Im Himmel

Gärtner In dieser Woche besucht Jakob Augstein die Grüne Woche und ist glücklich

Liebe Gartenfreunde, hier mal ein Beispiel für gelebten redak­tionellen Pluralismus. An anderer Stelle dieser Ausgabe finden Sie einen Bericht über die Grüne Woche, der diese alte Westberliner Institution – freitagtypisch – aus kritisch-spöttischer Distanz betrachtet. Und hier finden Sie nun meinen Text, der von ganz und gar unkritischer Begeisterung gekennzeichnet ist: Die Grüne Woche ist wirklich beeindruckend, völlig unersetzbar und sehr, sehr eigenartig.

Ich stelle mir vor, dass die Menschen des Mittelalters mit einer ähnlichen Mischung aus ungläubigem Staunen und fröhlicher Neugier über die Jahrmärkte gegangen sind wie ich jedes Jahr über die Grüne Woche gehe.

Mein Vorwand für den Besuch sind natürlich die Kinder. Ihnen macht es Spaß. Aber in Wahrheit würde ich auch allein gehen. Man kann dort sonderbare Tiere sehen, von deren Existenz man keine Ahnung hatte und deren Namen und Eigenschaften sich als kostbare Fundstücke im Gedächtnis einprägen: Ich denke etwa an das Axolotl, den viel zu wenig beachteten mexikanischen Schwanzlurch, der in der Biologie vor allem dadurch auffällig ist, dass er nie erwachsen wird. Oder an die Gespenstschrecke, die ein zugleich furchterregendes und wunderschönes Insekt ist, das eine junge Frau auf ihrem Arm sitzen hatte wie ein prächtiges Schmuckstück. Oder eben an das Edelschwein Paula, das – ausweislich seiner Beschilderung – zuletzt am Heiligen Abend geferkelt hat und dessen „Standort“, so war da zu lesen, der MAFZ Erlebnispark Paaren ist. Ach, herrliches Landleben! Die prächtigen Bullen bei der Bundesschau „Schwarz Rot Gold Robust“, die von ihren stolzen Züchtern am geschwungenen Horn in einer großartigen Parade unter den ungläubigen Blicken einer der Natur und ihren Wundern weitgehend entwöhnten Städterschaft aus der Halle geführt werden! Herrliches Skandinavien, für das kräftige blonde Frauen sonderbare Süßigkeiten, Stockfische und Smörrebröd feilbieten! Und natürlich die endlose Russische Födera­tion, die ebenso groß ist wie die Vielfalt ihrer Republiken, Gebiete, Autonomen Kreise und Regionen unüberschaubar.

Jedes Jahr entdeckt man hier in Berlin einen neuen Staat, eine neue Nation, deren Namen und Landestracht aus einem Tim-und-Struppi-Abenteuer zu stammen scheinen. Borschowistan? Nein, so hieß der Landstrich nicht. Aber so ähnlich. Mein Wort drauf! Und es sind immer untersetzte, fröhliche Männer mit Kunstlederjacken, die an diesen Ständen Wodka und Würste anbieten. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, die Produktion der Russischen Föderation bestehe vornehmlich aus Wodka und Würsten, und das sei auch die übliche Ernährung aller dort lebenden Menschen. Die Hallenwände sind bedeckt von riesigen stalinesken Bildern endloser Weizenfelder, auf denen junge, glückliche Traktoristen ihre Komsomolpflicht erfüllen.

Auch wenn Sie nur als Gartenfreund die Grüne Woche besuchen, werden Sie auf Ihre Kosten kommen. Wobei ich selbst davon Abstand genommen habe, in den Blumen- und Zwiebelhallen Geschäfte zu machen: Die Amaryllisknollen, die ich gesehen habe, schienen alt und trocken zu sein.

Aber das sind Kleinigkeiten. Man verlässt die Hallen unter dem Funkturm, die Beine müde, der Geist hellwach und voller Bilder und Sehnsüchte. Und schaut gleich zuhause in Hans Haases unverzichtbarem Ratgeber für den praktischen Landwirt nach, der den Stand agrarökonomischen Wissens wenigstens bis zum Jahr 1960 umfassend widerspiegelt. Vom Dungausfahren bis zum Einspritzen von Zottelwicke findet man darin alles, was man wissen muss, wenn man sich als Landwirt selbstständig machen will – oder davon zumindest träumt.


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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin

Jakob Augstein

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