Je linker, je stiller

Hegelplatz 1 Jakob Augstein fragt sich, warum Linke heutzutage so ungern reden
Je linker, je stiller
Vor dem Fernseher versammelten sich die Deutschen einst wie vor dem Lagerfeuer. Vor einem echten Feuer hingegen konnte es mitunter ganz schön einsam werden

Foto: Imago Images/Westend61

Bei uns hier am Hegelplatz arbeiten moderne, multimedial versierte Journalistinnen und Journalisten. Wir verstehen nicht nur etwas vom Zeitungmachen. Wir können auch Internet. (Nie das eigene Licht unter den Scheffel stellen und immer an den Satz von Helmut Kohl denken: „In Hölderlin war ich gut.“) Auch im Radio bewegen wir uns wie die Fische im Wasser, und leichtfüßig tänzeln wir natürlich durchs Fernsehen.

Vor dem Fernseher, Sie erinnern sich, versammelte sich einst die Nation wie um ein Lagerfeuer. Jedenfalls manchmal. Das ist vorbei. Die Lagerfeuer brennen heute anderswo. Im Netz. Und um diese neuen Feuer versammeln sich die Stämme, in die eine moderne Gesellschaft heute zerfällt. Weil wir hier auch irre gebildet sind, dazu kurz das passende Zitat: „Der wichtigste Paradigmenwechsel der Gegenwart ist der Übergang von der Sehnsucht nach Unabhängigkeit von einer aus Gemeinschaften bestehenden Gesellschaft zur Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einer aus Individuen bestehenden Gesellschaft.“ Jedenfalls ist der sogenannte Tribalismus das Ergebnis, und der zeichnet sich dadurch aus, dass jeder Stamm herausfinden will, wem er beizustehen und wen er umzubringen hat. (Noch ein geklautes Zitat.) Das Phänomen hat es in sich und alle sind dafür anfällig, die Guten wie die Bösen.

Wir hier am Hegelplatz natürlich nicht. Wir stehen darüber. Aber die anderen – schlimm. Ich weiß das deshalb, weil ich für den Sender 3sat gerade an einem kleinen Film über eine grundlegende Frage der Gegenwart arbeite: Was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn die Leute nur noch mit Gleichgesinnten reden? Und es ist wirklich interessant, wer darüber mit mir reden will – und wer nicht.

Wenn man grob vereinfachen will, lässt sich sagen: Die Linken wollen nicht reden, die Rechten schon. Früher war das anders. Da wollten die Linken immerzu über alles Mögliche reden und die Rechten haben sich nicht getraut, das Maul aufzureißen, wie sie es heute tun. Jetzt kann man sagen, früher war alles besser. Aber das ändert nichts daran, dass man heute kein Problem damit hat, rechte Ideologen, Publizisten, Philosophen, Politiker vors Mikrofon zu bekommen – im Gegenteil: Die reißen sich darum. Und die Linken? Der twitternde Pianist? Absage. Die kolumnisierende Feministin? Absage. Die philosophierende Publizistin? Absage. Je linker, desto Absage.

Ich bin da ja anders. Ich rede mit jedem. Und schreibe, was ich will. Und dann halte ich es mit dem Mystiker Jakob Böhme, der einen ziemlich guten Rat für die Kommunikationsprobleme der Moderne hat: „Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben.“

06:00 07.05.2019
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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