Die Sprache der Waffen

Abzugspläne Der Krieg in ­Afghanistan ist noch lange nicht vorüber. Er geht jetzt erst richtig los – weil die NATO die Realität nicht wahrhaben will

Die NATO will aus Afghanistan abrücken. Das wurde am vergangenen Wochenende in Lissabon beschlossen. 2011 soll der Abzug beginnen, 2015 soll er abgeschlossen sein. Keine Kampftruppen mehr am Hindukusch. Der Krieg ist dann vorüber. Die sonderbare Nachricht eines angekündigten Kriegsendes. Fünf Jahre im Voraus. Und da es bislang in der Öffentlichkeit kein vernehmbares Aufheulen gegeben hat, muss man annehmen, dass sich gar nicht so viele Leute über diesen – man traut sich gar nicht, das Wort niederzuschreiben – Beschluss wundern. Dabei ist er doch höchst bemerkenswert – und bei näherem Hinsehen alles andere als erfreulich.

Der Krieg gehorcht nicht den Regeln eines Fußballspiels und endet, wenn die Zeit um ist. Man würde sich ja einen großen Schiedsrichter wünschen, der die interkulturelle Begegnung am Hindukusch einfach abpfeift. Aber aus diesem Match müssen die Spieler schon selber aussteigen – und da hat die NATO erst einmal anders entschieden: Der Beschluss von Lissabon bedeutet vor allem fünf weitere Jahre Kämpfen und Töten in den Bergen und Tälern Afghanistans. Wie Spieler verhalten sich die Staats- und Regierungschefs tatsächlich, Spieler, die nicht aufhören können, die ihren Einsatz verdoppeln, um die Verluste der Vergangenheit wettzumachen und die sich nur darum eine Frist setzen, um das Gesicht der Vernunft zu wahren.

Strategie geändert

Dabei hat der Krieg in Afghanistan und der Beschluss von Lissabon mit Vernunft am wenigsten zu tun. Das sinnlose Töten wird nicht nur nicht gestoppt. Es geht nicht nur einfach weiter. Es nimmt zu. Der Krieg in Afghanistan kommt jetzt erst richtig in Fahrt. Ein paar Kennziffern aus der Sonderwirtschaftszone des Todes: 650 alliierte Soldaten wurden bislang in diesem Jahr getötet, das ist bei weitem die höchste Todesrate, seit der Krieg im Jahr 2001 begann, es ist ein Anstieg um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und um das Doppelte im Vergleich zu 2008. Im Monat Oktober wurde Afghanistan von etwa 1.000 Bomben und Raketen getroffen, auch das war mehr als jemals zuvor seit Kriegsbeginn. Was die Opfer in der Zivilbevölkerung angeht, kann man getrost von ähnlichen Wachstumsraten ausgehen.

Denn die US-Militärs haben ihre Strategie geändert. Der inzwischen abgesetzte Stanley McChrystal hatte das Wesen des westlichen Militäreinsatzes in der Aufstandsbekämpfung gesehen, counter-insurgency heißt das auf Englisch, das längst die Sprache des Krieges ist, so wie Latein einst die der Zivilisation oder Französisch die der Diplomatie.

Das ist aus soldatischer Sicht ein anderer Job als klassische Kriegsführung. Es geht dabei nicht darum, möglichst viele Gegner zu töten, sondern vor allem darum, die Zivilbevölkerung zu schützen. Manchmal ist Rückzug dafür die beste Lösung: Im April räumte General Stanley McChrystal das berüchtigte Korengal Tal im Osten des Landes, er gab die US-Basis samt ihrer fünf Außenposten auf, nachdem die US-Armee fünf Jahre in diesem Tal stationiert war und dort 42 Soldaten verloren hatte. Der General erklärte der New York Times, dass es hier vor der Ankunft der Amerikaner so gut wie keine Aufständischen gegeben habe, dass erst die Gegenwart der Amerikaner die Einwohnern zu solchen gemacht habe, und der beste Weg, den Aufstand zu schwächen darin bestehe, einfach aus diesem Tal zu verschwinden. Eine seltene Einsicht!

Karzai abgebürstet

Präsident Obamas neuer Mann, David Petraeus („Rammt eure Zähne in ihr Fleisch und lasst nicht mehr los“) hat in den vergangenen Monaten einen anderen Weg gewählt: Die Bombardements wurden intensiviert, die Schonung der Zivilbevölkerung verlor an Bedeutung. Die Amerikaner zerstören jetzt ohne Zögern die Häuser der Afghanen, wenn das aus militärischen Erwägungen heraus nützlich erscheint. Und es sind 16 M 1 Abrams Panzer unterwegs nach Afghanistan, 68 Tonnen schwere Kampfkolosse mit fürchterlicher Feuerkraft, die einmal für die Feldschlacht gegen die Rote Armee entwickelt wurden. Afghanistan muss also erst noch ein gutes Stück mehr zerstört werden, bevor es gerettet werden kann.

Geradezu flehentlich bat Afghanistan Präsidents Karzai vor dem Gipfel die NATO-Staaten darum, mehr Rücksicht auf seine Landsleute zu nehmen. Man bürstete ihn ab. Allen voran Angela Merkel, die Karzai vorwarf, mit seiner Kritik am NATO-Einsatz die Unterstützung der westlichen Bevölkerungen für diesen Einsatz zu untergraben. Dabei ist es ja gerade das völlige Fehlen an Unterstützung für diesen Krieg, das die NATO-Chefs zum Zugeständnis eines Abzugstermins bewogen hat. Die wendige Merkel hat sich als Meisterin der zynischen und verdrehten Logik des Krieges erwiesen und hält in deutscher Nibelungentreue weiter zu Amerika, das sie – tragisches Missverständnis – für das Reich der Freiheit hält, anstatt es als das zu sehen, was es heute ist: ein militaristisches Land, das seine Wirtschaft und Gesellschaft in den Dienst seiner militärischer Interessen stellt. Eine Armee, die sich einen Staat hält. Ein neues Preußen, aber um so vieles mächtiger und gefährlicher.

Was in Lissabon zu tun gewesen wäre? Entweder der Westen setzt seinem Krieg in Afghanistan ein Ziel – und bleibt und kämpft, bis es erreicht ist. Oder er setzt diesem Krieg ein Ende. Jetzt.

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15:30 26.11.2010
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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