„Joe Kaeser glaubt das wirklich“

Interview Die Fridays for Future-Klimaaktivistin Luisa Neubauer erklärt, was der Siemens-Chef nicht verstanden hat
„Joe Kaeser glaubt das wirklich“
„Von 2020 ist abhängig, wie das Jahrhundert verläuft“, sagt Luisa Neubauer

Foto: Heike Blenk

Vergangene Woche sprach Siemens-Boss Joe Kaeser mit ihr über das Klima. Kurz danach war Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer zu Gast im Freitag-Salon.

der Freitag: Frau Neubauer, Fridays For Future ist ein Jahr alt, gerade hat der Siemens Chef Ihnen einen Aufsichtsrat-Posten angeboten. Da ist viel passiert …

Luisa Neubauer: Das kann man so sagen, ja.

Sie werden „das deutsche Gesicht der Bewegung“ genannt, „unsere Greta Thunberg“. Ist Personalisierung für solch eine Bewegung gut oder schlecht?

Beides. Sie ist hilfreich, weil die Öffentlichkeit Ansprechpartnerinnen und Identifikationspersonen braucht, weil man emotional sein darf und persönliche Geschichten teilen kann, die im Politischen oft viel zu kurz kommen. Sie wird aber problematisch, wenn alles, was dieser Mensch tut oder lässt, auf eine ganze Menge von Leuten projiziert wird, ohne dass er oder sie in diese Position gewählt wurde, ohne ein echtes Mandat zu haben.

Auf Bildern von Ihnen und Thunberg sehen Sie aus wie ihre ältere Schwester. Als würden Sie sie in Schutz nehmen wollen.

Das kann damit zusammenhängen, wie ich Greta kennenlernte, Ende 2018 bei der UN-Klimakonferenz in Katowice, sie wirkte sehr verschüchtert. Ganz anders, als ich sie heute erlebe. Ihr Vater war kurz vorm Burnout, überall Medien, super stressig. Ich fragte: Braucht ihr Hilfe? Ihr Vater antwortete: Ja! Ich habe den beiden dann ihre Termine koordiniert und sie ein wenig durch die Tage begleitet. Dabei habe ich genau beobachten können, was Greta bewirkt. Als ich zurückkam, begannen wir auch in Deutschland mit den Streiks.

FFF hat sich sehr schnell professionalisiert. Beschreiben Sie mal diesen Prozess ...

Es gab einen Moment im Februar 2019, da bin ich mit Greta nach Paris gefahren. Wir wollten dort mitstreiken, aber der Medienandrang war so groß, dass wir in Polizeibegleitung weggebracht werden mussten. Es wurde noch skurriler: Als wir dort saßen, in einem kleinen Raum, und sahen, wie die Massen draußen vorbei zogen, kam jemand rein und sagte, der Präsident empfange uns jetzt. Ich dachte zuerst an den Präsidenten von einem Sportclub. Fußball oder so, davon verstehe ich aber nichts. Dann war es der französische Präsident, wir saßen eine Stunde bei ihm. Da wusste ich: Fridays for Future ist nun etwas größer geworden.

Sie treffen viele bekannte Leute, Macron, Merkel, Joe Kaeser von Siemens ... Wie sind die so?

Naja, es ist schwer, das pauschal zu beantworten. Manche hauen einen mit ihrem Charisma um ... Obama! Der kommt rein und mit ihm eine Druckwelle. Der ist einfach wahnsinnig cool. Klimapolitisch aber nicht so sehr. Habe ich ihm auch gesagt.

Ich fand den politisch insgesamt nicht so toll, aber, stimmt, immer ein toller Auftritt.

Ja, das kann er. Beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie Macron mit uns gesprochen hat, seine erste Frage war: Was bewegt euch? Er hat uns 20 Minuten lang zugehört. Ganz anders Joe Kaeser. Der hat mir erstmal sehr lange erzählt, was bei Siemens gerade passiert, und ich hatte noch kein Wort gesagt.

Joe Kaeser sagt, dass Siemens mit allen, die den Klimawandel als Bedrohung sehen, auf einer Seite stünde. Glaubt er das wirklich? Oder ist er ein Zyniker?

Wahrscheinlich glaubt er das. Das Problem ist: Er verharrt in seiner Logik. Die lautet nicht: Jetzt sofort aus der Kohle raus, alle damit verbundenen Projekte abschalten! Sondern: Bitte effiziente Technologie, klug investieren, stabiler Partner sein. Diese Logik kollidiert mit unserem Verständnis von Klimaschutz.

Wie sieht das aus?

Was können wir uns noch leisten, was ist nicht mehr zu verantworten? Es gibt harte Haltelinien Aber Herr Kaeser hat mich am Montag angerufen ...

… nachdem er verkündet hatte, dass Siemens doch an einem umstrittenen Kohleförderungsprojekt in Australien mitwirkt.

Er hat gesagt: Frau Neubauer, ich möchte, dass Sie verstehen, warum ich diese Entscheidung getroffen habe. Immerhin. Hätte er nicht tun müssen. Aber er unterliegt einem Interpretationsfehler: Diese Mine darf es nicht geben. Punkt! Siemens ist ein Konzern, der sich mitschuldig macht.

Den Aufsichtsratposten bei Siemens Energy haben Sie abgelehnt. Sind Sie eigentlich Politikerin oder Aktivistin?

Aktivistin. Und mein Aktivismus ist klar außerparlamentarisch.

Glauben Sie, dass man demokratische Mehrheiten bekommt für die nötigen Maßnahmen?

Das 1,5-Grad-Ziel wurde von einer demokratisch gewählten Mehrheit beschlossen. Aus diesem Ziel kann man das Emissionsbudget für Deutschland ableiten. Und wenn man mit diesem Budget haushalten muss wie mit einem Finanzbudget, dann ergeben sich daraus Handlungszwänge.

Es ist das eine, so ein Ziel zu beschließen und etwas anderes, die Maßnahmen umzusetzen, die es braucht, es zu erreichen.

Ja, tatsächlich. Wie mobilisiert man Menschen für Entscheidungen, die teils unbequem oder nur ungewohnt sind? Hier traut sich gerade niemand ran.

Deshalb fragt man Sie so oft, ob Sie glauben, dass die Demokratie mit dem Problem fertig wird.

In Deutschland wurden lange Klimaschutz und Wohlstand gegeneinander ausgespielt. Was bedeutet Wohlstand, ist es das BIP? Bedeutet Klimaschutz nicht auch Wohlstand? Wann hat das BIP eigentlich aufgehört, den Menschen tatsächlich wohl zu tun? 20.000 Kohlekumpel-Jobs gelten als wahnsinnig viel wert. Gut so. Aber 80.000 Menschen, die ihren Job in der Windenergiebranche verloren haben, sind die weniger wert? In diesem Diskurs muss aufgeräumt werden.

Halten Sie die CO2-Bepreisung für gerecht? Wer Geld hat, darf die Umwelt verpesten?

Über diese Forderung haben wir uns bei FFF die Köpfe eingeschlagen: Weil eine Bepreisung ein urkapitalistischer Gedanke ist und wir wissen, dass diese Wirtschaftsweise langfristig nicht funktioniert. Wir fordern die CO₂-Bepreisung dennoch, weil eine überwältigende Zahl von Ökonomen sagt, dass kurzfristige Mechanismen notwendig sind. Man kann nicht von jeder Klimaschutzmaßnahme erwarten, dass sie nebenbei den Kapitalismus abschafft. Wer reich ist, verschmutzt auch mehr; dann soll er zumindest mehr dafür zahlen.

Kann wirksamer Klimaschutz innerhalb des Kapitalismus funktionieren?

Ideologische Kämpfe entzweien uns und führen zu einer Starre. Ich fände es nice, würden wir mal besprechen, was in den nächsten drei Jahren passieren sollte. 2020 ist ein historisches Jahr: In den 202 Szenarien des Weltklimarats zu möglichen Temperaturverläufen gibt es keines, in dem wir das 1,5-Grad-Ziel noch einhalten, wenn sich nicht in diesem Jahr die CO2-Graphen nach unten drehen. Dennoch wurden seit 2015 745 Milliarden Dollar in die Entwicklung neuer Kohlekraftwerke investiert. Siemens und Blackrock müssen mit diesen dreckigen Investitionen aufhören. Von 2020 ist abhängig, wie das Jahrhundert verläuft. Wir müssen schnell viel auf die Kette kriegen. Auch deshalb ziehen wir jetzt vor das Bundesverfassungsgericht, um verbindliche Klimaschutzmaßnahmen zu erzwingen.

Info

Dieses Gespräch fand im Rahmen des Freitag-Salons im Abaton-Kino Hamburg statt

Zum Nachhören

Weitere Gespräche von Jakob Augstein mit den „Fridays for Future“-Aktivistinnen Lucia Parbel und Pauline Brünger können Sie im Freitag-Podcast nachhören

13:55 15.01.2020
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 179
Jakob Augstein

Ausgabe 08/2020

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