Jakob Augstein
21.04.2011 | 12:20 73

Haben böse Menschen Humor?

Freitag-Salon Ein Gespräch mit Henryk M. Broder und Matthias Matussek über den deutschen Beitrag zum Welthumor und die Frage, warum die Bibel nicht lustig ist

Ein guter Witz ist schwer zu erklären, die Grenze der Komik kaum zu ziehen und die Frage nach dem Humor von bösen Menschen praktisch nicht zu beantworten. Henryk M. Broder, Matthias Matussek und Jakob Augstein haben es trotzdem versucht.

Jakob Augstein

:

Henryk Broder:

Ja, eindeutig. Das ist der deutsche Beitrag zum Welthumor. Unübertroffen. Man fragt sich, wie konnte den überhaupt jemand jemals ernst nehmen? Ein pupsendes, von Blähungen ge­plagtes, magenkrankes Würstchen.

Matthias Matussek:

Ich glaube, in Zeiten von Larry King hätte er keine fünf Minuten überlebt. In der Großaufnahme hätte jeder gesehen, dass der irre ist. Er hat seine Inszenierung selbst kontrolliert in den großen Sälen voller abkommandierter Parteisoldaten.

Augstein:

Die Phase, wo man über Hitler keine Witze machen durfte, ist offensichtlich vorbei, oder?

Broder:

Es wurden immer Witze über Hitler gemacht, schon zu Kriegszeiten. Die Deutschen taten sich da naturgemäß etwas schwerer, Sein oder Nichtsein ist hierzulande erst mit Verspätung gezeigt worden. Aber Deutschland reagiert ja immer etwas verspätet.

Matussek:

Der Witz ist ja, dass gerade in Diktaturen der Witz ein Ventil ist. In der Unterdrückung hat der Witz Hochkultur. Berühmt sind die Szenen mit dem Kabarettisten Werner Finck. Der sah einen Parteisoldaten in der ersten Reihe, der mitschrieb. Und Finck fragte ihn: „Sind Sie mitgekommen, oder soll ich mitkommen?“ Großartig.

Augstein:

Also, Lubitsch hat damals Ärger bekommen mit dem Film, weil einige Sachen auch für das amerikanische Publikum zu stark waren. Zum Beispiel wenn ein deutscher Offizier mit Blick auf den Auftritt eines polnischen Theaterschauspielers sagt: „Was der mit Shakespeare gemacht hat, das machen wir jetzt mit Polen.“ Darf ein Amerikaner mit einem Nazi über einen Polen lachen?

Broder:

Man muss die Wirklichkeit mit einem komödiantischen Stück übertreffen. In Berlin wurde im vergangenen Jahr die Mel-Brooks-Komödie

Augstein:

Was ist geschafft?

Broder:

Ein ironisch-leichtfüßiger Umgang mit dem Dritten Reich. Man hat Hitler endlich dort ein­geordnet, wo er hingehört. In den komischen Müll, in die Reste­deponie des deutschen Humors. Ich fand das ein Zeichen der Reife.

Augstein:

In dem Lubitsch-Film gibt es einen polnischen Schauspieler, der soll Hitler spielen. Er soll reinkommen und alle rufen: „Heil Hitler!“ Und er sagt: „Ich heile mich selbst!“ Und dann beschwert sich der Regisseur, er soll das nicht machen. Darauf der Schauspieler: „Das gibt aber einen Lacher, und einen Lacher soll man nie verachten.“ Ist das so? Worüber darf man lachen, und darf man mit Nazis zusammen lachen?

Matussek:

Mit Nazis zusammen? Aber ich weiß ja nicht, wer Nazi ist.

Augstein:

Man kanns auch anders sagen: Haben böse Menschen Humor?

Broder:

Böse Menschen sind nicht witzig, und der Witz über Adolf Hitler entfaltet sich natürlich unter zwei Bedingungen, erstens retrospektiv und zweitens: Sie müssen ihn überlebt haben, sonst gibt es wenig zu lachen.

Matussek:

Ich befürchte, böse Menschen haben Humor, die lachen aber über andere Sachen.

Broder:

Gute Menschen haben ­jedenfalls keinen Humor. Das schließt sich aus, ich sage nur „Claudia Roth“ und „Antje Vollmer“.

Matussek:

Ich glaube, es gibt die Wutbürger – und die Gutbürger.

Broder:

Renate Künast. Hab ich noch wen ausgelassen?

Matussek:

Leute, die ein Weltverbesserungsanliegen haben, die singen eben eher Kampflieder und marschieren zu Ernst-Busch-Songs. In meiner marxistischen Phase haben wir eher wenig gelacht, aber viel gesungen.

Broder:

Dazu fällt mir ein: Ich war mal im SDS in Köln, und ich kann mich noch an eine Veranstaltung erinnern, da stand am Eingang so ein Zerberus und überprüfte die Mitgliedschaft der Teilnehmer dieser Kundgebung. Und dann musste man immer sagen: „Revolutionärer Arbeiterbund.“ Er fragt also: „Wo bist Du organisiert, Genosse?“ – „In der AOK“, sage ich. „Ist in Ordnung“, sagt er. So gesehen haben die Linken wirklich viel Humor, sie wissen es bloß nicht. Ich bin daraufhin ­übrigens aus der AOK ausgetreten.

Matussek:

Ich würde jetzt gerne einen Witz erzählen, und zwar über die Religion. Ein katholischer Priester, ein Baptistenpfarrer und ein Rabbi wetten, wer die größte Überzeugungskraft in seinem Glauben hat. Sie probieren das an der rohen Natur, einem Bären, aus. Der Priester fängt an. Er kommt zurück und hat eine Schramme. „Was ist passiert?“, fragen die anderen. Antwort: Als er anfing zu segnen, hat der Bär das missverstanden und ihm eine gehauen. Aber er hat ihn überzeugen können, und der Bär hat fromm geguckt. Der Baptist ist der nächste, er kommt bandagiert zurück. „Was ist passiert?“ Er: „Naja, ich hab mit dem Bären gerungen, dann sind wir beide den Abhang runtergerollt zum Fluss, sind noch mal hoch­gekommen, ich hab den Bären runtergedrückt und gesagt: Ich taufe Dich.“ Aufgabe erfolgreich gelöst. Zu dem Rabbi müssen beide ins Krankenhaus gehen, er sagt mit ersterbender Stimme: „Vielleicht hätte ich nicht mit der Beschneidung anfangen sollen.“ (lacht) Aber was auffällt: Es gibt keinen Moslem in dem Witz, weil man über den Islam keine Witze machen sollte, wie wir wissen ...

Broder:

Das ist eine islamophobe Bemerkung.

Matussek:

Über den Islam macht man keine Witze, jedenfalls nicht, seit die Mohammed-Karikaturen in die Welt gesetzt wurden. Sosehr ich selbstverständlich für die grenzenlose Kunstfreiheit bin und so sehr ich militante, religiöse Gereiztheit ablehne, sosehr muss ich anerkennen, dass es sie gibt. Es gibt einen heiligen Kern für viele, in allen Religionen und ich glaube auch, dass er Respekt verdient.

Broder:

Du redest von einem „heiligen Kern“. Was ist das? Ich bin beleidigt, wenn jemand Witze über jüdisches Essen macht, das ist für mich der Kern der jüdischen Religion. Mach einen Witz über „gefillte Fisch“ und ich bringe dich um. Mach einen Witz über Moses und ich lache mit.

Augstein:

Ist die Furcht vor den Folgen von Religionswitzen nicht übertrieben? Oder glauben Sie, dass ein Witz über den Propheten zwangsläufig die Fatwa nach sich zieht?

Broder:

Nicht immer, aber immer öfter.

Augstein:

Wussten Sie, dass der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime im Internet einen islamischen Humor-Wettbewerb ins Leben gerufen hat? In einem Interview hat er sinngemäß gesagt: Wenn unter Muslimen der Sinn für Selbstironie und Humor wüchse, wenn sich eine islamische Kabarett-Szene entwickeln würde, würden Muslime auch auf Spott gelassener reagieren.

Broder:

Da ist was dran. Es ist aber auch was dran an: Wenn alle Deutschen Italiener wären, wäre das Essen in diesem Land besser. Wie ist denn dieser Humor-Wettbewerb ausgegangen? Freitagabend auf dem Hinrichtungsplatz in Riad?

Augstein:

Man muss dazu sagen, dass er in dem Interview einen Witz von Mohammed erzählt. Also: Mohammed speiste einmal mit einem Freund. Wie üblich legten beide die Dattelkerne vor sich. Der Freund aber schob seine Dattel­kerne dem Propheten zu. Nach dem Essen lag vor dem Propheten ein Haufen Kerne und vor dem Freund kein einziger. Und der Freund sagte: „Oh Prophet, Du hast aber heute großen Hunger gehabt.“ Worauf dieser entgegnete: „Du scheinbar auch, denn Du hast Deine Datteln samt Kernen gegessen.“

Broder:

Auch Zwerge haben mal klein angefangen.

Augstein:

Jesus hat nicht mal so einen Witz hinterlassen. Jesus hat gar keine Witze gemacht. In der Bibel lacht er nicht ein einziges Mal. Die Bibel ist kein lustiges Buch.

Broder:

Religionen haben unglaublich komische Elemente in sich. Man muss sie nur sehen wollen.

Augstein:

Für den Agnostiker vielleicht.

Broder:

Religion ist wie Sex: Macht zu Hause, was ihr wollt, aber zieht die Gardinen zu.

Augstein:

Freud hat mal ein Buch geschrieben über Humor. Er schreibt: „Der Witz ermöglicht die Befriedigung eines Triebes gegen ein im Wege stehendes Hindernis. Er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust aus einer durch dieses Hindernis unzugänglich gewordenen Lustquelle.“ Haben Sie das verstanden?

Broder:

Das ist von Freud? Klingt wie von Margarete Mitscherlich.

Matussek:

Es gibt eine Lust am Tabubruch. Man kann mit einem Witz Sachen sagen, die man ernst eben nicht sagen kann. Aber es geht nicht sehr viel tiefer. Tiefenpsychologisch ist im Humor offensichtlich nicht viel zu finden.

Broder:

Aber vielleicht küchen­psychologisch. Mit dem Buch hätte Freud in Bayreuth sicher promovieren können. Ich habe Freud nicht gelesen, außer der Geschichte mit dem Penisneid, weil mir das immer sehr zu schaffen gemacht hat. Um Freud habe ich einen Bogen gemacht, er ist ein Schwätzer. Als sie ihn in Wien abgeholt haben, hat dieser Ober- oder Hauptsturmführer ihm gesagt, er möchte gern eine Bestätigung haben, dass Freud nicht misshandelt wurde. Daraufhin hat Freud eine Serviette genommen und draufgekritzelt: „Ich kann die SS jedermann nur empfehlen.“ Das hatte Größe. Aber vielleicht ist das auch nur so eine Geschichte.

Matussek:

Psychoanalyse ist eine Wissenschaft, die an ein bestimmtes Ende gekommen ist, sie wird nicht mehr so betrieben.

Augstein:

Kommen wir zum deutschen Humor. Mal ein Beispiel: „Hallo Herr Doktor, kann ich mit Durchfall baden?“ „Ja, wenn Sie die Wanne vollkriegen.“ Ist von Harald Schmidt. Ist das deutscher Humor?

Matussek:

Ja, offenbar hat er immer irgendwie mit Ferkelei zu tun. Aber wenn ihn Harald Schmidt erzählt, ist er irgendwie geadelt. Ich find die Amis und die Angelsachsen im Leistungsfach Humor dann doch ein bisschen besser.

Augstein:

Hugo Egon Balder, auch Jude, hat gesagt, ein Deutscher lacht nie ohne Grund.

Broder:

Entschuldigung – Halb­jude. Wobei, das ist auch noch nicht gewiss, denn da war nur der Vater Jude, das heißt, nach den Nürnberger Gesetzen ist er Jude, und nach dem jüdischen Religionsgesetz ist er keiner. Verstehen Sie?

Augstein:

Und was ist für Sie maßgeblich?

Broder:

Ich würde es davon abhängig machen, was er isst. Wenn er irgendwie auf Schweinekopfsülze steht, dann ist er kein Jude. Futtert er dagegen jeden Tag „gefillte Fisch“, gehört er zu uns. 

Matthias Matussek ist deutscher Publizist und Journalist. Bis 2007 war er Kulturressortchef beim Magazin Der Spiegel, für den er jetzt als fester Reporter schreibt. In der neuen Ausgabe erschien von ihm ein Artikel über das englische Königshaus

Henryk M. Broder ist ein deutscher Journalist und Buchautor. Er beschäftigt sich vor allem mit den Themen deutsche Politik und Israel, Antisemitismus und Islam. Broder war 15 Jahre beim Spiegel. Vor Kurzem wechselte er zur Tageszeitung Die Welt

Kommentare (73)

EnidanH 19.04.2011 | 19:35

Dass man so lange keine Witze über Hitler gemacht hat in der Öffentlichkeit ist eines der wenigen Dinge, die ich den Deutschen anpunkte, auch jetzt noch hat das oft einen sauren Beigeschmack und muss wohlüberlegt sein. Geschafft ist es auch wegen zunehmendem zeitlichen Abstand. Eine einfache Begründung, wohl zu einfach für die Herrschaften. Hmm.

Welch illustre Runde... ! Aber der mit der AOK war gut, das muss man Broder lassen. Matussek ist so gar nicht komisch, dazu gehört nämlich Distanz zu sich selbst, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Wieder hmm.

Die Frage ob böse Menschen Humor haben hat was. Sie haben es nicht, denn Humor strahlt, Bosheit schlägt.

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oliverflesch 21.04.2011 | 18:36

Selbstverständlich haben böse Menschen Humor! Siehe oben. Broder haut einen nach dem anderen raus.
Wollte ihn auch mal interviewen, schickte ihm vorab meine Fragen. Seine Antwort: „Das ist mir zu blöd! Versuchen Sie’s bei Friedman.“
Großartig, oder?
Ein anderes Mal hatten wir einen kleinen E-Mail-Disput. Er verabschiedete mich mit dem Satz: „Und nun lasse ich Sie mit ihren Problemen gern allein.“
Weltklasse, der Mann.

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Ehemaliger Nutzer 21.04.2011 | 23:48

Nur Böse haben Humor / Witz, weil sie wissen wie man Schadenfreude produziert. Wer das Leid anderer will - die diabolistischeste Lust - der muss witzig sein und wird Mitlacher finden.

Und wenn Sie einmal das Aufflammen des strahlendsten Lächelns auf dieser Welt - das der Schadenfreude - so richtig erlebt haben, dann können Sie sicher sein, da war ein Böser am Werk. Ein Guter lacht aus Gutmütigkeit, sein Humor wird weitaus weniger geschätzt, also vertrauen Sie sich dem an, dem kein Witz einfällt.

bilderstuermer 22.04.2011 | 14:16

Für mich hat Humor sehr viel mit Hilflosigkeit zu tun.
Ich habe immer das Gefühl das wenn Menschen was nicht verstehen Sie zuerst dazu neigen Witze darüber zu machen, oder wenn Sie glaube jemand oder viele seinen ihm/ihr überlegen, dann über den Menschen oder die Gruppen.
Wenn das alles nicht hilft, macht man dann eine Ideologie oder gleich eine Religion draus.

Magda 22.04.2011 | 14:57

"Ein anderes Mal hatten wir einen kleinen E-Mail-Disput. Er verabschiedete mich mit dem Satz: „Und nun lasse ich Sie mit ihren Problemen gern allein.“
Weltklasse, der Mann.""

Ja, und sind Sie denn nun allein? Wär doch auch mal interessant. Ich finde Broder hat einen sehr eindimensionalen Humor, er lacht über andere, über sich kann er weniger lachen. Humor ohne Selbstironie ist immer ein bisschen menschenfeindlich, finde ich.

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oliverflesch 22.04.2011 | 16:48

Vollkommen richtig. Er hat mein Interview ja nicht umsonst abgelehnt.
Ein anderes, sehr, sehr gutes Beispiel ist Stefan Raab, mit dem ich auch einst aneinander geriet. Komplett humorbefreit der Mann, wenn's um ihn geht. Es sei denn, die Kamera ist an.

Was Broder angeht: Ich bin ziemlich gut im schriftlichen Streiten. Ich hielt mich sogar für unschlagbar. Doch dann kam Broder, der war besser. Respekt dafür und die Erkenntnis: Einer ist immer besser.

Zu Ihrer Frage: "Am Ende bist du immer allein." (Eine alte Surfer-Weisheit)

Lustig übrigens, dass wir uns hier siezen. Ich glaube, Broder war der erste und letzte den ich im Netz gesiezt habe.

chrislow 22.04.2011 | 20:41

Lachen ist eine Variante der Sublimierung. Und witze machen irgendwie selbstgefällig. Will man zwar den anderen damit beglücken, aber das Lachen derer bestätigt das Ego...

Die Art des lachens zeigt auf, wie es mit der Persönlichkeit steht. Wer lachen kann, zeigt damit auch, dass er sonst nicht handeln kann. Wer nicht lacht, kann handeln. Also.... haben "Böse" doch keinen Humor...

EnidanH 22.04.2011 | 21:27

Da komme ich nicht mehr mit (obwohl ich gar nicht so lange in der Sonne war), das heißt Böse handeln und Gute nicht, dafür lachen die Guten (der Gegenbeweis ist die FC).
Eine Definition von Humor ist anscheinend nötig, Humor und Lachen ist doch eine freundliche Geste, auch aus Sicht der Evolution nützlich, Humor, das heißt die Fähigkeit auch über sich selbst zu lachen, das ist doch eine gute Eigenschaft, eine Gabe. Dem Humor werden heilende Wirkungen nachgesagt. Wer wirklich lachen kann ist alles andere als stagnativ und depressiv (Depressive können nicht mehr lachen, das meine ich ganz ernst und nicht dispektierlich) und damit handlungsfähig. Das was Sie wohl mit Lachen, aus dem Handlungsunfähigkeit spricht, meinen ist wohl eine Verlegenheitsgeste. Ein weites Feld, eigentlich.
Zurück zu den Bösen: wenn sie Gute wären hätten Sie Humor.

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Ehemaliger Nutzer 22.04.2011 | 23:50

Es ging ja um die Frage nach dem "Humor von bösen Menschen" - wenn ich mich an diese Themenbestimmung halte, dann meine ich, natürlich dieser Humor ist da und aber auch böse, zielt also den Lacher (das ist ja nur ein Körperaffekt) aus der Schadenfreude, der Lust am Leid anderer. Es funktioniert immer wenn Produzent des Witzes und der Lacher, der Konsument, beide ziemlich böse veranlagt sind. Dann lachen sie gemeinsam über einen anderen, den machen sie fertig bevor er fertig ist. Leider sind die auf Schadenfreude zielenden Witze die häufigsten (sie geben sich oft harmlos, war ja nicht so gemeint), eigentlich sind sie dann emanzipativ, wenn das Objekt der Schadenfreude auch böse ist.

Mit dem Lachen aus Lebenslust - eine Göttergabe - hat das ja nichts zu tun, dieses ist unschuldig und gut. Ich freue mich natürlich, wenn ich meinen Enkelsohn lachen sehe, wenn ich mit den Fingern über der linken Hand eine lustige Szene hinbekomme.

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Ehemaliger Nutzer 23.04.2011 | 00:04

Leider sind die meisten Witze zum Lachen, weil sie Schadenfreude produzieren - das ist schade und billig. Ich mag die Witze, die auf die Gattung Mensch zielen: Zum Beispiel der: Papa, der Lehrer hat heute erzählt, dass ich vom Affen abstamme. Worauf Pappa antwortet: Du vielleicht, aber nicht ich.

Da ist doch viel Komplexität drin, nicht wahr?

Nachwievor ist England das Mutterland des Humors, des Lachens über sich selbst. Aber wie Thomas Mann seinen Felix Krull das Herz der elsässischen Fabbrikantengattin erobert - bzw. sie das seinige - das ist auch nicht schlecht.

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shmem_old 23.04.2011 | 02:38

"Haben böse Menschen Humor?" - komische Frage, wirklich ganz apart. :-D
Humor ist göttlich, deswegen ist das Böse ganz humorlos.

Ein humorvoller Mensch mag ja leider auch mal böse sein, aber ein böser Mensch ist nie humorvoll. Wo es ihm trotzdem gelingt, ist er eben darin nicht böse.

Witze reißen hat mit Humor soviel zu tun wie FastFood mit Kochkunst. 'Nuff said.

EnidanH 23.04.2011 | 08:55

Genau auf diese "gute Göttergabe" wollte ich hinaus, es ist ja so, dass das Wort Humor wie viele andere Worte auch durch negative Abnutzung fast schon selbst eine negative Bedeutung hat.
Die ursprüngliche Frage war, ob Lachen das Leben retten kann; diese neue Frage, ob böse Menschen Humor haben ist dann wohl Ergebnis der Gesprächsrunde, impliziert aber schon, dass Humor imgrunde etwas Gutes ist.

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Ehemaliger Nutzer 23.04.2011 | 13:11

Das ist doch mal ein geistreiches Gespräch unter Männern!
Für mich beispielhaft in Sachen "Humor ist, wenn man trotzdem lacht", ist der Kinostreifen "Mein Führer", 2007 mit Helge Schneider in der Hauptrolle, die er genial performt hat, man kann ihn mögen oder nicht.
Unvergessen die Szene, wo sein jüdischer"Berater" Ulrich Mühe, der wahrhaft dramatisch um sein Leben spielt, ihm unter dem Rednerpult die Stichworte souffliert - eine Szene, die so en passant die ganze Tragik des Menschseins enthüllt:
www.myvideo.de/watch/6137078/Mein_Fuehrer_Die_wirklich_wahrste_Wahrheit_ueber_Adolf_Hitler_1_9

Widersprechen würde ich der Aussage:
"Jesus hat gar keine Witze gemacht."
Belegen würde ich meine Argumentation mit Szenen aus "Life of Brian", zum Beispiel, als er mit Sandalen nach seinen enthusiastischen Fans wirft.

Viele Grüße von
Einer, die zum Lachen in den Keller geht

chrislow 23.04.2011 | 16:23

EnidanH schrieb am 22.04.2011 um 19:27 Da komme ich nicht mehr mit

-> Ich habe wohl zu kurz gefasst, was sich hinter dem Lachen verbirgt und dem Handeln. Die Handlung wäre hier die Sanktion auf ungefragte Wortmeldung. Etwa ... um das Böse in Form eines Despoten zu verdeutlichen, wenn der auf solcherart Witze / humor eben mal ein Leben beendet - und eben nicht über den Witz und also über sich selbst lacht.
Ohne Zwang zur Sublimierung scheinbar kein Lachen.

und auch die Guten Seiten am Lachen, welche hier erklärt werden ... über sich selbst lachen können, fröhlich sein, ... sind ebenso wieder Sublimierung wegen "besserem Wissen" ... eher aus konditionierter Erfahrung. Wer über alles lacht, mag sich selbst nicht kennen mehr.

Lachen = Freude ...Schadenfreude -> Lachen... Also ist eben auch das Lachen eine Art böse Eigenschaft... weil eben eine sublimierte Agression...

Man kann das böse aber auch auf alle Verhalten ausdehnen... und anwenden. ...!

Was ist eigendlich, wenn ich problemlos in Einsamkeit lachen kann...?

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Ehemaliger Nutzer 23.04.2011 | 19:26

In Einsamkeit lachen?

Das gibt es nicht, denn gelacht wird nur in Gesellschaft. Und meistens über andere.

Nur Philosophen lachen wenn sie allein sind. Heißt es, habe ich mal gelesen.

Kommt ein Philosoph zu Sokrates in die Kammer und findet ihn lachend. Wohl wissend, dass lachen nur mit anderen stattfindet, sagt er: Sokrates, du lachst, Du bist doch allein!
Antwortet Sokrates: Eben deshalb lache ich (in Gesellschaft nie).

Das Lachen des Asketen ist aber wohl etwas krank.

Sich freuen können ist das Bessere. Wer würde lachen, wenn er nach langem Suchen ein Osterei findet? Niemand, er wird sich freuen, jetzt hab ich es gefunden, wie schön.

Er lacht nur, wenn sich ein anderer auf das Osterei draufgesetzt hat. Und warum?

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Ehemaliger Nutzer 23.04.2011 | 20:07

"Henryk Broder: Ja, eindeutig. Das ist der deutsche Beitrag zum Welthumor. Unübertroffen. Man fragt sich, wie konnte den überhaupt jemand jemals ernst nehmen? Ein pupsendes, von Blähungen ge­plagtes, magenkrankes Würstchen."

Ja, wie konnte den überhaupt jemand jemals ernst nehmen?

Solch eine Frage kann sich wirklich nur jemand stellen, der sich über die Menschen, die in der Zeit des 2. Weltkriegs ihr Leben auf grausamste Art und Weise lassen mussten, keinerlei Gedanken macht.

Und das soll nun "Humor" sein, oder wie?

Nun gut, es gibt Menschen, die hätten sich, soweit sie denn noch in der Lage dazu gewesen wären - unter anderen Umständen vielleicht über derlei Äußerungen TOTlachen können...

pardon, aber mich überfällt beim Lesen solcher Sätze ein großes Grauen...

... was aber vermutlich daran liegt, dass ich - belastet mit einem sehr guten Gedächtnis - auf Teufel komm raus über keinerlei Humor verfüge.

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Ehemaliger Nutzer 24.04.2011 | 00:31

Das Lachen der Kinder und das der Erwachsenen ist doch grundverschieden, die Kinder lachen, weil sie etwas ohne Arg lustig finden, die Erwachsenen, weil sich für einen Moment ihre Nöte der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Die Kinder sind Epikureer, die Erwachsenen nicht mehr. Der Ärger ist der ständige Gast der Erwachsenen, der sich daraus speist, dass man viel erhoffte und zu wenig kriegte.

Der Philister ist der gutmütige Mensch, er sagt sich, ich bin privat und wenn ich das bin, dann kann ich mich darauf ausrichten, was mich erfreut - meinem Nachbarn gönne ich das auch, natürlich, als Philosoph weiß ich, dass nur das Wohlwollen zählt, ethisch richtig ist.

Der Philister muss sich frei machen von dem, was ihm die Bösen dieser Welt als Kleinkariertheit eingeredet haben. Die Bösen sind die, die durch Zufälle (oft der Geburt) mit Macht ausgestattet wurden, sie sind dadurch bös geworden. Wenn sie sich durchschauen können, werden sie gut oder verzichten (wie Karl V. in dessen Reich die Sonne nie unterging - und somit verderblich war).

Das Lachen ist gut, wenn es demaskiert - aber es darf auch nicht anmaßend sein - Regieren / Macht haben ist nun mal ein schwieriges Geschäft.

Popkontext 24.04.2011 | 01:52

Es gibt ja diverse Arten von Humor. Beim Lachen über Hitler, die Nazis und ähnliche Gestalten der Weltgeschichte geht es ja nicht darum, ihre Verbrechen zu verharmlosen. Sondern sie eben nicht als negative "Helden", die ja leider offenbar noch für reichtlich Identifikationsfläche für bestimmte Menschen darstellen, sondern in ihrer ganzen armseeligen - wenn auch in dem Fall tödlichen und zerstörerischen - Lächerlichkeit zu präsentieren, mit der sich niemand identifizieren möchte, nicht einmal "böse", oder einfach nur dumme Menschen. Auf anderer Ebene ist hier Humor eben auch das psycholigische Ventil, mit dem Umfasslichen umzugehen und es zu verarbeiten.

Titta 24.04.2011 | 03:18

"Broder: Gute Menschen haben ­jedenfalls keinen Humor. Das schließt sich aus, ich sage nur „Claudia Roth“ und „Antje Vollmer“.
Broder: Gute Menschen haben ­jedenfalls keinen Humor. Das schließt sich aus, ich sage nur „Claudia Roth“ und „Antje Vollmer“.

Matussek: Ich glaube, es gibt die Wutbürger – und die Gutbürger.

Broder: Renate Künast. Hab ich noch wen ausgelassen?"

Interessant, wie heutzutage die Altenherrenwitze funktionieren. Die Frauenfeindlichkeit ist die gleiche geblieben, nur anders gewandet. Früher hätte der Witz noch das Wort Jungfer enthalten, heute eben Gutmenschen.
Bäh!

Und natürlich besitzen böse Menschen auch Humor, und zwar genau in dem Ausmaß, wie sie Distanz zu sich selbst entwickelt haben. Das ist bei denen nicht anders wie bei allen anderen Menschen auch.

Im übrigen scheint die Gleichung zu gelten:
Broder + Alter = Witz - Humor = Zynismus

Columbus 24.04.2011 | 03:19

Unter den Theaterbrücken von Gorki, bevor sich der Vorhang hob

Broder zu Matussek: "Sag´mal, werden wir auch gefilmt?"
Matussek: "Nee, Broder, wir werden nur gefragt."
B. : "Nicht einmal aufgezeichnet?
M.: "Nee. Aber Augstein ist da und sein Voice-Recorder läuft."
B. : "Ausgezeichnet."

M.:"Wo bleibt er denn?
B. :"Wer?"
M.:"Na, unser Moderator."

B. :"Ich brauche keinen Moderator. Ich sage sowieso immer das Gleiche und auch davon nur, was mir heute Abend gerade einfällt."
M.:"Gute Entscheidung, lieber Henryk, so bleibst du als Marke erkennbar. Nichts fürchtet das Publikum mehr, als einen Broder, der urplötzlich einmal ganz anders wäre."
(Denkpause)
B.:"Was meinst du, Matussek?"
M.:"Du hast keinen Humor, Henryk!"
B.:"Stimmt, ich meine es ja ernst!"
M.:"Ach, das wusste ich von dir noch gar nicht. Ich habe es aber vermutet."
B.:"Psychoanalytisch ist das leicht verständlich. - Wenn du nicht ernst genommen wirst, versuche nicht, vermitteln zu wollen es doch zu sein. Schon nehmen dich alle ernst. Jedenfalls, so lange die Show läuft."
M.:"So geht das? Wie romantisch!

B. : "Schade. Dabei habe ich heute Abend den passenden Button am Revers, >>Lachen, mit B., leicht gemacht".
(Kunstpause unter Vertrauten, die sich seit Urzeiten kennen.)
B. : "Matussek, wie machts du es?"
M.: "Was?"
B. : "Das mit dem Humor. Schließlich musst du dazu gleich was sagen."
M.: "Ich beantworte grundsätzlich keine Fragen, die ich mir nicht selbst gestellt habe."
B.: "Genau, ich halte das auch so!"
(kurze Pause)
M.:"Dabei kommt immer was Humorvolles raus.

B.: "Matussek, du meinst also, wir beiden Jungs sind dazu da, den Deutschen auf allen nur möglichen Kanälen jiddische Witze und dumme Judenwitze, Hitlerbärte, Botschaften von potenziell bösartigen Muslimen die sowieso keine Witze kennen, 68er Abgestandenes, Religionsklischees und Freuds Schaffen aus der Ray Ban-Perspektive so anzudrehen, wie es sich das Publikum in seinen Träumen nie anders ausmalte?
M.:"So lacht der Mensch erwartbar, weil er denkt die Welt wär´ Kokolores!"

B.: "Ah, da kommt Augstein. Er hat viel zum Thema gelesen, das seh´ ich ihm an. Das schadet, weil er so nicht böse genug zu uns sein kann. Sie werden über uns lachen, wie traurig!"
M.:"Ach, dazu auch noch das Thema Lubitsch und Gorki, also Lachen am Abgrund. (Broder steht auf, geht zum Vorhang, will hinaus) Henrik, pass auf, die Bühne hat ´nen tiefen Graben!
(B. schließt die Augen und will zwischen den Vorhängen durch. M. greift beherzt nach B.s Hosenbund)
B.: ">>To be or not to be...., einmal üben müssen, einmal nur, sich richtig anstrengen müssen, damit die Leute nicht schon lachen, weil sie dafür gekommen sind, was zu Lachen zu haben."
(B. federt zurück. Der Hosenbund, eindeutig Stretch, hält was er verspricht. Der Vorhang hebt sich. Warmer Begrüßungsapplaus)
M.: (Hinter vorgehaltener Hand) "Das war aber jetzt sehr analytisch!"
(...)

Christoph Leusch

kay.kloetzer 24.04.2011 | 03:33

humor soll ja angeboren sein. man kann ihn in frühen jahren unterdrücken oder fördern. wird er unterdrückt, bricht er vielleicht später als böse aus und wird zynismus genannt. wird er gefördert, bleibt er auf dem level des humoristischen. manchmal ist mir der ausbruch des unterdrückten humors lieber. kann aber an der ddr-sozialisation liegen.

weinsztein 24.04.2011 | 04:58

Als Gesprächspartner zum Thema hätte man zumindest einen Bösen einladen sollen und nicht gleich zwei Salbaderer, die sich selbst für großartig halten, gar für Denker. Henryk M. Broder oder Matthias Matussek, beide probierten es anfangs auf links mit Provokatiönchen, das klappte nicht. Auf rechts dann endlich doch, als Witzeerzähler und Auftragsarbeiter. Der besonders eitle Matussek interessiert mich rein gar nicht, mich fasziniert die Karriere von Herrn Broder. Ganz früher Chef der als "linksradikal" geltenden Zeitschrift "spontan", danach führend beim erfolgreichen Wixblättchen mit Nachrichten aus St.Pauli und Umgebung. Es folgten 15 Jahre "Spiegel" nun ist er bei der "Welt". Tja.

Der Böseste in diesem Trio war der mir oft zu liebe Jakob Augstein, dem ich für diese Aufzeichnungen danke.

EnidanH 24.04.2011 | 10:37

chrislow: Der Neurologe, meist auch Psychiater, wird wohl eine gründliche Anamnese machen wollen, wie das denn aussieht, wenn Sie so vor sich hinlachen. :-)

Zeitleser: EBEN, das Kinderlachen ist ganz anders, das Erwachsenenlachen ist nicht mehr so frei und jungfräulich, leider. Ich finde Erwachsenen sehr interessant, die über einen gewissen Schalk verfügen, gepaart mit Intellekt, die können auch noch wie Kinder kichern, herrlich.

Barbara Muerdter 24.04.2011 | 15:12

Wo ist den Herr Augstein hier auch nur ansatzweise "böse"? Er hat sich nur gewaltig im Thema verheddert, weil er sich nicht entscheiden konnte, ob er jetzt über den Humor "der Bösen" reden wollte oder darüber, ob man über das "Böse" lachen soll / darf. Ansonsten ist er weniger "zu lieb" als auf aus meiner Sicht sehr angenehme Art sachlich und eher nerdig. Mit einem Film einzusteigen, den außer ihm offenbar keiner so richtig auf dem Schirm hat, ist vielleicht auch nicht so geschickt, aber vielleicht liegt das Inkohärente auch an der verkürzten schriftlichen Wiedergabe. Ich finde solche Leute wie Augstein persönlich deutlich angenehmer und bereichernder als so einen plump-dummen eitlen Selbstdarsteller wie Broder. Vielleicht hört sich Herr Augstein auch gern selber reden, das gehört zum Beruf, aber ich nehme meistens die eine oder andere Denkanregung mit, wenn er den Mund aufmacht, und darum geht es ja, mir jedenfalls...

Vadis 24.04.2011 | 16:52

»Haben böse Menschen Humor?«

Abgesehen davon, dass hier die üblichen Verdächtigen (einmal ausgenommen der ›Tanztrainer‹) zur Verfeinerung ihrer literarisch-humoristischen Tarantella eingeladen waren – es geht also nicht um die Klärung der Frage, sondern um Demonstration und Sicherstellung angemaßter Kompetenzkompetenz – könnte ein Umkehrschluss die recht bemüht wirkende Diskussion eigentlich gleich wieder beenden: Können Menschen, über die sich in welcher zeitlichen Distance auch immer Witze machen lassen, überhaupt böse Menschen (gewesen) sein? Nun möchte ich mir nicht schon selbst so zeitig rhetorisches Fahrwasser abgraben.

Der triumvirende und verfänglich entspannte Plauderton der Gesprächsrunde soll, vorweg bemerkt, eines nicht verdecken können: Die Polarisierung ›gut/böse‹ ist bereits die erste Stufe einer hypothetischen Schwäche, die in Folge eine veritable Diskussion um faktisches ›Bösesein‹ außen vor lässt, so dass die gewechselten Worte letztlich einem wohltemperierten Zynismus anheimfallen müssen.

Es greift die vorauseilende Kontextuierung, die Welt, insbesondere die deutsche müsse doch (endlich) über derlei Potentaten lachen können, und alles andere an demütigem Respekt vor der Geschichte sei nichts mehr als eine im neudeutschen Wesen als überflüssig zu definierende Humorlosigkeit. Liest man genauer hin, ist zu erkennen, dass sich die Provokation der Ausgangsfrage als plakativer und signalgebender Selbstzweck entlarvt. Denn eigentlich parliert man mehr über eine ›Böse-Menschen-Ikonographie‹ – ich erinnere an Chaplin oder Ganz – und in diesem Sinne über Metahumor.

Selbstverständlich haben böse Menschen Humor, mit Betonung auf ›Menschen‹, so diese ohne Ausnahme und unbesehen ihrer Greueltaten als solche nicht aus anthropologischer Betrachtung auszunehmen sind. Wer aber wie »Der Große Diktator« oder »Der Untergang« eine Witzfigur abliefert (Bruno Ganz mE. in einer seiner schlechtesten Filmrollen), dem gelingt es kaum, die faktischen Vergehen zu überspielen, geschweige denn, die Leiden ihrer Opfer zu würdigen oder, um es deutlich zu sagen, einzelnes, tausend- und millionenfaches Leid nicht zu verhöhnen.

Und das ist der eigentliche ›Skandal‹, den das Feuilleton in dieser Hinsicht ausschwitzt: Hier ist in einer zumal diffus bleibenden Erörterung über die Frage des Guten (denn Humor ist als etwas grundsätzlich Gutes angesehen) im Bösen die Perspektive auf das Gute im Bösen der Geschichte ausgeweitet. Um Adorno zu widerlegen? Wer weiß, was es im auf- und abgeklärten Bildungsbürgertum noch alles richtigzustellen gilt.

Es wird Öffentlichkeitsarbeit geleistet bzw. fortgeführt, die in Filmen wie »Schindlers Liste« angetreten ist, bereits anderweitig dokumentierten Schrecken in cineastisch aufbereiteten und leicht verdaulichen Canapés zu kredenzen, nicht ohne nachgereichtes Alibi, so doch auch jüngeren Generationen wieder eine Annäherung an deutsche Vergangenheit schmackhaft gemacht zu haben. Die Frage bleibt allerdings, ob so nicht lediglich Erregungsrezeptoren auf Actionkino-Niveau funktionabel gehalten werden, denn dass profunde Aufarbeitung geleistet wäre. Vielleicht folgen aber dergleichen ›Events‹ der Systematik, ab Erreichen eines bestimmten lower Levels dessen sedierendes Moment episodisch auf der Ebene von TV- und Smalltalk und wie auch hier zur ›anschwellenden‹ Volksbelustigung warmzuhalten.

Wer sich eines abgeschmackten Humors versichern will, sollte sich hinlänglich an ›Kunstwerken‹ wie »KIll Bill« ff. delektieren können; denn zeugt nicht am Ende gar das erstaunte Lächeln eines abgeschlagenen Kopfes von innehausendem Humor allen postnatalen Seins? So mag sich auch in den Rauchwolken seinerzeitiger Verbrennungslager gelegentlich eine grinsende Fratze abgezeichnet haben, geeignet, sensiblen Gemütern der Tötungsmaschinerie eine reinrassige Rechtfertigung ihres Handelns zu liefern. Auch das Untersichlassen bei Folteropfern oder Gehängten ließe sich bei entsprechendem Kontrollverlust über die Lachmuskulatur noch als Humorfähigkeit der verantwortlichen Protagonisten diagnostizieren. (Merkwürdig an der Stelle, dass ›Galgenhumor‹ noch bis heute aus der Opferperspektive gerichtet bleibt. Ein Schelm, der daraus einen übergeordneten Sinn der Opferrolle deduzierte. Oder gar Zirkelschluss des erörterten Themas?)

Sollte also Geschichte nichts anderes als die Vorlage zu einem überdimensionalen Snuff-Video sein, Geschehnisse vom Kreuzweg eines prospektiven Gottessohnes über zerschossenes bis vergastes Menschenleben bis hin zu von technoider Kultur kontaminiertem Lebensraum, sei es in Tschernobyl, Fukushima oder auf den Jahrmärkten moderner Kriegsführung?

Kann Geschichte Sünde (böse) sein? Hat Geschichte Humor?

Wie ›alte‹ Kunst im Fortschreiten der Zeitläufte gelegentlich lächerlich wirkt, so kann noch aus jeder abgehobenen Perspektive – dies die Versuchung mancher Rückschau – eine humoristische Komponente destilliert werden, wenn sie gleichzeitig das Leichentuch des Großen Ganzen über die Verantwortlichkeit im Einzelgeschehen legt. Doch wenn das am grünen Holz geschieht, wer wollte dann noch zB. den Neonazis dieser Welt eine gehörige Prise latenten Humors absprechen wollen oder rückwirkend den Nazis des Damals? Manche mögen sich allerdings auch in dieser Hinsicht mit einem witzelnden Seitenblick akkommodiert haben, wenngleich zu hoffen bleibt, dass die jeweilige Zukunft posthum immer noch eine Antwort auf »Davon haben wir nichts gewusst« einklagen wird.

Ob nun Hitler, Stalin oder havarierende AKWs die entsprechenden Blaupausen zur Spassversessenheit der Jetztzeit liefern, wen kümmert das schon – unsere ›durchprofilierte‹ Humoreska mal gerade weniger, wenn mich nicht alles täuscht.

Columbus 24.04.2011 | 23:39

Vielleicht noch etwas zu den Stilmitteln, die Broder und Matussek doch ein klein wenig von Lubitsch und Chaplin unterscheiden.

Vorher: Es stimmt natürlich, "Gute" und "Böse" teilen sich die Fähigkeit humorvoll zu sein (aufgezeigt z.B. von Tarantino und Walz in Inglorious Bastards). Humor ist also keine Distinktionskategorie (man lese bei Vadis und knapp Paulart) zwischen Guten und Bösen.

Nur können die "Bösen" selten mitlachen oder einen Witz zu ihrer Person annehmen, weil dann die Abspaltung nicht funktioniert, nämlich keinesfalls böse, sondern nur gut und humorvoll zu sein.

Umgekehrt funktioniert der Humor des Bösewichts, gespielt oder ernsthaft, meist über personenbezogene Zuschreibungen:
Freud ist gleich ein Schwätzer, die bunte Kachel Roth ist gleich ein Gutmensch ohne Humor, usw.

Nach diesem Vorsatz, nun zu Lubitsch und Chaplin. Die teilen nämlich die Fähigkeit zu Komik und Humor unter den Charakteren geschickt auf, bei Chaplin stecken, das macht es noch künstlerischer, alle Charaktere im Prinzip in einer einzigen Person, die sich selbst aufteilt. Vom Vorstadtfigaro bis zum Diktator ist kein weiter Weg. Nur so funktioniert am Ende die pathetische Anspracheszene in Uniform.

Bei Lubitsch gibt es den naiven Schaupielerhumor, Hauptsache ein guter Lacher und ein Schlussapplaus und dann ebenso den zielgerichteten Scherz, als letzte Waffe, sogar als Überlebensmittel. Am Ende bringt der unbegabteste Schauspieler aller Zeiten, Bronski, die einzig überzeugende Schauspielleistung! Er spielt Hitler, mit und ohne Bärtchen, so täuschend und glaubwürdig, dass die Nazis reihenweise ohne Fallschirm abspringen und so das Theaterensemble, aka die Welt der echten Schauspieler, gerettet wird.

Bruno Ganz tut man Unrecht, ihn für einen schlechten Film verantwortlich zu machen. Da gehörten Regisseur und Produzent (+) gezwiebelt. Er spielt Hitler nicht als Scherz, sondern ganz im Ernst.

Christoph Leusch

abghoul 25.04.2011 | 00:19

Auf einem Punk Konzert, irgendwann anfang der 90'er, ist mir mal klar geworden wie heftig meine Schadenfreude Einfluss auf mein Verhalten und sogar meinen Stoffwechsel hat.
Die Gruppe war nichts weltbewegendes, aber ich hatte grosse Freude am Pogen.
Heftige Riffs von den Gitarren, hektische Schlaggezeugle und sehr sehr lautes unzufriedenes Geschrei von dem Sänger, ein gutes Punk-Konzert halt.
Plötzlich kotzte der Sänger, von Schreien auf ein Kreischen übergehend, einen extremen Schwall Erbrochenes über das Mikrophon und die die erste Reihe.
Mich hatte er voll erwischt.
Dann sagt er mit einer schuldvollen Stimme: "Tschuldigung", schaut sich zu den Kollegen um und schreit sein Liedchen weiter.
Da hab ich dann einen sehr heftigen Lachanfall gehabt und bin sogar bewusstlos geworden.
Als ich irgendwann später wieder zu Bewusstsein kam, beinahe von Kopf bis Fuss mit fremden Erbrochenem bedeckt, vor der Konzerthalle liegend, musste offensichtlich jeder schmunzeln der an mir vorbei kam.
"Das Leid anderer, ein Quell unendlicher Freude", ist mir seit dem, mal ein dunkles, mal ein gar nicht so dunkles, Mantra.

keiner 25.04.2011 | 01:39

Halbjuden gibt es nicht, das ist eine rassistische Kategorie, die die Nazis erfunden haben.

Die Verwendung dieses Begriffs ist für mich seit langem - wenn es sich um Leute handelt, bei denen man eine gewisse Kenntnis des 3. Reichs voraussetzten kann -, ein sicherer Beleg dafür, dass sie die rassistische Denkweise der Nationalsozialisten mindestens soweit übernommen haben, dass es bedenklich ist, und ich sehe keinen Anlass, dieses Kriterium aufzugeben.

H.E. Balder ist als Sohn einer jüdischen Mutter (die Theresienstadt überlebt hat) nach jüdischer Auffassung Jude, und ich finde, es hat etwas sehr Peinliches, wenn Broder hier wie aus der Pistole geschossen sehr deutsch die scheinbar korrekte Rasseeinteilung richtigstellt (und dabei auch noch daneben liegt).

Gelungen allerdings ist ihm, einen typischen Begriff aus der Psychoanalyse geradezu glänzend zu illustrieren, den der Projektion. Wie im Kino bedarf es dazu sozusagen einer leeren Fläche, und wenn er seiner Bemerkung über Freud, der sei ein Schwätzer gewesen, vorausschickt, er habe um ihn einen Bogen gemacht, ist natürlich klar, dass er nicht wirklich etwas über den aussagen kann - er kennt ihn ja nicht -, sondern die leere Fläche mit eigenen Inhalten, also einer Art Selbstporträt, belegt.

An Broder (oder auch Giordano oder in gewisser Weise auch Sarrazin) kann man ablesen, wie ungeheuer brutal der Anpassungsdruck einer zutiefst rassistischen Gesellschaft, wie sie die deutsche ist, wirkt: Die Angst, als Fremder ausgegrenzt zu werden (bei Sarrazin: nach Jahrhunderten!) ist so gross, dass sie alle Masstäbe verlieren, die ihnen eigentlich zur Verfügung stehen sollten.

Nein, ich werde nicht wütend, wenn ich Broder 'Halbjude' bellen lese, in Wirklichkeit macht es mich unendlich traurig.

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Ehemaliger Nutzer 25.04.2011 | 03:09

"Humour" wurde Anfang des 18. Jahrhunderts von England nach Frankreich exportiert. Voltaire, der nach England exiliert war, hat ihn gepflegt, er ist immer noch die Krönung der Spezies des Humors, die im Gehirn aufräumt / entrümpelt / entspannt. Kant hat in seiner "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" dem Humor das Lob gesungen. Schiller baute auf das Spiel als revolutionäre Kraft. Wilhelm Meister schaut mit runden Augen in die Welt und freut sich. Die Romantiker waren definitiv humorlos, Hegel war der größte Humorist aller Zeiten, weil er sagte, dass der Weltgeist zu sich gefunden hätte und zwar in der preußischen Monarchie / in seinem Wohnzimmer gewissermaßen. Schopenhauer war erbarmungslos humorig, weil er sagte des Menschen Wille ist sein Höllenreich. Nietzsche sagte, nur die Bösen - seine blonden Bestien - sind humorig, weil sie das wollen was nicht erlaubt ist und sich darüber freuen. Das Buch über den Willen hat er aber nicht mehr schreiben können.

Seit die französische Zivilsation nach l allemagne herüberschwappte, und damit mittelbar der englische humour als gesellige Verhaltensform, ist man bei uns tödlich beleidigt, wenn man als humorlos bezeichnet wird. Dementsprechend will man sich als humorig-ironisch erweisen, was aber in Norddeutschland schnell zu Missverständnissen führt. In Brüssel - in den Hallen und lobbies, in denen die Völkerschaften in Natur und vergleichend studiert werden können, kann man die Deutschen relativ schnell als "ernst" erkennen, nordisch halt. Ich finde das nicht schlimm, als Kopisten romanischer Lebensart taugen wir nicht.

Also als Fazit: Schämen wir uns nicht, wenn wir ernst-tiefsinnig fühlen!

Vadis 25.04.2011 | 15:30

>> Columbus

Noch einmal kurz zu Bruno Ganz: Ich gebe Ihnen recht, die Rolle ›Hitler‹ war eher das ernste Fach. Doch überzeugend besetzt? In meinen Augen nicht, denn Schauspiel und Figur kamen einer Karrikatur näher als beabsichtigt. ›Hitler‹ war deutlich überzogen, damit die Erwartungen an das Klischee abgeleitet vom Pathos seiner öffentlichen Aufritte zwar erfüllt, an einer subtilen und nachwirkenden Darstellung allerdings gescheitert. B. G. schien mir als markant introvertierter und zurückhaltender Schauspielercharakter hier aber zu eindimensional und wirkte nicht nur bei Wutausbrüchen seiner Figur in hohem Maße überanstrengt, was die Performance insgesamt irritierend überlagerte. Spontan kommt mir ein Udo Schenk in den Sinn, der schon allein stimmlich über ein beachtliches Ausdrucksspektrum verfügt und mühelos die Bandbreite von eiskalt über berechnend emotional bis psychopathisch abdeckt.

Die Frage, die »Der Untergang« aufwerfen und möglichst beantworten sollte, war vermutlich »War Hitler (noch) normal?« oder in der Diktion des Themas »Sind böse Menschen ›normal‹ «, was letztlich auf einen exculpierenden Effekt hinausliefe. Schwer für den Betrachter bleibt dennoch, auseinanderzuhalten, was bereits an Vorurteil über den pathologischen Aspekt ›Hitler‹ im Kinosessel sitzt und was als überzogen krankhaftes Element eine ›kontraproduktive‹ Darstellung Hitlers hinsichtlich seines eigentlichen (welt)politischen Stellenwertes bewirkt.

>>>

Ich kann über A. H. nicht lachen (über den »Großen Diktator« hingegen schon). Befremdlich bleibt das Pathos seiner historischen Auftritte und die entsprechenden Bekundungen seines als Masse inszenierten Zulaufs. Vorsicht ist geboten, urteile ich hier ja aus Sicht des Nachgeborenen. Weniger ›lustig‹ wird es, versetze ich mich in die Zeitgenossenschaft des Naziregimes bzw. seiner Latenzzeit. Hier lasse ich fairerweise die Hoffnung, auf der richtigen Seite gestanden zu haben, außen vor. Einiges spricht dafür, zB. einer Hitlerjugend mindestens als Mitläufer gedient haben zu können.

Es gibt also eine nachgelagerte Betroffenheit zu vergangenen Ereignissen, die (mE. berechtigterweise) einer mehr oder weniger zwanghaften Ableitung von und durch Humor im Wege steht. Offensichtlich fällt es anderen Zeitgenossen leichter, entweder eine Hemmschwelle nur deshalb zu definieren, um sie im gleichen Atemzug zu senken, oder gleich ohne Umschweife zur medialen Verwertung eines in die Person Hitlers injizierten (wohlgemerkt: plakativen) Humors zu schreiten.

Nun denn, derlei ist in der Welt, und ich neige dazu, Vielem allein aus dieser Tatsache heraus seine Berechtigung zuzugestehen. Wem aber nützt es? Sicher in erster Linie denen, die sich dem ›Fortschritt‹ des Tabubrechens und seinen marktspezifischen Annehmlichkeiten verschrieben haben. Vielleicht registrieren wir auch nur die natürliche Konsequenz dessen, was die fähnchenbewehrte Stimme des Volkes zu Hochzeiten des Fußballsports an Signalwirkung verströmt, bzw. wohnen dem Krönungsakt eines basisdemokratischen deutschen Traums bei, der Entlassung aus dem Fegefeuer historischer Altlast: Hitler wahlweise, respektive beliebig einen ernsten oder witzigen Aspekt abzugewinnen, scheint den ›Endsieg‹ über die in die Jahre kommende deutsche Vergangenheit näher zu rücken.

Offensichtlich besteht ein Interesse daran, sukzessive nuancierte Geschichtsdokumentation im kollektiven Gedächtnis verblassen zu lassen oder mit griffigen Polaritäten wie ›gut/böse‹, ›schwarz/weiß‹, ›ernst/witzig‹, ›ganz/garnicht‹ oder subtil ›Fiktion/Realität‹ zu überschreiben, um den zeitgemäßeren Terminus digital-manipulativer Technik zu zitieren.

Ach was, genug des österlichen Bierernstes! Geehrte Herren Matussek, Broder und andere, überlassen wir Ihnen doch ebenso getrost wie augenzwinkernd die Rolle der medialen ›Honky Schtonk Women‹ unserer Epoche...

paulart 25.04.2011 | 16:09

Alles gut beobachtet und analysiert. Ausnahme Bruno: Ganz anders sehe ich ihn in dieser Rolle. In einem "ernsthaft gemeinten" Film von Hirschbiegel spielt Ganz den "großen Diktator", aber m.E. nicht A. H.

Wenn viele Szenen von ihm nur ein klein wenig "überspielt" werden, dann wird aus Authentizität halt so etwas wie Klamauk. Und damit misslingt, was Chaplin gelungen ist: A. H. bloßzustellen, d.h., freizulegen.

Columbus 25.04.2011 | 20:08

Das mag sein, das Ganz überzog. Aber die größere Verirrung begingen für mich eben selig Eichinger und Hirschbiegel, indem sie unbedingt den "Untergang" mit den Mitteln des realistischen Films abbilden wollten und für die menschliche Seite sich dann auch noch ausführlich auf Frau Junges Erinnerungen und ihre Personage bezogen. - In den Details ist alles historisch überprüfbar und genau, nur im Zusammenschnitt wird daraus keine Erklärung des Phänomens.

Nur eine einzige Perspektive gefällt mir und die hängt tatsächlich an Ganz (überzogenem) Realismus in der Rolle A.H.

Es ist nämlich diese ganz normale Gleichzeitigkeit von Skupellosigkeit, Gewaltneigung, Mordlust, und andererseits diese Vielzahl liebenswürdiger Züge die sich im Umgang mit dem kleinen Personal in nächster Umgebung, mit Gästen, mit bewunderten und bewundernden Personen ergaben, einschließlich des "Blondi"-Motivs (Merke: Zu viel gespielte Tierliebe deutet auf Seelenkälte und eben auf eine Reihe von Persönlichkeitsstörungen) - Sie ziehen sich, ein wenig habe ich zum "Fall Hitler" ja auch gelesen, durch dessen ganze Biografie.

Lubitsch und Chaplin hatten aber eine ganz andere Achtung vor ihrem Widersacher.

Sie wollten Hitler nicht als Würstchen (schlechten Schauspieler) präsentieren, weil er tatsächlich eines (einer) gewesen wäre. -Ich glaube das sowieso nicht, sondern denke eher, bei ihm springt nicht einmal eine veritable Geisteskrankheit heraus, höchstens eben eine Persönlichkeitsstörung, die ja viele Menschen mit sich herum schleppen, die aber nur bedingt Krankheitswert hat und eben häufig gar nicht verhindert, dass so ein Mensch sein Talent, gar Genie, die Massen zu beeinflussen auslebt. Solche Leute reden zu den Vielen stundenlang, vereinen die ganzen völkischen und nationalkonservativen Parteiungen zu einer Einpersonengefolgschaft und Bewegung (das ist ja die traurige und ernsthaft wahre Geschichte), gefallen einer ausreichenden Zahl von Katholiken, Protestanten und Neuheiden, und sogar Intellektuelle sind irgendwie beeindruckt, weil sie sich mit dieser Person solidarisiert, plötzlich als Teil der Volksmeinung fühlen oder Teile der eigenen Person, in ihr erkennen und letztlich ausleben.

Hitler ohne Umfeld und ohne aufnahmebereites Volk ist nicht gut denkbar. Er bliebe Postkartenmaler und allenfalls Meldegänger. - Lubitsch und Chaplin stehen unter diesem direkten Eindruck, dass sich das Ziel ihres Spotts, ihres verzweifelten Humors, in Europa durchsetzt.

In diesem Falle ging es mir aber um diese Defintionen von Humor, die sich Matussek und Broder zurecht legen, um damit erwartbar beim medialen Publikum und sitzt es auch im Theatersaal, zu punkten. Da wird nicht viel nachgedacht, sondern eben ein personenbezogenes Bon(Mal-)mot nach dem anderen abgesondert. - Das ist, in meinen Augen, nicht sehr humorvoll, witzig und geistreich.

Das kann man sich leicht an Broders und Matusseks Einschätzung Hitlers heutiger Medientauglichkeit klar machen. - Der Mann oder die Frau, die ähnliches versuchte, träte garantiert nicht als Phänokopie des "großen Dikators", als Stalin-Double oder Pol-Pot auf, sondern selbstverständlich medienkompatibel.

Auf viel kleinerer Flamme und immer noch gebremst durch die Vielfalt der Strukturen, proben ja diverse rechte Parteiführungen (Wilders, Marine LePen), wie weit man gehen kann und die SPD liefert sich gerade den umständlich dahin gestotterten Populismen des Thilo S. aus, der sich in den letzten 15 Jahren in schöner Regelmäßigkeit damit heraus redete, er habe es doch gar nicht so gemeint, er sei nur falsch verstanden, falsch interpretiert und von den falschen Leuten verteidigt worden. Jetzt stand ihm ein Hochnas und "Bauchschmerz" (Asse)-Altpolitiker zur Seite, den die SPD auch nicht los wird, obwohl er ihr, wie Clement, übel mitspielt.

Es wäre doch einmal an der Zeit, sich über den Charakter und die Person der, von immer mehr Westlern wieder gewünschten, ganz modernen, charmanten politischen Bestia Gedanken zu machen. Dahinter steht häufig der eher kleinbürgerliche Wunsch (auch bei Intellektuellen) die Straße zu fegen, aufzuräumen, sauber zu machen, zu vereinfachen, nur den "gesunden Menschenverstand" walten zu lassen, vorerst gedanklich, als "nutzlos" oder "unwichtig" klassifizierte Elemente der Gesellschaft los werden zu wollen.

("Keiner", s.u.) hat zumindest die traurige Spießigkeit des Broder-Humors, der auch ohne Wahrhaftigkeit auskommt, gut beschrieben.

LG
Christoph Leusch

Columbus 25.04.2011 | 22:23

Absolut. Es geht ja bei Broder und Matussek nicht um den guten oder bösen Menschen mit oder ohne Humor, sondern die beiden beanspruchen ersichtlich Humorvolles zum Thema abgesondert zu haben.

Augstein hat diese Dürftigkeit gut präpariert. Die einzige kleine Rache, die dem Journalisten bleibt, wenn die Medialisten immer ins Publikum deuten können und sagen, "Wir wurden doch eingeladen und die Leute lachen und amüsieren sich, wir machen die Show die aufregt und ankommt, du Langweiler kommst mit dem Sein und dem Nichtsein Lubitschs im Gepäck."

Bei Ganz und seinem "Hitler" bin ich immer noch anderer Meinung. Aber das schadet ja nicht.

Schönen Abend und gute Woche
Christoph Leusch

mcmac 26.04.2011 | 02:43

Warum der Freitag sich mit dem sich selbst für unwiderstehlich haltenden Dieter Bohlen für Bildungsbürger und seinem Appendix abgibt, verstehe ich nur insofern, als dass dieses Gespann ein medial gepushtes Phänomen ist. Die beiden sind nicht lustig. Und schon gar nicht komisch. "Böse" sind sie auch nur im tiefer liegenden Bereich der Skala, also allenfalls hämisch. Dafür aber um so selbstreferenzieller. Ziemlich dumm. Ziemlich langweilig. Das konnte selbst die Knallcharge Westerwelle besser.

Hitler auf Flatulenzen und seine Operettenauftritte zu reduzieren, offenbart einen fehlenden Sinn für Humor. Nicht nur das: es offenbart ebenfalls abgrundtiefe, politische Dummheit und allerhöchste soziologische Inkompetenz. Aber gerade auch der Dumme August muss einiges wissen, um den Dummen klug (und somit unterhaltsam) spielen zu können. Walter Moers z.B. hat Hitler zwar anhand der Person, jedoch im Ergebnis als Prinzip durch den Kakao gezogen; das ist Humor. -An dieser Stelle aber haben wir es mit zwei Laien(selbst)darstellern zu tun. Harald Schmidt ist zwar schlimm, aber wenigstens ist er kein dilettierender Laie.

"Haben böse Menschen Humor?" Selbstverständlich! -Aber, mit Verlaub, die Frage stellt sich bei diesen beiden Suppenkaspern, diesen Hofnarren von und zu Guttenberg, nun wirklich nicht.

***

Arzt (zum unheilbar kranken Krebspatienten): "Machen Sie Moorbäder."
Patient: "Und das hilft?"
Arzt: "Nee, aber Sie können sich schon immer mal an den Geruch von Erde gewöhnen."
(Diesen Witz erzählten sich Krebspatienten in einem Sterbezimmer im Krankenhaus Friedrichshain mit größtem Vergnügen.)

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krem-browning 26.04.2011 | 04:11

Ich finde:

a) dass die Fragestellung grundsätzlich falsch ist, weil es keine böse Menschen gibt... Gut und Böse sind sowieso Fantasiegebilde, bei denen sich andauernd die Kriterien wechseln;

b) Herr Matussek und Herr Broder erstaunlich langweilig und humorlos sind;

c) und, na ja, was ich über diesen Kommentarstrang denke, werde ich lieber nicht sagen... meine Oma vom Bauernhof meinte immer, wenn Du weiterhin zusammen mit den Leuten leben willst, dann halte wenigstens ab und zu die Klappe, sei es auch so eine intellektuelle Mischpoke...

RatCreutz 26.04.2011 | 10:36

Ob die Herren auf dem Video "böse" sind, weiß ich nicht. Der Normalo würde sie wahrscheinlich nach den Kopftritten für "böse" halten.
Klügere und Gebildetere sehen das sicher anders, insbesondere dann, wenn sie in der Berliner Justiz Verantwortung tragen.
Humor haben Akteurs jedenfalls, was man aus dem lustigen Tänzchen ersehen kann, das da aufgeführt wird.
www.focus.de/panorama/videos/angriff-in-berliner-u-bahn-taeter-stellt-sich-der-polizei_vid_24507.html

Wahrscheinlich teilt die Berliner Justiz das Humorverständnis der Tänzer.

Rudi Mentär 26.04.2011 | 15:15

Humor hat in meinen Augen wenig mit Hilflosigkeit zu tun. Wer wird denn per definitionem als humorvoll bezeichnet? Menschen, die über SICH und andere, über die kleinen und großen Pannen des Lebens lachen können. Dazu gehört eine große Portion Gelassenheit und Distanz zu den Dingen.

Ironie ist in meinen Augen ein große Kunst und funktioniert nur, wenn ich auch mir selbst gegenüber ironisch sein kann.

Anders sieht es mit Schadenfreude aus. Die kann sehr boshaft und bösartig sein - aber ist einer unter uns dagegen gefeit?

Kein Humor in meinen Augen sind Witze auf Kosten anderer. Auch der notorische Witzeerzähler ist in meinen Augen nicht unbedingt humorbegabt, sondern zu "normaler" zwischenmenschlicher Natur weniger bereit oder auch in der Lage.

Mein Fazit: die humorvollen Menschen sind nicht die hilflosen, sondern eher die zugewandten, warmherzigen, die mich mitreißen.

Aristipp 26.04.2011 | 18:11

Komische Überschrift - abgedriftetes Gespäch, dabei ist das Sache doch nun wirklich einfach. Jeder gute Humor ist immer auch ein wenig böse, humorvolle Menschen sind von daher gar nicht immer nur nett. Nein, das sind sie ganz und gar nicht. Sie sind im allerdings auch immer eher ein wenig inttelligent und nicht unbedingt neurotisch. Und wenn dann doch, dann auf ironische Art und Weise.
Böse Menschen sind hingegen, wenn sie nicht nur einfach ziemlich dumm sind, und das sind sie oft, regelmäßig auch sonst noch ein wenig gründlicher angeschlagen - und sie sind vor allem völlig ironieresistent.

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athena 29.04.2011 | 02:55

Wieso sollen böse Menschen eigentlich keinen Humor haben? Nichts spricht dagegen. Ich kann Humor ja nicht sehen, außer jemand lacht. Also wenn Lachen ein Zeichen von Humor ist, schließt das wohl Niemanden aus.

Anders verhält es sich mit der Selbstironie. Da kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das gewöhnliche Böse über sich lachen kann. Hat Hitler etwa über sein affektiertes, später oft karikiertes Verhalten lachen können? Nee, niemals!

Selbstironie, als Zeichen von Humor, heißt doch immer auch Reflektion über das eigene Verhalten und die Bewertung als etwas Lachenswertes, gar Lächerliches. Und wie hier bereits von Magda kommentiert wurde: "Humor ohne Selbstironie ist immer ein bisschen menschenfeindlich."

Da hier alle offensichtlich ihre Art von Humor zum Besten geben möchte ich nicht hintanstehen. Zumal es um letzte Worte geht.
Der irische Komiker Spike Milligan ließ folgenden Satz auf seinen Grabstein meißeln: "I told you I was ill."

Emma in Uniform 28.08.2011 | 02:32

Den bekennenden Rassisten Broder u.a. einzuladen, um mit ihm was? Zu besprechen, ob "böse Menschen Humor haben"?

Nu. Zum Glück hat die Redaktion der Titanic schon 2008 zum Thema Gernegroß Broder und seinem "Humor" abschließend subsumiert:

>>"Ihren Todfeind Islam als eine »im Kern friedliche Religion« zu bezeichnen mag kein sonderlich gelungener Einfall des EU-Parlamentspräsidenten Hans-Gert Pöttering gewesen sein; viel gelungener ist da Ihre zweifellos schwerironische Replik: »Auch der Sozialismus und der Nationalsozialismus waren ›im Kern‹ gute Ideen, die sich leider bei Licht betrachtet nicht bewährt haben.«

Genau. »Bei Licht betrachtet« haben die Nazis die hehren Ideale des Führers nämlich schmählich verraten und aus Daffke mit Judenmord und Vernichtungskrieg angefangen. Aber so meinten Sie, Broder, es ja gar nicht: Eigentlich wollten Sie nur gesagt haben, daß, bei Licht betrachtet, jeder Moslem ein kleiner Nazi (oder Kommunist, ist eh das gleiche) und somit halt eo ipso ein Massenmörder ist. "