Jakob Augstein
08.03.2012 | 17:24 34

Eine Anekdote aus dem Leben Joachim Gaucks

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jakob Augstein

Der Staatsdiener

Staatsgegner, Staatsdiener Welche Rolle spielte Joachim Gauck wirklich in der DDR? Teile seiner Akte bei der Stasi und Vorwürfe eines Ex-Bürgerrechtlers werfen ein anderes Licht auf den Präsidentschaftskandidaten - demnach war der Staat auch sehr zufrieden mit ihm.


Joachim Gauck ist ein Mann der Ordnung: Die westliche Studentenbewegung von '68 war ihm suspekt, und die zeitgenössische Kapitalismuskritik hält er für "albern". Das ist bekannt. Dass er womöglich aus demselben Geist heraus mit der DDR-Opposition seine Probleme hatte, ist weniger bekannt. Ein Blick in die von der Stasi geführte Akte über Gauck, zeigt ihn von einer Seite, die heute im Schatten der allgemeinen Begeisterung liegt, mit der der neue Konsenskandidat für das Amt des Bundespräsidenten erwartet wird.

Auch Joachim Gauck, der einmal Herr der Stasi-Akten war, hatte eine Akte. Unter dem Namen "Larve" wurde er von der Stasi sechs Jahre lang in einem so genannten Operativen Vorgang bearbeitet. Das heißt, er wurde von Spitzeln überwacht, damit ihn der Staat einschätzen und beeinflussen konnte. Es lohnt sich, einen Blick in diesen Ordner zu werfen. Gauck hat nie behauptet, ein Oppositioneller gewesen zu sein. Laut Akte war er der Stasi zumindest in einem Fall dabei behilflich, gegen die Opposition vorzugehen. War dieser Pastor Gauck, der heute als moralische Instanz wahrgenommen wird, ein Werkzeug der staatlichen Interessen?

Rostock 1988. Die Stasi hat ein Problem: Im Juni soll in der ostdeutschen Hafenstadt der evangelische Kirchentag stattfinden. Im Jahr zuvor war aus einer solchen Veranstaltung in Ost-Berlin der Super-GAU der Staatsspitzel geworden. Alternative Gruppen hatten sich zur "Kirche von Unten" zusammengetan und den Kirchentag in aller Öffentlichkeit zum Happening der DDR-Opposition gemacht. Das sollte sich in Rostock nicht wiederholen. Hier hoffte die Staatsmacht auf Joachim Gauck.

Die Landeskirche hatte den Stadtjugendpfarrer mit der Organisation des Kirchentages betraut. Gleich zu Beginn der Vorbereitungen, noch im Herbst 1987, vermeldete IMS "Schehr", einer der zahlreichen auf Gauck angesetzten Stasispitzel laut der Akten zufrieden: "Zum Kirchentag 1988 in Rostock sagte Gauck eindeutig, dass 'wir' keinen sogenannten Kirchentag von Unten haben wollen. ... Und Rostock ist nicht Berlin - Gäste haben sich zu fügen und einzuordnen."
Ruhe und Ordnung

Im Mai 1988 soll sich Gauck nach Auskunft seiner Akte bei einem Vorbereitungstreffen in der Rostocker Christuskirche gegen die Ausnutzung des Kirchentages durch "Übersiedlungsersuchende" gewandt haben. Wörtlich soll Gauck geäußert haben: "Der Kirchentag 1988 ist zum Feiern da und nicht zum Demonstrieren."
Im Interesse von Ruhe und Ordnung musste Gauck freilich auch die eigenen Kirchenleute fürchten. Vor allem seinen alten Schul- und Studienfreund Heiko Lietz. Der, anders als Gauck, hatte schon immer Schwierigkeiten, sich an das DDR-System anzupassen und war 1981 sogar aus dem Kirchendienst entlassen worden. So wie sie Gauck "Larve" getauft hatten, gaben die Stasi-Offiziere dem Dissidenten Lietz in dessen Operativen Vorgang den aussagekräftigen Namen "Zersetzer".
Glaubt man der Stasi-Akte soll Gauck versucht haben, Lietz vom Kirchentag fernzuhalten. Als im Sommer 1987 die ersten Arbeitsgruppen gebildet wurden, war Lietz nicht dabei, und die Stasi notiert anerkennend, es sei "erkennbar, dass 'Larve' an keinen Themen interessiert ist, die sich offen gegen die staatlichen Verhältnisse in der DDR richten. Aus diesem Grund hat er den Lietz, Heiko ... anfangs nicht mit in den Vorbereitungskurs für den Kirchentag 1988 einbezogen." Damit aber nicht genug. Gauck soll keinen Zweifel daran gelassen haben, was er von Lietz hielt. So stellt es zumindest die Stasi dar: "Nach Meinung des 'Larve' hat Lietz zwei entscheidende Fehler: 1. Könne er selten das rechte Maß finden, schießt oft über das Ziel hinaus und stiftet durch sein Verhalten Verwirrung und Unstimmigkeiten. 2. Halte er die getroffenen Vereinbarungen und Abmachungen nicht immer ein und sabotiere dadurch konstruktive Arbeit."
Lietz hielt Gauck all die Jahre für seinen Freund
Gegenüber einem Spitzel, der als IM "Scheler" der Stasi Bericht erstattete, soll sich Gauck im Sommer ausdrücklich von Lietz distanziert haben: "...und immer wieder bekräftigte Gauck, dass er mit dem Herrn Lietz nichts gemein habe, dass er schon mehrere Gespräche mit Herrn Lietz geführt hat, dass dieser Mann keine Chancen hat, einen Kirchentag von Unten zu organisieren ...." Und für den September vermerkt die Akte dann noch mal klare Worte Gaucks: "Er bezeichnet den operativ bekannten Lietz, Heiko als 'Radikalen.'"
Lietz hielt Gauck all die Jahre für seinen Freund, und wenn er von dem Mann spricht, den er so lange kennt, der jetzt bald Bundespräsident werden soll, dann spricht er immer von "Jochen". Eigentlich möchte Lietz immer noch denken, dass Gauck sein Freund war. Aber heute sagt Lietz: "Gauck hat mir keinen reinen Wein eingeschenkt." In Rostock blieb alles ruhig.
In seinen 2009 erschienenen Memoiren räumt Gauck diesen Ereignissen nicht viel Raum ein. Er erinnert sich zwar gerne daran, wie er vor 40 000 Zuhörern sprach: ("Ich war unglaublich aufgeregt.") Zu den Verhandlungen im Hintergrund des Kirchentages verliert Gauck kaum ein Wort. Mit Blick auf die Ost-Berliner "Kirche von Unten" schreibt Gauck: "In Mecklenburg wollten wir eine ähnliche innerkirchliche Spaltung auf jeden Fall verhindern und entschieden uns, weder Themen noch Teilnehmer auszuschließen."
Das sieht Heiko Lietz anders: "Rostock war eine vertane Chance", sagt er heute: "Ich bin während des Kirchentages in meinen Möglichkeiten mich zu entfalten massiv eingeschränkt worden. Ich habe sehr genau gemerkt, dass ich von der Kirchenleitung ausgebremst wurde." Warum will Gauck sich heute daran nicht erinnern? "Er hat sich neu geschaffen, er hat sich aus seiner Vergangenheit herauskatapultiert", Lietz.

Von Gauck ging offenbar keine Gefahr für den Staat aus

Den Verlauf des Kirchentages fasst die Akte in dem knappen Satz zusammen: "Im Nachhinein lässt sich eindeutig aussagen, dass die Versprechen, die Gauck gegeben hat, auch von Herrn Gauck verwirklicht wurden." Im November 1988 beschloss die Stasi die Einstellung Operativen Vorgangs "Larve": "Im Rahmen der Vorgangsbearbeitung wurde ein maßgeblicher Beitrag zur Disziplinierung von Larve erreicht. Aufgrund des Bearbeitungsstandes kann eingeschätzt werden, dass von ihm derzeit keine Aktivitäten ausgehen werden, die eine weitere Bearbeitung im OV erforderlich machen." Im Klartext: Von Gauck ging offenbar keine Gefahr für den Staat aus.

Im Jahr 2000, als Gauck seinen Posten an der Spitze der nach ihm benannten Behörde aufgab, sagte er in einem Interview: "Eine wirkliche Erinnerungskultur ist in einem Volk erst dann auszumachen, wenn nicht nur der Intellekt die neuen Fakten begreift und sich aneignet, sondern wenn auch Elemente einer inneren Einkehr erfolgen. Dass der Einzelne sich fragt: Und ich? Wo war eigentlich meine Position innerhalb dieses Systems? War ich ein Täter? War ich ein Helfer, ein Mitläufer? War ich ein Zuschauer? Oder war ich ein Opfer? Manchmal ist man von jedem etwas gewesen."

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (34)

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 19:16

Die in dem letzten Absatz des Artikels dargestellte Sichtweise Gaucks finde ich interessant. Mich würde interessieren wo sich Gauck selber einordnet.

Gauck war jedenfalls keine Gefahr für das System DDR. Dazu war er viel zu angepasst. Denn die wirklich gefährlichen hatte man ja in der DDR schnellstens denunziert bzw weggesperrt. Und das Kirche und Staat auch immer bestens zusammen arbeiten, ist wohl allen bekannt. Nichts anderes ist es auch heute zwischen Staat und Kirche. Nach der Deviese...teile und herrsche.

hadie 08.03.2012 | 19:31

Das Problematische der heutigen Sicht auf die DDR ist doch, dass man jetzt aus dem Bild des zweiten deutschen Staates dessen ganzen ideologischen Überbau wegradiert und unterstellt, alle hätten damals schon die Weltsicht von Gerhard Löwenthals "ZDF-Magazin" gehabt. So war es nicht - die "Kirche im Sozialismus" hatte ihre legitimen Vertreter, "für unser Land" konnte man mit Gründen sein usw.

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 21:30

So ganz neu ist das alles ja nicht. Ich hatte die Tage in Gauck nachgelesen und mich auch zu einem Spiegelartikel aus 2000 durchgeklickt, wo diese Geschichte auch schon erzählt wird, nur ein bisschen anders. Selbst der Herr Lietz taucht dort auf.

Klar habe ich mir so meine Gedanken gemacht wie das gewesen sein könnte mit Widerstand und Kompromiss und all den anderen Kleinigkeiten. Aber die ganze große Skandalnummer ist mir nicht so richitg hochgekommen.

Dann dachte ich mir als Wessi, ich mag an dieser Geschichte nichts und niemanden beurteilen oder gar verurteilen. Waren doch ganz andere Zeiten. Dass der Gauck als strammer Antikommunist, wie er sich selber sieht, schon aus seiner damaligen Gesinnung genügend auch noch im Nachhinein genügend Gewissheit bezieht, er sei ein Widerständler und Oppositioneller in der DDR gewesen, wer will im das verdenken. Dass er pragmatisch sich ein halbwegs komfortables Leben und ein erfolgreiches Kirchenbürokratendasein eingerichtet haben mag, auch daraus werde ich ihm keinen Vorwurf machen.

Nicht der mit der DDR vergangene Gauck macht mir Probleme, Probleme macht mir der Gauck der Bundesrepublik. An dem hätte ich mehr als genug herumzunörgeln.

GEBE 08.03.2012 | 22:28

Der Gärtner des Opportunismus?

Staatsgegner, Staatsdiener? Welche Rolle spielt JA wirklich beim ‚derFreitag’? Teile seiner Artikel werfen ein spezielles Licht auf ihn - demnach ist wohl der Staat auch sehr zufrieden mit ihm.
JA ein Mann des Opportunismus? Die Linke ist ihm wohl suspekt, und die zeitgenössische Kapitalismuskritik reißt ihn nicht vom Hocker. Das ist bekannt. Dass er womöglich aus demselben Geist heraus mit der Linken große Probleme hatte, ist weniger bekannt. Ein Blick in seine Artikel zeigt ihn von einer Seite, die heute nicht mehr weit vom Schatten verursachenden Boulevard liegt, mit dem die neue heile Welt als Konsens der Mittelmäßigkeit gepflogen wird.

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 00:16

Gustlik schrieb am 08.03.2012 um 19:04

"Nicht jeder konnte mit seinem Schwert in der Tagesschau landen, so sehr ich Schorlemmer schätze und Gauck ablehne."

Genau @Gustlik, weil man eben immer im Leben von anderen Menschen abhängig ist und in der Politik nichts dem Zufall überlassen bleibt.

Ich finde aber schon, dass der Freitag dies objektiv darstellt. Da er ja auch andere Seiten sachlich beleuchtet. Nämlich Stasi, Lietz und Gaucks Memoiren.

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 00:17

Die Kritik an Gauck ist doch relativ, nicht absolut!

Hätte die Koalition etwa einen Edmund Stoiber oder Friedrich Merz gegen Gauck nominiert mit dem erneuten Vorsatz, in der Bundesversammlung "durchzustimmen", fänden Sie eher Artikel über Gauck den Weinenden, den Seelenmenschen, den Versöhner und Brückenbauer, den die kalten Mächte des Marktes und der Effizienz schon wieder verhindert haben.

Jetzt wird er zu deren fünfter Kolonne stilisiert. Und Stasi-Kollaborateur muss er natürlich auch gewesen sein.

Wobei das so, wie es jetzt ist, in gewisser Weise sogar ehrlicher ist.

Denn politisches Empfinden hat viel Sozialisationsmustern, mit "Muttercharakteren" mit Psychologie etc. zu tun. Es ist kein Weisheitsgeraspel im luftleeren Raum. Und ein Mann wie Gauck - ist tatsächlich ein "Erz-Typus" - ist in diesem Sinne schon als Erscheinung für jeden Linken eine Provokation. Mit Sachfragen - Staat, nicht Staat etc - hat das erst einmal gar nichts zu tun. Diese sind nachgeordnet oder vorgeschoben. Die Reaktion auf Gauck ist ungefähr jene, die ein "bürgerlicher" Mensch (ganz gleich, ob Ferrari- oder U-Bahnfahrer) empfinden würde, wenn etwa eine Antje Vollmer nun mit den Stimmen der CSU gewählt werden würde.

manstruator 09.03.2012 | 00:47

Waren doch ganz andere Zeiten? Mit dem Widerständeln muß es sich wohl eher um eine Art spezielles Eigenlob des Herrn Gauck handeln. Nichts zu sehen von Widerstand, eher bloße Anpassungsleistung im Widerstand gegen den eigenen Schweinehund. Ein Kirchenbürokratendasein. Wirklich nur das? Im Bürokratendasein werden Mitstreiter gern mal als radikal eingestuft?
Vom Egoismus abgesehen tritt eine Eigenschaft zutage, die m.E. in ganz Deutschland kultiviert wurde - dem Pflegen des persönlichen neurotischen Pech-Levels, welches andere Mitmenschen zu Mitleid bewegt, auf dass man sich selbst Vorteile erhoffen darf.
Ich habe für derartige Erhöhungsbestrebungen überhaupt kein Verständnis, zumal es hier die Voraussetzung für das BILD-hafte Amt gelten darf.
Nein - nicht die Haltung vorm Altar führt hier zum Erfolg, sondern das schmuddelige Bisschen Revoluzzerei, andere denunziert zu haben, ein bisschen Ostquote und unscheinbar ein bisschen Stolpe bedienen doch ganz menschelnd die erforderliche beBILDerung, die heutzutage für den Job nötig ist. Selbst die Protagonisten des alten Spitzelbetriebs taugen postum als Spiegelbild des modernen Voyeurismus, wie ihn die Gesellschaft akzeptiert. Überwachung schadet ja nur dem, der was zu verbergen hat. Diese Weisheit scheint der Kandidat bereits mitgebracht zu haben.

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 01:03

Ja klar, es waren andere Zeiten. Ich hab jedenfalls 1988 nicht gewusst, dass 89 die Mauer fällt.

Dass Gauck sich später zum Widerstandshelden stilisierte, daraus ein Geschäftsmodell machte, mit dem er weiter und vor allem im Westen gut rum und ankam, ja mei, weshalb nicht. Er hat genügend Dumme gefunden, die ihren Eintrittsobulus bezahlten.

Aaaaber, dass man aus ihm einen Präsidentschaftkandidaten machte, das ging und geht mir zu weit.

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 02:11

( - Verstehe die beiden Fragen nicht ganz - ?)

In jedem Fall glaube ich, dass eine (von mehreren) interessanten Perspektiven zur Deutung der Gauck-Debatte das ist, was ich oben mit den "Politseelen" angedeutet habe.

Man mag sich wechselseitig mit der Wahrnehmung von Gauck konfrontieren. Da gibt es, das ist meine feste Überzeugung, keine Synthese.

Aber das ist eben auch eine ganz andere Art von politischer Diskussion als etwa über die unpersönliche Sachfrage zu reden, wo denn der Mehrwertsteuersatz liegen sollte o.Ä.

Gauck-Wahrnehmung ist Welt-Wahrnehmung.

Gerade WEIL das Amt faktisch keine Macht hat (manche fordern es abzuschaffen) - rückt seine Persönlichkeit doch so in den Mittelpunkt. Denn POLITISCH kann ein Bundespräsident nur durch sich selbst und aus sich selbst heraus wirken.
Da kann man sich dann in der Tat fragen, was man sich wünscht (...) - aber das ist keine objektive, quasi messbare Kategorie, selbst wenn Intelligenz natürlich so tun kann als sei es so.

Man lügt sich in die Tasche, wenn man glaubt, die Gauck-Debatte sei dasselbe wie etwa darüber zu urteilen, ob ein Minister etwas taugt. Einen Thomas de Maiziere kann man mögen oder nicht - aber man wird ihm in der Regel zugestehen, dass er eine Behörde leiten kann.

Darum geht es aber bei Gauck gar nicht. Seine Eignung als Staatsnotar hat noch niemand in Zweifel gezogen.

Der Betrachtung bei repräsentativen Ämtern richtet sich doch weniger auf die Fähigkeiten, sondern viel stärker auf den Menschen als solchen. Denn das, was man sich jedenfalls in Deutschland dort WÜNSCHT (...), liegt in der Person.

Die Gauck-Debatte ist etwa so zielführend wie ein Gespräch über Prinz William.

Was Sie an Gauck so stört, ist der Menschentyp.

Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich leide, wenn ich Wolfgang Thierse im Fernsehen sehe. Mich regt an diesem Menschen alles auf.

Nur ist das keine objektive Kategorie.

Dennoch muss ich ihm lassen, dass er den Posten als Parlamentspräsident durchaus hinbekommen hat.

So in die Richtung...

:-)

Georg von Grote 09.03.2012 | 02:46

Ja, es zum einen der Menschentyp Gauck, den ich nicht mag. Für mich eben nicht nur ein Konformist, sondern auch ein Opportunist.

Über seine DDR-Zeit kann ich ja kaum etwas sagen. Für uns im Westen tauchte er erst als Hüter der Stasi-Akten auf.
Da gab es dann im Laufe der Zeit bis heute schon Vorfälle, die kein gutes Licht werfen.
Zum einen, weil er gezielt Informationen aus den Akten unter der Hand weitergab.
Dass er Täter aus der Nazizeit mit Opfern aus dieser Zeit gleichsetzt und ehrt.
Dass er seine damaligen Mitbürger aus der DDR, die nicht seine politische Meinung vertreten, mißachtet.
Die Liste könnte man noch eine Weile fortsetzen.
Ich mag seine Arroganz nicht. Sein Gehabe, dass er etwas Besseres sei.

Natürlich hat er keine Macht im engeren Sinne in diesem Amt.
Nur die Macht des Wortes.
Und rethorisch ist er gut. Manchmal sehr gut.
Und das ist in dem Moment gefährlich, wenn ihn die Masse nicht kennt.
Und der Durchschnittsdeutsche kennt ihn nicht.
Aber er hört ihn.
Bei der von ihm bisher vertretenen politischen und gesellschaftspolitischen Haltung, sehe ich da eine Gefahr, dass er seine rethorischen Fähigkeiten für seine Zwecke mißbraucht.

blog1 09.03.2012 | 03:41

@ JA

Während der Begriff Larve im zoologischen Sinne die Zwischenform zwischen Ei und Erwachsenenstadium bezeichnet, leitet sich ihre ursprüngliche Bedeutung aus den Substantiven Maske oder Gespenst ab.

Die Frage, die sich mir stellt, warum hat die Stasi Gauck den Namen Larve verpasst.

- Nimmt Gauck die Gestalt eines Gespenstes an, das im Schloss Bellevue herumspukt und Frau Merkel das Fürchten lehrt?
- Entpuppt er sich als wahrer Konservativer, der zwar etwas eitel ist, ein seltsames Demokratieverständnis hat und alles für albern hält, was seiner Gedankenwelt nicht entspricht?
- Entlarvt er die Politikerkaste als solche, das sie schon immer waren: machbesessen, korrupt und dennoch staatstragend?
- Durchläuft Gauck am Ende eine Metamorphose und er wird zum besten Bundespräsidenten, den wir je hatten?

Gauck wird wie alle in diesem Amt eine Anekdote der Geschichte sein. Ich traue mir die Prognose zu, dass er auf jeden Fall die 5 Jahre Amtszeit überstehen wird und das meine Herrschaften ist doch schon mal ein Fortschritt. Was wir in Deutschland brauchen ist Kontinuität, etwas, woran wir uns festhalten können in solch unsicheren Zeiten und da ist ein ehemaliger Pfarrer genau der Richtige. Sollte ihm eine zweite Amtszeit vergönnt sein, dann können mit Fug und Recht sagen, dass er sich seinen Ehrensold redlich verdient hat.

ed2murrow 09.03.2012 | 11:26

Der Blog (wie der Artikel „Pastor der Unfreiheit“) belegt nicht so sehr das Arrangement der „Kirche im Sozialismus“, auch wenn darin für einen bestimmten Moment Joachim Gauck eine tragende Rolle gespielt hat – das wäre nur die sattsam bekannte Wiederholung des Drehbuches institutionalisierter Religionsgemeinschaften im Spannungsfeld zwischen Religions(ausübungs-)- und Meinungsfreiheit.

Der Artikel belegt vielmehr, dass der selbsterhaltende Opportunismus der Institution so weit zu gehen vermag und notfalls will, gegen die eigene Gemeinde (und das ist! das Volk der Kirche) in einer Weise vorzugehen, gegen die „Kirche“ -gleich welcher Konfession- vorgibt, Freiraum zu sein. Obwohl nicht selbst in der unmittelbaren Scharnierfunktion zwischen staatlicher und kirchlicher Gemeinde installiert, hätte Joachim Gauck willfährig und interessensgeleitet gerade diesen Freiraum konterkariert. Und damit eine Grundprämisse von Freiheit selbst. So erfolgte auch eine Maskierung, für die „Larve“ stellvertretend steht.

Das ist nicht mehr nur die Frage danach, was jemand mit seinem eigenen Gewissen ins Reine zu bringen hätte. Oder dass Joachim Gauck nun Gerechtigkeit denen wiederfahren lassen müsste, die er behindert hat. Dazu hätte er mehr als 20 Jahre Zeit gehabt. Es ist vielmehr der Zweifel, der durchschlägt, ob der Mann in der Lage sein wird, die Konflikte überhaupt anzunehmen, die in einem demokratischen Gemeinwesen zwangsläufig sind. Im Kleinen, in „seiner“ Gemeinde, hat er das nicht vermocht; im Gegenteil wurde er dort Diener eines anderen Herrn, nämlich der Herrschaft. Wie wird er es mit der viel größeren halten, mit der Gesamtheit der Menschen in Deutschland?

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 13:18

Der Freitag ist ein Nischenmedium mit geringer Reichweite. Da ist es sehr interessant, dass Augsteins Beitrag, der bisher stets am gleichen Tag, donnerstags, auch bei Spiegel Online, dem deutschen Online Portal mit der größten Nutzerzahl veröffentlicht wurde, ausgerechnet diesmal bisher dort nicht zu lesen ist. Welch Zufall ...

konyhakert 09.03.2012 | 21:18

ich hoffe, daß DIESER budnespräsident eben NICHT die 5 jahre durchhalten wird. denn DAS werde ich nicht durchhalten.

für mich ist gauck einer der denkbar ungeeignetsten kandidaten. gerade weil ich in der ddr sozialisiert worden bin, auch die kirchentage kenne und damit aufgewachsen bin und in die ddr-opposition damals hinein wuchs. gauck tauchte in der wendezeit als einer der opportunistischsten glattesten typen auf, einer der sich gut als "dissident" zu inszenieren wußte.

mir sind charaktere wie gauck zutiefst verhaßt.

vor zwei jahren, als gauck bereits einmal zur debatte stand als buprä sagte ich zum ersten mal ganz im ernst, nicht nur als unbestimmte möglichkeit, daß wenn dieser gauck zum buprä wird, es für mich das startzeichen ist, deutschland zu verlassen. ich war dann froh, daß er es nicht geworden ist. und war schon zufrieden, daß wulff ein zeichen setzte, indem er den islam als bestandteil der bundesrepublik bezeichnete und öffentlich und laut daffür eine gelingende integration ALLER bewohner dieser republik eintrat. so bescheiden ist man bereits gewordn, daß einem dies genügt. anders als anderen war mir daher das gewitter, welches in den letzten monaten über ihn hereinbrach, nicht so wichtig. für mich immer noch das bauernopfe, daß dafür sorgen soltle, daß der mob sich diesem widmete und nicht dem,w as stattd essen wichtig egwesen wäre.

jetzt, wo gauck tatsächlich zur wahl steht, stellt sich auch für mich die frage neu: in deutschland bleiben oder gehn? und die waage neigt sich zunehmend sicher dem gehn zu.
und so sage ich an dieser stelle: sollte nicht in bälde etwas gefunden werden,w as gauck ebenso zu fall bringt wie wulff, so werde ich diesem land den rücken kehren. das intressiert zwar neimanden weiter als mich persönlich und die mich kennen, aber irgendwann ist tatsächlich der punkt erreicht, wo genug auch wirklich genug ist. wenn es nicht so schwer wäre, eine alternative für dieses land zu finden, da die gleiche misere ind er ein oder andren form fast überall vorherrscht, wäre ich auch schon lange weg gewesen.

empfehlungen für angenehmere orte als diesen hier werden ab sofort gerne entgegen genommen.

Georg von Grote 09.03.2012 | 22:42

Naja muss man mal realistisch sehen.
Zum einen ist der SPIEGEL schon lange nicht mehr das, was ihn mal zu DEM SPIEGEL machte.

Im Moment hat man sich eben entschlossen, dass Gauck vielleicht nicht gut ist, aber als gut verkauft werden muss.

I(nsoweit unterscheidet sich der SPIEGEL in seinen redaktionellen Entscheidungen nicht von denen, die in der BILD stattfinden.

That's business.

miauxx 09.03.2012 | 22:50

@e2m

"selbsterhaltender Opportunismus der Institution" ist wahrlich treffendes Stichwort. Denn man muss ja sehen, dass es wohl so gut wie keine Insel nicht-staatsopportuner Arbeit gab, in der nicht irgendeine "Larve" eingeschaltet war.
Es müsste darüber eine Gegenüberstellung mit nahezu sämtlichen Personen in vergleichbarer Funktion her, um darüber richten zu können, wie anders sich denn nun Gauck verhalten hat, was kaum zu leisten sein würde. Aber freilich ist das nun nicht der Kern der Sache. Schlimm ist dagegen, dass Gauck uns als Dissident par excellence verkauft wird und sich selbst dazu nicht einmal äußern muss!

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Ehemaliger Nutzer 10.03.2012 | 13:28

Tatsache ist, dass Augsteins Artikel, ohne gleichzeitige Veröffentlichung bei SPON, in der Freitag-Nische versteckt, einem weitaus größeren Leserkreis verborgen bleibt und er deshalb auch keinerlei Resonanz bei anderen Medien erzeugt.

Übrigens zum Fazit:

Den Verlauf des Kirchentages fasst die Akte in dem knappen Satz zusammen: "Im Nachhinein lässt sich eindeutig aussagen, dass die Versprechen, die Gauck gegeben hat, auch von Herrn Gauck verwirklicht wurden."

passt der Gauck-typisch salbungsvolle Satz mit dem der Freiheitskämpfer laut FAZ anlässlich seiner Vorstellung die Unionsfraktion des Bundestages einölte:
„Gott schuf uns, damit wir Verantwortung übernehmen.“

blog1 10.03.2012 | 17:14

@ Magda

Ich habe keine Meinung zu Gauck, zumindest keine sachlich fundierte.

Gauck ist der Nutznießer der Affäre Wulff. Drei Parteien haben ihn nominiert, um der Kanzlerin eins auszuwischen. Ich nenne das Zwergenaufstand, weil geschadet hat es ihr nicht wirklich.

Wir führen in Deutschland Scheindebatten und die wirklich wichtigen Themen bleiben auf der Strecke. Das liegt aber auch daran, dass der Voyeurismus in weiten Teilen der Bevölkerung sehr beliebt ist und die Medien dieses Bedürfnis wegen der Auflage gnadenlos befriedigen.

Also, halten wir etwas dagegen. Es gibt uns das Gefühl, nicht alles vorbehaltlos hingenommen zu haben.

Petrickser 10.03.2012 | 17:19

Aha, Herr Augstein weiß, was im realen Sozialismus also ablief.!? Ich kriech den Mund nich wieder zu! Wer G. Besier gelesen hat, ist sich im Klaren, dass ein Viertel der ev. Pastoren mit dem Sicherheitsapparat der DDR zusammenarbeitete. Dass Gauck dieses auch wusste und deshalb vorsichtig war, dürfte klar sein. Er hatte Familie u. vier Kinder und war deshalb verletzlicher als andere Kirchenmänner. Sie, Herr Augstein, haben ihr Leben immer bequem im biederen Hamburg verbracht. Papa und Mama hatten genügend Kohle, um dem kleinen Jakob seine Karriere zu planen. Ich finde an ihrem Artikel nichts Wissenwertes, was ich nicht vorher auch schon wußte! Haben Sie je im Knast einer Diktatur gessen?! Mich ärgert sehr ihre herabwürdigende Art und Weise, die Biografie der Ossi-Menschen unter einer Diktatur zu ver- bzw. zu beurteilen, die sie nur aus Schriftstücken des MfS also vom Papier her kennen. Sorry dieser Artikel ist leider derartig schwach und tlw. falsch recherchiert, genauso bieder wie Ihre Gespräche mit dem BLÖD-Redakteur Blome

Magda 10.03.2012 | 23:15

"Wer G. Besier gelesen hat, ist sich im Klaren, dass ein Viertel der ev. Pastoren mit dem Sicherheitsapparat der DDR zusammenarbeitete. Dass Gauck dieses auch wusste und deshalb vorsichtig war, dürfte klar sein. Er hatte Familie u. vier Kinder und war deshalb verletzlicher als andere Kirchenmänner."

Aber darum ist es nicht verständlich, dass Joachim Gauck - jetzt nachholend "so frei ist", und andauernd den Ossis predigt, wie sie sich heute aufführen sollen. Dass er überhaupt nicht nachsichtig ist mit seinen ostdeutschen Zeitgenossen. Dass er selbst einen wie Stolpe denunziert und Leute, die vielleicht andere politische Vorstellungen hatten verurteilt. Dass er immer zur rechten Zeit die passenden Akten gegen Leute rausgegeben hat. Darin liegt etwas von Anpassung an neue Verhältnisse.

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Ehemaliger Nutzer 11.03.2012 | 11:17

Zur Verantwortung eine andere Sichtweise, Gauck und die kirchliche Opposition "Freiheit, die wir meinen":
"... Der Glanz des Unpolitischen, der den Kandidaten umgibt, seine Rolle als moralische Anstalt, die mit seinem Amt als Pfarrer in der DDR begründet wird, verdecken, dass Gauck seit 1990 eminent politische Positionen übernommen hat. Wenn die Kritik an seinem Wirken als Politiker und öffentliche Person regelmäßig mit dem Argument seiner Diktaturerfahrung abgewehrt wird, entlässt man ihn aus der Verantwortung, die er trägt.

Wir sind wie Joachim Gauck durch diese Diktaturerfahrung gegangen. Uns hat, anders als ihn, nicht der Mangel an Freiheit am stärksten geprägt, sondern unser Kampf, unser Bemühen um ihre Durchsetzung in der DDR. Unser Freiheitsbegriff ist mehr als eine persönliche Selbstbehauptung, die am Ende nur zu einer Freiheit für Privilegierte führt. Wenn wir in der DDR in unseren Freiheits-Texten von Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung sprachen, haben wir damit auch eine grundsätzliche Kritik an der modernen Industriegesellschaft verbunden.

Gaucks Denken über Freiheit ist von dem Begriff individueller „Selbstermächtigung“ bestimmt. Uns geht es um die aktive gesellschaftliche Öffnung und um die Freiheit aller. Es kommt nicht nur auf eine Haltung der Freiheit an, sondern auf eine Verfassung der Freiheit. Anpassung war für uns in der DDR keine Option. Wir haben Bevormundungen widersprochen, Freiräume mit anderen und für andere geschaffen und gesellschaftliche Veränderungen eingefordert. Diese Erfahrungen aus der DDR ermutigen uns, kritische Bürger im vereinten, demokratischen Deutschland zu bleiben.

Joachim Gauck hat die Erwartungen derjenigen beflügelt, die durch die Beschwörung des Antikommunismus die Freiheit verteidigen wollen. Die dringend erforderliche Kompetenz des künftigen Bundespräsidenten kommt aber nicht aus der Beschwörung der Vergangenheit, sondern aus der Fähigkeit, drängende Fragen der Zukunft zu thematisieren:

Wie schaffen wir es, den Angriff der Finanzmärkte auf die Demokratie, unsere Lebensform der Freiheit, abzuwehren, den Skandal wachsender Verarmung vieler bei explodierendem Reichtum weniger nicht länger hinzunehmen ..."

Josef Knecht 12.03.2012 | 15:03

Ein phantastischer Artikel der weit mehr Facetten über den so freiheitsliebenden Herrn Gauck wiederspiegel. Es erschreckt mich wie sehr J. Gauck wohl opportunistisch war, was aber noch schlimmer ist, das ich mir sicher bin das er tatsächlich opportunistisch ist.

J.G. meinte in einem Interview kürzlich, er wolle jederzeit dazulernen, ich hoffe das tut er. Ansonsten höre ich schon die Rückwärtsgewandten reden in meinen Ohren klingen, die irgendwo zwischen Naziherrschaft und dem Fall der Mauer mäandern.