Erich Kuby zum 100. Geburtstag – ein Vortrag

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Liebe Leser,

hier ist der Text einer Rede, die ich gestern im Deutschen Theater zu einer Feierstunde für Erich Kuby gehalten habe.

Guten Tag meine Damen und Herren,
ich danke Ihnen dafür, hier sprechen zu dürfen. Ich spreche zu Ihnen als Verleger des Freitag, also der Zeitung, die das Glück hatte Erich Kuby über lange Jahre hinweg veröffentlichen zu dürfen. Aber ich spreche auch als Journalist über einen anderen Journalisten. Das ist mehr als eine Ehre. Es ist eine große Freude.
Es ist ja nicht alltäglich, feierliche Stunden zum Andenken an Journalisten abzuhalten. Das passt auch gar nicht zu unserem Beruf. Wir sind ja an den Tag gebunden.
Die Zeitung von gestern und ein toter Journalist - nichts ist im allgemeinen Uninteressanter. Da sollte man sich nichts vormachen. Und das ist auch ganz in Ordnung so.
Bei uns wird eben in schneller Münze gehandelt, mit heißer Nadel genäht, auf dünnem Eis gewandelt - ganz wie es Ihnen beliebt.
Manche von uns genießen zu ihren Leb- und Wirkzeiten die Illusion der Bedeutung, der Teilhabe, der Wichtigkeit. Aber wenn sie abtreten löst sich das alles mit einem Mal in Luft auf und es bleibt einfach - nichts. Auf diesen Handel lassen sich alle ein, die nicht angetreten sind, für die Ewigkeit zu schreiben. - Oder die bei dem Versuch durchgefallen sind.
Um mal in dem Bild zu bleiben, das Robert Musil bei einer Beschreibung Egon Erwin Kischs benutzt hat. Der sei, sagte Musil, "kein durchgefallener, sondern ein aus der Ewigkeitsschule davongelaufener Dichter".
Es lohnt sich bei den meisten Journalisten einfach nicht, sich ihrer zu erinnern. Und von den wenigen sind es noch weniger, für die man am Sonntag nachmittag ins Theater gehen möchte. Wir reden dann von einer Handvoll. Vielleicht.
Ich glaube, was Musil über Kisch gesagt hat, das trifft auch auf Kuby zu: - Beide sind aus der Ewigkeitsschule davongelaufene Dichter, die ihren Platz im publizistischen Pantheon durch die Hintertür eingenommen haben.
Auf Erich Kubys Eintrittskarte steht der von Heinrich Böll verliehene Ehrentitel "Nestbeschmutzer von Rang”. Kuby ist so vielen Leuten so lange so stark auf die Nerven gegangen – das muss man erst mal schaffen! Das gerät nicht so leicht in Vergessenheit! Was für eine wunderbare Begabung! Und was für ein bewunderungswürdiges Berufsverständnis.
Als Kuby starb, schrieb Theo Sommer über ihn, er sei ein "Gerechtigkeitsfanatiker" gewesen, einer der der sich nicht scheute, ungerecht zu sein. Eine Kassandra, deren Prophezeiungen aber nicht Erfüllung gegangen seien. Und er kommt dann zu dem Schluss: "Doch was Erich Kuby schrieb, der Trotzkopf, wider den Zeitgeist, hat dazu beigetragen, dass Deutschland nicht zu dem Zerrbild geworden ist, das er von seinem, unserem schwierigen Vaterland entwarf. Dafür schulden wir Erich Kuby Dank."
Dieser Dank - man merkt es gleich - floss Sommer, dem Editor at Large der bürgerlichen Selbstvergewisserung, nicht leicht aus der Feder.
Wenn einer die Axt seiner Kritik wirklich an die Wurzel legt, an die Wurzel der gesellschaftlichen Verhältnisse und an die Wurzel des deutschen Wesens, dann ächzt die bürgerliche-liberale Toleranz in ihren Fugen und droht, ganz starr zu werden.
Kuby war ein Verächter jeder Herkömmlichkeit und Tümlichkeiten und Duseleien. Und er erkannte im westdeutschen Nachkriegsaufbau viel schneller als die meisten die Züge der Restauration, die Wiedereinsetzung der Mächtigen in ihre Macht.

Er hatte den Krieg in Frankreich und in Russland erlebt und überlebt und beschrieben. Wie hätte es einen wie ihn schrecken können, bei der Süddeutschen Zeitung, beim Stern und beim Spiegel nacheinander in Ungnade zu fallen - weil er sich der dort herrschenden praktischen Vernunft entzog, Extremist des schlechten deutschen Gewissens, der er war.

Man kommt da natürlich an einen schwierigen Punkt. Herbert Riehl Heyse hat einmal geschrieben:

"Es ist, vor allem im Zusammenhang mit der Klage, dem Lande würden zunehmend große Politiker fehlen, gelegentlich auf den Unterschied zwischen einer Karriere und einer Biografie aufmerksam gemacht worden. Es sei eben nicht dasselbe, hat man gesagt, ob jemand auf sein politisches Amt durch seine Jahre als junger Revolutionär, Emigrant oder Frontsoldat eingestimmt worden sei oder durch planmäßig sich entwickelnde Laufbahn in Partei und Gewerkschaft. Das ist zweifellos eine richtige Erkenntnis - und eine problematische ist es auch, weil sie zu dummen Romantisierungen missbraucht werden kann: Als müsste man in Stahlgewittern groß geworden sein, um später ein Großer zu werden."

Nun. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Auch bei Journalisten. Wo sind heute Leute wie Sebastian Haffner oder Axel Eggebrecht, Walter Dirks, Marion Dönhoff, Günter Gaus, Carola Stern?

Gunter Hofmann hat gesagt: "Die Zeit der Großintellektuellen, Großschriftsteller, Großjournalisten kehrt nicht wieder, und das ist ja auch ein Sieg der liberalen Demokratie. Jeder ist ein kleiner König, jeder hat eine Stimme, jeder spricht für sich."

Kuby hat seinerzeit für ein anderes Deutschland gesprochen.

Natürlich war er dabei auch ungerecht. Wie auch nicht? Jeder Kritiker hat das Recht ungerecht zu sein - solange er intelligent ist.

"Derzeit sieht es so aus, als sei die deutsche Verrücktheit gefährlicher für die Welt gewesen als die amerikanische Dummheit, die sich als demokratische Ratio tarnt, indes sich die deutsche Verrücktheit als Bestialität decouvrierte. Ich bin jedoch nicht sicher, ob diese Dummheit, kommt sie mit Missionseifer voll im Weltmaßstab zum Zuge, nicht mindestens so viel Unheil stiftet." Kuby schrieb das 1945. Was gehörte damals zu einem solchen Urteil: Wahnsinn? Weitblick?

Und nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten konnte er sich in seinem Buch "Der Preis der Einheit" des Vergleichs mit dem Münchner Abkommen von 1938 nicht enthalten. Rudolf Augstein kommentierte das mit dem Nebensatz: "Kuby - so ist er nun einmal"

In der von ihm herausgegebenen Anthologie "Klassischer Journalismus" schrieb Egon Erwin Kisch, mit Jonathan Swift sei "produktive Hass" in die Publizistik eingetreten.
Der Hass gegen die Tyrannei, die Unterdrückung, den Amtsmissbrauch und die Phrase.
Wer Hass als Grundmotivation des Schreibens in Betracht zieht, reizt zunächst die Bildungsbürger und Schöngeister.
Aber hinter dem destruktiven Gefühl verbirgt sich die humanistische Sehnsucht, die dialektische Qual des demokratischen Gewissens und der Phantomschmerz der Utopie.
Also, Kuby war ungerecht. Ja. Aber er war eben auch ein Leidender. Einer der langen Liste der an Deutschland Leidenden.
"Das Pflänzchen Demokratie hatte für ihn keine deutschen Wurzeln." schreibt Regina General in ihrer Erinnerung an Kuby in der neuen Ausgabe des Freitag. Er hat getan, was er konnte, die Pflanze zu pflegen, zu schützen, und ihre Wurzeln zu festigen.

Danke, dass Sie mir zugehört haben.

15:36 28.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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