In der Zwickmühle

Coronavirus Wir wollen Menschen retten. Und die Wirtschaft. Beides zusammen wird aber schwierig. Uns droht eine moralische Überforderung
In der Zwickmühle

Illustration: der Freitag

Unser Ausnahmezustand hat erst begonnen. Noch sind wir betäubt von der Geschwindigkeit, mit der uns die Krise erfasst hat. Daher die Ruhe und die Einigkeit. Aber die Zweifel werden kommen und die Erkenntnis, dass auch in der Krise – wie schon in der Normalität – die Menschen keineswegs gleich sind. Und dann wird das Abwägen von Interessen wieder beginnen, das mit der Feststellung des Notfalls ausgesetzt wurde.

Im Moment ruht das Schicksal des Landes in den Händen der Epidemiologen und natürlich in den Händen der Ordnungskräfte. Beiden Denksystemen ist zwangsläufig eine totalitäre Logik eingeschrieben: Die Ausbreitung der Seuche muss eingedämmt werden; den Anordnungen der Obrigkeit ist Folge zu leisten. Ein Polizist handelt als Polizist, ein Epidemiologe als Epidemiologe. Aber wenn wieder die Stunde der Politik kommt, müssen die Politiker wie Politiker handeln und sich aus dem Totalitarismus von Seuchenbekämpfung und Gehorsam lösen. Wann kommt diese Stunde und was geschieht dann?

Über kurz oder lang werden wir uns einer Dissonanz stellen müssen, auf die das Virus uns aufmerksam gemacht hat, von der wir nichts wissen wollen, der wir aber nicht ausweichen können. Denn es gibt einen Widerspruch zwischen unseren Werten und unserer Wirklichkeit. Unsere Werte sagen, dass ein menschliches Leben keinen Preis hat. Unsere Wirklichkeit beweist andauernd das Gegenteil. Unsere Zivilität hängt von dieser Lüge ab. Und wenn wir darauf gestoßen werden, reagieren wir so indigniert wie neulich die Süddeutsche Zeitung, als sie darüber berichtete, dass in den Niederlanden die Faustregel gelte: „Eine Investition von 60.000 Euro für ein gewonnenes gesundes Lebensjahr ist in Ordnung. Und wenn es teurer wird? Dann sind die Kosten größer als der Nutzen, einfach weil der Gesundheitszugewinn vergleichsweise gering ist.“

Das sei, heißt es dann, „utilitaristisch-pragmatisch“, und damit wird unterstellt, dass wir ganz anders denken. Was gelogen ist. Denn natürlich funktioniert auch das deutsche Gesundheitssystem nicht anders und die Gesellschaft als Ganzes schon gar nicht. Wir tun keineswegs jederzeit alles Menschenmögliche, um jedes einzelne Leben zu retten. Aber in dieser Krise, da tun wir so, als sei uns kein Leben zu teuer. Das spricht für uns. So wie es für die Italiener spricht, dass sie die täglichen Zahlen der Corona-Toten wie eine immer wieder aufs Neue herzzerreißende Katastrophe wahrnehmen und dass sie die Bilder aus Bergamo, als nachts die Militärlastwagen vorfuhren, um die Särge abzuholen, nicht achselzuckend hinnehmen.

Im Frühjahr 2016, als das „Flüchtlingsabkommen“ zwischen der EU und der Türkei geschlossen wurde, sagte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière: „Auch wenn wir jetzt einige Wochen ein paar harte Bilder aushalten müssen, unser Ansatz ist richtig.“ Damit waren Bilder von Flüchtenden gemeint, denen wir unsere Hilfe verweigern wollten. Das war eine Entscheidung, die von der Regierung für notwendig gehalten wurde. Wir haben uns damals die moralischen Kosten zugemutet – und den Flüchtenden die realen.

Wie werden wir in dieser Krise umgehen mit den Kosten – den moralischen und den realen? Im Moment verfolgen wir eine Strategie, die unter dem Namen Flatten the Curve bekannt wurde: Die Dauer der Epidemie wird in die Zukunft verlängert, das verhindert den Zusammenbruch des Gesundheitssystems – nimmt aber, wegen der dafür notwendigen Blockade, den Zusammenbruch unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft, unserer Kultur und unserer Demokratie in Kauf.

In der Wirklichkeit der Krise werden die Menschen auf unterschiedliche Weise zu Opfern. Die Armen mehr als die Reichen und die Alten mehr als die Jungen. Es gibt moralische Zwickmühlen, die mag niemand auflösen. Aber das Ausmaß der Krise lässt sich nur im Vergleich zum Normalfall ermessen. Der Normalfall sieht so aus, dass jeden Tag in Deutschland rund 2.550 Menschen sterben, 57 davon an Lungenentzündung. An Corona sind hierzulande bis Anfang der Woche weniger als 100 Menschen gestorben.

Welche Bedeutung geben wir diesen Zahlen? Und haben sie eine moralische Qualität? In Italien beträgt das durchschnittliche Alter der Toten etwa 80 Jahre. Wie viel wird es uns wert sein, unseren Alten ein, zwei, drei Jahre mehr zu ermöglichen? Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes können sich 31 Prozent der Bürger über 16 Jahre keine unerwarteten Ausgaben von 1.000 Euro leisten. Das sind 21,3 Millionen Menschen, die diese Krise härter treffen wird als die am oberen Ende der gesellschaftlichen Leiter. Denn je länger die Blockade dauert, desto unwahrscheinlicher wird es sein, dass der Staat, dass die Unternehmen die Kosten tragen können, ohne die Menschen in ernste Mitleidenschaft zu ziehen. Wer wird es dann verantworten, Millionen in den Ruin zu treiben?

Beides ist richtig: Wir werden keine Bilder von alten Menschen aushalten, die in den Fluren überfüllter deutscher Krankenhäuser ersticken, weil kein Personal mehr da ist, um sich ihrer anzunehmen, und keine Geräte, um ihr Leid zu lindern. Und wir werden nicht den Zusammenbruch von Wirtschaft und Gesellschaft aushalten, weil das alles ist, was wir haben. Ohne eine moralische Überforderung werden wir aus dieser Krise nicht rauskommen.

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06:00 26.03.2020
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein
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