Die Wahl der Waffen

Leitartikel Der Krieg hat seine eigene Moral. Er ist ein Angriff auf die zivilen Gesellschaften des Westens. Dem müssen wir uns widersetzen

Oberst Klein wird in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingehen. Er befahl das Massaker von Kunduz und wird nicht vor Gericht gestellt. Er verstieß gegen eine Vielzahl militärischer Regeln, und die Justiz erklärt sich für nicht zuständig. Der Mann, der in seinem Namen eine ebensolche contradictio in adjecto birgt wie die irrige Formulierung von den friedensstiftenden Militäreinsätzen, an denen sich die Bundeswehr mit zunehmender Selbstverständlichkeit beteiligt, dieser Mann kann allen deutschen Soldaten künftig als Vorbild dienen: Die wahllose Tötung von Menschen, seien es Zivilisten oder Kämpfer, Männer oder Frauen, Greise oder Kinder, ist im Krieg Alltag und kein Vergehen, und die Justiz ist nicht zuständig. Man kann getrost damit rechnen, dass die eigene Gerichtsbarkeit der Bundeswehr sich des Falles, wenn überhaupt, dann gnädig annehmen wird.

Bundeswehr und Bundesregierung waren erfreut, dass Richter und Staatsanwälte sich nicht mit Oberst Klein befassen werden. Es hieß, diese Entscheidung gebe den Soldaten nun Rechtssicherheit. Die Soldaten können mit mehr Sicherheit töten. Es wird ihnen nichts geschehen. Wenn Oberst Klein davonkommt, wird jeder andere auch davonkommen. 91 Menschen verlieren ihr Leben, und es wird niemand zur Rechenschaft gezogen. Es geschieht einfach. Das ist die Wirklichkeit des Krieges. Diese Wirklichkeit greift die Moral der deutschen Gesellschaft an, so wie sie die Moral aller Gesellschaften auf Dauer angreift, die sich im Krieg befinden. Die Frage nach Schuld und Unschuld des Einzelnen, die in der Zivilgesellschaft Grundlage jeden staatlichen Eingriffs ist, spielt im Krieg keine Rolle mehr. Es dürfen alle sterben. Die Schuldigen und die Unschuldigen. Die Männer und die Kinder. Im Tode sind sie alle gleich. In der Entscheidung zur Luftsicherheit hat das Bundesverfassungsgericht geschrieben, dass Menschen nicht „verdinglicht und zugleich entrechtlicht“ werden dürften, dass der Staat sie nicht als „bloße Objekte“ behandeln dürfe. In Afghanistan gilt das nicht. Das ist die Hölle des Krieges, die General Sherman meinte. Er hatte South Caroline verwüstet. Er wusste, wovon er sprach.

Wunsch nach dem Erhabenen

Die Wirklichkeit des Krieges bringt die Teilung in Gut und Böse mit sich, die Überhöhung der eigenen Opfer und die Erniedrigung des Gegners. Als wieder vier deutsche Soldaten in Afghanistan getötet worden waren, sprach der Generalinspekteur der Bundeswehr von der „Heimtücke und Hinterlist“ der Aufständischen. Und ein anderer General nannte sie „ruchlose und feige Männer“. Da werden Bilder erzeugt. In den Zeitungen wird schon wieder von den „Gefallenen“ gesprochen. Ein altmodisches Wort, das die Toten des Krieges von allen anderen Toten unterscheiden soll, sie hervorheben, ihnen etwas Erhabenes geben soll.

Wie „tapfer“ mögen wohl die westlichen Truppen den Afghanen vorkommen, wenn sie mit unbemannten Kampf-Drohnen und überschallschnellen Präzisionsbomben angreifen? Und wie erhaben ist es, in Afghanistan zu „fallen“ und nicht wieder aufzustehen, in einem Krieg, der nach allem menschlichen Maß nicht zu gewinnen ist, weil er sich nicht gegen einen militärischen Gegner richtet sondern gegen eine andere Kultur, weil mithin seine Ziele keine militärischen sind, sondern kulturelle? Stellen sich die deutschen Generäle solche Fragen noch? Stellt die Bundesregierung sich solche Fragen noch?

Die Gesellschaft muss sich dem Gift des Krieges widersetzen. Der Freitag veröffentlicht darum in dieser Ausgabe die Bilder von Angehörigen der Opfer von Kunduz. Und wir haben uns an einer Ausstellung beteiligt, in der diese Bilder der Öffentlichkeit gezeigt werden. Wir sollten diese Bilder vor unserem inneren Auge neben jene der getöteten Deutschen stellen. Und dann sollten wir beschließen, unsere Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Sofort.

Die eigene Schwäche anerkennen

Der schwächer werdende Westen kann das, was er für die universellen Menschenrechte hält, nicht weltweit durchsetzen. Wir mögen noch Mühe haben, das anzuerkennen: Aber die absoluten Wahrheiten der Aufklärer halten den kulturrelativistischen Wirklichkeiten nicht stand, die schon Johann Gottfried Herder und noch vor ihm Giambattista Vico beobachtet haben. Wir stehen ja nicht in Afghanistan, um Hamid Karsai zu schützen, der mittels Wahlfälschung an der Macht blieb, gute Kontakte zum Drogenhandel hat und die westliche Allianz mittlerweile selbst als „Eindringlinge“ bezeichnet. Und wir stehen auch nicht in Afghanistan, um Schulen und Straßen zu bauen. Diese Illusionen sind schon lange vor den Angriffen vernichtet worden, bei denen nun wieder vier Deutsche gestorben sind.

Wenn man alle Argumente bis an ihr Ende verfolgt, wenn man alle Lügen und Vorwände durchdrungen hat und wenn man auch alle falschen Hoffnungen auf eine Besserung für die Menschen in diesem Land verworfen hat, die es ja vielleicht zu Recht einmal gegeben haben mag, dann bleibt nur ein Argument, das den Verbleib Deutschlands am Hindukusch rechtfertigen kann. Und das ist die Bündnistreue. Wir führen Krieg aus Bündnistreue. Das ist die Politik von Angela Merkel. Dafür wird man sich ihrer erinnern: Als Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg.

13:00 22.04.2010
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein
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