Ein Mann der Macht

Guttenberg Die Ideologie des Marktes und US-Interessen sind dem Wirtschaftsminister wichtiger als das Schicksal zehntausender Opelaner

Die Macht der Sprache kann es nicht sein, mit der Deutschlands neuer Wirtschaftsminister die Öffentlichkeit verzaubert. Neulich gab er wieder mal eine Kostprobe seiner sonderbaren Sätze. 20. Juli, Berlin-Plötzensee, jährliches Ritual des guten Gewissens. Man konnte danach in den Meldungen den Satz lesen: „Als einer, der aus der Generation der Urenkel komme, sei ,Erinnern im Sinne des Erlebten unerreichbar fern‘, bedauerte er.“ Da waren die Agenturkollegen bei der Formulierung genau so überfordert wie der Minister selbst. Wenn dieser Guttenberg den Mund auftut, dann bleibt im freiherr­lichen Satzbau kein Stein auf dem anderen. Neulich warf er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Unternehmen „Gier und Genügsamkeit“ vor und zu seinem eigenen Amt sagte er: „Ich bin mir über die Endlichkeit bewusst.“ Am 12. Fe­bruar wurde er vereidigt. Wer kannte ihn bis dahin? Experten für die Innereien der CSU. Jetzt ist er ein Star.

Es spricht für die tote Phantasie der Journalisten und die Borniertheit der gremiensatten Berliner Politikprofis, dass sie so ­einen, der von außen kommt, aus der Pro­vinz, erst einmal und grundsätzlich unterschätzen. „Die Postenvergabe im Wirtschaftsministerium zeigt, dass dieses Amt nun endgültig am unteren Ende der Bedeutsamkeit angekommen ist“ hatte die Süddeutsche im Februar gehöhnt – und lag damit komplett daneben.

Und wieviel Gespür hatten die Linken, die Sozialdemokraten und die Gewerkschafter noch für das, was man die öffentliche Stimmung nennen mag? Zielsicher am Geschmack des Volkes vorbei wollten sie Guttenberg als „Baron aus Bayern“ diffamieren. Und Müntefering hat geätzt „Lieber frei und links als Freiherr und rechts“ – weil er auf die deutsche Neidkultur setzen wollte und auf soziale Ressentiments gegen den Mann, für den der Stern einen hübschen Titel gefunden hat: „Ein Aufsteiger, der von oben kommt.“ Aber das ist alles billig. Und das verfängt bei den Menschen auch gar nicht. Guttenberg ist, kaum zu glauben, im Moment einer der beliebtesten Politiker – hinter Horst Köhler und Angela Merkel.

Es ist richtig, das sind keine besonders ermutigenden Umfrageergebnisse: Der Mann ohne Gedanken und die Frau ohne Eigenschaften – außer jener, die Macht zu wahren – sind tatsächlich unsere beliebtesten Politiker. Aber so ist unser Wahlvolk und ein anderes haben wir nicht.

Guttenberg hat besser als seine Gegner verstanden, wie das politische Geschäft läuft, wie man Markenbildung betreibt, wie man eine öffentliche Figur formt. Das Wirtschaftsministerium ist – selbst in der Krise – keine mächtige Behörde. „Gralshüter der Sozialen Marktwirtschaft“ wird der Wirtschaftsminister genannt. Obwohl das heute in Wahrheit nichts mehr bedeutet. Ludwig Erhard ist ein Gründungsvater des westdeutschen Selbstbewusstseins. Und dass nicht der mythische Erhard das Wirtschaftswunder geschaffen hat, sondern das Wirtschaftswunder den Erhard-Mythos, das spielt keine Rolle. Wenn man sich in Deutschland auf Erhard beruft, macht man nichts falsch.

Aber auch jenseits des Showgeschäfts hat Guttenberg schnell gelernt. Es ist ja bemerkenswert, wie sich beim Thema Opel im Wirtschaftsministerium der Wind gedreht hat. Plötzlich liegt der österreichisch-kanadische Bieter Magna wieder hinten und die Investmentgesellschaft RHJ hat beste Chancen, das Rennen zu machen. Hinter Magna stehen die Russen. Hinter RHJ die Amerikaner der Finanzfirma Ripplewood. Die IG Metall schäumt: Guttenberg torpediere die Verhandlungen mit den Russen, um den Amerikanern den Weg frei zu machen. Die Gewerkschaft fürchtet, dass RHJ das Geschäft von General Motors betreibt.

Die Amerikaner haben starke Verbündete nicht nur im Wirtschaftsministerium: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Springer-Verlages, sitzt im Aufsichtsrat von Ripplewood. Das Unternehmen wird geleitet von Döpfners Freund Leonhard Fischer, ehemals Chef der Dresdner Bank und Mitglied der neuen Berliner Haute-Volée, die es sich in den Villen von Potsdam eingerichtet hat, mit Seeblick. Ein besonders schönes Anwesen haben Döpfner und Fischer zusammen gekauft und wollen es zum Jubiläum des Mauerfalls in diesem Herbst der Öffentlichkeit übergeben. „Potsdams Visitenkarte am Eingang der Havelstadt“, schwärmt die Bild-Zeitung. Das Blatt berichtet übrigens auch wohlwollend über die Bemühungen der US-Investoren, einen Fuß in die Opel-Tür zu bekommen.

Und Guttenberg? Ist ein kluger Nachwuchspolitiker. Das Wirtschaftsministerium ist ja erst der Anfang. Nach der Wahl, das scheint heute sicher, wird er im Kabinett bleiben. Wer würde auf ihn jetzt noch verzichten wollen? Guttenberg wird schon wissen, dass es nur von Vorteil ist, den Springer Verlag, die Bild-Zeitung auf seiner Seite zu wissen. Wohlgemerkt, auch Springer kann keine Politiker an die Macht ­schreiben. Aber Springer kann ihnen helfen, die Macht zu halten. Guttenberg war selbst mal freier Mitarbeiter der Welt, deren Chefredakteur Döpfner war, und er soll in die Redaktion immer noch gute Kontakte haben. So schließen sich Kreise. Kreise der Macht und des Einflusses, aus Wirtschaft und Politik und Medien. Und der Betriebsrat von Opel ist zu den Soiréen in Potsdam leider nicht eingeladen.

18:30 23.07.2009
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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