Hamburg Media School - Investigativer Journalismus 2/2

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Fortsetzung des 1. Teils

Hören wir dazu Thomas Leif, Gründer und Chef des Netzwerks Recherche:

Allein 2008 zahlte die Bunte fast eine Viertelmillion Euro für die Berliner Detektive, nur um Einzelheiten des Privat- und Intimlebens von Spitzenpolitikern zu erfahren. Mit solchen Dienstleistungen werden übrigens – nicht nur von der Bunten – gezielt externe Mitarbeiter beauftragt, damit diese in einer (il-)legalen Grauzone und unter journalistischem Deckmantel agieren können. Mit der "Mappe" der Detektive werden die Betroffenen dann konfrontiert und zur Mitarbeit für die großen Stories bewegt.

Die dokumentierten Fälle sind aus zwei Gründen lehrreich:

Erstens: Nun kann man sich ein Bild machen, für welche Art von Recherchen Verlage Geld in die Hand nehmen und welche (fiktiven) Themen sie für relevant halten.

Und zweitens: Der Deutsche Presserat kann jetzt nicht mehr seinen Ehrenkodex wie eine Monstranz vor sich her tragen und die offenkundigen Fehlentwicklungen weiter beschweigen. Wenn die dort endsandten Journalistenvertreter von DJV und dju nur einen Funken der Berufsehre retten wollen, MÜSSEN sie sich mit den dokumentierten Fehlentwicklungen intensiv und gründlich beschäftigen und einen genauen Untersuchungsbericht vorlegen. Andernfalls sollten sie das Wort "Ehrenkodex" einfach streichen und auf ihre Sitzungsgelder verzichten.

Und dann hören wir bitte auch Patricia Riekel, die Chefredakteurin der Bunten dazu:

Wenn Sie einen Politiker wählen, der zum Beispiel sagt, ich stehe für ein christlich-soziales Lebensmodell und ich stehe für Familie und die Familie ist mir heilig, und wenn dieser Politiker mit seiner Familie in den Wahlkampf zieht und sagt, schauen Sie mich an, ich bin ein Vorbild, ein Familienvater, ich erfülle diese Pflichten und das ist für mich wichtig, und wenn dieser Politiker nebenbei eine Affäre hat, dann wäre das immer noch nicht für uns von Bedeutung. Wenn aber diese Affäre seit sechs Jahren andauert und in einem Kind gipfelt, dann hat der Wähler das Recht zu sagen, hier ist einer, der zwar dieses Wertesystem predigt, der aber selber nicht danach lebt. Die Moral eines Politikers hat ja durchaus Auswirkungen auch auf seine politischen Entscheidungen und damit auch auf unser aller Leben.

Irgendwie hat Patricia Riekel sogar Recht mit dem, was sie da sagt. Aber glauben Sie ihr darum? Beim Investigativem Journalismus geht es - natürlich auch um Geld. Es ist nur nicht so ganz klar, ob er eher kostet oder eher was bringt.

Es trägt ja zum Nimbus des Investigativen Journalismus bei, dass er im Ruf steht, für die Verlage ein Risiko zu bedeuten. Ein vom Investigativen Journalisten auseinandergenommener Anzeigekunde zieht seine Budgets ab und der Verlag leidet. Einerseits. Andererseits kann das aber dem Image des Mediums sehr nützlich sein. Zweischneidige Sache also.

Manfred Redelfs, Leiter der Recherche-Abteilung von Greenpeace, hat dazu in der "Frankfurter Rundschau" gesagt:

"Schließlich ist der investigative Journalismus aber selbst im Erfolgsfall häufig mit Unannehmlichkeiten für den Verlag oder den Sender verbunden, denn konfliktträchtige Enthüllungen ziehen fast zwangsläufig Ärger mit Anzeigenkunden, Politikern oder Privatleuten nach sich, die sich gegen kritische Veröffentlichungen zu wehren versuchen ... Diesen Schwierigkeiten steht auf der ökonomischen Ebene der Vorteil gegenüber, dass der Recherchejournalismus wie keine andere Form Exklusivberichte hervorbringt und damit im Medienwettbewerb auch Pluspunkte einspielen kann. Der Erfolg des SPIEGEL beruht wesentlich darauf, dass ... er am eindeutigsten mit Aufsehen erregenden Recherchen oder zumindest mit echten Neuigkeiten verbunden wird. Der Mut, in einen Qualitätswettbewerb einzutreten, fehlt aber offenbar den meisten Verlegern und Programmverantwortlichen. Dabei kann die Investition in Recherche sich mittel- und langfristig sehr wohl auszahlen, weil auf diesem Weg ein Renommee und Marktvorteil erarbeitet wird."

So gesehen müsste jeder vernünftige Verlag in den Investigativen Journalismus investieren - weil am Ende das Ergebnis stimmen wird. So wie ja überhaupt immer wieder die Argumentation zu hören ist, dass Journalismus nur aufgrund seiner Qualität überleben wird und für schlechten Journalismus niemand mehr irgendwas zahlen wird.

Das entspricht übrigens auch meiner eigenen Überzeugung. Die Frage ist nur, wieviel man als Verlag gerade noch sparen kann, ohne dass die Leser das bestrafen. Wenn die Margen enger werden, spielt diese Frage eine große Rolle.

Lassen Sie uns noch mal zum Interessenkonflikt zurückkehren: Sie haben ja sicher mitbekommen, dass die Zeit und Gruner & Jahr in das Marktsegment der Kundenmagazine investieren.

Der Spiegel hat neulich ein Interview mit Bernd Buchholz dazu geführt, daraus will ich Ihnen mal was vorlesen:

"SPIEGEL: Nehmen wir an, G + J bastelt für Konzern X ein Kundenblättchen. Da könnten Ihre Redakteure sich fragen, wie sie mit der nächsten Affäre bei X umgehen sollen.


Buchholz: Das hat hier dankenswerterweise noch niemanden von einer investigativen Story abgehalten. So bleibt es auch.


SPIEGEL: Und Sie wurden im Gegenzug noch nie von Vorstandschefs beschimpft?


Buchholz: Die eine oder andere Nachbereitung einer Geschichte hätte sicher erfreulicher verlaufen können. Aber das muss ich dann aushalten, zumal die Kunden einen professionellen Blick haben.


SPIEGEL: Weil die sich gar nicht erst bei einem Chefredakteur aufhalten, sondern gleich bei Ihnen beschweren?


Buchholz: Ha, ha! Nein, weil die auch wissen, dass man sich nette Berichterstattung nicht kaufen kann."

Dieses Gespräch finde ich ganz hübsch. Es ist eine Inszenierung. Von beiden Seiten. Die Spiegel-Kollegen tun so, als sei es sinnvoll diese Fragen zu stellen. Und Buchholz tut so, als beantworte er sie.

Ich habe bislang noch keinen Verantwortlichen eines einigermaßen relevanten Mediums und noch keinen Repräsentanten eines einigermaßen relevanten Verlages erlebt, der freimütig über Versuche wirtschaftlicher Einflussnahme gesprochen hat - und aufrichtig.

Das ist ja auch ein schwieriges Feld. Wenn die Lufthansa einer großen Tageszeitung auf einen Schlag alle Anzeigen entzieht weil die Berichterstattung über den Firmenboss nicht gefiel - dann ist das eine Katastrophe. Was passiert dann im echten Leben? Ich war nie dabei. Ich stelle mir aber vor, dass es - früher, als die Zeiten besser waren - etwa so gelaufen ist:

Der Geschäftsführer informiert den Chefredakteur bei einer routinemäßigen Sitzung oder bei einem ohnehin geplanten Mittagessen oder im Vorübergehen auf dem Gang: Du, wir verlieren gerade 50 000 Euro oder 100 000 Euro oder 500 000 Euro. Was weiß ich. Und dann guckt er ihn ein bisschen länger an als gewöhnlich. Oder hebt die Augenbrauen ein bisschen höher als üblich. Ich denke, das genügt.

Der Chefredakteur bittet dann um einen Termin beim Boss der Lufthansa um etwaige Missverständnisse zu besprechen und zu beheben und informiert - der guten Ordnung halber - den Ressortleiter Wirtschaft darüber. Ich stelle mir vor, dass es früher Zeitungen und Ressortleiter Wirtschaft gegegen hat, bei denen das - nicht gefruchtet hat und die einfach weiter ihren Job gemacht haben. Nicht viele. Aber die entscheidenden, die hat es gegeben. Das ist schon mal eine Menge.

So mag das gelaufen sein, als die Zeiten gut waren.

Heute, da die Zeiten schlechter sind läuft vermutlich anders. Schneller. Der Geschäftsführer ruft den Chefredakteur an und sagt: Euretwegen verlieren wir soundsoviel Euro. Muss das sein? Also bei aller Liebe für eure redaktionelle Unabhängigkeit - aber ist es das wert? Nicht, dass ich euch da reinreden will, ihr müsst nur selber überlegen: Ist es das wert?

Und dann denkt der Chefredakteur vielleicht an die Verantwortung der Belegschaft gegenüber, den Lesern gegenüber, der deutschen Demnokratie gegenüber - was weiß ich - und entscheidet: Nein, die paar Berichte über die Lufthansa sind das nicht wert.

Die Ressortleiter werden sich das auch denken. Vielleicht sogar der einzelne Journalist. Obwohl der immer noch - wie seine seligen Vorväter - von einer Mischung aus Ehrgeiz und Aufklärungsdrang angetrieben werden mag und sich um den Rest der Welt vielleicht wenig schert.

Also, ich bitte Sie zu bedenken: Das ist nur meine Vermutung. Ich habe keine Ahnung, ob es so läuft. Ich halte es für plausibel.

Ich hatte Ihnen am Anfang meine These genannt, dass der Investigative Journalismus als Begriff eine Idealisierung darstellt und eine Überhöhung. Ich bin der Ansicht - aber das können wir nachher mit den Kollegen vom Spiegel besprechen - dass die Recherche verdeckter Vorgänge ein wichtiger aber kein notwendiger Teil der journalistischen Kontrollfunktion im Staat ist. Man wundert sich oft, wieviele Dinge zutage liegen - und es interessiert niemanden. Die größten Rätsel behandeln oft nicht die versteckten Gegenstände - sondern die offenen. Die Steuerpolitik der FDP ist keine Frage der akribischen Recherche - sondern eine des klugen Nachdenkens, des kundigen Analysierens und dann vor allem eine des verständlichen und kämpferischen Aufschreibens.

Wenn ich entscheiden müsste, ob ich einen investigativ arbeitenden Journalisten einstellen sollte oder einen hervorragenden politischen Kommentator würde ich mich für den Kommentator entscheiden. Der Mehrwert ist höher. Nicht der in Geld. Sondern der in Demokratie.

Vielen Dank.

11:33 08.03.2010
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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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