Dr. Mogel und Frau Merkel

Plagiat Springers Hausminister will die politischen Standards im Land verschieben. Die Kanzlerin macht mit – und geht dabei ein Risiko ein

Wenn seine Karriere bedroht ist, macht Karl Theodor zu Guttenberg kurzen Prozess. Er hat gemerkt, dass er sich selbst gefährlich werden kann. Also hat er sich von sich selbst distanziert. Der Doktor Guttenberg wurde ebenso beherzt geopfert wie seinerzeit der General Schneiderhan nach dem Kunduz-Skandal oder der Schulschiffer Schatz nach der Gorch-Fock-Affäre. Es ist ein bewährtes Verfahren, für das der Evangelist Matthäus in der Bibel, Abteilung Krisenmanagment, diese Beschreibung findet: „Ärgert Dich Dein rechtes Auge, so reiß’ es aus und wirf es von Dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.“ Bevor sein body politic in die Hölle der bayerischen Provinzpolitik zurückgeworfen wird, würde Guttenberg sich und anderen in Stücke reißen. Hauptsache es bleibt in Berlin etwas Ministertaugliches von ihm übrig

Instabile Größe in Merkels politischem Kosmos

Aber ministertauglich ist er eben nicht. Der Mann, der eine zeitlang Hoffnungsträger der Politik war, entpuppt sich als Hochstapler und Witzfigur. Fragt der Praktikant im Verteidigungsministerium: Wo ist denn der Kopierer? Antwort: Auf Truppenbesuch in Afghanistan. Das wird Guttenberg nie mehr los.

Der CSU-Mann setzt seine Hoffnung da­rauf, dass die Substanz der Politik die Person sei und der Rest – Doktor, Glaubwürdigkeit, Anstand – nur Akzidenzien. Nachdem seine bisherige steile Laufbahn schon die politische Schwerkraft transzendiert zu haben scheint, will Guttenberg nun auch die deutsche Restmoral transzendieren.

Angela Merkel hat sich hinter ihn gestellt. Anders als gewohnt hat sie Position bezogen. Nach der verlorenen Hamburg-Wahl glaubte sie wohl, nicht anders zu können. Sie ist damit ein hohes Risiko eingegangen. Die Kanzlerin deckt den Fälscher und muss nun seinen moralischen Makel mit ihm teilen. Und, was aus ihrer Sicht vermutlich schlimmer ist, die Machtphysikerin Merkel muss sich von nun an mit der Guttenbergschen Unschärferelation herumschlagen, die, in Anlehnung an ihr quantenphysikalisches Original, besagt, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig zu bestimmen sind. Im Falle Guttenbergs sind das sein unbändiger Ehrgeiz auf der einen und seine politische Halbwertszeit auf der anderen Seite. Der Shooting Star der deutschen Politik ist in Wahrheit eine instabile Größe in Merkels politischem Kosmos: zu viele erratische Bewegungen. Merkel setzt sich dem aus. Das kann sich rächen. Mitgehangen, mitgefangen. Wenn er stürzt, kann sie sich rechtzeitig losmachen?

Unsinniges Argument

Gemeinsam mit Hunderttausenden von Gefolgsleuten im Internet und mit Hilfe der Springer-Presse redet sich die Kanzlerin jetzt ein, dass Guttenbergs Unglaubwürdigkeit als Doktorand von seiner Glaubwürdigkeit als Politiker loszulösen sei. Das ist nicht plausibel. Es muss sich auch beim glühendsten Freiherren-Verehrer ein unangenehmes Störgefühl einstellen, ein leises Nagen, dass hier etwas nicht stimmt. Das ist ein Kennzeichen jenes sozialpsychologischen Zustandes, den man kognitive Dissonanz nennt. „Mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt“, macht sich die Kanzlerin Mut. Aber das Wissen darum, dass Guttenberg sich in Wahrheit in einer für einen Minister untragbaren Art und Weise verhalten hat, lässt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen. Um so heftiger die Angriffe der Guttenberg-Verteidiger auf dessen Kritiker. Da ist eine merkwürdig trotzige Haltung zu spüren, ein wütender Vorwurf: „Den lassen wir uns von euch nicht kaputt machen.“ Aber es sind keine bösen Mächte am Werk, wenn Guttenberg sich von Teilen der Medien und der Politik heftig kritisiert sieht. Es sind die einfachen Regeln des Anstands, die seinen Rücktritt fordern.

Merkel, die Bild-Zeitung und Guttenberg selbst verlassen sich auf ein selbstgerechtes Volksempfinden. Sie schüren ein Murren entlang der Bruchlinie zwischen „wir hier“ und „ihr da“. Auch das ist gefährlich. Es ist das gleiche Murren, mit dem sich die Gemeinde der Gläubigen gegen die schlichte Wahrheit gestemmt hat, dass jener andere Heilige des moralischen Prekariats, Thilo Sarrazin, in seinem Buch vor allem schlichten Blödsinn geschrieben hat. Das Argument der Guttenberger, wir hätten Wichtigeres zu tun, als uns mit den Fußnoten des Ministers zu befassen, ist natürlich vollkommen zutreffend – und vollkommen unsinnig, wie Jürgen Kaube in der FAZ beschrieben hat: „Es gibt auch Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, ..., und was nicht noch alles. Soll man darum nicht sagen dürfen, worum es sich handelt?“ Um Täuschung nämlich. Daran ändert auch die schiere Masse derer nichts, die mit dem Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner zusammen sagen: „Scheiß auf den Doktor.“

Wenn es Guttenberg gelingt, im Amt zu bleiben, wird er endgültig in Springers Hand sein. Der Hausminister der Bild-Zeitung. Der Dieter Bohlen der Politik. Und so wie der Pop-Titan Bohlen ohne Bild nicht denkbar ist, wird dann auch der Polit-Olympier Guttenberg ohne Bild nicht mehr denkbar sein. Das Boulevard-Blatt hat ihre Leser jetzt schon auf Seite eins über Guttenbergs Verbleib im Polit-Container abstimmen lassen. Was für ein Schicksal für einen Politiker, der alles anders machen wollte.

10:00 26.02.2011
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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