisse Krieg tobte) wird zur guten alten Zeit verklärt, die man sich zurückwünscht.

rioja 14.07.2017 | 15:54

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt! Gewalt herrscht täglich, überall,,ständig,,non stop. Also, bitte, keine Pseudo-diskussionen, die ohnehin zu nichts führen. Was G20 in HH und die linken Randalierer betrifft, so könnte man, wenn man wollte, etwas tun. Es sind Menschen, kein Mob, sie haben ihre Geschichte, sie haben ihre Gründe, sie gehören zu uns. Sie sind nicht mit Gewalt "auszurotten", à la Sarko, dem Kärcher-man. Wie wäre es da, wenn mal ein Profi der Szene, ein Kenner, Ex-Ober-street-fighter-man der Frankfurter Szene, ein Ober-Randalierer, Hausbesetzer, linke Bazille, heute Vizekanzler a.D. sich zu Wort melden würde? Den Dialog führen würde, den Kontakt suchen würde, Deeskalation aktiv betreiben würde, Lösungsoptionen diskutieren würde, Programme und Projekte für seine Kumpane aufsetzen würde, einfach mal anfangen würde, den "Saustall" effektiv auszumisten. Als Musterbeispiel kann er ja selber fungieren, vom street-fighter zum Vizekanzler kann man es bringen, in diesem Land. Fehlanzeige! Null-Komma-Null. Das ist die verdammte Wahrheit, das ist der Stoff aus dem der Frust gemacht wird, das ist das System. Dagegen ist nun mal kein Kraut gewachsen. Früher Strasse, heute Adlon! Es menschelt ohne Ende! ecce homo

silvio spottiswoode 14.07.2017 | 15:55

Also wenn die Polizei zum politischen Akteur wird [sic!] und Journalisten das dann auch noch toll finden (siehe Fleischauer, Proschard, ARD, ZDF etc pp), das macht mir echt Angst! #Gewaltenteilung.

https://twitter.com/janfleischhauer/status/883444526840524800

Hier noch eine tolle Webseite auf der Bürger über staatliche Übergriffe und Polizeigewalt im Rahmen der #G20 Proteste informieren. https://g20-doku.org/

Unbedingt zu Gemühte führen sollte man sich auch den Beicht Gabriele Heineckes von der Pressekonferenz der Anwaltlichen Nothilfe, in dem sie ganz nüchtern belegt: die Polizei LÜGT.

Was in so ungefähr allen erdenklichen Aspekten ungeheuerlich ist und eigentlich eine Verfasungskrise bedeutet. (Was allerdings, nach jahrelangen NSU und NSA Skandalen wirklich niemanden mehr überrascht.) Und das ist schlimm.

Die ganze Gewaltdebatte war gewollt. Geplant und von Polizeiseite vorbereitet.

Die Polizei hat einen Kriegseinsatz, gegen die eigene Bevölkerung, mit SEK im Inneren gewollt und durchgezogen. Auf friedliche Demonstranten wurden mit Schnellfeuerwaffen gezielt; – und wohl auch zwei mal geschossen. Zahlen der Verletzten auf Seiten der Demonstranten, gehen locker in die Hunderte. Einer schwebte in Lebensgefahr, einem Anderen wurde auf der Intensivstation die Milz entfernt nachdem 5 Polizisten auf ihn eingedroschen hatten. Demonstranten wurden gegen Mauern getrieben sodass wirklich die einzig ersichtliche Polizeistratie offensichtlich war, maximalen Schaden auf Seiten der Demonstranten zu verursachen.

Die Fadenscheinigen Schilderungen über Bedrohung der Polizei sind z. T. frei erfunden, sodass beispielsweise die Leute vom Dach in der Schanze – die angeblich einen Polizeieinsatz verhindet hatten – sodass die Randale am Schulterblatt schön lange dauern konnte und sich mit großer Wirkung viele tolle Bilder im Internet verbreiten konnten – die vom Dach wurden schon nach wenigen Stunde alle wieder frei gelassen. Ohne Anzeige oder Haftbefehl! Weil da dann wohl nichts war. Alles #FakeNews der Polizei.

Was ich sagen will, Schwuggele: Wir alle sollten uns echt erst Sorgen machen, nicht über Linke Gewalttäter sondern eine Polizei, die als politischer Akteur auftritt. Und Journalisten, die zu dämlich sind oder zu wenig Rückgrat haben dagegen zu halten. Und Augstein, gehört absolut nicht dazu.

sch123 14.07.2017 | 15:59

Ja. Zu der Zeit habe ich noch nicht gelebt, ich bezog mich eher auf die "Utopien" dieser Tage, bedingungsloses Grundeinkommen, Wohngenossenschaften, fairer(er) und nachhaltiger(er) Handel etc... sicher viele gute Ideen und Ansätze dabei; fasst aber das Systemische nicht an.

Ich würde es auch so sehen, dass der Kapitalismus systembedingt Konflikte (auch heiße) und Verlierer produziert.

Und die Zeit des kalten Krieges wurde ja auch von sehr vielen als enorm beengend und bedrückend empfunden, was ja -ganz grob- 68-er, Studentenproteste, Hippiebewegung etc.pp. ausgelöst hat...aber im Vergleich zu heute war der Kapitalismus hierzulande vermutlich noch "netter", ja.

janto ban 14.07.2017 | 16:58

Ja, der Satz stimmt. Wenn DÄ das singen, dann stimmt's auch.

Die Tussi auf dem Wasserwerfer. Tja. Warum klettert die da rauf..? An sich irgendwie nichts Schlimmes, wonnich. Aber sie kapert das Ding, weil sie verhindert, dass die die Spritze bewegen können. Pfefferspray, weil die bestimmt nicht wollten, dass die da runter purzelt, sich das Genick bricht und zur Todesmeldung wird. Tote gab's ja leider keine. Schade. Was das an zusätzlicher Aufmerksamkeit für den G20-Protest generiert hätte, wäre also sagenhaft gewesen. Gewalt allein reicht nicht. Sie muss final sein.

Gugel 14.07.2017 | 19:00

Ce bon homme Augstein ist nicht ernst zu nehmen. So wie er in der causa FAZ sich nicht mit Ruhm bekleckerte, mit der causa homosexueller Priester und dessen Artikel in Compact als rechtsradikal entarnen wollte, was in die Hose ging, so schreibt er sich seine Weltverbesserungsidee immer frei von der Leber.

Schade, hier zeigt sich erneut in dem diskutierten Artikel gut gemeint , ist meist schlecht gedacht :-)

hakufu 14.07.2017 | 20:29

Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren.

Welche Gewalt erfährt Augstein ?

Die gleiche, die meiner Frau so weh tut ? Die amerikanische Gewalt, die wir alle spüren, insbesondere die, die Trump zur Unterdrückung der ganzen Welt anwendet ?

Es ist zum verrückt werden, sie ist stramm rechts, und ich muss mir immer wieder anhören, dass die AfD doch recht hat. Und dass alle Kriege, nein, alles schlechte nur durch die Amis verschuldet ist.

Putin ? Der verteidigt doch nur die Rechte der Russen in der Ostukraine, und hilft Assad zusammen mit den Iranern, dass die Syrer säkularisch, demokratisch bleiben dürfen.

Dass G20 nicht nur aus den USA und Angela Merkel besteht, wen interessiert das ? Putin, die Chinesen, Südafrika und alle anderen, die dazu gehören, werden einfach ausgeblendet.

Und dann kommt Augstein und schwingt sich auf zum Fürsprecher der 3.7 Mia. Unterdrückten dieser Erde, egal, ob Chinese, Muslim, Christ, Sozialist oder Kommunist, und redet von der Gewalt der G20.

Moorleiche 14.07.2017 | 23:30

"Denn er meint nicht irgendeine abstrakte Gewalt, die "irgendwo in der Welt" (ohne unser Zutun) geschieht.

Sondern jene, an der wir durch unseren Lebensstil und der (zumindest!) Duldung unserer politischen Entscheidungsträger direkt oder indirekt beitragen."

Aber was wäre das? Und vor allem: Was wäre es nicht? Was ist denn nun die Katastrophe? Auto fahren, Homoehe, Solarzellenproduktion?

Strukturelle Gewalt kann ich überall entdecken, wo es mir gefällt, im Wolfsrudel, beim Indianerstamm, in der Waldorfschule und der skandinavischen Gesellschaft. Ein Begriff von der Trennschärfe ist als solcher beliebig.

"Und er "legitimiert" Gewalt als Gegenreaktion nicht, sondern stellt sie in einen diesbezüglichen - und damit erklärend/verstehbar machend - Kontext, der selbige oft erst generieren tut."

Das ist aber ne linke Uraltthese, aus der Mottenkiste der marxistisch geprägten Psychoanalyse. Ein starkes Über-Ich und sein Repräsentanten, Chef, Vater Staat ... führt zu Frust und zu Gewalt. Nett, aber falsch. Das führt eher zu Gehemmtheit, verschrobenen Zwängen und sonst was.

Unterstrukturierung führt zu hemmungsloser Gewalt, die Kehrseite der Spaßgesellschaft, wie es hier richtig heißt.

Und wenn das alles nicht wäre, erklärt das immer noch nicht, wieso ich jemandem sein Auto anzünde, weil Deutschland Waffen zu den Saudis liefert.

Und das noch als poltisches Symbol zu verkaufen, halte ich für extrem dämlich, da das brennende Asylantenheim dann auch eines wäre. Oder warum sollte das nicht der Fall sein? Weil links zu sein grundsätzlich heißt, gut zu sein? Das ist ist These, die erst noch zu beweisen wäre.

Moorleiche 14.07.2017 | 23:36

"Und zu diesen Grenzen gehört auch die totale Vereinnahmung unseres gesamten Lebens durch die kapitalistische Ideologie. Ich würde den Aufwand nicht unterschätzen, da überhaupt erstmal auszubrechen über ein bisschen "netteren" Kapitalismus hinaus..."

Nur, wenn man es gewohnt ist in Form der Zahl zu denken. Dann ist das System das was alle, mindestens aber die breite Mehrheit macht und der Einzelne muss immer untergehen, hat nie eine Chance. Dabei ist die Welt voll von Beispiele wie verrückte, beharrliche, renitente, geniale Einzelne der Geschichte im Kleinen und Großen eine entscheidende Wende gegeben hat. Man kann ja dennoch fragen, ob er nicht wenigstens einen Koch dabei hatte, aber nicht vernachlässigen, dass er auch eine Idee dabei hatte.

Moorleiche 14.07.2017 | 23:49

"Bei Augstein heißt es schon im Untertitel:

Für Randale gibt es keine Rechtfertigung? Richtig. Nur sind die G20 selbst organisierte Gewalt.

Fällt Ihnen etwas auf?"

Klar, dass der gesamte Text dann eine Relativierung des Eingangstatements darstellt. Kennt man auch in anderen Variationen. "Ich bin ja kein Nazi, aber ... ."

Augstein relativiert natürlich nicht so wie dieser zauselige Anwalt, der lieber Blankenese oder Düsseldorf zerlegt sehen möchte, aber eben so irgendwie, so Augstein eben.

Ist ja egal, kann man ja meinen, ich finde halt das ganze Statement grottig.

"Die Gewaltdemonstranten haben Autos angezündet. Das ist eine Straftat. Vorstellbar wäre noch der Hinweis, dass die Besitzer dieser Autos, die sich unschuldig und unbeteiligt wähnen, plötzlich daran erinnert werden, dass sie beides eben nicht sind – unschuldig und unbeteiligt. Denn das Auto, das eine Familie in Hamburg-Ottensen gekauft und bezahlt hat und das da am Wochenende angezündet wurde, ist selber kein wertneutraler Gegenstand, sondern ein politisches Objekt."

Warum soll sich ein braver Malocher, der den Fehler (oder was?) begeht, ein Auto zu besitzen (wenn irgendwo Kinder verhungern, oder was?) von einem reichen Herausgeber ans Bein pullern lassen?

Das erscheint mir vom Niveau her, wie den Penner zu verachten, weil der nicht fair und bio kauft.

Und ich bin kein notorischer Augsteinbasher.

Moorleiche 15.07.2017 | 00:00

"Ce bon homme Augstein ist nicht ernst zu nehmen. So wie er in der causa FAZ sich nicht mit Ruhm bekleckerte, mit der causa homosexueller Priester und dessen Artikel in Compact als rechtsradikal entarnen wollte, was in die Hose ging, so schreibt er sich seine Weltverbesserungsidee immer frei von der Leber."

Zum zweiten der erwähnten Fälle kann ich nichts sagen, da ich ihn nicht kenne, mir geht es auch nicht um pauschales Augsteinbashing, sondern um die Sache hier.

"Schade, hier zeigt sich erneut in dem diskutierten Artikel gut gemeint , ist meist schlecht gedacht :-)"

Hier kann ich aber nicht mal erkennen, was daran gut gemeint sein soll. Augsteins unendlicher Langmut bei linken Irren, beißt sich mit seiner kurzen Zündschnur bei allem Rechten, was man nur verstehen kann, wenn man die Prämisse, dass links nur gut sein kann, aber sowas von verinnerlicht hat.

Dann steht auch das ... hm, nicht so tolle stets im Dienst des Grundguten. Man kann nicht irren, allerdings ist das auch Immuisierung in Reinform. Aber wenn's eng wird, muss man nur das Etikett politisch draufpappen, das ist dann irgendwie so eine Anderwelt.

Moorleiche 15.07.2017 | 00:11

Ich finde, wenn man sich den weltanschaulichen Hintergrund des Anwaltlichen Notdienstes anschaut, das so überzeugend, wie wenn der Monsanto Anwalt sagt, dass das mit der Gentechnik alles halb so wild sei.

Das hat nichts mit den konkreten Erlebnissen zu tun - da hat wohl jeder so seine Sicht und Geschichten. Ist es eigentlich denkbar, dass Polizei und Demonstranten foul gespielt haben? Aber ich bin ja eh tot.

janto ban 15.07.2017 | 01:07

|| Kennt man auch in anderen Variationen. "Ich bin ja kein Nazi, aber ... ." ||

Augstein schaffte es sogar, gegen Krieg im Allgemeinen und gegen Krieg gegen den IS im Besonderen zu sein, aber sich einen möglichst kurzen und "schmerzlosen" Durchmarsch Putins durch Syrien zu wünschen. Im Namen des Friedens. Was er hier schreibt, ist der selbe Bullshit in grün.

Zusammenfassend kann mittlerweile ganz einfach gesagt werden, dass Augstein für Krieg und Gewalt plädiert, sofern es um den Versuch der Durchsetzung seiner putinistischen Phantasien geht. Es netter zu formulieren ist möglich, aber falsch.

Anelim Aksnesej 15.07.2017 | 01:45

Heute im Radiosender wurde die Ansage gebracht, daß es weniger Verletzte PolizistInnen gab, wie immer wieder angegeben worden ist. (Radio EINS)Welche Statistiken stimmen eigentlich-Keine-im Nachsatz von Statistiken müssen immer wieder die Filter angegeben werden,welche Kriterien in die Statistik Eingang fanden und welche nicht.

Diese Sendung von Frau Maischberger-wer sich Gäste einlädt,die die Quote und das Gespräch emotionalisieren sollen,der oder die sollte sich dann auf seine Rethorik verlassen dürfen.Herr Bosbach hatte eine Tonart drauf,da dachte ich,der hat schon lange nichts mehr sagen dürfen.Im Zusammenhang wurde von ihm gar nichts gesehen.Bosbach hatte so einen Beißreflex-Pawlow hätte sich gefreut.Es ist immer wieder erstaunlich,daß danach gleich von so vielen PolitikerInnen linkes Gedankengut mit rechtem Gedankengut verglichen wird und und und.Diese SPD-Politikerin ist ja jetzt die Familienministerin,der kurze Geschichtsausflug von ihr war bezeichnend,getreu dem Motto-die SPD ist so richtig links und das auch noch plumb begründet-ufff.So sind sie halt unsere lieben PolitikerINNEN-bei eruptiven Ausbrüchen soll gleich aus Angst vor ? alles dicht gemacht werden,was im Ansatz anders ist.Ich denke jetzt an den alten Herrn in Stuttgart 21,der fast blind ist und von dem keine Gewalt ausging-seine Gewalterfahrungen gab es auch lange Zeit gar nicht.

Es gibt manchmal Gegebenheiten,die haben eine Abfolge mit danach einhergehenden Ereignissen.

Danke Herr Augstein-gerne gelesen ihren Artikel.

Es ist und bleibt ein interessantes Studienfach die Soziologie.

Und dann habe ich nur noch lachen können-das Intellektuellentotschlagargument-nur weil Mensch dem Gedankengang nicht folgen kann und will,weil die Datenautobahn im eigenen Schädel so festgefahren ist,daß auch kein Schüttelreim hilft.Intellktuelle-ist dann auch schon mal eine Auszeichnung oder doch Keine,von einem Menschen mit einfach gestrickten bornierten kleinbürgelichen Meinungen-Herr Bosbach einfach mal keinen Talk mehr,weil ich ihr Geplapper schon kenne-langweilig.

Gretel 15.07.2017 | 02:23

Dieser von ideologischer Einfalt und denk- klischeetriefende Augsteinartikel ist bestenfalls folgende Bemerkung wert: Angelax Merkel wollte nicht "diesen Gipfel nach Deutschland holen" sondern die Auswahl des Gastgeberlandes unterliegt einem Rotationsprinzip. https://www.boell.de/de/2016/11/30/die-g20-praesidentschaft-wer-kommt-wann-zum-zug

weinsztein 15.07.2017 | 03:20

Warum trieft Ihrer Meinung nach der Artikel Jakob Augsteins vor ideologischer Einfalt und Denkklischees? Unterfüttert mit eigenen Gedanken und Beispielen hätte Ihr Kommentar noch mehr Gewicht.

Sie verlinken auf einen Artikel der Böll-Stiftung. Dieser verweist auf ein Rotationsprinzip bei der Auswahl des jeweiligen G20-Gastgeberlandes. Dieses Rotationsprinzip betrifft Ländergruppen. "Jedes Jahr wird die Präsidentschaft von einem Staat aus einer anderen Ländergruppe übernommen," heißt es in dem Artikel der Böll-Stiftung. Deutschland befindet sich danach in einer Ländergruppe mit Frankreich, Italien und Großbritannien.

Moorleiche 15.07.2017 | 09:44

Aber : Natürlich ist dann auch das Anzünden eines Asylantenheimes ein politisches Symbol.“

Wenn das so ist, verliert der Rückgriff aufs Politische aber seinen Charakter des Besonderen. Da ist primär die Straftat, die dadurch, dass sie irgendwie politisch ist, nicht geheiligt wird. Augstein hat manchmal so ein quasierotisches Verhältnis zum Politischen, als sei das irgendwie eine Sondersphäre. Jetzt, so Augstein irgendwann, hätte man genug über Werte geredet, jetzt müssten politische Entscheidungen folgen (ich habe die Diskussion nicht mitbekommen), hier nun wieder das Politische, auf einmal wird der wertneutrale Gegenstand Auto zum politischen Symbol.

Und was ist das jetzt anderes als eine Straftat und was soll das brennende Auto symbolisieren? Zudem, wenn es das ist, waren die Straftäter ja Linke, was ja allgemein geleugnet wird. Denn sonst heißt es, das sei blinde Gewalt und die sei niemals links, denn links ist ja gut. Usw.

Was die Vertreter der G-20 wohl für "weltanschauliche Hintergründe" haben mögen ?“

Ziemlich verschiedene, nehme ich an, bei so unterschiedlichen Teilnehmern.

Oder der Polizistenversteher - und Verteidiger Scholz?“

Der will seinen politischen Arsch retten, was man ja verstehen kann.

Und Du ?“

Esoterische Weltenferne gepaart mit Spitzwegscher ironischer Distanz, ist doch bekannt. Homo gnominus.

gelse 15.07.2017 | 10:01

Die allermeisten PKW werden im Verkehr geschrottet und keineswegs durch Brandstiftung. Die Dramatik des Autoanzündens entsteht durch die Seltenheit: bei Strassenunfällen, auch wenn sie durch aggressives Fahren verursacht werden, bleiben die Medien cool, weil alltäglich. Es kommt also ganz darauf an, auf welche Weise Leute die Sau rauslassen: Auf gutbürgerliche Art oder auf irgendwie Unbürgerliche.

>>Warum soll sich ein braver Malocher, der den Fehler (oder was?) begeht, ein Auto zu besitzen (wenn irgendwo Kinder verhungern, oder was?) von einem reichen Herausgeber ans Bein pullern lassen?<<
Das Rohstoffargument wird nicht falsch dadurch, dass mal ein paar Fahrzeuge nicht durch Unfall, sondern durch Brandstiftung zu Schrott befördert werden. Übrigens existieren Videoaufnahmen, auf denen deutlich zu sehen ist, dass die Brandstifter in aller Ruhe konzentriert ihren Job machten, völlig unbehelligt durch die Polizei.

Hier wird auch gepullert:
https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/der-halbierte-burgersteig

gelse 15.07.2017 | 10:30

Abfackeln ist auch nicht besonders umweltfreundlich.
Ich habe die mediale Dramatik der Verschrottung durch Unfall oder Brandstiftung verglichen, ohne eigene Wertung einer der beiden Methoden.

Zitat Augstein:
>>Es besteht aus Rohstoffen, die unter den Terms of Trade einer von den G20 beherrschten Welt gefördert und gehandelt wurden: Kupfer aus Chile, Bauxit aus Guinea oder Seltene Erden aus China – geschürft, transportiert, verarbeitet unter Bedingungen, die man mit gutem Gewissen weder den Menschen noch dem Planeten zumuten kann. Aber die Familie aus Ottensen hat kein schlechtes Gewissen. Wir alle haben kein schlechtes Gewissen.
Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren.<<
Dem stimmte weiter oben zu. Nicht einem einzelnen Satz, sondern dem ganzen Absatz. Und ich habe darauf hingewiesen, dass er nicht falsch wird, nur weil mal ein paar Fahrzeuge nicht durch Unfall, sondern durch Brandstiftung auf dem Schrott landen.

grashalm 15.07.2017 | 10:33

Dass links als automatisch gut gesetzt scheint, schimmert allerdings durch, das meinen ja viele.

So naiv ist niemand und ganz bestimmt auch Augstein nicht. "Links" und "rechts" bezeichnen unterschiedliche politische und kulturelle Vorstellungen. Diese werden je nach Weltanschauung oder Interessenlage als gut oder schlecht bewertet. "An sich" ist links (oder rechts) weder gut noch schlecht.

grashalm 15.07.2017 | 10:40

Abfackeln ist auch nicht besonders umweltfreundlich.
Ich habe die mediale Dramatik der Verschrottung durch Unfall oder Brandstiftung verglichen, ohne eigene Wertung einer der beiden Methoden.

Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass Verschrottung durch Unfall unangenehmer ist, weil da der Fahrer (in bisher zwei Fällen ich) dabei im Auto sitzt und im schlimmsten Fall das Schicksal seines Fahrzeugs teilt. Ich würde deshalb das Abfackeln bevorzugen.

janto ban 15.07.2017 | 11:08

Relativieren bedeutet etwas abschwächen, indem man es zu einer anderen Sache in Beziehung setzt.

|| Dass Gewalt falsch sei, darauf können sich schnell alle einigen. Aber die spannende Debatte beginnt erst danach. Was ist eigentlich Gewalt? ||

Das ist keine Relativierung, sondern der recht unverhohlene Aufruf, die Welt in ungerechte und gerechte Gewalt aufzuteilen. Im Text wird der Kleinwagenbesitzer wortwörtlich zum Schuldigen ("... dass die Besitzer dieser Autos ... beides eben nicht sind – unschuldig und unbeteiligt") und der so dämliche wie gewaltgeile Hooligan ("...dabei kommt es nicht einmal darauf an, ob der gewaltbetrunkene Randalierer sich ... [der pol. Dimension seines Agierens, Anm.] selber bewusst ist.") zum willkommenen Kämpfer der gerechten Sache. Das ist nicht Relativierung von etwas, sondern RAF-Denke in ihrer reinsten Form. Gekrönt von: "...die Familie aus Ottensen hat kein schlechtes Gewissen. (...) Wir erkennen (...) nur die [Gewalt], die wir selber erfahren."

Nur mit großer Mühe möglich, das als etwas anderes als einen Aufruf zur 'gerechten Gewalt' zu lesen. Unmöglich geworden für mich, mir nicht netzöffentlich zu wünschen, dass Augsteins Material gewordener Überfluss dann doch der erste sein soll, der im Namen der gerechten Sache lichterloh in Flammen steht. Was natürlich kein Aufruf ist, ihm Häuser und Höfe abzufackeln und/oder den Nachwuchs stundenlang in Todesangst zu versetzen, sondern nur eine klitzekleine Relativierung. Und ich meine das total empathisch. Es geht mir allein um die Wiederherstellung des Seelenheils der Familie Augstein. Dass er kein schlechtes Gewissen hat, schreibt er ja selbst. Damit ist die Sache legitimiert.

Fro 15.07.2017 | 12:10


Ich verstehe nicht, warum man (Ankläger und Verteidiger) die Vorkommnisse nicht einfach mal etwas differenzierter betrachten kann. Ich habe mir sehr viele Videos und Statements angesehen und komme zu dem Schluss, dass es ganz unterschiedliche Motivationen für Gewaltanwendung gab:
1. Notwehr oder 'Bestrafungsaktionen', nachdem die Polizei den (da noch) friedlichen schwarzen Block ziemlich brutal aus der Demonstration hinausdrängte.
2. Organisierte Hooligans, die sich ein antiimperialistisches Etikett verpassten, wollten sich da mal austoben.
3. Einzelne Jugendliche suchten das Abenteuer.
4. Zuschauer, die sich einfach mitreißen ließen.
5. Provokateure, von denen möglicherweise etliche auch den ebenfalls schwarz gekleideten Autonomen Nationalisten angehören, wollten die Proteste diskreditieren. Das waren übrigens die Schlimmsten. Sie waren verantwortlich für die meisten ausgebrannten Fahrzeuge und die fotogenen schwarzen Rußwolken am Hamburger Morgenhimmel.

Vorwerfen kann man den Hamburger Autonomen, dass sie ihre Einladung und dass Motto „welcome to hell“ so wählten, dass sich jeder, der mal etwas Randale machen wollte eingeladen fühlen konnte. Und ziemlich armselig, dass sie nach den Ereignissen noch nicht einmal abgrenzende Worte zu den offensichtlichen Provokateuren fanden.

Insgesamt fand ich die gewaltsamen Aktionen vollkommen unpolitisch motiviert – mit „Links“ hatten die nicht die Bohne zu tun. Mögen die Ausführenden und ihre Kritiker auch etwas anderes behaupten.

janto ban 15.07.2017 | 12:35

|| Ich kann da vielleicht sogar mehr verzeihen, weil bei mir Augsteins Fallhöhe nicht so hoch ist. ||

Ich bin gar nicht in der Position, Augstein etwas zu verzeihen. Ich kann nur zugucken, wie er immer, wenn ich denke, jetzt ist er ganz unten, noch viel tiefer sinkt. Und mir dazu meine Gedanken machen, solange sie mich lassen.

Übrigens fehlt ja Augsteins S.P.O.N.-Kolumne in dieser Woche. Nehme einfach mal an, dass sie das hier ist. Und wenn es so wär', hätte ich als Redaktion dafür auch nicht die Verantwortung übernehmen wollen. Es gibt echt viel, das man am Gipfel und der ganzen, zerschissenen Welt kritisieren kann und muss. Aber von der Hetzschrift, die er hier aufgesetzt hat, distanziere ich mich in aller Form, so weit ich nur kann.

Wer besoffene Randale-Trupps irgendwie siegestrunken vom heimischen Edelholz-Schreibtisch aus gegen im System gefangene Halter von Kleinst- bis Mittelklasse-Wagen co-dirigiert, ist einfach auch gefährlich. So schreibt niemand, 'nur' um sich gegen die Idiotie von noch mehr Totalüberwachung, "Rock gegen Links" und ähnlich kranken Dünnpfiff zur Wehr zu setzen. So schreibt jemand, dem es prinzipiell scheißegal ist, mit wieviel zusätzlichem Leid die Welt überzogen werden müsste, damit die eigene, politische Agenda möglichst noch zu Lebzeiten zu realer Existenz fände.

Jemand, den keines seiner Worte selbst je beträfe, weil ein vollgetankter Helikopter - und sei es metaphorisch - immer zur Flucht bereit steht. Ein von Existenzängsten Befreiter, der sich bei den Dümmsten und Radikalsten über den Zustand der Welt da draußen informiert. Und wenn die ihm sagen, dass man in roten Glitzerhosen, in die man seinen selbstdarstellerischen Arsch gezwängt hat, auf Räumfahrzeugen rumturnen muss, um die Welt zu retten, dann setzt er was auf. Und wenn seine Journalisten-Kollegen aus den ideologisch anderen, ebenfalls vollklimatisierten Büros, in denen sorgenvoller Alltag etweas ist, das man nur aus den Erzählungen anderer kennt, Schwachsinn schreiben, dann reagiert er mit Schwachsinn, den die Welt lange nicht gelesen hat.

Weniger Polizisten verletzt, als zuerst behauptet..? Interessiert mich nicht. Eine höhere, zweistellige und wachsende Zahl von Anzeigen gegen Polizeibeamte wegen Wut- und Gewaltausbrüchen..? Interessiert michnicht. Blindwütig-aktionistische "Welcome to Hell" Vollhorste fühlen sich um ihr Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit des Staates betrogen, den sie ansonsten samt und sonders ablehnen..? Rate mal.

Was mich interessiert, ist, ob das, was gespielt wird/wurde, der internationalen, liberalsozialdemokratischen Sache (Bitte lachen Sie jetzt!) nützt. Und das tut es nicht. Es schadet ihr auf's Fürchterlichste. Augstein demontiert sich nicht nur als ernstzunehmender Teilnehmer an der Debatte m.E. dauerhaft, sondern reißt auch alle mit rein, denen keiner abgeht, wenn Hamburg prophezeiisch-selbsterfüllend brennt, sondern sich ernsthaft wünschen, dass sich die Dinge irgendwann bitteschön auch einfach mal zum Besseren wenden mögen. Ganz real.

Aber ich interpretiere viel zu viel hinein. Augstein gefällt sich einfach in seiner schlecht geschriebenen Rolle. Wenn ich - wie Augsteins Hooligan-Protégées - nicht vollentschuldbar nicht wüsste, was ich tue, würde ich glatt noch behaupten, der steht zuhause stundenlang nackt vor'm Spiegel und flüstert: In diesem Körper reift der Gedanke durch Gewalt befreiten, gewaltfreien Welt.

Jesus, ich muss aufhören, denn ich kann mir das zu bildlich vorstellen. Schönen Tag noch.

Rufus T. Firefly 15.07.2017 | 12:37

Mit dieser Auffassung dürften Sie ziemlich allein dastehen.

Dieser Eindruck mag sich einem aufdrängen, wenn man in den Medien- und Politikwald lauscht, wobei es auch da deutliche Gegenstimmen gibt. Wenn man sich aber mit den Menschen unterhält besteht da eher ein weitesgehender Konsens.

So zumindest stellen sich meine Gesprächserfahrungen mit Schanzenbewohnern, Paulianern, Altonesen und anderen Hamburgern dar.

Moorleiche 15.07.2017 | 14:09

|| Meinst Du, dass er so eine klare Agenda hat? ||

Ja, das meine ich. Bemessen am einzigen, an dem ich es messen kann: dem Inhalt seiner Texte.“

Okay, die liest Du ja mehr und aufmerksamer als ich, von Augsteins Spiegel-Artikeln lese ich vielleicht 30%. Aber und darum:

Übrigens fehlt ja Augsteins S.P.O.N.-Kolumne in dieser Woche. Nehme einfach mal an, dass sie das hier ist.“

Ich hab‘ mal die Wortzählung der letzten Kolumnen und dem Text verglichen: würde passen.

Und wenn es so wär', hätte ich als Redaktion dafür auch nicht die Verantwortung übernehmen wollen.“

Yepp. Finden die meisten hier aber problemlos, ich hatte da von Beginn an ein schlechtes Gefühl.

Wer besoffene Randale-Trupps irgendwie siegestrunken vom heimischen Edelholz-Schreibtisch aus gegen im System gefangene Halter von Kleinst- bis Mittelklasse-Wagen co-dirigiert, ist einfach auch gefährlich.“

Mindestens leichtfertig. Weiß nicht, ob das nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert“ geschieht, aber das ist nun auch nicht mein Bier.

Jemand, den keines seiner Worte selbst je beträfe, weil ein vollgetankter Helikopter - und sei es metaphorisch - immer zur Flucht bereit steht. Ein von Existenzängsten Befreiter, der sich bei den Dümmsten und Radikalsten über den Zustand der Welt da draußen informiert.“

Ich kann das nicht einschätzen und es wäre auch unfair. Die Stirn gerunzelt habe ich als im Zuge der Pegida Geschichte Augstein mal freimütig bekannte, dass ihm im Zuge eines Besuchs in der Semper Oper die Erleuchtung kam, dass nicht alle Dresdner Nazis seien. Das sind etwas weltentrückte Gedanken, die man ja haben kann, die aber nicht so gut zu irgendwie links passen.

Aber ich interpretiere viel zu viel hinein. Augstein gefällt sich einfach in seiner schlecht geschriebenen Rolle.“

Möglich. Mein unmaßgeblicher Befund ist, dass Augstein in der spontanen Begegnung und bei gründlicher Vorbereitung gut ist, die wöchentlichen Kurztexte entgleiten ihm (zu) oft. Aber wir sind ja nicht seine PR Berater.

Sei‘s drum, der Text, da bin ich sicher, ist volle Lotte missraten, wer das nicht sehen will, wird sich auch zukünftig nicht überzeugen lassen, ich denke, wir haben da einfach beide mal die richtigen Riecher, die ganzlinke Sekte juckt das eh nicht. Das war‘s dann auch von mir zu dem Thema. Schönes Wochenende.

sch123 15.07.2017 | 14:29

"Blindwütig-aktionistische "Welcome to Hell" Vollhorste fühlen sich um ihr Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit des Staates betrogen, den sie ansonsten samt und sonders ablehnen..? Rate mal."

Das ist doch das dümmste Argument ever. Grundrechte sind unveräußerlich und nicht verhandelbar. Auch Menschen, die Ihnen unsympathisch sind haben sie. Sogar Verbrecher. Das nennt man Rechtsstaat.

Moorleiche 15.07.2017 | 14:31

"So naiv ist niemand und ganz bestimmt auch Augstein nicht. "Links" und "rechts" bezeichnen unterschiedliche politische und kulturelle Vorstellungen."

Da irren Sie Sich. Augstein hat mal definiert, was für ihn links ist und ich habe es hier im Freitag zitiert, das waren druchweg positivie Attribute, solidarisch zu sein und mit den Schwachen fällt mir noch ein, finde es aber nicht mehr.

Man kann ja durchaus der Meinung sein, dass "rechts" schwerer in positiven Begriffe zu fassen ist, denn ob konservativ rechts ist, darüber wird schon gestritten.

Wenn links aber per def schon gut ist und rechts mindestens schmuddelig, kauft man ein, was man selbst reingesteckt hat. Das ist dann zwar konsistent (in sich stimmig), aber zirkulär (man erntet, was man selbst gesät hat).

sch123 15.07.2017 | 14:38

Und der letzte Absatz des Textes ist sicherlich zu kritisieren, weil man eine Legitimation der Gewalt herauslesen könnte. Aber eine "Hetzschrift" ist der Kommentar sicher nicht. Haben Sie mal eine Hetzschrift gelesen? Vllt mal in die BILD gucken zum Thema linker Terror. Auch Ihr Kommentar enthält Mermale von Hetze mit den beliebten ad personam Angriffen gegen Augstein, als wäre es jetzt ein Vergehen in besseren Verhältnissen geboren zu sein und trotzdem linke Ansichten zu vertreten. Hat mit der Sache 0 zu tun.

"So schreibt jemand, dem es prinzipiell scheißegal ist, mit wieviel zusätzlichem Leid die Welt überzogen werden müsste..."

Wer im Glashaus sitzt...

Augstein hat so seine Aussetzer, aber er ist nicht "demontierter" als vorher.

sch123 15.07.2017 | 14:55

Sie sehen keinen Anlass links und rechts unterschiedlich zu bewerten?

egalitär/elitär, progressiv/konservativ, internationalistisch/nationalistisch (danke wikipedia)

also z.B.

Schutz von Minderheiten vs. "nö"

Verbesserung der Lebensbedingungen für alle vs. alles gut wie's ist

globale Verantwortung vs. nationale Alleingänge

Von der deutschen Geschichte + Verantwortung muss man da ja gar nicht anfangen und kommen Sie jetzt bitte nicht mit Stalin.

grashalm 15.07.2017 | 15:04

Wenn links aber per def schon gut ist und rechts mindestens schmuddelig, kauft man ein, was man selbst reingesteckt hat.

Ja, habe ich nun rechte/linke Vorstellungen, weil ich diese für gut und richtig halte (dann ist das sowieso selbsterklärend). Oder habe ich eine irgendwie erworbene (nicht selbst gewählte) rechte/linke Disposition und bewerte diese deshalb als gut und richtig?

sch123 15.07.2017 | 15:18

Das Bild von der "enthemmten Gewalt" wird übrigens zunehmend gerade gerückt. Wir sprechen inzwischen noch über 21 Polizisten, die so verletzt waren, dass sie am nächsten Tag nicht zum Einsatz konnten und 2 offiziell schwer verletzte Polizisten (d.h. mind. 1 Tag Krankenhausaufenthalt). Demgegenüber sind die meisten Gesundheitsschädigungen von Beamten wohl auf die harten Einsatzbedingungen zurückzuführen (Hitze, Stress, lange Einsatzzeiten usw.): Dehydrierungen, Kreislaufprobleme usw. Die Verantwortung dafür tragen Einsatzleitung und politisch Verantwortliche.

Jeder Verletzte ist einer zuviel daüber müssen wir nicht reden.

Schaut man sich aber Art und Zahl verletzter Demonstranten an (belegt + Dunkelziffer), dann muss man schon fragen von wem teilweise enthemmte Gewalt ausgeübt wurde und Menschenleben aufs Spiel gesetzt wurden.

Der Angriff auf einen Hubschrauberpiloten mit einem Laserpointer, wurde von einem genervten Familienvater verübt, dessen Tochter nicht einschlafen konnte.

http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/g20-offene-fragen-101.html

In den Kommentarspalten der Nation wurde ja anschaulich illustriert wie gut die skandalöse Manipulation funktioniert hat.

sch123 15.07.2017 | 16:12

Es ist kein negatives Relativieren wenn man darauf hinweist, dass nicht 500 Polizisten verletzt wurden (in dem Sinne, wie der Durchschnittsleser es versteht und auch suggeriert werden soll: durch Demonstrantengewalt erheblich verletzt), sondern eher 25.

Und Idioten gibt es überall. Aber ich habe noch keinen Post hier gelesen, der Gewalt verherrlicht, schon gar nicht auf Menschen.

Wenn die ganze Hysterie im Nachgang folgenlos wäre, könnte man sie ignorieren. Aber daran hängen handfeste politische Entscheidungen, die nicht zuletzt und unter anderem unsere Grundrechte und evtl. auch unsere Sicherheit betreffen. Deswegen ist es wichtig um die Deutung zu streiten und z.B. völlig alarmistische Zahlen und offensichtliche Stimmungsmache nicht einfach so stehenzulassen.

Der reflexartige Relativierungsvorwurf kann da nicht wirklich überzeugen. Umso weniger (jetzt nicht auf Sie bezogen) wenn gleichzeitig die Polizeiarbeit pauschal von allen Vorwürfen freigesprochen wird, ja Kritik daran geradezu tabuisiert wird.

gelse 15.07.2017 | 16:27

>>Was mich interessiert, ist, ob das, was gespielt wird/wurde, der internationalen, liberalsozialdemokratischen Sache (Bitte lachen Sie jetzt!) nützt. Und das tut es nicht. Es schadet ihr auf's Fürchterlichste.<<
Worin besteht denn der Schaden? Waffengeschäfte geplatzt, Revolutionen in Rohstoffländern, Lobbyisten wenden sich mit Grausen und unterstützen nur noch die Konkurrenzparteien? Nur weil der Augstein was geschrieben hat?

Richard Zietz 16.07.2017 | 11:17

»Was mich interessiert, ist, ob das, was gespielt wird/wurde, der internationalen, liberalsozialdemokratischen Sache (Bitte lachen Sie jetzt!) nützt.«

Ich habe in der Tat gelacht – wenn auch etwas bitter.

Die »liberalsozialdemokratische Sache« (falls es sowas wirklich gibt) ist bereits im Frühjahr abgeschmiert – als die SPD mal wieder glaubte, links antäuschen zu müssen, um im Anschluss jede Hoffnung in Grund und Boden zu stampfen.

Das war wohlgemerkt vor den »Chaostagen«. Was folgt danach? Liberalsozialdemokraten, die sich bemühen, die Union noch rechts zu überholen. Die in Nibelungentreue zu Scholz und seiner Kamikaze-Putztruppe stehen – anstatt mindestens mal zu sagen, dass die Repression rund um den Gipfel unverhältnismäßig war und die Idee, ebendiesen ausgerechnet in einem linken, urbanen Stadtumfeld zu veranstalten, nicht gerade von Weisheit gesegnet.

Ansonsten habe ich keine Ahnung, was das ist – dieses »liberalsozialdemokratisch«. Schlechterer Geschmack bei den Herrenanzügen? – Ich denke nach.

Moorleiche 16.07.2017 | 11:57

Der Mensch stammt nicht vom Affen ab - Affe und Mensch haben gemeinsame Vorfahren.“

Ich kann Sie beruhigen, da habe ich Ahnung von. Für das Argument, um was es hier geht ist es genetische Verwandtschaft von Bedeutung,

„Der Mensch, auch Homo sapiens (lat. für „verstehender, verständiger“ bzw. „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“), ist nach der biologischen Systematik ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten (Primates). Er gehört zur Unterordnung der Trockennasenprimaten (Haplorrhini) und dort zur Familie der Menschenaffen (Hominidae).

Der Mensch ist die einzige überlebende Art der Gattung Homo. Er ist in Afrika seit rund 300.000 Jahren fossil belegt[1] und entwickelte sich dort über eine als archaischer Homo sapiens bezeichnete Mosaikform vermutlich aus Homo erectus. Weitere, jedoch deutlich jüngere fossile Belege gibt es für die Art aus allen Kontinenten außer Antarktika. Von den noch lebenden Arten sind die Schimpansen dem Menschen stammesgeschichtlich am nächsten verwandt, vor den Gorillas; dem Genom nach unterscheiden sich dabei im Mittel Gorillas vom Schimpansen etwas mehr als vom Menschen." (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Mensch )

Dennoch bin ich kein Biologist, wir bewegen ums im Kontext G20 und Proteste und da schrieb ich:

Und die nicht ganz unentscheidende Frage ist, wie man auf Gewalt (und auf welche) reagieren soll. Gewaltsam? Wer sagt, dass Gewalt eben zum Menschsein gehört und dass dies einfach eine Art der Kommunikation ist, muss dies als Möglichkeit allen zugestehen. Linke, die den Colt kurioserweise immer recht locker sitzen haben, sind ja ideologisch oft so gepolt, dass sie der Idee anhängen, der Mensch sei an sich friedlich, erst das Eigentum (von Produktionsmitteln) mache ihn aggressiv. Eine Idee, die immer noch krude genug ist, um wirklich nirgendwo gedeckt zu sein, aber man glaubt dran. Obwohl der Mensch ja vom Affen abstammt, der wirklich oft sagenhaft brutal vorgeht.“

Noch mal in aller Klarheit:

Der Mensch ist genetisch dazu befähigt, aggressiv und liebevoll zu sein, kann gewaltsam vorgehen oder kooperativ.

Die Idee von grundguten Menschen, der vom Eigentum versaut = (erst) aggressiv wird ist daher nicht zu halten.

Dennoch können selbstverständlich die Lebens- und Produktionsbedingungen das aggressive und gewaltsame bzw. liebevolle und kooperative Verhalten des Menschen triggern, begünstigen, herauskitzeln.

Dass man auf Gewalt u.a. auch mit Gewalt reagieren kann, ist ebenso oft beobachtet, wie menschlich verständlich. Der Begriff der strukturellen Gewalt ist allerdings so breit und kennzeichnet per def gerade keine direkte Aggression (auf die man reagieren müsste/könnte, weil man angegriffen wird). Insofern ist die Frage ob strukturelle Gewalt überhaupt eine Legitimation sein kann, mindestens umstritten. (Siehe auch: hier) Der Ansatz von Marcuse dazu (zur Frage der Ligitimität), stellt sowohl im Rahmen linker Theorie als auch der psychoanalytischen Verarbeitung dieser Theorie eine Außerseiterposition dar.

Es ist also mindestens mal schwierig, sich auf strukturelle Gewalt zu berufen, wenn man einfach die gezielte Lust an der Zerstörung zu legitimieren versucht. So weit reichen Augsteins Gedanken hier aber erst gar nicht, er hangelt sich von Schlagwort zu Schlagwort und wenn das linker Boulevard ist, kann ich gut darauf verzichten.

Dabei war die Tür ja einen Spalt breit auf: "Dass Gewalt falsch sei, darauf können sich schnell alle einigen. Aber die spannende Debatte beginnt erst danach. Was ist eigentlich Gewalt? Wer ist ihr Opfer?" (Augstein, s.o.)

gozilla 16.07.2017 | 12:29

Andreas Wehr in "Neue Debatte:

"Warum nur dieser Hass?

Man fragt sich, woher dieser Hass auf die G20 stammt, der sich in den Straßen Hamburgs sowohl friedlich artikulierte als auch gewalttätig austobte. Worin liegt der tiefere Grund für die unbestreitbare Breite der Ablehnung des Gipfels, selbst unter sonst unpolitischen Menschen..

https://neue-debatte.com/2017/07/15/wieso-dieser-hass-auf-die-g20/

Btw: Wer interessiert ist, der findet zum Format Neu Debatte unter Jairo Gomez mehr Infos.

poor on ruhr 16.07.2017 | 12:44

Im Grossen und Ganzen bin ich mit dem Artikel von Jakob Augstein einverstanden. Nur habe ich in meiner Leben noch kein eigenes Auto gehabt und wenn ich eins gehabt haette, waere es sicher Klein gewesen und ich haette es nicht gewollt, dass es mir in so einer Demo kaputt gemacht worden waere. Trotzdem hat das Auto eine politische Dimension und natuerlich schlummert auch im Auto Gewalt. Das ist nicht nur die von Augstein zutreffend beschriebene Gewalt des Welthandels mit der Ausbeutung der Rohstoffe aus armen Laender. Die Gewalt beim Auto schlummert unter der Motorhaube. Circa 3500Tote im Strassenverkehr der BRD werden immer noch per anno hingenommen. Am Auto haengen auch die Emotionen des kleinen Mann es. Das Auto ist oft Sachzwang um einen halbwegs guten Arbeitsplatz im System zu bekommen. Nimm dem Deutschen sein Auto weg und es wird eine Revolution mit ganz viel Gewalt im ganzen Land sein. Augstein hat gut geschrieben. Nur es denken natuerlich mehr Leute als nur er selbst ueber diese Dinge nach. So etwas wird man nicht von vielen deutschen Verlegern lesen koennen.

Moorleiche 16.07.2017 | 13:14

Das ist nicht nur die von Augstein zutreffend beschriebene Gewalt des Welthandels mit der Ausbeutung der Rohstoffe aus armen Laender. Die Gewalt beim Auto schlummert unter der Motorhaube. Circa 3500Tote im Strassenverkehr der BRD werden immer noch per anno hingenommen.“

Die dadurch aufgeworfene Frage ist allerdings, ob die Welt ein ärmer an Gewalt wäre, wenn man nicht mehr Auto fährt, den Welthandel einstellt und Rohstoffe nicht mehr ausbeutet. Das klingt immer so nach einer Rückkehr in ein romantisches Damals, das jeder anderswo einordnet. Von der 1970ern über die 1950er, zur vorindustriellen Zeit, zu den alten Griechen oder gar der „friedlichen“ Urhorde.

Wer keine Autos mehr fahren sehen will, muss dies dann auch für Krankenwagen gelten lassen, bei medizinischen Notfällen wäre das kaum zu verantworten. Man könnte es folglich nur bestimmten Menschen erlauben Auto zu fahren und das gefühlte oder tatsächliche Recht auf Mobilität kassieren. Nur muss die Frage erlaubt sein, ob genau das nicht strukturelle Gewalt ist:

„Johan Galtung ergänzte den traditionellen Begriff der Gewalt, der vorsätzlich destruktives Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe bezeichnet, um die strukturelle Dimension:

„Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.“

Diesem erweiterten Gewaltbegriff zufolge ist das Zurückbleiben der aktuellen Selbstverwirklichung hinter der in einer Gesellschaft möglichen Selbstverwirklichung eine Form von Gewalt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt#Der_Ansatz_von_Galtung )

Moorleiche 16.07.2017 | 13:42

Besten Dank. Ich versuche, die vorgestellten Argumente zu prüfen, hinsichtlich dessen, ob sie etwas a) aussagen/definieren oder sehr breit sind. Dann umschließen sie alles (und jeder findet sich irgendwo wieder, wie in : "Es ist richtig, das Gute zu mehren"), sagen aber auch nichts mehr aus. b) hinsichtlich ihrer Konsistenz oder Widerspruchsfreiheit. c) ist immer noch zu schauen, ob es nicht auch andere Ansätze gibt, die mehr und/oder ggf. besser erklären.

gelse 16.07.2017 | 13:56

>>Am Auto haengen auch die Emotionen des kleinen Mannes…<<
Das stellte ich in Gesprächen auch immer wieder fest. Eigentlich macht das münchner öffentliche Verkehrssystem das Staumobil überflüssig, vor allem, wenn ich den Leuten mal vorrechne, dass ihre zwei Kinder eh mit Schülermonatskarte fahren, und ein Ehepartner auch mit Monatskarte, weil die Arbeitsplätze zu weit auseinander liegen. Wo dann noch der Vorteil sein soll, erschliesst sich nicht. Und der HVV ist auf keinen Fall schlechter als der MVV: das sage ich weil ich schon ein paar Mal in Hamburg war.
Dabei ist die hohe Unfallrate des Strassenverkehrs noch nicht einbezogen.
Aber: „Ich lasse mir doch den Spass am Autofahren nicht verderben!“ Das Kind will sein Spielzeug. Und wenn die brutale Ermordung unschuldiger Autolein skandalisiert wird, dann stimmt es sofort ein.
Dabei haben Kleingewerbetreibende, die vielleicht auch nicht komfortabel versichert sind, wahrscheinlich die grösseren Probleme: Zum zerbrochenen Schaufenster gibt es kein leicht handhabbares Alternativangebot.

>>…und natuerlich schlummert auch im Auto Gewalt.<<
Dem habe ich weiter oben auch schon zugestimmt: Im Interesse einer friedlichen und unzerstörten Welt wäre es wichtig, unseren massiven Rohstoff- und Energieverschleiss herunterzufahren. Wir würden feststellen, dass das Leben dadurch nicht weniger komfortabel wird, eher mehr. Volkswirtschaftlich vernünftige und sozialverträgliche Verteilung der verbleibenden Arbeit vorausgesetzt. Und wenn Kapitalisten das nicht können, gilt ihr bewährter Grundsatz: „Wer sich als unfähig erweist, fliegt raus“ ;-)

Moorleiche 16.07.2017 | 14:38

Oder das Beschneiden schädlicher Auswüchse auf ein eher verträgliches Mass?“

Ja, sicher. Auch. Und um das gleich zu sagen, ich bin ausdrücklich dafür. Wir brauchen Regulation, in vielen Bereichen. Nur ist Regulation genau das, was man strukturelle Gewalt nennt oder nennen kann.

Noch mal gewendet. Wenn ich die Proteste gegen G20 als Form politischer Äußerung durchwinken will (sei‘s direkt oder über Bande), dann ist auch Gewalt gegen Flüchtlinge eine politische Äußerung und man könnte diese als – Achtung – Akt gegen strukturelle Gewalt interpretieren, weil uns nämlich von der grünlinksversifften Elite etwas aufgenötigt wird, was wir nicht haben wollen.

Gewalt ist einfach etwas, was überall vorkommt und um sie zu unterbinden, muss man sie institutionalisieren und monopolisieren und das ist strukturelle Gewalt. Strukturelle Gewalt ist Kultur. Man kann sie geschickter oder ungeschickter leben, in totalitären Regimen ist strukturelle Gewalt extrem, in Demokratien in aller Regel zu gut ertragen.

Wenn wir nicht wollen, dass Rockergruppen, Ethnoclans, Rechtsextreme, Linksextreme, Islamisten, Mafia … einen Staat im Staat errichten und dem Staat das Gewaltmonopol, müssen wir das Gewaltmonopol desselben anerkennen, oder wir werden Faschisten und sagen: Meiner Gruppe sei erlaubt, was anderen verboten ist. Oder wir werden Narzissten und sagen: Mir ist erlaubt, was anderen verboten ist und niemand hat mir zu sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe.

>>Wer keine Autos mehr fahren sehen will, muss dies dann auch für Krankenwagen gelten lassen,...<<
Alles oder gar nichts, ja, so muss es sein ;-)“

Das ist nicht das Argument. Ich sagte, dass eine Beschneidung ein Akt der strukturellen Gewalt ist. Da aber kaum jemand etwas dagegen haben wird, dass man jemanden mit einem frischen Infarkt schnell ins Krankenhaus bringt und man auch bei einem generellen Fahrverbot hier sicher eine Ausnahme machen würde, ist die Mehrheit sicher bereit Ausnahmen zu machen, d.h. strukturelle Gewalt in Teilen abzunicken.

gelse 16.07.2017 | 14:49

>>Nur ist Regulation genau das, was man strukturelle Gewalt nennt oder nennen kann.<<
Oder die Regulierung käme nicht autoritär, sondern durch einen Konsens zustande.
Im Falle Rohstoff- und Energieverschleiss könnte der klappen, wenn jede Suggestivwerbung, alle Produktimagekampagnen und dergleichen "Bedürfnisschaffung" unterbunden würden. Der Begriff "Wohlstand" könnte dann andere Inhalte bekommen. Das wäre natürlich strukturelle Gewalt gegen Profitmaximierer.
Ganz ohne es nicht.

Moorleiche 16.07.2017 | 15:14

Oder die Regulierung käme nicht autoritär, sondern durch einen Konsens zustande.“

Da gibt es ein entscheidendes Gegenargument und das lautet:

„Diese Neigung von der Gemeinschaft so zu reden, dass sie irgendwie Einstellungen hat und Performanzen hervorbringt, wie sie eher mit Einzelnen assoziiert werden, ist weder Ausdruck von Nachlässigkeit noch harmlos. Diese façon de parler ist der Kern von Theorien gemeinschaftlicher Beurteilung. In ihr manifestiert sich der Orientierungsfehler (über den später noch mehr zu sagen sein wird), Ich-wir-Beziehungen statt Ich-du-Beziehungen als die grundlegende soziale Struktur zu behandeln. Beurteilen, Billigen, usw. sind alles Dinge, die wir Einzelne tun und einander zuerkennen, und wodurch eine Gemeinschaft, ein „Wir“ entsteht. Doch diese Einsicht wird durch die Ich-wir-Brille verzerrt – womöglich die gleiche, wie sie von jeher politischen Philosophen bei ihrer Arbeit aufgehabt haben. Der Anschein der Möglichkeit gemeinschaftlicher Beurteilung ist kein ungefährlicher, weil die bequemen Wege, die Metapher der gemeinschaftlichen Billigung usw. auszubuchstabieren, in bekannte Dilemmata führen. Auf Regularitäten der Billigung und Zurückweisung durch einzelne Gemeinschaftsmitglieder kann man vielleicht einen Begriff der gemeinschaftlichen Billigung oder Missbilligung aufbauen. Doch universelle Übereinstimmung wäre zu viel verlangt, und wie will man entscheiden, wieviel Übereinstimmung genügt.“
(Robert Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt.2000,Suhrkamp, S.84)

Montaine Duvall 16.07.2017 | 15:29

Das eigentliche Thema scheint verloren zu gehen, in diesem unserem Lande.

Ein kaputtes Auto ist ein kaputtes Auto. Eine eingeworfene Scheibe ist eine eingeworfene Scheibe.

In anderen Ländern wäre das ein verhungerter Mensch oder eine Bombe.

Ja, ich hatte schon ein defektes Auto und eine eingeschlagene Scheibe. Im Vergleich zu den wirklichen Problemen die uns beschäftigen sollten ein Wohlstandsproblem. Man kann auch das Wort Dekadenz bemühen.

Die Fragen und Probleme sind, was machen die G20? Wieso arbeitet der Terroristenjäger mit Saudie-Arabien zusammen? Ressourcenverbrauch, Hunger, Kriege, Gen-Technik usw.

Die Scheiben usw. lenken ab und es fragt sich, ob sie das sollen.

Der Gipfel war wie erwartet sinnlos, die Kosten zig Millionen. Mit diesem Geld hätte man Millionen vor dem erblinden retten können.

Die Politik muß sich fragen lassen, wieviele Tote oder geschädigte ihr Fest zur Selbstdarstellung wert ist. In diesem Fall gilt Kosten-Nutzen. Unsere "Könige und Kaiser" bringen zum wiederholten Male nichts zustande und beschweren sich über das Volk.

Die Politik hat eine Bringschuld und muß ihre Existenzberechtigung belegen. Hier mangelt es extrem.

Der Arbeitnehmer soll immer besser werden, sich fortbilden, mobil sein, mit weniger zufrieden, Leistung bringen und für die Industrie gewinnbringend sein.

Ok, aber wie sieht das bei unserem politischen- und Verwaltungspersonal aus?

Moorleiche 16.07.2017 | 16:15

Man kann auch das Wort Dekadenz bemühen.“

Kann man, sollte man aber nicht.

Dann wäre Zivilisation auch Dekadenz oder die Krankenversicherung für alle. Ein Gerechtigkeitsbegriff der Gerechtigkeit auf dem niedrigsten Niveau für alle ansiedelt (wenn alle zu verhungern drohen und das Leben ein täglicher Kampf ums Überleben ist, ist das auch „gerecht“ im Sinne der Gleichheit), ist zu schwach. Gerechtigkeit muss mehr wollen, aber das ist nicht dekadent.

Die Politik hat eine Bringschuld und muß ihre Existenzberechtigung belegen. Hier mangelt es extrem.“

Mein Ansatz ist, politisch abzurüsten und die Politik zu umgehen, wo immer es geht. Alle sind mit ihr unzufrieden, aber gleichzeitig sehen alle das Heil darin, sich bis ins Hysterische zu politisieren. Ist mir unverständlich.

Moorleiche 16.07.2017 | 16:34

"Weil es ohne Politik nicht geht und die Leute frustriert sind über die Mechanismen, die fast nur unfähiges Personal nach oben kommen läßt."

Und in der Politik ist das nicht so?

"Zivilisation wie sie allgemein verstanden wird hat ein großes Potential an Dekadenz. Aber das ist auch eine Definitionsfrage."

Zivilisationsmüdigkeitist nur schön, bei gleichzeitiger Teilhabe. So am Wochenende Mittelalter spielen und sich das als nerverending Party vorstellen, bei Lagerfeuer, Gärgetränk und Wildschweinbraten. Im Winter ohne Fenster sieht das schon anders aus.

sch123 16.07.2017 | 17:01

Es wurden keine Gehwegplatten von Häusern auf Menschen geschmissen. Sie sollten nicht fake-news der Polizei kolpotieren. Wäre das passiert gäbe es Tote.

Das war in Hafenstraßenzeiten vielleicht so.

Grundsätzlich haben Sie aber natürlich recht. Was die Vermummung betrifft ist die Frage, ob es verhältnismäßig ist, eine ansonsten friedliche Demo anzugreifen (bzw. angreifen zu müssen!) weil Vermummte mitlaufen. Deswegen wurde von Pistorius ins Spiel gebracht, das Vermummungsverbote zu lockern (von Straftat zu Ordnungswidrigkeit), um den Ermessensspielraum der Einsatzkräfte zu vergrößern.

janto ban 16.07.2017 | 17:12

Das sollen positive Aspekte im Hinblick auf die irgendwie linke Sache sein, Silvi..? Huhu!

Nee nee, der Preis ist beschlagnahmt. Punkt 1 treibt in gewaltigster Mehrheit eh nur der Mutti die Jungwählerz zu. Ich hör's doch.

Und überhaupt; wie können Krawalle, die sich u.a. gegen Friedensfürst Trump, Antifaschist Putin und Volldemokrat Erdoğan richten, auch nur links angehaucht sein..? Unmöglich.

Am steinharten Lebkuchen mit der Aufschrift "Mein ist dein ganzes Herz", das ich gestern an der Schießbude erobert habe, beiße ich mir selbst die Zähne aus. Die Preisverleihung ist abgesagt ;o)

Moorleiche 16.07.2017 | 17:24

"Wie bitte, Mittelalter? Ich weiß nicht wovon du schreibst und was du unter Zivilisation verstehst."

Schwer zu glauben. Es gibt eine Assoziationswolke in der sich Begriffe wie Dekadenz, Zivilisation, Überfluss, Ungerechtigkeit, Asymmetrie und so weiter überschneiden.

Man sollte das trennen. Ein guter Tipp ist den Schrecken der Modernem mit der Würde der Moderne zu vergleichen und nicht den einen Arm konstant verleugnen.

janto ban 16.07.2017 | 17:28

|| Was die Vermummung betrifft ist die Frage, ob es verhältnismäßig ist, eine ansonsten friedliche Demo anzugreifen (bzw. angreifen zu müssen!) weil Vermummte mitlaufen. ||

Ja, die Frage ist erlaubt. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass eine andere Taktik der Polizei zu Beginn den weiteren Verlauf der Proteste beeinflusst hätte. Wer friedlich und/oder ein bisschen zivil-ungehorsam demonstrieren wollte, hätte es so oder so getan. Und wer in blinder Wut ziellos kaputtschlagen wollte, was kaputtzuschlagen war, hätte sich auch nicht abhalten lassen. Denn wozu war man denn immerhin angereist, nicht wahr.

Und die Geheimdienste, wir wissen das seit Snowden, wussten doch eh Bescheid, was kommen würde. Was wiederum ein Grund für das frühe, harte Durchgreifen der Polizei gewesen sein könnte. Was vielleicht ein Fehler war. Vielleicht auch nicht.

Ich hatte schon mal geschrieben, dass, wenn nicht die Mächtigsten, dann immerhin die 20 sensibelsten Personen des Planeten in der Stadt waren. Und da liegen die Nerven vielleicht auch einfach mal blank. Könnte ich mir jedenfalls vorstellen.

Zu allem hinzu kommt, dass es nicht in meinen Kopf will, warum Proteste eigentlich ausgerechnet dann Sinn machen sollten, wenn die 20 zusammensitzen. Warum nicht Krawalle an allen Tagen im Jahr, an denen sie nicht zusammensitzen..? Das erschlöss sich mir auf Anhieb.

janto ban 16.07.2017 | 17:37

|| Warum nicht Krawalle an allen Tagen im Jahr, an denen sie nicht zusammensitzen..? Das erschlöss sich mir auf Anhieb. ||

Sie irgendwo einschließen - und erst wieder rauslassen, wenn sie mit ernst gemeinten, umsetzbaren, wirksamen, nachhaltigen Lösungen für die großen Probleme unserer Zeit um die Ecke kommen. Vorher gäbt's nur Wasser und Brot. Oder das, was wir so fressen; Ravioli, Double Cheeseburger, Olper Beff.

sch123 16.07.2017 | 17:44

Die Eskalationsbereitschaft war so oder so da, das denke ich auch. Der Rest ist Hamburgern altbekannte Dramaturgie (--> böse Linke vs. böse Polizei; es waren auf jeden Fall die anderen schuld, soviel steht fest).

Es kristalliert sich ja heraus, dass der Senat sehr wohl wusste, dass er die Stadtviertel nicht wird schützen können vor den absehbaren Krawallen. Der Schutz der Delegationen hatte Priorität, wie wir inzwischen wissen.

Und warum gerade zu G20?

1. sicherlich wegen der sicheren Aufmerksamkeit. 2. weil es viele militante Linke erklärtermaßen als Affront aufgefasst haben, dass der G20 nach Hamburg kommt.

silvio spottiswoode 16.07.2017 | 17:46

Also wenn die Polizei zum politischen Akteur wird [sic!] und Journalisten das dann auch noch toll finden (siehe Fleischhauer, Poschardt, ARD, ZDF etc pp), das macht mir echt Angst! #Gewaltenteilung. https://twitter.com/janfleischhauer/status/883444526840524800

Hier noch eine tolle Webseite auf der Bürger über staatliche Übergriffe und Polizeigewalt im Rahmen der #G20 Proteste informieren. https://g20-doku.org/

Unbedingt zu Gemüte führen sollte man sich auch den Bericht Gabriele Heineckes von der Pressekonferenz der Anwaltlichen Nothilfe, in dem sie ganz nüchtern belegt: die Polizei LÜGT.

Was in so ungefähr allen erdenklichen Aspekten ungeheuerlich ist und eigentlich eine Verfassungskrise bedeutet. (Was allerdings, nach jahrelangen NSU und NSA Skandalen wirklich niemanden mehr überrascht.) Und das ist schlimm. Die ganze Gewaltdebatte war gewollt. Geplant und von Polizeiseite vorbereitet. Die Polizei hat einen Kriegseinsatz gegen die eigene Bevölkerung, mit SEK im Inneren gewollt und durchgezogen. Auf friedliche Demonstranten wurde mit Schnellfeuerwaffen gezielt; – und wohl auch zwei mal geschossen. Zahlen der Verletzten auf Seiten der Demonstranten, gehen locker in die Hunderte. Einer schwebte in Lebensgefahr, einem Anderen wurde auf der Intensivstation die Milz entfernt nachdem 5 Polizisten auf ihn eingedroschen hatten. Demonstranten wurden gegen Mauern getrieben sodass wirklich die einzig ersichtliche Polizeistrategie war, maximalen Schaden auf Seiten der Demonstranten zu verursachen.

Die fadenscheinigen Schilderungen über Bedrohung der Polizei sind z. T. frei erfunden, sodass beispielsweise die Leute vom Dach in der Schanze – die angeblich einen »Polizeieinsatz verhindert hatten« – sodass die Randale am Schulterblatt schön lange dauern konnte und sich mit großer Wirkung viele tolle Bilder im Internet verbreiten – die vom Dach wurden schon nach wenigen Stunden alle wieder freigelassen. Ohne Anzeige oder Haftbefehl! Weil da dann wohl nichts war. Alles #FakeNews der Polizei.

Was ich sagen will, Schwuggele: Wir alle sollten uns ernste Sorgen machen, nicht über Linke Gewalttäter sondern eine Polizei, die als politischer Akteur auftritt. Und Journalisten, die zu dämlich sind oder zu wenig Rückgrat haben, dagegen zu halten.

Und Augstein, gehört absolut nicht dazu.

poor on ruhr 16.07.2017 | 17:50

@MOORLEICHE Danke fuer Deine Antwort. Du hast natuerlich recht. Ich moechte nicht, dass die Krankenautos abgeschafft werden. Du hast gute Ueberlegungen angestellt. Ich hatte nur hingeschrieben was mir zu Gewalt und Auto eingefallen ist. Diese brennenden Autos waren ja fuer viele Menschen der Knackpunkt an dem Ganzen. Die brennenden Autos waren ja noch vor den VERLETZTEN der Aufreger Nr. 1. Auf einer Demo angezuendte Autos sind in der BRD eine Strata t, aber auch ein Sakrileg. Natuerlich hat man als Staatsbuerger auch ein Anrecht darauf, dass das was ihm gehoert vom Staat geschuetzt wird. Die alleine erziehende Mutter hat wirklich nichts als Aerger wenn ihr Auto abgefackeltwird. Trotzdem ist der Induvidualverkehr ein Konzept in dem ganz viele Kreislaeufe der Gewalt ineinnander greifen. Das Eine schliesst das Andere nicht aus. Das wissen aber auch ganz Viele. Sicher kann man auch den Induvidualverkehr als Ausdruck persoenlicher Freiheit und einen eindaemmenden staatlichen Eingriff in diesen als strukturelle Gewalt definieren, aber die Frage ist wie lange das noch geht,wenn die Erde schlapp macht? Es ja nicht nur das Auto sondern so viel mehr. Das hat Augstein ja beschrieben.

Rufus T. Firefly 16.07.2017 | 17:52

Deswegen wurde von Pistorius ins Spiel gebracht, das Vermummungsverbote zu lockern (von Straftat zu Ordnungswidrigkeit), um den Ermessensspielraum der Einsatzkräfte zu vergrößern.

Traurigerweise gibt es diesen Ermessungsspielraum seitens der Polizei bei Demos von Rechten regelmäßig. Trotz Vermummungsverbot. Und das nicht nur in Cottbus. Die Polizei wird dafür ihre Gründe haben...

Ich bin grundsätzlich für die Abschaffung des Vermummungsverbots; Vermummungen bieten Schutz vor unrechtmäßigen Verfolgungen und Repressionen durch den Staat gegen Andersdenkende. Oder um es im Politikersprech zu sagen: Eine Demokratie muss Vermummungen aushalten, sonst ist sie nichts wert.

gelse 16.07.2017 | 17:55

Der Brandom weiss zweifellos viel über Hegel und nicht wenig über Semantik, und ich möchte seine theoretischen Verdienste nicht schmälern.
Was ich aber hier schreibe, habe ich nicht aus Büchern, sondern schöpfe eher aus der Praxis.

Natürlich kann sich ein Mehrheitskonsens* ändern, und zwar auch als neuer Mehrheitskonsens. Sollte ich beschreiben, wie viele Dinge, die mal als gut und unverzichtbar galten schon veraltet und nicht mehr zeitgemäss wurden, dann wüsste ich ja gar nicht, wo ich anfangen soll…
---
*ich hätte es gleich so sagen sollen um Mistverständnisse zu vermeiden. Natürlich krankt jede Mehrheitsentscheidung daran, dass eine Minderheit die Dinge anders sieht. Aber darüber, dass dies kein k.o.-Kriterium ist, herrscht ja auch wieder ein Mehrheitskonsens.

janto ban 16.07.2017 | 17:56

|| Also wenn die Polizei zum politischen Akteur wird [sic!] ... ||

Wieso wird die Polizei zum politischen Akteur..? Sie ist ein politischer Akteur. Das ist doch unsere Exekutive.

Tut mir leid, du weißt, ich kann das nicht lesen, Silvi. Von allen anderen ja; aber nicht von dir. Und die studierte Verschwörungstheoretikerin gucke ich mir auch kein zweites Mal an. Wenn die ihre Nische im Verteidigen von affektiertem Firlefanz gefunden hat, dann gönne ich ihr das. Aber die soll mich in Ruhe lassen.

silvio spottiswoode 16.07.2017 | 18:07

Polizist und im Kommunikationsteam der Polizei bei den G20 Protesten vor Ort war Oliver v Dobrowolski. Er hat in seinem Blog seine verheerende und wirklich lesenswerte Bilanz des Einsatzes seitens der Polizei gezogen http://vionville.blogspot.de/2017/07/G20-Polizistensicht.html

»Dass in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland, das als führende Nation in verschiedenen Bündnissen zurecht Defizite beim Demokratieverständnis sowie den Bürger- und Freiheitsrechten in Staaten wie der Türkei, Ungarn und Russland anprangert, ein Gipfeltreffen mit derartigen Einschränkungen eben dieser Rechte einhergeht und sowohl die politische als auch die polizeiliche Führung einen Rückfall in vergangen geglaubte Zeiten praktizieren, ist unfassbar und beschämend


Auch lesenswert, der Blog Patricia Cammeratas, »Unter Demokratie verstehe ich etwas anderes« http://dasnuf.de/g20-und-mein-verstaendnis-von-demokratie/

»In unserem Podcast Der Weisheit berichtet Marcus Richter davon, dass sich das Bild der Polizei in den USA in den letzten Jahren vom Guardian zum Warrior verschoben hat und sich somit von demokratischen Grundideen wegbewegt (Mit dieser Idee arbeitet z.B. der Artikel „From Warriors to Guardians: Recommitting American Police Culture to Democratic Ideals„).

Ich finde dieses Bild sehr stark. Vom Beschützer zum Krieger. Das Bild kam mir während des G20 Gipfels sofort in den Kopf. Hamburger Linie eben. Hart durchgreifen. Eskalation und Kollateralschäden werden dann in Kauf genommen.«

Montaine Duvall 16.07.2017 | 18:27

Nun ja, die Polizei sollte sich an die Gesetze halten, so nimmt man an. Leider muß ich sagen, daß das nicht unbedingt der Fall ist.

Ich beobachtete eine Szene: Ein Beamter redet mit einem schwarzen. Dieser redet ebenso, der Beamte schlägt im mit der Faust ins Gesicht.

Ich wollte dieses Verhalten bei der Polizeistation anzeigen. Der Kommentar durch die Sprechanlage war: Das geht sie nichts an.

Die Türe wurde mir nicht geöffnet.

Später erklärte mit ein Hauptkommissar, der Beamte ist einschlägig bekannt und das dürfte natürlich nicht passieren. Man werde mit demjenigen reden.

Nun, in diesem Moment war ich mir absolut sicher, dies wird nicht geschehen und der Beamte handelte mit Zustimmung des Vorgesetzten.

silvio spottiswoode 16.07.2017 | 18:29

Och, Babe, gleich heul' ich. Wie kannst Du das nicht verstehen?

1. Reichbürger und Nazis in den Reihen der Polizei (Sachsen, Thüringen); ein BKA/Verfassungsschutz, die in eine nicht aufzuklärende Mordserie tief verwickelt sind. #NSU

2. Eine konservative Politik, die mit Stimmen der CDU, FDP und AfD, die die Kennzeichnungspflicht für Polizisten im größten deutschen Bundesland aufhebt. (NRW)

3. Das, zusammen mit Vorratsdatenspeicherung und einem weiteren politischen Skandal (NSA), in dem massive Verstöße gegen Zivilrechte belegt sind.

Das alles ist eine sehr sehr ungute Mischung, die die für eine Demokratie zentrale Struktur der Gewaltenteilung bewusst unterläuft.

Lies doch mal Oliver v. Dobrowolski. Er hat in seinem Blog sehr gut beschrieben, warum die Polizei nicht die Interessen der Politik, sondern die der Bürger zu vertreten hat. http://vionville.blogspot.de/2017/07/G20-Polizistensicht.html

sch123 16.07.2017 | 18:40

Ha, wie geil ist der Spruch denn?

"Kurz danach erklärte Hamburg, seinen Einsatzkräften drei Tage Sonderurlaub plus Wurst und Getränk bei einer gemeinsamen Nachbesprechung zu spendieren. Berlins Innensenator Geisel zog daraufhin nach und erhöhte ebenso auf drei Tage. Trotz der ausbleibenden Wurst sehe ich diese Geste als sehr positiv an."

Aber ernsthaft, was den Beamten zugemutet wurde ist auch wirklich skandalös. Bei so einer gefährlichen und kritischen Aufgabe die Leute 50 Std Schichten schieben lassen mit nur wenigen Stunden Schlaf dazwischen (in Montur auf dem Boden) kann für die Sicherheit aller Beteiligten keine gute Praxis sein.

Montaine Duvall 16.07.2017 | 18:42

Zusatz. Man wollte meine Anzeige nicht entgegennehmen. Ich habe bei einer gemeinnützigen Organisation angerufen, auch diese kannten den Beamten als potentiell zuschlagenden Rassisten.

Das scheint kein Grund zu sein diesen zu entlassen.

Meinen Kindern soll ich allerdings beibringen Vertrauen zur Polizei zu haben. Wäre das nach all den Aktenvernichtungsaktionen, Falschaussagen, NSU, gerichtlich festgestellten rechtswidrigen Einsätzen angebracht?

Übrigens ist das nur 1 Beispiel von den weiteren die ich als unbeteiligter Beobachter sammeln konnte.

janto ban 16.07.2017 | 18:56

Nein, nicht weinen. Du weißt doch, dass wir beide die Sache anders sehen.

Politisch Rechte sind in jeder großen/größeren, gesellschaftlichen Gruppe vertreten. Unter Brillenträgerinnen, Linkshändern, Homosexuellen. Warum sollte es mit der Polizei anders sein..?

Gegen die Abschaffung der Rücken-Nummern bin ich auch. Warum die abschaffen..?

Über und gegen die Totalüberwachung habe ich hier bis zum Abwinken geschrieben. Meine Meinung dazu sollte eigentlich klar sein.

Und den Blog muss ich nicht lesen, um das, was du dazu schreibst, falsch zu finden. Die Polizei hat den Auftrag, Recht und Gesetz durchzusetzen. Und wenn das Interesse einzelner Bürgern dem mal zuwiderläuft, dann ist es - je nach (Fehl-)Einschätzung der Lage - sogar ihre verdammte Pflicht, zu handeln. Wie man das im Einzelfall bewertet, die Taktik, die Mittel usw., das ist eine ganz andere Frage. So, wie du es aufschreibst, ist es nicht richtig. Habe den Blog aber auch nicht gelesen.

Mir wird ja hier u.a. vorgeworfen, ich hätte keine Ahnung von der Materie vor Ort. Und das stimmt auch. Ich bin nicht wirklich streetwise, was das Demonstrieren angeht. Aber als Sesselfurzer weiß ich doch, dass ich mir angucke, wer und/oder was zur Demo aufruft, bevor ich mich in einen Zug einreihe. Und wenn ich mich entschieden hätte, an der "Welcome to Hell"-Demo teilzunehmen, dann hätte ich doch vorher mit mir selbst abgesprochen, dass ich es inkauf nehme, eventuell grün und blau gespritzt nach Hause zu kommen, oder etwa nicht..?

Wenn ich mich auf der sicheren Seite hätte wähnen wollen, wäre ich hinter Kipping und van Aken hergelatscht. Oder nur mit Brille und Fliege bekleidet dauerfurzend 5 mal um die Alster gejoggt. Das hätten sie mich zwar auch nicht ungestört machen lassen, aber welche Polizistin vergreift sich schon zu hart an furzenden Männern mit wenig Muskeln und kurzen Penissen..? Da müssen wir doch mal drüber nachdenken!

Aktionskunst ist sowieso die Allergeilste. Was die angeht, wünsche ich es mir gerne sehr viel aggressiver. Da geht noch einiges. Und die produziert, wenn sie gut gemacht ist, auch Bilder, die straight into the Fresse gehen..

silvio spottiswoode 16.07.2017 | 19:00

Ich bin ja der Meinung, die Eskalation war seitens der Polizeieinsatzleitung definitiv geplant.

Angefangen bei den Schikanen um das gerichtlich genehmigte Protestcamp in den Tagen vor der Demonstration; die vollkommen unberechtigte Zerschlagung der »Welcome to Hell«-Demo, obwohl 90% der Antifa sich demastkiert hatten; die Lügen um die Verletztenzahlen der Polizei und auch während des Einsatzes kursierten #FakeNews unter den Polizisten, Demonstranten hätten ihnen die Schnellfeuerwaffen abgenommen ... Das alles ist staatliche Eskalation mit Ansage.

Sehr zu denken gab mir in dem Zusammenhang auch der Auftritt Bosbachs (CDU) bei Maischberger: Er verließ die Diskussion ja nicht an irgendeinem Punkt einfach so. Er verließ die Diskussion als über Polizeigewalt gesprochen wurde, da er von politischer Seite sich jegliche – berechtigte – Kritik an einem Polizeieinsatz verbat, der ein politischer war. Politische Willkür gegen linke Oppositionsstimmen.

Montaine Duvall 16.07.2017 | 19:00

Du hast recht. Der Hauptkommissar wollte mir auch eher eine Anzeige ausreden.

Wie sagte er: Der Kollege schießt manchmal etwas über das Ziel hinaus und war etwas übereifrig.

Aha. Hätte ich diesem Beamten eine Ohrfeige dafür gegeben würde die Aussage des HK wohl anders aussehen.

Auch habe ich mitbekommen, daß Beamte bei einem Vergehen ihrerseits ihren Namen verweigern, ich kann mir vorstellen wieso und nach Aussage eines Polizeibeamten der Anteil rechtslastiger nach seiner Meinung nach ca. 20% liegt.

Rechtslastig im Sinne von Republikaner Wähler u.ä.

Montaine Duvall 16.07.2017 | 19:11

Die Sache ist schon eine Weile her.

Wie gesagt, die Polizei hat keinerlei Interesse Vergehen in den eigenen Reihen zu verfolgen. Die Vorgesetzten oder Politiker auch nicht. Aussage eines Polizisten: Bei uns deckt einer den anderen.

D.h. es muß schon sehr dick kommen, mit 10 Beweisfotos und 30 Zeugen bevor etwas passiert.

Wie war das nochmal: 1 Polizist schlug einen Journalisten zusammen, genau in diesem Moment drückte der Fotograf auf den zustürmenden, das Foto liegt vor, der Polizist hatte Bart, eigentlich gut zu erkennen.

Die Polizei sagte, man könne nur mit einem Foto keinen Beamten identifizieren.

Ich habe herzlich gelacht. Sprich, entweder ist die Polizei unfähig oder sie wollten nicht.

Mit Phantomzeichnungen fahnden sie - Fotos genügen nicht um von einigen zig jemand mit Bart zu finden.

Wenn das Wort eines Polizisten vor Gericht mehr gilt als das eines Bürgers hat auch die Strafe bei Falschaussage entsprechend härter zu sein.

Daher bin ich für Körperkameras, Mikrofon und eindeutige Kennzeichnung der Beamten. Nur so kann man die schwarzen Schafe aussortieren die sich nicht an die Dienstvorschriften halten.

In den USA würden so wohl hunderte Polizisten im Knast sitzen.

silvio spottiswoode 16.07.2017 | 19:14

Big Like! :)))

Hier wird gesammelt https://g20-doku.org/

Unfassbar fand ich auch den Fall, wo ein bewusstloser Mann gefesselt von der Polizei die Straße entlang geschleift wird. https://g20-doku.org/2017/07/07/polizist-schleift-bewusstlosen-aktivisten-uber-den-boden/

Und da sprechen wir noch nicht mal über die Menschenrechtsverletzungen in der Gefangenensammelstelle. Also, mich macht das wirklich wütend und sprachlos, was die Polizei da veransaltet hat.

silvio spottiswoode 16.07.2017 | 19:20

Hm. Dass meine Meinung nicht mehrheitsfähig ist weiß ich, deswegen war ich auch nie Klassensprecher. :)))

Ich finde, man darf Menschen nicht so behandeln. Punkt. Das ist unmenschlich und dafür kann es keine Rechtfertigung geben.
Niemals. Was wir hier seitens der Polizei und Politik (De Maizière, Bosbach) erleben ist die bewusste Herstellung eines Feinbildes für politische Zwecke. Instrumentalisierung. Das ist absolut inakzeptabel.

Richard Zietz 16.07.2017 | 19:29

»Die Polizei hat den Auftrag, Recht und Gesetz durchzusetzen. Und wenn das Interesse einzelner Bürgern dem mal zuwiderläuft, dann ist es - je nach (Fehl-)Einschätzung der Lage - sogar ihre verdammte Pflicht, zu handeln.«

Eine Sichtweise, die dermaßen zwischen Selbstvergessenheit, Uninformiertheit und Selbstgerechtigkeit oszilliert, dass man einfach gegenhalten muß.

Faktencheck: Die Police und ihre Führung (vor allem letztere) haben über Wochen und Monate die Sache hochgekocht und die schlimmsten Horrorszenarien an die Wand gemalt. Wegmarken, aus dieser Eskalationslogik auszusteigen, gab es mehrere: a) anderer Ort, b) ein anderes Konzept ähnlich dem, dass die Berliner Polizei zum 1. Mai praktiziert (Ergebnis: wenig Schaden) mit Ansprechpartnern, Einbindung, Unterstützung, Anti-G20-Fest und so weiter. Das hätte schonmal den Vorteil gehabt, dass der Hass im Vorfeld nicht so hochgekocht wäre, wie er es dann tat.

Die Optionen c) und d) hat es ebenfalls gegeben. c) wäre »gelbe Zone konsequent« gewesen. Die Police konzentriert sich auf den Schutz der Staatsgäste-Zone innerhalb des markierten Terrains und hält sich aus allem anderen raus. d) war das Unterlassen der Camp-Schikanen, Kontroll-Schikanen am Wochenanfang und die Unterlassung des Duisburg-Loveparade-artigen Angriffs auf die WtH-Demo in diesem Panik-und-Leute-totschlag-Sack am Fischmarkt. Ich bin »streetwise« und kann das beurteilen. Ein Glück, dass da niemand draufgegangen ist.

All das ist nicht passiert. Stattdessen war man auf Blut, gebrochene Knochen, Festnahmen und Demütigung in fast jeder Hinsicht aus. Dudde wollte partout seinen Napoleon-Auftritt – am besten wahrscheinlich mit Foto von blankgewienertem Schuh auf Demonstrantenkopf. Und wundert sich nun, dass eine Gegenreaktion kam, die größer wurde, als man angenommen hat.

Abgefackelte Kleinwagen – muß man nicht gut finden. Ich find’s ziemlich bekackt – anders als die plötzlich auf Radical Chic umgestiegene Freitag-Redaktion, die den Twingo im Heft aufgemacht hat. Allerdings sollte man die Dinge so sehen, wie sie sind. Und vor allem die Relationen. Wer meint, wegen HH dem Polizeistaat das Wort reden zu müssen wie Sie in Ihren Kommentaren, hat nicht nur die Geschehnisse in Hamburg nicht verstanden. Sondern eine Reihe Dinge mehr.

sch123 16.07.2017 | 19:40

Sagen wir mal so. Dass es bei der Demo Vermummte geben würde und einzelne Böllerwürfe war absehbar für die Einsatzleitung. Dass sie dann die Demo ohne Auflagen laufen lässt und dann leider leider Gottes gezwungen ist, diese nach 50 m wieder zu stoppen an strategisch günstiger ??? - sagen wir mal je nach Betrachtungsweise - Position. Man kann halt nur mutmaßen und nichts Genaues weiß man nicht.

Interessant ist in diesem Kontext die Aufarbeitung der S21 Proteste in Stuttgart, bei denen die Demonstranten (im Gegensatz zu HH) partout nicht gewalttätig werden wollten, obwohl man die Bilder doch so dringend brauchte.

Bei Bosbach bin ich mir nicht sicher, wie weit das geplant war diese Eskalation. Die message ist auf jeden Fall: mit Menschen, die Polizeigewalt kritisieren kann, muss, DARF man nicht reden.

gelse 16.07.2017 | 19:50

>>Dudde wollte partout seinen Napoleon-Auftritt – am besten wahrscheinlich mit Foto von blankgewienertem Schuh auf Demonstrantenkopf.<<
Das sehe ich nicht so emotional. Die Strassenschlachten (Stuttgart im September 2010 ist vergessen, passt aber in die Reihe wie die Faust aufs Auge) sollen die Polizei fit halten für einen erwarteten grösseren Aufstand. Wenn heute nicht mehr öffentlich vor zunehmenden „sozialen Spannungen“ gewarnt wird, sondern eher „Deutschland geht es gut“-Gesumse verbreitet wird: Dann heisst das ja nicht, dass die Behörden sich zum Schlummern hingelegt haben.

Montaine Duvall 16.07.2017 | 19:57

Stimmt. In Stuttgart hat man gesehen wie das läuft, wem man trauen kann, was Verhältnismäßigkeit bedeutet und daß selbst nach gerichtlicher Prüfung quasi keine Folgen die Verantwortlichen traf.

Da hat man so richtig Vertrauen in Politik und Polizei.

Meinem Kind mußte ich sagen, falls sie einmal in eine gewalttätige Demo geraten, die Demonstranten werden euch kaum etwas tun, bei der Polizei bin ich mir nicht so sicher.

Kampfspray oder in Selbstverteidigung bzw aus Versehen ist da schon ein Schlag mit dem Knüppel drin. Und Wasserwerfer sind ja auch nur Spaß für die Bediener.

Ich hoffe die Kinder meiden solche Situationen um nicht verletzt zu werden.

Ein Demonstrant ist schließlich generell der Gegner von Politik und Polizei. Ein seltsames Verständnis von Rechtsstaat.

sch123 16.07.2017 | 20:16

Ja, das ist schon gruselig teilweise. Noch gruseliger finde ich, wieviele Menschen in diesem Lande sich unreflektiert manipulieren lassen und pauschal von der heldenhaften Polizei und den Linksterroristen (denen man quasi jedes Recht absprechen darf, der "Terrorist" ist ja der Vogelfreie des 21. Jahrhunderts) sprechen. Gruselig, dass bei dieser Show CDU-Politker, also einer "Volkspartei" ganz vorn dabei sind beim rethorischen Hochrüsten, mit dem legislativen Arsenal im Gepäck.

Montaine Duvall 16.07.2017 | 20:35

Nun ja, man hat es geschafft, daß "der Demonstrant" in der Bevölkerung schon fast mit einem Kriminellen gleichgesetzt wird. Im Zweifel ist immer der Demonstrant schuld.

Schlau gemacht und menschenfeindlich. Aber Realität.

Daher haben sich auch in Stuttgart viele gewundert, die sonst noch nie demonstriert haben. Man konnte gut beobachten, daß dder Staat und seine Beamten nicht Angestellte des Volkes sind sondern die Bürger nur Bedienstete die außer bei Wahlen den Mund halten sollen.

Eine Sichtweise die nur Gegner der Demokratie zeigen.

Eine Vorgehensweise die verursachte, daß einem friedlichen, unmaskierten, unbewaffneten Mann ein Auge mit dem Wasserwerfer ausgestrahlt wurde zu rechtfertigen, den Schuldigen zu decken usw. ist per Definition nur von Demokratiefeinden zu erwarten.

Die Polizei und Politik hat dies getan. Sind sie nun als Demokratiegefährder zu sehen? Fußfesseln'?

Ein Verteidiger von Demokratie und Recht hätte sofort versucht solche Dinge aufzuklären und den Schuldigen vor Gericht zu stellen.

Was soll ich nun Kindern erzählen? Der Staat ist gerecht und schützt euch? Der Staat lügt nicht?

Die Polizei lügt nicht? Die Polizei deckt keine strafbaren Handlungen?

Was ist wenn der Bürger den Staat als Vorbild nimmt?

Viele aus diesen Reihen haben sicher mehr Mitleid mit ihrem Dackel als mit einem Demonstranten. Anders kann man sich manches kaum erklären.

Moorleiche 16.07.2017 | 22:36

Diese brennenden Autos waren ja fuer viele Menschen der Knackpunkt an dem Ganzen. Die brennenden Autos waren ja noch vor den VERLETZTEN der Aufreger Nr. 1. Auf einer Demo angezuendte Autos sind in der BRD eine Strata t, aber auch ein Sakrileg.“

Ich denke auch, dass einige Deutsche sicher ein merkwürdiges Verhältnis zu ihrem Auto haben, aber viele auch nicht. Die Autos waren eher Symbol für Unbeteiligte. Man wohnt irgendwo und auf einmal brennt die Karre, einfach so.

Die alleine erziehende Mutter hat wirklich nichts als Aerger wenn ihr Auto abgefackelt wird.“

Der wohlhabende Familienvater aus dem Schützenverein, der CDU wählt hat auch Ärger und dasselbe Recht und das kann man schlecht für sich einklagen, wenn es um Versammlungsfreiheit etc. geht und dann demjenigen, der einem unsympathisch ist, die Rechte absprechen.

Sicher kann man auch den Induvidualverkehr als Ausdruck persoenlicher Freiheit und einen eindaemmenden staatlichen Eingriff in diesen als strukturelle Gewalt definieren, aber die Frage ist wie lange das noch geht,wenn die Erde schlapp macht? Es ja nicht nur das Auto sondern so viel mehr.“

Das stimmt und ich bin dafür, dass man Umweltschutz sehr ernst nimmt, aber wenn man mal einen scheuen Blick auf die Inder und Chinesen wirft, ist das wirklich völlig egal, ob hier jemand aufs Fahrrad umsteigt. Das ist das Symbol gut und wenn es zum eigenen Leben passt, okay, ansonsten moralische Selbstbefriedigung. Der Ingenieur der aus Kohlekraftwerken mehr Wirkungsgrad rauskitzelt und das den Chinesen vertickt, tut ein besseres Werk, so footprintmäßig. Und dass es für geistig-seelische Umweltverschmutzung noch kein valides Messgerät gibt, ist das große Glück einiger.

miauxx 16.07.2017 | 23:01

Genaugenommen schreibt Silvi ja nicht von einer Meinung, sondern beschreibt einen Zustand. Wenn die Mehrheit der Leute dagegen etwas hat, so hat sie auch etwas gegen gepfefferte Demonstrationen (ergo: Diese kann man auch mal wegknüppeln). Vielleicht ist das auch so. Aber auf Händchen- oder Kerzchen-Halten oder bunte Kostüme und Trommelgruppe können sich höchstens unsere Politiker á la Schaut-unsere-Demokratie-und-Freiheit einen runterholen. Darüberhinaus besteht aber der größte Eindruck solcher Veranstaltungen seitens der Stadtreinigung, die hinterher ein wenig mehr Müll wegzuräumen hat. Für die Politik ist dann, wie gesagt, genüge getan und sie braucht nicht mehr daran zu denken.

Wenn Protest sich stets nur so geriert hätte, dass dem Bürger nicht vor Schreck die Herzoginkartoffel von der Gabel rutscht, dann hätten wir heute wohl noch 17. Jahrhundert und du wärst längst mit einer Frau zwangsverheiratet. (Oder Schlimmeres ...)

Natürlich gibt es heute und hier eine Situation, die nicht mehr der vergangener Jahrhunderte oder auch der in anderen Regionen der Welt an die Seite gestellt werden kann. Es gibt eine vergleichsweise hohe Meinungsfreiheit und Demonstrationen sind grundsätzlich erlaubt. Wir haben so gesehen eine vergleichsweise komfortable Situation. Viele Demonstrationen kümmern sich dabei auch nur um relative Luxusprobleme. Diese "komfortable Situation" bringt aber auch mit sich, dass Willens- und Unmutbekundungen, nicht nur auf der Straße, von der Politik vollkommen folgenlos absorbiert werden. Man darf es, aber es interessiert schlicht nicht. Das Dürfen muss genügen und man kann im Zweifel wunderbar auf andere Staaten verweisen, wo selbst Gay-Paraden verboten werden. Die Leute demonstrieren hier etwa gegen Gentrifizierung und den zunehmenden Verkauf von Wohnraum an Investoren ... - so what? Es reicht gerade für vollmundige Bemühens-Versprechen zu Wahlkampfzeiten und danach werden trotzdem weiter Häuser, sogar in Milieuschutz-Gebieten, verkauft.

Es knirscht nun auch bei uns immer mehr im sozialen Gebälk und da ist nichts mehr als verständlich, wenn Demonstrationen auch als Kampfansagen mit zivilem Ungehorsam - nicht blindwütiger Randale und "ereignisorientiertem" Tourismus - daherkommen. Denn so etwas sind sie nun einmal ihrem Wesen nach. Ich habe sogar schon Bundestagsabgeordnete im zivilen Ungehorsam erlebt. Dass jedoch der feuerlegende Mob in Altona oder der Großteil der Randalierer im Schanzenviertel tatsächlich einer links-zielorientierten Demonstration zuzurechnen ist, möchte ich doch stark bezweifeln. Selbst wenn das Leute waren, die das für sich so auffassen.

Ich teile abschließend mal noch einen Link, den Magda nebenan gepostet hat:

http://vionville.blogspot.de/2017/07/G20-Polizistensicht.html?m=1

Mutiger Bericht und Ansicht eines Polizisten!

Moorleiche 16.07.2017 | 23:04

Stimmt ja alles, mein einziger Punkt hier ist eigentlich, dass die Forderung an die Unterlegenen sich anzupassen und einzugliedern sehr leicht als sttrukturelle Gewalt interpretiert werden kann und es bei Licht betrachtet sogar ist.

Soll wiederum heißen: strukturelle Gewalt ist, außer wenn jeder macht, was er will, unverzichtbar, nichts wogegen man demonstrieren oder gar Gewalt einsetzen sollte. Einige Auswüchse struktureller Gewalt, die näher zu benennen wären kann man ja kritisieren, aber wenn dies von einer Minderheit kritisiert wird, platzt das Argument. Die hätten sich eben anzupassen.

Moorleiche 16.07.2017 | 23:14

"Diese "komfortable Situation" bringt aber auch mit sich, dass Willens- und Unmutbekundungen, nicht nur auf der Straße, von der Politik vollkommen folgenlos absorbiert werden. Man darf es, aber es interessiert schlicht nicht. Das Dürfen muss genügen und man kann im Zweifel wunderbar auf andere Staaten verweisen, wo selbst Gay-Paraden verboten werden. Die Leute demonstrieren hier etwa gegen Gentrifizierung und den zunehmenden Verkauf von Wohnraum an Investoren ... - so what? Es reicht gerade für vollmundige Bemühens-Versprechen zu Wahlkampfzeiten und danach werden trotzdem weiter Häuser, sogar in Milieuschutz-Gebieten, verkauft."

Dem stimme ich zu und das sehe ich auch als problematisch an. Aber a) ist durch die Proteste dennn eine neue Ebene der Wahrnehmung (oh, denen ist es ja wirklich ernst) erreicht worden? Und b), sind das nicht die Errungenschaften, für die gekämpft wurde, für deren Ge- und Missbrauch (böse gesagt: Jeder Depp meint seinen Unsinn artikulieren zu müssen) doch eigentlich der Bürger selbst verantwortlich ist.

Wer meint, dass die Welt schon sein Mittagessen sehen sollte, dem kann man tief in die Augen schauen, aber Gesetze?

Holmgard 17.07.2017 | 02:25

Ich hätte mal gerne von jemandem einen positiven Aspekt gewusst, den das Affentheater von Hamburg ff für die irgendwie linke Sache im Gepäck hat. Wer es schafft einen zu nennen, gewinnt einen tollen Preis.

Drei Positive Aspekte - abgesehen davon, dass es "die irgendwielinke Sache" nicht gibt.

(1) Hamburg war und ist in besserem Zustand als Caracas, Havanna oder Pjöngjang. In dem Supermarkt, den die Schwarzkapuzen in der Schanze plünderten - waren die Auslagen gefüllt. Das ist in den inzwischen sehr wenigen Staaten, die die "Kommunismus jetzt"-Fraktion beherrscht, nicht der Fall. Diese Linksaußen sind hierzulande - dank Unrechtskapitalismus der Liberalen und sozialer Marktwirtschaft der Rechten, von Bismarck bis Adenauer eingeführt - keine Hungergestelle, die vor leeren Regalen von der Geheimpolizei verhaftet werden, sondern wohlgenährt.

In einem Linksstaat hätte man so einen Revolutionsporno gar nicht drehen können. Somit gereichen die Bilder, die im eigenen Wonderdreamland ganz anders ausgesehen oder gar nicht möglich gewesen wären, durchaus an die äußeren Linken.

(2) Die "Demonstranten" in Hamburg und ihr parlamentarischer Arm in zweieinhalb Bundestagsfraktion haben einem Homo Oeconomicus-Staat den Kampf angesagt. Damit lassen sie zugleich die Konservative Revolution in Ruhe, die von der anderen Seite vorrückt. Da war eine illiberale Riesenzange dieser Tage unterwegs in Europa - ohne dass Koordination nötig gewesen wäre. Die Linke und die Rechte (oder weil ja Wort giftig sind: die Fortschrittlichen und die Konservativen) können den Irrsinn nur gemeinsam beenden oder einzeln untergehen. Man darf die Aktivisten in Hamburg und die auch wegen ihnen fehlende Aufmerksamkeit für die illiberale (antikapitalistische) Justizrefom in Warschau durchaus in einem Zusammenhang sehen, denn es ist nolens volens ein Zusammenspiel. "Hamburg" wirkt wie ein medialer Theatervorhang, der den liberalkapitalistischen Wachhundblick des dumpfen Mainstreams von allem anderem ablenkt - und "Warschau" konnte auch deswegen so schön durchziehen, um "Zustände wie in Deutschland" zu verhindern. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Die Linke steht metapolitisch vor der Wahl zwischen Geld und Gott und die letzte Woche hat sie der wirkungsgeistigen Fraktion durchaus angenähert. Auch wenn sie es zum Teil erst zu ahnen beginnt.

All wird einer gerne ohnmächtigen Wichs und Bekenntnislinken, die auf jede Wirksamkeit pfeift, die um unheilige Begriffe tanzt und nichts will außer sich selbst, natürlich nicht gefallen. Nur - auf sie kommt es nicht an. Einer Wirkungslinken, auch wenn sie selten ist, denn sie kann Feind und Feindesfeind unterscheiden, behagt all das durchaus. Mit der Börse gegen Gott oder mit Gott gegen die Börse? Oder noch einmal das historische Momentum verspielen, bis sich Gott und Börse sich groteskerweise zusammentun, weil die Fortschrittsfraktion nicht weiß, wer ihr näher steht? Glaub ich nicht. Das Zentralkommitee tagt. Und die paneuropäische Riesenzange wird man noch öfter sehen. Die einen machen auf der Straße Rabatz (Feuer), die anderen werfen ein Nadelstreifen- und BWL-Männchen nach dem anderen per Federstrich aus den Ministerien (Eis).

(3) Durch die bisherige Selbstverohnmächtigung gerade der deutschen Linken, die den Liberalismus (Kapitalismus) nur angreifen, wenn sie alleine sind, aber ihn sofort verteidigen, wenn die Konservativen dasselbe tun, hat sich auch die parlamentarische Linke in Deutschland zum halbpromerkelschen Hanswurst gemacht. Eine "reformorientierte" Politik, der Wet Dream eines Sozialdemokraten, ist in Deutschland weiter weg als in den allermeisten vergleichbaren Ländern. Zufall?

Und die Bundestagswahl? Interessiert die deutsche Fortschrittsfraktion doch schon fast nicht mehr... Ich finde das ehrlich gut, weil es die konsequentere und intelligentere Linke stärkt; womit ich mit konsequent nicht autistische meine, dieses heute gegen die Deutsche Bank und morgen gegen den Papst, Hauptsache dagegen und wir sind die Größten. DAS ist nun schwächer, erst recht in europäischer Perspektive.

w.endemann 17.07.2017 | 11:03

Augstein hat einen sehr allgemeinen, summarischen Überblick über das Geschehen geworfen, auf dieser Ebene die Weltlage und die subjektiven Befindlichkeiten aufeinander bezogen und die Berücksichtigung dieses Bezugsrahmens eingefordert. Das hat er mE recht gut gemacht, aber eine detailliertere, angemessene Beurteilung der Vorfälle ergibt sich daraus noch nicht, das kann man anmahnen, vorwerfen kann man es Augstein nicht.

Die Gewaltproblematik ist sehr komplex, das erklärt die Vielfalt und Kontroversität dieser Diskussion. Hierzu von mir nur in aller Kürze:

1. Die moralischen Schuldzuweisungen beider Seiten müssen überwunden werden, stattdessen müssen alle Argumente ohne Vorselektion auf den Tisch und nüchtern geprüft werden.

2. Beginnen wir mit den demonstrierenden Gewalttätern. Einige von ihnen sind sicher als Linke anzusprechen (Organisierte aus dem schwarzen Block). Die emotionale Charakteristik von Links ist die Identifikation mit und der Einsatz für die Schwachen, Benachteiligten der Gesellschaft, ein starkes und manchmal auch einseitiges Unrechtsbewußtsein und die Selbstermächtigung zur Gegenwehr. Das ist nicht prinzipiell zu kritisieren. Aber wer sagt denn, daß die Linken durchwegs nicht einfältig, sondern intelligent sind/sein müssen? So wird sich mancher Linker kohlhaasisch zu dämlichen bis kriminellen Handlungen hinreißen lassen. Wer solche einzelnen Handlungen mit Links gleichsetzt, ist ein böswilliger Antilinker, hat mit einer harmonischen, gerechten, allgemein menschenfreundlichen Gesellschaft nichts am Hut. Schlimm, wenn Politiker so aus der Rolle fallen. Linke Gewalt kann kritisiert, muß problematisiert werden. Wer linke Gewalt zur Delegitimation der Linken funktionalisiert, delegitimiert sich selbst. Das ist für mich das Hauptargument von Augstein.

3. Eine typische ideologische Denkform ist die Entsubstanzialisierung (= Formalisierung), die die Gesellschaft auf ihre Oberfläche reduziert, auf die Wertschöpfer und die Wertvernichter, und so zum Feindbild des Störers der Ordnung. Im Blick auf die Gewaltförmigkeit wird jeglicher Inhalt unterschlagen, rechte und linke Gewalt fallen so ineinander, nach Motiven muß nicht mehr gesucht werden, die indirekte, strukturelle Gewalt der bestehenden Ordnung dagegen bleibt unsichtbar (um Mißverständnisse zu vermeiden, sei hier erwähnt, daß es unvermeidbare strukturelle Gewalt gibt – es kann überhaupt nicht darum gehen, Gewalt abzuschaffen, sondern sie ist zu minimieren, dh so weit es geht durch gewaltfreiere Organisationen zu ersetzen und in legitimierte legale Formen zu überführen). Das war ein weiteres Argument von Augstein. Berechtigt wäre die Kritik am Gärtner, wenn der kurzschlüssig die Gewalt gegen die Ordnung aus der Gewalt der Ordnung abgeleitet hätte. Das steht nicht im Text.

4. Aus gutem Grund ist Links nicht allein aus einer emotionalen Haltung zu definieren, sondern setzt Einsicht voraus. Man muß sich als Kollektiv verstehen, das im Sinne des Allgemeininteresses agiert, einer inkludierenden Gesamtgesellschaft. Dazu bedarf es mindestens eines rudimentären, intuitiven Bewußtseins über das Bestehende und die Bandbreite legitimer Interessen. Und es müssen die möglichen und akzeptablen Wege in eine andere Gesellschaft bedacht werden. Dieses Denk- bzw Reflexionsniveau zu unterschreiten ist nach der Aufklärung nicht mehr akzeptabel. Es hat überhaupt die Basis gelegt für die Kennzeichnung links, Marx ist einen Schritt weiter gegangen und hat einen wissenschaftlichen Sozialismus gefordert, heute würde man sagen, eine politische Einstellung, die mit den wissenschaftlichen Einsichten kompatibel ist.

5. Eine Gesellschaft kann für Menschen objektiv oder subjektiv unzumutbar sein. Das erstere nötigt zur Unterstützung von, das letztere erfordert Nachsicht mit mörderischem Notwehrverhalten, frühere Gesellschaftsrevolutionen waren nicht denkbar ohne brutalen Bürgerkrieg, und dennoch, wenn sich das Morden nicht verselbständigt hatte, historisch gerechtfertigt. Es gibt auch heute Länder, in denen ein gewaltsamer Aufstand akzeptiert werden muß, unsere Gesellschaft gehört nicht dazu, das Ausmaß der existentiellen Not reicht bei kleineren Gruppen vielleicht zur Manifestation symbolischer Gewalt, zum Anzetteln eines Bürgerkrieges reicht es nicht, weil es eben keine Notwehr ist und weil die gewaltsame Auseinandersetzung keinerlei Aussicht auf Erfolg hätte.

6. In einer Notwehrsituation ist der Betroffene nicht frei, sondern Gefangener der Situation, der sich seiner Ketten entledigen muß. Ist die Notwehrsituation nicht gegeben, beruht Links auf der Idee der autonomen Selbstbestimmung, der gemeinsamen Subjektwerdung. Das setzt Akteure voraus, die sich schon als Subjekte verstehen, die die gegebene Situation einschätzen können und darin eine erfolgreiche Strategie anbieten, für ihre Vision einer guten Gesellschaft die Mehrheit zu mobilisieren. Demonstrationen sind eine wichtige Möglichkeit, diesem politischen Ziel näherzukommen. In unserer Situation ist Gewalt gegen Personen absolut kontraproduktiv und auch bei Gewalt gegen Sachen muß die Gefährdung von Personen ausgeschlossen sein und die Zerstörung, die demonstrativ sein soll, muß wenig Realgehalt, viel Symbolgehalt aufweisen, weil das kaum praktikabel ist, sich am besten aufs Symbolische beschränken. Aber wenn schon Autos brennen müssen, dann die schlimmsten Dreckschleudern und funktionslosen Luxuskarossen, um zu zeigen, es geht nicht um Zerstörung, sondern die Zerstörung des Zerstörerischen, wenn schon Scheiben kaputt gehen müssen, dann die Bankenscheiben, womit gezeigt wird, daß, wenn die Herrschenden die Banken retten wollen, die Beherrschten die Banken (keine Personen) bluten lassen wollen, und der Angriff auf die Polizei muß sich zeigen als Selbstverteidigung.

7. Das Gewaltmonopol des Staates, der Polizei ist ein hohes zivilisatorisches Gut, das nur notfalls infrage gestellt werden darf. Aber dieses Privileg von Machtmitteln muß sich durch ein hohes Verantwortungsbewußtsein legitimieren, Machtmißbrauch muß in diesem Fall besonders konsequent geahndet werden. Die Polizei ist in einem zivilen Staat nicht dazu da, eine Ordnung um der Ordnung willen durchzusetzen, sondern hat einem friedlichen, geschützten und verläßlich geregelten Zusammenleben zu dienen. Wie in allen sozialen Konflikten ist Deeskalation das erste Mittel der Wahl, wer als Einsatzleiter der Polizei das nicht kann, hat seinen Beruf verfehlt.

Und noch eins: Vermummungsverbot für alle, Demonstranten und Polizei. Und das unter der Voraussetzung, daß alle Daten, die zur Überwachung und Ermittlung von Straftaten gesammelt wurden, sofort (im Fall eines hinreichenden Anfangsverdachts) der Justiz überstellt, ansonsten vernichtet werden.

Über die amtlich und journalistisch skandalöse Berichterstattung will ich mich hier nicht äußern, das ist ein anderes Thema.

denkzone8 17.07.2017 | 12:10

zu 2) identifikation womit?

macht imaginierte identifikation aus jedem dumm-kopf

einen vor-kämpfer?

selbst-ermächtigung zur gegen-wehr? also:

selbst-ergriffenes kräfte-messen mit

den stützen des systems(den wählern),

oder tam-tam von aufgepumpten krawall-hanseln?

3) die unmittelbare evidenz körperlicher gewalt-tätigkeit verweist motive

zumindest in die zweite reihe. motiv-forschung ist was für feinsinnige, die in trümmern nach guten absichten suchen.

(empfehle hierzu meine von nassehi-inspirierten kommentare)

die leicht-eingängige gleich-setzung von linkem und rechtem gewalt-krawall ist nicht nur regierungs-werk.

4) wut-stummes aus-agieren von spannungen

bleibt tat-sächlich hinter kommunikativen versuchen, zu überzeugen und mehrheiten zu gewinnen zurück.

ist im schlimmen sinne: re-aktionär.

5-7)eine notwehr-situation zu konstruieren,

ist nur mit reflektions-verlust zu erkaufen.

wer sich in hamburg als tyrannen-mörder gebärt,

lebt in einer sektiererischen welt, die sich nach außen nicht vermitteln kann.

wer an der vermittlung , archäologie der motive

sich abarbeiten will, vergeudet m.e.: kraft und zeit.

Montaine Duvall 17.07.2017 | 15:16

Manches hier ist mir zu theoretisch und bis zur Unkenntlichkeit verschwurbelt. Es geht glaube ich nicht um eine wissenschaftliche Theorie der Hamburger Vorkommnisse.

Es ist zwar insgesamt kompliziert aber in der Auswirkung eine einfache Sache. Wie man diese nun theoretisch einordnet interessiert wohl weder die Teilnehmer noch die Demonstranten.

Dabei kommt wie die Erfahrung zeigt sowieso nichts heraus. Die Realität wird unwichtig und die Diskussion dreht sich nur noch um Nuancen eine Theorie.

Eine Krankheit der Linken im inneren Zirkel. Diskutieren über die Feinheiten einer praxisfernen Theorie bis alle Betroffenen gegangen sind mit dem Wissen, von hier ist weder Hilfe noch Erkenntnis zu erwarten.

Achtermann 17.07.2017 | 17:07

Manches hier ist mir zu theoretisch und bis zur Unkenntlichkeit verschwurbelt.

Das klingt nach Stammtisch. - Das eigene Ich-Bewusstsein ist das Maß aller Dinge (ist mir zu theoretisch), um dann sogleich zu verallgemeinern (bis zur Unkenntlichkeit verschwurbelt).

Das solltest du mal kurz reflektieren. Eine kleine theoretische Nacharbeit oder Verstehensbemühung könnte helfen. Und das zur Unkenntlichkeit Verschwurbelte könnte sich im erweiterten Horizont zum klaren Gedankenkonstrukt auflösen. - Darauf ein Bier.

koslowski 17.07.2017 | 20:33

Berechtigt wäre die Kritik am Gärtner, wenn der kurzschlüssig die Gewalt gegen die Ordnung aus der Gewalt der Ordnung abgeleitet hätte. Das steht nicht im Text. – Stimmt. Aber Augstein erwartet von den Opfern vermummter linker Gewalt, ihre Mitschuld, die in der Hinnahme der strukturellen Gewalt des „Weltmachtsystems“ bestehe, einzugestehen. Das ist Unsinn und liefert denen, die der Linken (SPD und links davon) eine intime Beziehung zur Gewalt anheften wollen (Spahn, Lindner etc.), Argumente, die vielen plausibel erscheinen. Gewinner der Gewalt am letzten Wochenende sind, so scheint mir, der Kapitalismus und die Mitte-Rechts-Parteien.

gelse 17.07.2017 | 21:15

>>Aber Augstein erwartet von den Opfern vermummter linker Gewalt, ihre Mitschuld, die in der Hinnahme der strukturellen Gewalt des „Weltmachtsystems“ bestehe, einzugestehen.<<

Zitat Augstein:
>>
Wir alle haben kein schlechtes Gewissen.<<
Das kam bei mir nicht so an. Viel eher kam der Gedanke: „Doch, ich fühle mich mitschuldig.“ Dann erst der Gewissenshammer: „Das ist arrogant“. Dann der Gedanke: „Also sollte ich kein schlechtes Gewissen haben, um nicht arrogant zu sein?“ Dann erst: „Wenn ich mich mitschuldig fühle dann fühle ich mich mitschuldig, basta!!“

Man kann Augsteins Aussage auch als Erkenntnis werten. Wenn man es will.
---
>>Gewinner der Gewalt am letzten Wochenende sind, so scheint mir, der Kapitalismus und die Mitte-Rechts-Parteien.<<
Rechtfertigung, um wieder einen Schritt in die totalitäre Richtung zu gehen. Als Kollateralnutzen eines Manövers.

JR's China Blog 18.07.2017 | 06:19

Selbstkritik ist beiden Seiten fremd, links und mitte - und ich glaube, linke "Eingeständnisse" wären in diesem Klima gar nicht angemessen. Die "Kritik von rechts" bzw. "aus der Mitte" ist nicht von der Art, die sich mit einer differenzierten linken Selbstkritik zufriedengeben würde. Man muss Haie im Schwimmbad nicht damit scharfschalten, dass man ihnen Blutkonserven zuwirft.

Dessen ungeachtet finde ich Augsteins Bemerkungen zum Automobil als politisches Objekt primitiv. Die Aufregung darüber im Namen des kleinen Mannes, auf dessen berechtigte Interesse im allgemeinen kein Scheiß gegeben wird, finde ich allerdings ebenfalls hohl, und tendenziell heuchlerisch.

Anders als viele der plötzlichen Anwälte des armen Autobesitzers ist Augstein nämlich nicht nur achtsam, wenn es um benachteiligte Rohstofflieferanten geht, sondern auch bei den Interessen der ärmeren Deutschen selbst. Ich habe nicht das Bedürfnis, seinen Artikel zu verteidigen - aber die moralische Supercharge bekommt der Debatte weder von links, noch von rechts.

denkzone8 18.07.2017 | 08:15

sieht augstein im schwarzen block :

bußprediger in neuem gewande,

die eindringlich der sündigen bevölkerung

unterdrückte gewissens-bisse stacheln,

sie zur umkehr, zum befreienden weg führen wollen?

bilder-stürmer, die durch tätliche propaganda

zum ab-lassen von fetischen des satans(automobil) drängen?

und an die nähe der apokalypse gemahnen?

heilige helfer im gottes-dienst, die eitle einrichtungen im diesseits

mit fege-feuer des kommenden konfrontieren?

gelse 18.07.2017 | 08:44

Zitat aus dem verlinkten Artikel:
>>Deutschland hat einen neuen Staatsfeind Nummer eins: den Linksterroristen. Aktivist oder Randalierer, selbst Gewalttäter genügt nicht.<<
In den vergangenen Jahren wurden Ängste der Untertanen eher auf „einwandernde Gewalt“ gerichtet, Massenübergriffe in der Sylvesternacht 2015/16 in einigen Städten (Berichtschwerpunkt Köln) verschärften das. (Die Vermutung, Einwanderer seien in höherem Masse als Einheimische gewaltbereit, konnte nicht mit Zahlen belegt werden).
Fast zeitgleich wurde eine andere Art von Kriminalität öffentlich: Die Abgasmanipulationen der Automobilkonzerne. Zwar konnten die Schätzzahl von ca. 10 000 Todesfällen und die wesentlich höhere Zahl an schweren Erkrankungen durch Stickoxid weitgehend aus der Berichterstattung herausgehalten werden. Durch das Gift wurde/wird nicht irgendeine Form von Eigentum verletzt, sondern nur lebende Organismen. Und das für einen guten Zweck: Profitrate, Exportüberschuss, Arbeit. Die Gewalt der Konzerne ist also, wenn auch tödlich, nicht als „linksextrem“ einzustufen, sondern als "gut".
Aber wer weiss schon, ob Information über das Gift sich nicht doch noch Bahn brechen und das grosse Nachdenken über die Gewaltbereitschaft des Grossen Profites einsetzt? Das kann sich hinziehen von hier bis zu Kriegen ums Coltan und Kupfer im Kongo.
Nun ist dagegen ein Kraut gewachsen: Was sind die ungezählten Menschen, die für die Kapitalrendite geopfert wurden und werden gegen abgerauchte Autos und eingeschlagene Schaufenster?
---
Der „Alternativgipfel“, auf dem wieder mal kluge Gedanken über Möglichkeiten, die Welt friedlicher und menschenkompatibler zu gestalten fand natürlich keine Aufmerksamkeit der Meinungsmacher: Wahrscheinlich wird „geistige Brandstiftung“ als gefährlicher eingeschätzt.
---
Und noch mal zu Augsteins Satz: „Wir haben kein schlechtes Gewissen“:
Wer das krankmachende und für Einige tödliche Gift in den Städten ausbreitet, der Arbeiter in der Fleischfabrik, der antibiotikaresistente Keime züchtet, der Nutzer des immer neuesten Smartphones, das es ohne Coltan nicht gäbe: Sie wissen nicht, was sie im Interesse profitscheffelnder Konzerne tun. Nicht mal der Aktionär muss etwas davon ahnen. Das ist das Schöne an Verbrechen, die von Machtinhabern ausgeführt werden.
Im Gegensatz zum Autoanzünder, der natürlich weiss und unmittelbar sieht, was er tut. Das ist nach offizieller Lesart der Unterschied zwischen gut und „links“.

Und: Auch wenn ich aus ökonomischen Gründen meinen Materialverbrauch niedrig und meinen Verbrauch an Fleisch und Milchprodukten aus egoistisch gesundheitlichen Gründen niedrig halte: Ich bin beteiligt und mitschuldig. Mein Verbrechen besteht darin, dass ich es nicht leugne.

Moorleiche 18.07.2017 | 09:55

In den vergangenen Jahren wurden Ängste der Untertanen eher auf „einwandernde Gewalt“ gerichtet, Massenübergriffe in der Sylvesternacht 2015/16 in einigen Städten (Berichtschwerpunkt Köln) verschärften das. (Die Vermutung, Einwanderer seien in höherem Masse als Einheimische gewaltbereit, konnte nicht mit Zahlen belegt werden).“

Falscher Fokus. Das Hauptproblem sind die sog. Intensivtäter, auf die man den Fokus entschieden zu wenig legt, auch weil diese schon ein Defintionsproblem darstellen, darüber hinaus aber nicht weiß, wie man mit ihnen umgehen soll. Vgl.: Intensivtäter in Deutschland

Fast zeitgleich wurde eine andere Art von Kriminalität öffentlich: Die Abgasmanipulationen der Automobilkonzerne.“

Aber wo hätte ein Unrecht je ein anderes zu einem Recht gemacht oder entschuldigt? Es ist nie klug das zu vermischen.

Wer das krankmachende und für Einige tödliche Gift in den Städten ausbreitet, der Arbeiter in der Fleischfabrik, der antibiotikaresistente Keime züchtet, der Nutzer des immer neuesten Smartphones, das es ohne Coltan nicht gäbe: Sie wissen nicht, was sie im Interesse profitscheffelnder Konzerne tun. Nicht mal der Aktionär muss etwas davon ahnen. Das ist das Schöne an Verbrechen, die von Machtinhabern ausgeführt werden.
Im Gegensatz zum Autoanzünder, der natürlich weiss und unmittelbar sieht, was er tut. Das ist nach offizieller Lesart der Unterschied zwischen gut und „links“.“

Ein Denkfehler, bzw. zu kurz gesprungen: Du unterstellst, dass jeder umfassend über alle Aspekte der Schädlichkeit informiert ist und wenn er es sein sollte (was de facto kaum möglich ist) das auch noch billigt. Aber viele würden sicher gerne bessere, fairere usw.. Produkte kaufen usw. Die Idee, dass der fiese Mainstream nur egozentrisch und an anderen desinteressiert ist, ist glaube ich ein grundfalscher Mythos, der natürlich gepflegt wird, weil man, wenn man dann selbst abseits steht – oder sich abseits fühlt – schon allein dadurch „besser“ ist. Da lohnt ein zweiter und auch dritter Blick.

gelse 18.07.2017 | 10:38

„dem Umgang mit Gewalt auf die Schliche kommen“:

Es gibt Videoaufnahmen von den „Hamburger Krawallen“. Einerseits ist ein Trüppchen Schwarzgekleidete zu sehen, die durch die Strassen marschieren, Fahrzeuge in Brand setzen und Schaufenster einschlagen. Nicht zu sehen sind diejenigen mit der Aufschrift „Polizei“ auf dem Rücken. Auch keine Wasserwerfer.
Statt des korrekten Begriffes „Sachbeschädigung“ wurde hier der Begriff „Gewalt gegen Sachen“ eingesetzt, und die Geschädigten sind „Gewaltopfer“. (In einigen, wenn auch wohl nicht in allen Fällen ist das „Gewaltopfer“ eine Versicherung.)
Ein Polizeisprecher erklärte dazu, die Polizei habe Wichtigeres zu tun gehabt als gegen die Sachbeschädiger vorzugehen, nämlich die Gipfler vor einer imaginierten oder tatsächlichen Gefahr zu beschützen. Das stützt nicht gerade die Dramatik, mit der Propagandisten die Ereignisse in die Nähe von Bataclan und brüsseler Ubahn zu rücken versuchen.

In anderen Aufnahmen ist zu sehen, wie Angreifer mit der Aufschrift „Polizei“ auf den Kampfanzügen gegen eine Demonstration vorgehen, die zuvor ohne die üblichen Auflagen genehmigt worden war. Mit Wasserwerfen, Spraypistolen, heftigem Rempeln und Schlägen. Es gibt keinen Hinweis, dass die Gewalt von den Demonstranten ausging. Zu dem Zeitpunkt hatte die Polizei offenbar nichts Wichtigeres zu tun.
Eine Aufnahme und Fotos zeigen, wie die Gewalttäter einen gefesselten Mann mit nackten Beinen über den Asphalt schleifen, umgeben von protestierenden Demonstranten.
Wenn eine Menschenmenge die Täter überwältigt und das Opfer befreit hätte: Wäre das Hilfeleistung für ein Gewaltopfer, also lobenswert gewesen? Immerhin hätte damit eine weitere Verbreiterung und Vertiefung der Schürfwunden vermieden werden können.
Oder wäre es Widerstand gegen die Staatsgewalt gewesen, somit eine Straftat?

gelse 18.07.2017 | 10:51

>>Aber wo hätte ein Unrecht je ein anderes zu einem Recht gemacht oder entschuldigt?<<
Parallele Nennung von Taten entschuldigt nichts. Sie ruft allenfalls Verteidiger auf den Plan. Quod erat demonstrandum ;-)

Zitat gelse:
>>Wer das krankmachende und für Einige tödliche Gift in den Städten ausbreitet, der Arbeiter in der Fleischfabrik, der antibiotikaresistente Keime züchtet, der Nutzer des immer neuesten Smartphones, das es ohne Coltan nicht gäbe: Sie wissen nicht, was sie im Interesse profitscheffelnder Konzerne tun. Nicht mal der Aktionär muss etwas davon ahnen. Das ist das Schöne an Verbrechen, die von Machtinhabern ausgeführt werden.<<
Antwort Moorleiche:
>>Du unterstellst, dass jeder umfassend über alle Aspekte der Schädlichkeit informiert ist…<<
Wer lesen kann ist klar im Vorteil.

w.endemann 18.07.2017 | 11:06

macht imaginierte identifikation aus jedem dumm-kopfeinen vor-kämpfer?

Natürlich nicht. Nur will ich nicht die Dummköpfe als Mitkämpfer ausschließen (oder sollen wir die Dummköpfe unter sich lassen und eine eigene Gesellschaft der Klugen gründen?), im Gegenteil hoffe ich auf wachsende Einsicht. Daher sollte man im Gespräch bleiben. Am Ende gibt es immer Mitläufer, die trotz allem Kommunizieren keine Mitkämpfer geworden sind, die unter falscher Flagge laufen. Das muß man hinnehmen.

Ja,Selbst-ergriffenes intellektuelles kräfte-messen mit

den stützen des systems, um die Wähler zu gewinnen.

Warum in trümmern nach guten absichten suchen?

Um zu unterscheiden, mit wem man noch reden kann, mit wem nicht. Dieser Unterschied sollte besser vor der Trümmerorgie festgestellt werden, um das Zertrümmern den Unpolitischen und die der Polizei zu überlassen.

5-7 Habe ich etwas anderes gesagt?

Generell habe ich mit meinem Kommentar ein bißchen ausführlicher als Augstein, aber mit der gleichen Intention gegen die unsachliche, vielfach denunziatorische Darstellung eine nüchterne stark machen wollen, die weder beschönigt noch skandalisiert, die hoffentlich deutlich machen kann, wie Demonstrationen als Beiträge zur Politisierung wirken können. Ich hätte mir den Kommentar sparen können, wenn die Frage der Gewalt geklärt wäre. Das ist sie nicht.

Ein paar Worte noch zu Nassehi. Er denkt über die Ereignisse in Hamburg und die Gewaltbereitschaft der Linken nach. Er sieht sogar manches richtig, aber in Kernpunkten denkt er widersprüchlich oder falsch.

Gewalt hat fast immer eine faktische und eine kommunikative Bedeutung. Und sie ist ein unbestechliches Zeugnis für die innere Verfassung des Gewalttätigen. Eine der undurchdachtesten Aussagen Nassehis zur Gewalt ist

Man kann Gewalt nicht widersprechen. Man muss sie nicht auslegen, interpretieren oder deuten. Sie setzt gewissermaßen absolute Markierungen in die Welt.

Und das sagt er, nachdem er selbst auf die zwei Funktionen von Gewalt aufmerksam gemacht hat. Von allem Handeln kann man sagen, daß es zu einem gewissen Grad irreversibel ist, die Frage ist, ob man das nicht selbst für den Handlungsakt des reinen Denkens behaupten muß. Zum anderen ist jede Handlung unabhängig davon, wie viel Gewalt in ihr steckt, für jeden, der sie wahrnimmt, eine Mitteilung, man kann nicht nicht kommunizieren. Mit man muss sie nicht auslegen meint Nassehi, daß Gewalt ist, was sie ist (was sie tut), kein interpretationsbedürftiger Sachverhalt. Tatsächlich kann man die Bedeutung der Gewaltäußerung ignorieren, aber dann ist man – ignorant. Nun muß man sicherlich nicht alles, was getan oder gesagt wird, zur Kenntnis nehmen. Aber etwas zu kritisieren, ohne es in seiner Bedeutung zur Kenntnis zu nehmen, ist schon bemerkenswert.

Die Linke setzt der ideologischen Gewalt des bürgerlichen Selbstverständnisses eine erhebliche Gegengewalt im Denken entgegen. Dabei ist auch die psychologisch-manipulative Gewalt nicht zu unterschätzen. Die physische Gewalt ist eher ein Zeichen der Schwäche, Hilflosigkeit. Und ich glaube nicht, daß man irgend einem der Gewalttäter unterstellen kann, er wüßte nicht, daß nach dem Gipfel von Hamburg die Stadt keine andere ist als vorher, daß also die Gewalt nicht mehr sein kann als ein Symbol für den Widerspruch.

Wenn nun Nassehi meint,

"Kapitalismus abschaffen" – das ist die Kontingenzformel linker Protestformen. Die Wurzel allen Übels lässt sich so benennen, ohne dass genau bestimmt werden könnte, was das bedeutet und wie das bewerkstelligt werden sollte,

zeigt das nur, daß er keine genauere Vorstellung vom Kapitalismus hat, es ist seine Kontingenzformel. Seine „Wirkkräfte“ sind eine Leerformel für undurchschaute Zusammenhänge. Nun stimmt es schon, daß es Linke gibt, die hauptsächlich von einem Ziel ausgehen (zB einer anarchistischen oder einer die angeblich moralische Natur des Menschen wiederherstellenden Gesellschaft). Aber gerade für den marxistischen Teil der Linken, auf den der Begriff des Kapitalismus zurückgeht, gilt das Gegenteil: ein Marxist weiß ziemlich genau, wie der Kapitalismus funktioniert und was daran übel ist, aber wie die Zeit nach dem Kapitalismus aussieht, weiß er nicht, kann er nicht wissen, denn es ist die Zeit der Selbstbestimmung der Menschen, man kann nur allgemeinste Konsequenzen benennen, die sich aus den Prinzipien von Selbstbestimmung und Solidarität ergeben, und das wäre der abstrakteste, nicht mehr unterschreitbare Nenner von Links. Nach dem Kapitalismus beginnt für den Menschen die offene Geschichte, die die Vorgeschichte seiner Unmündigkeit beendet.

Durch die erstaunliche Unkenntnis marxistischer Theoriebildung kommt Nassehi zur Aussage, die linke Idee sei latent autoritär, die Regulierung sei nur beschränkt mit häßlichen Eingriffen in die unregulierbare Komplexität der Gesellschaft zu haben, die Linken ahnten das Scheitern ihres Konzepts der Bewältigung der Komplexität und versuchten, mit der Formel Kapitalismus abschaffen einen Ausweg zu beschwören. Und so schließt sich dann der Kreis. Nicht nur gibt es danach eine tiefe Verwandtschaft von rechter und linker Gewaltneigung, sondern beide Seiten scheitern auch gleichermaßen an der modernen Komplexität. Damit kann sich Nassehi als Pressesprecher bei Merkel bewerben, so schön kann er die Alternativlosigkeit und Unentrinnbarkeit der Sachzwänge erklären, begründen, warum es kein rechts und links, nur noch ein besser/richtiger gibt. Nassehis Analyse gipfelt, nachdem er die linke Idee als Regulierung der Schnittstellen zwischen ökonomischer Dynamik und politischer Regulierung und Gestaltbarkeit dingfest gemacht hat, in der Feststellung, daß der Neoliberalismus und die Linke feindliche Brüder vom gleichen Stamm sind. Gegenüber dem Komplexitätstheoretiker Nassehi ist noch der Komplexitätstheoretiker Luhmann ein linker.

Nun, das ist so verrückt, daß es schon wieder lustig ist. Dabei hat Nassehis Gedanken tatsächlich kritisches Potential, wenn er sich gegen ein nassforsches Machertum von Linken richtet, nur wäre auch das falsch zugeordnet. Denn das rücksichtslose Durchsetzen von Zielen ist eine bürgerliche Charakteristik. Hier zeigt sich, wie wichtig ein philosophisches Verständnis (die richtigen Begriffe) für eine substantielle Kapitalismuskritik ist und insofern spricht Nassehi einen blinden Fleck vorzugsweise emotional- oder moralgeleiteter Linker an. Solche Linke denken bürgerlich, folgen einem blinden Technikglauben, halten die Welt für unbeschränkt machbar und setzen das Willenssubjekt absolut. Ein wenig Kenntnis der linken Denktradition von der Marxorthodoxie über den Strukturalismus bis zur Kritischen Theorie hätte mit der Subjekt-Objekt-Dialektik vertraut gemacht, hätte zur Einsicht geführt, daß die menschenmögliche Freiheit nicht jenseits, sondern nur innerhalb dieser Dialektik zu haben ist. Nun denken aber die Linken durchaus ökologisch und auf den Frieden, also sozialen Ausgleich ausgerichtet. Auch ohne Marx, Foucault und Adorno ist der Kapitalismus angemessen zu begreifen und kritisieren. Ich denke, gut 90% der Demonstranten können das, Nassehi nicht.

Moorleiche 18.07.2017 | 11:18

"Parallele Nennung von Taten entschuldigt nichts."

Ebe, das war die Aussage. Relativierungen und Relativierungsversuche sind immer unglücklich.

"Wer lesen kann ist klar im Vorteil."

Ich hab's ja gelesen. Nur, bringt es nichts, die Handlungen dann als "Verbrechen" zu deklarieren, damit kassierst Du die eigene Behauptung. Verbrechen impliziert Vorsatz.

Aber der Kreis ist eigentlich noch etwas größer zu ziehen, dazu gleich mehr.

w.endemann 18.07.2017 | 11:24

Wenn Augstein das erwartet, ist das natürlich Unsinn. Richtig ist, daß hier zwei Typen von Opfern aufeinandertreffen, die beide nur aus ihrer Rolle heraustreten können, wenn sie anfangen, nachzudenken. Und auch die AfD-Sympathisanten sind Opfer. Das spricht sie nicht frei von dem Anteil der Selbstverschuldung an ihrem Los. Nur kann das nicht moralisch gegen die Opfer gewendet werden. Es sollte Aufgabe der Linken sein, den Opfern eine Perspektive aufzuzeigen, wie sie ihrer Rolle entkommen können.

Moorleiche 18.07.2017 | 11:38

Da das ein anderer Aspekt ist, eine eigene Antwort hierzu:

Und: Auch wenn ich aus ökonomischen Gründen meinen Materialverbrauch niedrig und meinen Verbrauch an Fleisch und Milchprodukten aus egoistisch gesundheitlichen Gründen niedrig halte: Ich bin beteiligt und mitschuldig. Mein Verbrechen besteht darin, dass ich es nicht leugne.“

Es ist ja ehrenhaft, aber irgendwie auch sinnlos, sich hier selbst zu bezichtigen. Dein „Verbrechen“ ist nicht, dass Du Dich dazu bekennst, dass Deine Existenz Leid für andere bedeutet und Du Dich dazu bekennst, während andere das nicht tun und Dich dafür ausgrenzen (dass Du es tust).

Dass unsere Existenz Leid bedeutet, ist der Klassiker der tragischen Schuld. Du bist in Bedingungen geworfen, für die Du nichts kannst, musst die Suppe aber auslöffeln. Bereits Buddha ist das vor 2500 Jahren aufgefallen. Da die Radikallösung Selbstmord nichts bringt und besser nicht geboren zu sein zu spät kommt (und deutlich zu pessimistisch ist), ist der bessere Weg die Waagschale auszugleichen und die Gesamtbilanz an Leid was man verursacht erträglich zu gestalten.

Die vermutlich beste Antwort ist das Boddhidatva-Gelübde, hier.

Ein Himmelfahrtskommando in dem Sinne, dass schon in der Formulierung klar ist, dass das nicht zu schaffen ist. Und doch nimmt man es an. Der Geist, der einen dann leitet, ist schwer zu fassen, aber die vermutlich noch immer beste Antwort auf die Misere.

Die pessimistischen Varianten bringen niemandem etwas; die narzisstischen Weltfluchtphantasien, die auf dem dünnen Argument aufbauen, dass es an mir dann wenigstens nicht gelegen hat sind allesamt sehr unüberzeugnd. Bei den revolutionären Ansätzen würde zumindest ich noch mal genauer hinschauen, wie es mit der Gesamtbilanz an Leid denn dann unterm Strich aussieht. Wer damit leben kann, der muss vermutlich den revolutionären Weg gehen, aber wer das Gesamtgebiet der Moral/Ethik, um das es hier geht, auf die CO2 Bilanz einkürzt, ist dumm und wenn er es sehenden Auges tut, ebenfalls ein Verbrecher.

Die Frage bleibt: Wir kommen wir aus all dem raus? Mit durchdrehenden Freund/Feind-Zuschreibungen sicher nicht, ist zumindest meine Überzeugung.

Moorleiche 18.07.2017 | 11:47

"Natürlich nicht. Nur will ich nicht die Dummköpfe als Mitkämpfer ausschließen (oder sollen wir die Dummköpfe unter sich lassen und eine eigene Gesellschaft der Klugen gründen?), im Gegenteil hoffe ich auf wachsende Einsicht. Daher sollte man im Gespräch bleiben. Am Ende gibt es immer Mitläufer, die trotz allem Kommunizieren keine Mitkämpfer geworden sind, die unter falscher Flagge laufen. Das muß man hinnehmen."

!

"Dabei ist auch die psychologisch-manipulative Gewalt nicht zu unterschätzen. Die physische Gewalt ist eher ein Zeichen der Schwäche, Hilflosigkeit. Und ich glaube nicht, daß man irgend einem der Gewalttäter unterstellen kann, er wüßte nicht, daß nach dem Gipfel von Hamburg die Stadt keine andere ist als vorher, daß also die Gewalt nicht mehr sein kann als ein Symbol für den Widerspruch."

Es geht dabei - und wohl auch Nassehi - m.E. um ewtas anderes: Man darf den bewusst asymmetrsichen Anteil der Gewalt nicht unterschätzen. Gewalttäter sind weder immer noch zwingend schwach. Es kann mal sein, dass jemand sich nicht anders zu helfen weiß, sich wahnsinnnig unter Druck fühlt, doch die kommunikative Botschaft ist sehr häufig: Du interessiest mich nicht. Ich besitmme hier die Regeln. Sieh her, was ich mit Dir machen kann.

Das ist eine Machtdemonstration um ihrer selbst willen, die zwar eine kommunikative Botschaft enthält, aber keine Antwort erwartet.

Moorleiche 18.07.2017 | 12:15

"Natürlich nicht. Nur will ich nicht die Dummköpfe als Mitkämpfer ausschließen (oder sollen wir die Dummköpfe unter sich lassen und eine eigene Gesellschaft der Klugen gründen?), im Gegenteil hoffe ich auf wachsende Einsicht. Daher sollte man im Gespräch bleiben. Am Ende gibt es immer Mitläufer, die trotz allem Kommunizieren keine Mitkämpfer geworden sind, die unter falscher Flagge laufen. Das muß man hinnehmen."

"!"

PS: Aber ist das nicht doch latent autoritär. Wer einplant, dass es eine Masse an Mitläufern gibt, die ihr Fähnchen in den Wind hängen, der verfügt ja über diese Menschen.

Oder sind Sie an der Stelle nicht (mehr) links?

Ich sehe das übrigens nicht als Vergehen, ich glaube tatsächlich, dass man so vorgehen muss und auch moralisch dazu berechtigt ist.

Moorleiche 18.07.2017 | 12:25

Die Frage bleibt: Wir kommen wir aus all dem raus? Mit durchdrehenden Freund/Feind-Zuschreibungen sicher nicht, ist zumindest meine Überzeugung.“

Und mit Täterzuschreibungen auch nicht. Schön, dass es eine Einigung zwischen Koslowski und W.Endemann gibt, dass Augstein, sollte er gemein haben, dass die Autobesitzer, deren Wagen man abgefackelt hat, ja irgendwie auch Täter seien, sich im Irrtum befindet.

Eine Bewusstmachung der Problematik des eigenen Lebensstils in Ehren, aber wer sich dagegen verwehrt andere mit pauschalen Urteilen zu überziehen, sollte dies selbst nicht tun, zumal diese Form von äußerem Druck allenfalls die Reihen schließt. Bewusstwerdungsprozesse funktionieren aber nur, wenn man die Reihen durchbricht, öffnet und immer wieder Fragen stellt.

w.endemann 18.07.2017 | 13:33

Unter falscher Flagge zu laufen, heißt meistens nicht sein Fähnchen in den Wind zu hängen. Die Mitläufer sind Mitläufer in meinem Sinn. Sie verstehen sich selbst ganz sicher nicht als Mitläufer, und das ist insofern richtig, als sie ihre eigenen Gründe haben werden, mitzulaufen. Nur eben nicht meine, oder darf ich auch sagen: unsere für den main stream des Protests.

Gegen das latent Autoritäre eines guten Arguments habe ich keine Einwände, beruht diese Autorität doch auf der Freiwilligkeit des Sich-überzeugen-lassens. Das kann dann ein Radikalanarchist als nichtlinks, weil autoritär empfinden. Nur ist für mich der möglicherweise scheiternde, immer nur relative Anspruch auf Wahrheit ein wesentlicher Teil von Links.

Ja, es gibt in fast allen Demonstrationen die Machtdemonstration um ihrer selbst willen, die zwar eine kommunikative Botschaft enthält, aber keine Antwort erwartet. Aber darin kann ich beim besten Willen nichts Linkes erkennen.

gozilla 18.07.2017 | 19:47

Lesenswerter Artikel: Wieso dieser Angriff auf die G20-Protestbewegung?

"Vielleicht gelingt es uns auch, Die Linke dazu zu gewinnen, endlich einen klaren antikapitalistischen Kurs zu fahren und den dieses Parlamentarismus überdrüssigen Bevölkerungsteilen eine antikapitalistische Stimme zu geben. Vielleicht kann man solche hervorragenden Genossinnen wie Sahra Wagenknecht oder Fabio de Masi dazu bringen, nicht nur tolle, kämpferische Reden zu halten, um dann im Wahlkampf lediglich die Vergrößerung der Brotkrumen vom Tisch der Reichen zu fordern, sondern klar zu sagen, dass der Tisch zu erobern und das Brot völlig neu zu verteilen ist – und wenn es sein muss in einer neuen, offen antikapitalistischen Partei, ohne auf „Regierungsfähigkeit“ und Minister- und Ministerpräsidentenposten zu schielen."

gelse 18.07.2017 | 20:26

>>…aber wer das Gesamtgebiet der Moral/Ethik, um das es hier geht, auf die CO2 Bilanz einkürzt, ist dumm und wenn er es sehenden Auges tut, ebenfalls ein Verbrecher.<<
Die CO2-Diskussion ist gelaufen. Die Veröffentlichung von Arrhenius zum Treibhauseffekt des Kohlendioxids gut 120 Jahre alt. Der allmähliche Temperuranstieg des Meerwassers wird siet den 1930er Jahren gemessen, das Abschmelzen der Gletscher dokumentiert, die Versalzung von Böden in flachen Küsten durch eindringendes Meerwasser ist ebenfalls bekannter Fakt. Und es gab schon viele Gipfel mit Streit und vollmundigen Erklärungen.
Man kann allenfalls, wenn wieder von Migration die Rede ist, darauf hinweisen, dass ein erheblicher Teil der Flüchtenden Klimaflüchtlinge sind. Und das der Gipfel der Katastrophe noch nicht erreicht ist.
Zu behaupten, der zunehmende Treibhauseffekt sei das einzige Problem, wäre natürlich Unsinn, aber ich kenne niemanden, der/die solchen Quatsch behauptet.
---
>>Es ist ja ehrenhaft, aber irgendwie auch sinnlos, sich hier selbst zu bezichtigen.<<
Ich sage öfter mal, wenn ich in Gesprächen an Gewissheiten nage, das ich nicht unbeteiligt drüber stehe. Das ist nicht ehrenhaft, sondern notwendig. Sinnlos wäre es, die heilige Moralinstanz zu spielen. Solche gibt es, ich kenne selber Welche: Niemand ist nutzlos, er/sie kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.
---
>>Bei den revolutionären Ansätzen würde zumindest ich noch mal genauer hinschauen,…<<
Das lohnt sich hier nicht: Revolutionäre Machtänderung wird zur Zeit nur von einer sehr kleinen Minderheit vertreten. Die Mehrheit hofft noch auf bessere Führer.

Zum Boddhidatva-Gelübde: Ziele, die man zwar nicht erreicht, denen man sich aber mehr oder weniger annähern kann. Ist doch gut.
---
Die Diskussion hier hat sich totgelaufen.

koslowski 18.07.2017 | 21:17

Gewinner der Gewalt am letzten Wochenende sind, so scheint mir, der Kapitalismus und die Mitte-Rechts-Parteien. - Es gibt gute Nachrichten für die Demonstranten gegen G20:

1. Im zeitlichen Abstand zu den Ereignissen stellt sich heraus, dass die Polizei für die Eskalation der Gewalt verantwortlich ist.

2. Demonstrationen gegen G20 und andere Gipfel der politischen Klasse finden in der Gesellschaft immer mehr Zustimmung; die Gewalt von Demonstranten ändert daran nichts.

3. Die Definition von Gewalt verändert sich: Galten Sitzblockaden und Hausbesetzungen früher als Gewalt, sind sie heute als legitime Protestformen akzeptiert.

4. Demonstrationen gegen Gipfeltreffen der Mächtigen führen mittel- und langfristig zu politischen Reformen.

Das behauptet die italienische Soziologin Donatella della Porta im Interview mit der SZ, die die Formen des Protests gegen Gipfeltreffen untersucht hat.

Anelim Aksnesej 19.07.2017 | 01:05

In Heiligendamm trug ich ein Plakat-Der berg kreiste und gebar eine Maus.Da wurde ich gefragt,was ich meine.Hatte mich dann erklärt und wurde verstanden.Nach Hamburg bin ich nicht gefahren,ich meine,daß mir niemand diese Frage dort gestellt hätte.Wer so rumpalavert A.Merkel,O.Scholz usw.,der fordert ja gerade das Gegenteil heraus und wird vorgeführt,um sich danach weiter zu erklären mit noch mehr Palaver.G20-die sind doch nicht der Club of Rome-jetzt wurde nicht mal mehr 'ne Maus geboren.A.Merkel und ihre MitarbeiterInnen wollte wieder schwer beeindrucken so europamäßig und Klassenbeste,da kannste doch nur noch den nächstem Psychoanalytiker Bescheid geben.Frau Mitscherlich hätte ihr schon längst die Leviten gelesen-leider ist sie nicht mehr unter den Lebenden.

gelse 19.07.2017 | 09:45

>>…da kannste doch nur noch den nächstem Psychoanalytiker Bescheid geben.<<
Ist das nicht eine arg verkürzte Sicht?
Hinter den Politikern steht das Big Business, interessiert an Rohstoffpreisen, „Freihandelsverträgen“, in denen Regierungen sich verpflichten für Gesetze die den Profit einschränken könnten, hohe Geldstrafen zu akzeptieren, Zugriff auf Boden in armen Ländern, Kontrolle über das Wasser und so weiter. Es werden ein paar Verzierungen am Kaputtalismus veröffentlicht, die bezogen auf die Gesamtsituation lächerlich wirken, aber mehr werden die Privatprofitlobbyisten wohl nicht durchgehen lassen.
Die sind nicht zusammen gekommen um die Welt zu retten, und etwas dass sie gar nicht vorhaben kann auch nicht scheitern.

JR's China Blog 19.07.2017 | 10:04

Hinter den Politikern steht das Big Business,......

Die "Sicht" darauf, die bis auf die letzte Ursache zurückreicht, lässt sich nur systematisch entwickeln, und bleibt doch ein Konstrukt. Vordergründig - und durchaus nicht weniger wahr - stehen die Politiker zwar nicht über den Interessenten und ihrer Durchsetzungsfähigkeit - das heißt aber nicht, dass sie über keinerlei Gestaltungsmacht verfügen würden. Sie leugnen ihre Gestaltungsmöglichkeiten allerdings erfolgreich: Globalisierung alternativlos, Öffnung der Grenzen alternativlos, Polizeigewalt alternativlos, Randale alternativlos (außer, wir schaffen die Grundrechte ab - dürfen wir jetzt endlich?), etc..

Es ist ja nicht so, dass der G20-Gipfel unbedingt nach Hamburg musste - da oben auf der Alm, wo der 2015er G7-Gipfel stattfand, wär's im Nachhinein viel schöner gewesen, und Merkel hätte obendrein noch eine Sondervorstellung in Bayreuths heiligen Hallen in Auftrag geben können.

Insofern drückt sich eben in Merkels, Scholzens usw. Handlungen und Äußerungen schon ein Strebertum und eine Lächerlichkeit aus, die die eine oder andere Bemerkung wert sind. Sie müssen ja nicht jede "höchste" Position ausüben, die sie kriegen könnten.

Und endgültig ein Fall für den Dr. psych. ist eine traditionell sozialdemokratische Einstellung, der zufolge "es" doch jemand machen müsse, weil "es" sonst nicht läuft.

Damit können Sie jeden Idioten als Streikbrecher in Marsch setzen - und so manchen Spitzenpolitiker als Eidbrecher.

Moorleiche 19.07.2017 | 19:25

Die Mitläufer sind Mitläufer in meinem Sinn.“

Habe ich glaube ich so weit kapiert, mir fiel nur der darin liegende Pragmatismus positiv auf.

Gegen das latent Autoritäre eines guten Arguments habe ich keine Einwände, beruht diese Autorität doch auf der Freiwilligkeit des Sich-überzeugen-lassens.“

Aber Mitläufer – auch in Ihrem Sinn – sind ja streng genommen nicht überzeugt. Sie laufen aus anderen Gründen mit und meinen selbst, sie säßen im gleichen Boot, während man selbst das anders empfinden kann. Man zieht zwar an einem Strang, aber aus unterschiedliche Gründen.

Nur ist für mich der möglicherweise scheiternde, immer nur relative Anspruch auf Wahrheit ein wesentlicher Teil von Links.“

Eigentlich eine Frage der Einsicht. Auf rechts gedreht löst man das meistens in der Weise, dass man verschiedene Stufen und Grade mit je eigenen Wahrheiten herausbringt. Der Betreffende muss sich die Reife verdienen. Ist scheußlich elitär, aber gar nicht schlecht, weil Wahrheiten unters Volk geschüttet oft ziemlich entsetzlich interpretiert werden. Außerdem weckt das Geheimnisvolle die Lust an der Erkenntnis.

Aber darin kann ich beim besten Willen nichts Linkes erkennen.“

Aber diese Zurückweisungen sind doch unüberzeugend. Es ist nicht links, hat nichts mit dem Islam zu tun und auch bei Pegida laufen eigentlich nur nette Rechtsanwälte und enttäuschte Wendeverlierer rum. Dieses „er ist ein Schurke, aber wenigstens unser Schurke“ Denken, findet man da oft. Zu hören auch in der „Es war nicht alles schlecht“ Variante. Ich glaube, da muss man mal ran und die klammheimlichen ins Gebet nehmen. Ich weiß nur nicht, wie.

JR's China Blog 19.07.2017 | 19:45

Zur Öffnung der Grenzen 2015 hätte es ja - eine entsprechend angelegte, verantwortungsvolle Südeuropapolitik vorausgesetzt - durchaus Alternativen gegeben. Man hätte bei einer besseren Ausstattung Griechenlands (die man aber der Austeritätspolitik wegen nicht wollte) weder vor dem Problem des Flüchtlingsstaus und einer sich anbahnenden humanitären Katastrophe direkt an der deutschen Grenze gestanden, noch hätte man sich vom Regime Erdogans abhängig machen müssen.

Aber da ging eine antisoziale Europapolitik allem anderen vor.

Es gibt nicht viel, was wirklich "alternativlos" wäre. Es gibt aber auch viele Möglichkeiten für die politische Klasse, sich einen schlanken Fuß zu machen, wenn man ihr beim Lügen hilft.

So bekommt man natürlich im Leben keine rechenschaftspflichtige Regierung.

Moorleiche 19.07.2017 | 20:02

Zu behaupten, der zunehmende Treibhauseffekt sei das einzige Problem, wäre natürlich Unsinn, aber ich kenne niemanden, der/die solchen Quatsch behauptet.“

Da müssen wir noch mal ran, weil es mir nicht darum geht, den Treibhauseffekt zu diskutieren und auch nicht, ihn als eines von vielen Problemen zu sehen, sondern mir geht es darum, dass immer wieder das moralische Gesamtspektrum (den Willen Gutes zu tun) von Fundamentalisten auf Teilbereiche eingekürzt wird. Da steht und fällt dann alles damit, das man Veganer ist, Atheist, einer Religion angehört oder eben dass der Ökofootprint tacko ist. Ich bin zu einem großen Teil selbst öko, aber die Überwertigkeit mit der das vertreten wird, die tut schon weh. Egal was man tut, es verblasst alles hinter diesem einen, aller wichtigsten Thema. Und da dieses aller wichtigste Thema beim Nachbarn vielleicht an dritter Stelle und beim anderen Nachbarn an Position 38 rangiert, gibt es Streit. Nach dem immer immer immer gleichen Muster, der eine der alles klar erkennt und der andere, der leugnet, dumm oder „Agent“ der anderen Seite ist. Das ist es Fundamentalisten liebste Speise.

Zum Boddhidatva-Gelübde: Ziele, die man zwar nicht erreicht, denen man sich aber mehr oder weniger annähern kann. Ist doch gut.“

War meine Schluderigkeit, Bodhisattva heißt der Knabe.

Zum Inhalt: Na klar ist das gut. Das ist aber ein klassisches Ideal. Das hängt im Himmel und man nähert sich an, weiß aber wenigstens, worum es geht. Beim Bodhisattva-Gelübde geht es noch mal um mehr. Glaube ich zumindest. Und das ist viel von dem, was den Menschen auch ausmacht. Es geht nicht, man tut es dennoch und trotz allem klappt es sogar manchmal.

Zur Frage eigener Schuld und Verantwortung muss man viel diskutieren. Das anzustoßen ist ehrenhaften, in Sack und Asche zu gehen, unnötig.

Urmel 19.07.2017 | 20:04

Weiß nicht, ob ich Ihnen da richtig folgen kann.

Man hätte bei einer besseren Ausstattung Griechenlands (die man aber der Austeritätspolitik wegen nicht wollte) weder vor dem Problem des Flüchtlingsstaus und einer sich anbahnenden humanitären Katastrophe direkt an der deutschen Grenze gestanden

Wieso wäre eine bessere Ausstattung Griechenlands eine Lösung gewesen? Und dann für wen?

JR's China Blog 19.07.2017 | 20:20

Ob das eine bessere Lösung gewesen wäre, versuche ich nicht zu beurteilen - man tut unter den Umständen dann schnell so, als gäbe es keine Gründe, mit Griechenland anständig und partnerschaftlich umzugehen, außer, eine "Flüchtlingslage" zwinge einen dazu.

Vielmehr geht es mir um die Daueransage, es gebe keine Alternativen, und um die Legende, die Bundesregierung habe im Sommer 2015 völlig überraschend vor einer drohenden humanitären Katastrophe gestanden und habe daher keine andere Wahl gehabt.

Das Gesabbel gibt es auch in kleinerer Münze. Bevor das Bundesverfassungsgericht das "Nichtraucherschutzgesetz" kippte, hieß es, ohne Umsetzung in deutsches Recht drohten EU-Konventionalstrafen.

Auf die warte ich bis heute.

Montaine Duvall 19.07.2017 | 20:52

Na ja, wenn das Stammtisch ist solltest du mir erklären, weshalb die Linke so wenig Erfolg hat.

Ich sage dazu nur eines: Rudi hat schön formuliert und ich habe immer gedacht, wenn man will, daß der sogenannte Arbeiter nicht hinter einem steht (was der Fall war) dann weiter so.

Das hat doch kaum noch einer live verstanden der sich nicht pausenlos mit den vielen kursierenden Theorien beschäftigt hat.

Oft habe ich gedacht, das kann man viel einfacher und treffender sagen. Es klang einfach künstlich verschwurbelt so wie heute immer noch welche.

Manche werden hier reinschauen und sich denken, diese Richtung ist etwas für einen inneren Zirkel. Lassen wir sie unter sich.

Ich will etwas umsetzen, manchen genügt eine oder viele Theorien als Selbstzweck. Das geht schon 100 Jahre so. Die richtige Theorie ist nicht gefunden, die sogenannten Experten streiten um ein Komma und halten eine ganze Bewegung auf.

Sie werden in 30 Jahren immer noch diskutieren, ob etwas umgesetzt wird scheint manchem völlig egal. Wohl auch, weil man die Weltformel noch nicht völlig fixiert hat.

Die Menschen haben schon lange keine Lust mehr zu warten bis die Theoretiker fertig sind. Die Welt dreht sich weiter, die Probleme sind da.

Keiner auf der Welt wartet auf eine ausformulierte Theorie in xxx Jahren. Diese wird sich eh nicht umsetzen lassen, insofern ist das ganze müßig. Die entsprechenden theoretischen Überlegungen sind seit vielen Jahren da, umsetzen will es scheinbar keiner.

B-Seite 19.07.2017 | 21:12

Könnten Sie vllt etwas mehr Nachdenken vor dem Schreiben?

Da steht und fällt dann alles damit, das man Veganer ist, Atheist, einer Religion angehört oder eben dass der Ökofootprint tacko ist.

Und da dieses aller wichtigste Thema beim Nachbarn vielleicht an dritter Stelle und beim anderen Nachbarn an Position 38 rangiert, gibt es Streit. Nach dem immer immer immer gleichen Muster, der eine der alles klar erkennt und der andere, der leugnet, dumm oder „Agent“ der anderen Seite ist. Das ist es Fundamentalisten liebste Speise.

Wenn man absurderweise an die Naturgesetze "glaubt", dann gibt es durchaus pragmatisch eine Rangfolge von Problemen.

Denaturierung ist um ein Vielfaches billiger als Renaturierung usw usw lol

Anelim Aksnesej 19.07.2017 | 22:36

Das war doch auch viel Polemik.Getroffen wurde sich,um beruhigend zu zeigen ,, Wir machen das schon und haben wirklich Alles im Blick.''Und natürlich soll eine Sicherheit und Einflussnahme und und und vorgezeigt werden,ist ja nichts.Glaubwürdigkeit zeigte sich mir nicht und akute menschliche Probleme- Mittelmeerflüchtlingstote,Schutz von Afrika's landwirtschaftlichen Selbstversorgermärkten usw. alles Fehlanzeige.G20 hat für mich keine Bedeutung-es gab nichts,was eine Bedeutung hatte und hat,was irgendwelche Beschlüsse betrifft.

Moorleiche 20.07.2017 | 08:50

Was mich angeht, ich hab' mich natürlich nur gewehrt. Wie der Schwarze Block. Was soll ich auch anderes machen, wenn ich mit nichtwertschätzender verbaler Gewalt konfrontiert bin? *so sorry -TINO* Um die emotionale Balance wieder zu finden, trete ich gleich noch meinen Hund und schmeiß ein paar Scheiben ein oder zerkratz wenigstens bei ner Bonzenkutsche den Lack.

Bin ich wieder im Thema?

gelse 20.07.2017 | 09:48

>>Bodhisattva heißt der Knabe.<<
Stimmt, ich habs einfach kopiert ohne hinzuschauen. ;-)

>>Da steht und fällt dann alles damit, das man Veganer ist, Atheist, einer Religion angehört oder eben dass der Ökofootprint tacko ist.<<
Jetzt verstehe besser, was Du gemeint hast. Da geht es um Glaubensfragen. Und häufig habe ich den Eindruck bei der Vehemenz mit der eine bestimmte Heilslehre vertreten wird, dass immer noch der Spruch von F. W. Bernstein gilt:
Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche
.“

Wobei individuelle „Problemrangfolgen“ auch nicht objektiv sind, sie schliessen nicht mal Selbstschädigung aus.

Mit weniger Glauben und mehr Egoismus ist schon was gewonnen: Dass mein vergleichsweise niedriger Fleischkonsum mit dem Bestreben zu hat, gesund zu bleiben, habe ich ja schon erwähnt. Dass mir die Unfallrate des Strassenverkehrs und die Kosten für eine rollende Blechdose unzumutbar hoch sind, ist auch Symptom meines Egoismus. Sintemal Eigenbewegung mit dem Fahrrad auch wieder für die Gesundheit günstig ist. Ich bin einfach ein Lebensqualität-Freak und das hat Nebenwirkungen ;-)

Und noch mal: Mit Sack & Asche hat es nichts zu tun, wenn ich ab und zu mal sage, dass ich auch selber drinstecke im „System“ und beteiligt bin. Ich will vermeiden, dass jemand mal spottet: „Da kommt die heilige Claudia“. Sowas geht schneller als man denkt, wenn man in Gesprächen immer wieder Gewissheiten anknabbert.

Moorleiche 20.07.2017 | 10:22

Hat mir gut gefallen.

Vertrauen ist m.E. und in erster Linie eine Fähigkeit, die zwar sozial (= druch andere) zerstört werden kann, um die man aber immer wieder kämpfen sollte, um sie für sich zurück (oder erstmalig) zu erobern. Die paranoide Welt in der man sonst lebt und dem anderen nur das Schlechteste, mindestens aber primären Eigennutz unterstellt, ist ein enger Käfig.

Da man die Neigung hat, bestätigende Ereignisse mit dem Neonstift anzumalen, abweichende Erfahrungen aber zu leugnen, zu verdrängen, zu „vergessen“ wird dieser Käfig immer enger. Vertrauen zu schenken(!) ist der Schlüssel, der einem das Tor zu einer neuen, reicheren Welt öffnen kann. Aber nicht jeder hat ein Interesse diese Welt zu betreten. Dass die Welt der Paranoia auf ihre Art verlockend und bequem ist – auch wenn man meinen sollte, jede Alternative sei doch besser, als diese Einzelhaft – gehört zu den eher unbekannten Regionen, die kollektiv verleugnet sind.

Verleugnung heißt, dass es das alles nicht gegeben hat. Sprechen konnten, durften sie ja auch nicht, angesichts der großenteils selbstgerechten Stimmung unter den Aufklärern. „Wie konntet ihr nur, mir wäre das nie passiert“ lautete die Botschaft. Nie würde heute jemand auf die Idee kommen Gewalt gutzuheißen, man distanziert ist eifrig, der Rest sind die ekligen Variationen des Kleingedruckten. Eigentlich ist Gewalt ja zu verurteilen, aber... . In hemmungsloser Dummheit wird dann von Demokratur gefaselt, da sind dann Ganzlinke und Ganzrechte schnell einer Meinung.

gozilla 20.07.2017 | 10:48

Es gibt nun mal Polizeigewalt und darüber muss auch diskutiert werden, wenn man daraus Lehren ziehen will. So eingestanden von einem weit vom Moorleichen-Konstrukt "Ganzlinken" Polizistenchef in Italien:

"Die Polizei in Italien hat erstmals offiziell eine Mitschuld an der Polizeigewalt gegen Demonstranten am Rande des G8-Gipfels in Genua 2001 eingeräumt. »Ich sage klar und deutlich, dass es Folter gab«, sagte der italienische Polizeichef Franco Gabrielli am Mittwoch der Tageszeitung »La Republicca«.

Ob daraus entsprechende Lehren gezogen worden sind, dass kann ich nicht überprüfen - und auch nicht was der Gabrielli als Vergleich heranzieht:

"Im Hinblick auf die Ausschreitungen des G20-Gipfels vergangene Woche in Deutschland sagte Italiens Polizeichef Gabrielli: »Schauen Sie, was in Hamburg passiert ist. Und schauen Sie, was stattdessen beim diesjährigen G7-Gipfel in Taormina auf Sizilien passiert ist«. Die italienische Polizei setze nun auf Prävention statt auf Repression, um die Protestler friedlich zu begleiten"

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1057907.polizei-in-italien-bestaetigt-folter-bei-g-gipfel.html

Moorleiche 20.07.2017 | 11:04

Jetzt verstehe besser, was Du gemeint hast. Da geht es um Glaubensfragen.“

Ja, immer und immer wieder. Und die Herausforderung ist, zu verstehen, dass der Glaube zwar prinzipiell entarten kann, aber gleichzeitig ein potentes Heilmittel ist.

Und gefährlich sind jene, die glauben, ihr Glaube sei gar keiner, sondern die reine Lehre/Wahrheit. Weil die ernsthaft alle, die nicht ihrer Meinung sind, als Spinner ansehen, da sie zutiefst überzeugt sind, dass ihre Weltsicht die (einzig) richtige ist.

Wobei individuelle „Problemrangfolgen“ auch nicht objektiv sind, sie schliessen nicht mal Selbstschädigung aus.“

Natürlich sind sie nicht objektiv, schon per def nicht. Aber, damit steckt man gleich im nächsten Glaubensproblem: Wer sagt denn, dass Objektivität hui ist und Subjektivität pfui? Sind nicht die Teile der europäischen Geschichte, die wir als gelungen ansehen dürfen wesentlich davon geprägt das Subjekt und seine Sicht fördern und zu schützen? Haben nicht im Namen des blutroten und braunen Kollektivismus die größten Verbrechen stattgefunden?

Mit weniger Glauben und mehr Egoismus ist schon was gewonnen: ...“

Es gibt sicher Egoismen, die auch anderen nützen, aber prinzipiell ist mit Egoismus nicht viel zu holen. Das ist eine biologistische Kopfgeburt. Es gibt gesunde Formen von Egoismus/Narzissmus und kranke und beide muss man unterscheiden. Es ist vollkommen in Ordnung – und wichtig – sich um sich und sein Wohlergehen und Glück zu kümmern, aber schon Epikur fragte, wie man glücklich sein kann, wenn es den Freunden schlecht geht?

Aus welcher Ecke man nun auch kommt, immer lautet die Formel, dass die Fähigkeit ein echtes Interesse am anderen und dessen Wohlergehen zu haben, einer der zentralen Wege (wenn nicht der!) zum eigenen Glück ist. Konkurrenzspiele kann man ja gesittet ablaufen lassen, als Selbstzweck sind sie schädlich.

Dass mein vergleichsweise niedriger Fleischkonsum mit dem Bestreben zu hat, gesund zu bleiben, habe ich ja schon erwähnt. Dass mir die Unfallrate des Strassenverkehrs und die Kosten für eine rollende Blechdose unzumutbar hoch sind, ist auch Symptom meines Egoismus. Sintemal Eigenbewegung mit dem Fahrrad auch wieder für die Gesundheit günstig ist. Ich bin einfach ein Lebensqualität-Freak und das hat Nebenwirkungen ;-)“

Ist ja alles richtig und das in einem tieferen Sinne. Darum würde ich es genau so auch verkaufen oder bewerben. Man darf nicht ausblenden, dass das von einem Teil als das Schönreden eines Mangels interpretiert werden kann. Es gab mal vor Jahren den Begriff „Winning Loser“, der irgendwie in der Versenkung verschwunden ist. Das sind Menschen, die sich bemühen die Anforderungen des Mainstream zu erfüllen (oft auch überzuerfüllen), dabei/daran scheitern und nach einer kurzen Phase der Enttäuschung feststellen, dass ihre „Loser“Existenz will glücklicher und erfüllender ist. Ich kenne Leute bei denen das tägliche Paket die innere Leere stopfen soll und das misslingt gründlich.

Es geht schon darum wesentlicher zu werden, aber das heißt eben nicht für alle, durch den Wald zu rutschen und Würmer zu fressen.

Und noch mal: Mit Sack & Asche hat es nichts zu tun, wenn ich ab und zu mal sage, dass ich auch selber drinstecke im „System“ und beteiligt bin. Ich will vermeiden, dass jemand mal spottet: „Da kommt die heilige Claudia“. Sowas geht schneller als man denkt, wenn man in Gesprächen immer wieder Gewissheiten anknabbert.“

Ich hab das schon kapiert, aber ich bin ziemlich überzeugt, dass man andere nur zum Nachdenken bringen kann, wenn man seine Position selbstbewusst vertritt und dazu gibt es allen Grund.

Moorleiche 20.07.2017 | 11:14

"Es gibt nun mal Polizeigewalt und darüber muss auch diskutiert werden, wenn man daraus Lehren ziehen will."

Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass es Polizeigewalt gibt.

Aber ritualisierte linke, linksmotivierte, irgendwie linke, nicht wahre linke aber doch mit Linken, die sich selbst als Linke sehen ... Gewalt gibt es eben auch.

Oder, um es mit Misik zu sagen:

"Auch das linksliberale Gerede, Gewalttäter seien nicht links, sondern rechts, weil, bestechende Logik, ein Linker, sobald er Gewalt einsetze, zu einem Rechten werde, ist so dumm, dass es schon wieder wehtut." (Quelle)

denkzone8 20.07.2017 | 11:40

polizei-gewalt enhält einen zwie-spalt:

die amts-gewalt, für sicherheit zu sorgen, ist der polizei

institutionell übertragen

(und hat einen rahmen durch einklagbare gesetze).

polizei-gewalt-exzesse außerhalb gesetzlicher formen

haben den status aller gesetzes-verletzungen:

übertretungen und kriminelles verhalten ist,

wenn(durch zeugen) dokumentiert,

straf-bewehrt zu verfolgen.

gozilla 20.07.2017 | 12:06

stimme ich Ihnen zu! ich weiß auch nicht, warum binsenwahrheiten hier verhandelt werden:

"die amts-gewalt, für sicherheit zu sorgen, ist der polizei

institutionell übertragen". stelle ich nicht infrage.punkt. aber gewalt hat zwei seiten: die auf der seite von gewaltaffinen demonstranten und ganz offensichtlich auf seiten der polizei. letzteres wurde im obigen fall (folter von demonstranten in italien) bestätigt und in deutschland wird es, wie Sie zu recht fordern, soll durch augenzeugen dokumentiert bzw. bezeugt werden. dazu gibt es unter anderem diese seite:https://g20-doku.org/

und damit Ihr anregender und demokratischer denkansatz nicht unbeantwortet bleibt, d.h. Ihre vernünftige forderung,

wenn(durch zeugen) dokumentiert,

straf-bewehrt zu verfolgen.

gibt es hier eine weiterführende und

dann erstmal so viel dazu:

"In Fällen von Polizeigewalt bleiben Beamte oft unbehelligt – ändert sich das jetzt, da doch so viele Menschen ein Smartphone mit sich tragen? Ändert sich der interne Umgang von Polizei und Justiz mit Gewalt? Das sind die Leitfragen des Films und die Antwort lautet: Nein."

http://www.taz.de/!5026103/

Orlandosto 20.07.2017 | 19:46

Ich frage mich, ob J. Augstein, der Salon-Revoluzzer, zu Fuß durch die Gegend läuft oder nicht doch motorisiert unterwegs ist. Und ich vermute, daß er sogar ein Gefährt von nobler Marke sein eigen nennt. Nun, das wurde von den hehren Linksfaschisten nicht abgefackelt, und wenn dem doch so gewesen wäre, der Herr hätte sich flugs ein neues zulegen können, egal ob aus Rohstoffen der "Trade of terms" zusammengesetzt oder nicht. Ich finde Herrn J.A. einfach nur arrogant und ...

Moorleiche 20.07.2017 | 19:55

"Ablehnung von Gewalt steht bei mir halt so etwa auf "8" und hinter Umweltbewusstsein so irgendwo zwischen "2" und "3". Auch das muss toleriert werden. Sie werden scheitern, mir das a priori ausreden zu wollen"

Will ich doch gar nicht. Ist halt Ihre subjektive Liste, auf der Basis Ihrer subjektiv gewählten Prämissen.

Kann sogar sein, dass, wenn man bestimmte Prämissen gewählt hat, zu ähnlichen Schlüssen kommt, aber niemand zwingt einen, diese oder jene Prämisse zu wählen. Man kann nachdenken und sich umentscheiden.

Ob es um die Anwendung von Gewalt geht, Problemhierarchien oder darum, ob es Naturgesetze überhaupt gibt.