Eine Polemik als Antwort auf die Kritiker

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Leitartikel der vergangenen Woche hat viele Reaktion nach sich gezogen. Das ist erfreulich. Denn eine lebhafte Debatte ist das Ziel und das Wesen dieses Projektes.

Viele der Kommentatoren vertraten die Ansicht, ein Leitartikel wie dieser gehöre nicht in den Freitag. Das ist eine bemerkenswerte Haltung. Offenbar kennen die Kommentatoren den Rahmen des Erlaubten. Offenbar kennen sie die Grenzen, innerhalb derer man sich zu bewegen hat, wenn man im Freitag schreibt.

Was mögen das für Grenzen sein? Die Grenzen der erlaubten Gedanken? Die des guten Geschmacks? Vielleicht gar jene, die richtig von falsch trennen?

Ich bekenne freimütig, dass ich all diese Grenzen gar nicht kenne und auch nicht kennen will. Ich glaube nämlich nicht, dass es sie gibt. Der Freitag, wie ich ihn mir vorstelle - wie ich mir vorstelle, dass Günther Gaus ihn sich vorgestellt hat - ist eine Zeitung von skeptischem Geist. Keine Zeitung für Rechthaber. Sondern für Fragensteller. Auch für unbequeme Fragen. Unbequeme Gedanken. Und zwar, bitteschön, unbequem für die Leser des Freitag. Unbequem für die anderen - das ist leicht. Man muss sich selbst das Unbequeme zumuten.

"Es gibt genug kritische Autoren, die der Krise nicht nur an der Oberfläche zu Leibe rücken, sondern tiefer graben. Warum haben die keinen Platz im Freitag?", fragte ein Kommentator. Ich habe diesen Leser bereits - und möchte das hier noch einmal tun - auf den Leitartikel der Vorwoche verwiesen. Da hat der von mir hochgeschätzte Kollege Michael Jäger ungefähr das Gegenteil dessen geschrieben, was ich zu sagen hatte. Und so gibt es eine Fülle von Artikeln in der Zeitung und im Netz, die erheblich von dem abweichen, was ich geschrieben habe. Man könnte auch sagen, dass ich erheblich abgewichen bin. Um so besser. Abweichlertum ist grundsätzlich zu begrüßen.

Ich sehe bereits das gewichtige Argument kommen, dieses sei Beliebigkeit. Ein Argument, das selbstbewusst und bedeutungsschwer um die Ecke gebogen kommt, gleichsam einen dicken Bauch von Sicherheit vor sich herschiebend, und es wirft mir vor, es im Freitag nun wohl mal so und mal so zu handhaben zu wollen, haltungslos, beliebig. Aber ich würde dem dicken Bauch entgegenhalten, was ich im kurzen Kommentar schon geschrieben habe:

"das ist nun mal unser projekt hier: im kern sind wir machtkritisch und skeptisch und humanistisch gesonnen, irgendwie links im gausschen sinne (und ich sage bewusst irgendwie, weil wir hier nicht im politikseminar sind, sondern in der zeitung) und wir wollen meinungsvielfalt. debatte. keine gewissheit. zweifel. suchen. nicht immer alles genau wissen. sondern fragen."

Noch mal: Die Unbequemlichkeit, auf Gewissheit zu verzichten, sollten wir uns zumuten.

Nun hat aber der Blogger ChristianBerlin in seiner klugen und nüchtern Erwiderung auf meinen Artikel beklagt, dass ich bei meiner Gegenüberstellung von staatlicher und privater Bürokratie den Begriff der "Politik" ganz aus den Augen verloren habe.

Er kritisitert, dass ich offen lasse, ob ich den "Total-Crash" wie er schreibt für systembedingt halte. Es bleiben in einem Leitartikel naturgemäß mehr Fragen offen als beantwortet werden. Aber ich will die Frage gerne beantworten:

Ich glaube gar nicht, dass es sich hier um einen "Total-Crash" handelt sondern um eine große gewalttätige Bereinigung, ein schlimmes Fieber eines überanstrengten, überreizten Systems. Der Zorn der Menschen richtet sich dagegen, dass die Kosten nun sozialisiert werden, die Gewinne aber privatisiert wurden. Es wird dabei freilich übersehen, dass auch die Gewinne zuvor sozialisiert wurden: Denn das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre, die ungeheuren Zugewinne, die aus der entfesselten Globalisierung gezogen wurden, flossen eben nicht nur in wenige sondern durchaus in viele Taschen.

Und dennoch ist der Zorn berechtigt.

(Und dass die deutschen Gewerkschaften ihren Kampfgeist im Verlauf und im Genuss der Mitbestimmung verzehrt haben und nicht für mehr Lohnerhöhungen eingetreten sind als es wirklich noch was zu verteilen gab sondern statt dessen lieber die amerikanischen Schulden finanziert haben - das ist ihr großes Versagen - und das Versagen der Arbeitnehmer, die sich das haben bieten lassen.)

Und ja, lieber ChristianBerlin, all das halte ich für systembeding. Und darüber hinaus für ein eklatantes Politikversagen. Ein Kontrollversagen.

Echtzeit-Kommunikationstechnologie, unbegrenzte Datenverarbeitungskapazität und das gegenwärtige mehr oder weniger monopolare globale politische Machtsystem lassen den Kapitalismus fast zwangsläufig aus dem Ruder laufen und überschießen. Die Aufgabe der Politik hätte es sein müssen, sich dem entgegenzustellen. Aber die Politik hatte sich aufgegeben.

Lange vor der Erfindung der internationalen Finanzmärkte hat Karl Polanyi geschrieben, dass die Rolle der Regierung darin bestehe, die Geschwindigkeit einer Entwicklung zu verändern, sie zu beschleunigen, oder zu verlangsamen - nur wenn man meint, dieses Tempo sei unabänderlich, oder wenn man sogar der Meinung ist, es sei geradezu verboten, Einfluss zu nehmen, dann habe man den Handlungsspielraum aufgegeben.

Die Frage, die man sich stellen muss, ist immer die nach der Herrschaft - und es spielt eben keine Rolle, ob das eine staatliche Herrschaft ist oder eine private. Es ist das Wesen der Herrschaft, sich selbst zu erhalten und sich ausdzuehnen. Es muss also immer um die Kontrolle gehen. Das ist die würdige Frage für den linken Diskurs.

22:13 01.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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