„Klar kann ein Krüppel Kanzler“

Im Gespräch Der Journalist Hans-Peter Schütz hat ein Buch über Wolfgang Schäuble geschrieben. Jakob Augstein sprach mit ihm und Oskar Lafontaine über Attentate und heilsame Politik

Jakob Augstein: Im November 2010 hat Wolfgang Schäuble vor aller Augen seinen Pressesprecher massakriert. Haben Sie das gesehen?

Hans-Peter Schütz: Nein, aber ich beurteile Wolfgang Schäuble anders als jemand, der nicht dieses Schicksal erleiden musste. Im Nachhinein habe ich dann von ihm erfahren, dass er in dem Moment in einer ganz schlechten gesundheitlichen Verfassung war, und das hat vielleicht dazu beigetragen, dass er so reagiert hat.

Schäuble ist ja der erste Bundesminister, der so eine Behinderung hat. Das ist paradox: einer, den wir mit Macht und Kontrolle assoziieren. Wie geht die Öffentlichkeit damit um?

Schütz: Anders als Schäuble. Er sagt, dem Rollstuhl kannst du nicht entkommen. Er hat zwar, wie er mir gestand, als er da am Boden lag, zu seiner Frau gesagt: „Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?“ Aber der Gedanke hatte schon ein paar Tage später keinen Platz mehr bei ihm.

Vor zwei Jahren haben wir alles Mögliche über seine Darmfunktion, seine wunde Haut, seine entzündeten Fisteln erfahren. Das ging ziemlich weit.

Schütz: Die eigentlich Frage aber war, ob er es fertig bringt, mal drei Wochen auf der Seite zu liegen und nicht auf dem Hintern zu sitzen. Er ging zu Angela Merkel und sagte: „Ich muss aufgeben, ich schaff das nicht!“ Sie hat zu ihm gesagt: „Jetzt legen Sie sich drei Wochen ins Krankenhaus, machen, was die Ärzte sagen, und dann treffen wir eine Entscheidung.“ Seitdem geht es ihm gesundheitlich brillant.

Lafontaine: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Schäuble dem Rollstuhl durch Arbeit entkommt. Wenn er in Verhandlungen über die Euro-Krise sitzt, vergisst er den Rollstuhl. Ich war ja im gleichen Jahr Opfer eines Attentats und habe mir damals immer wieder die Frage gestellt: Was würdest du machen? Ich habe sehr viel Verständnis für ihn gehabt.

Wird mit der Gesundheit eines Menschen auch Politik gemacht?

Schütz: Gegen Schäuble gab es nach dem Attentat in der CDU massive Bedenken: „Wir können keinen Kanzler im Rollstuhl präsentieren, er kann kein Kanzlerkandidat sein.“ Es wurde nicht offen darüber gesprochen, aber Politik gegen ihn wurde damit schon gemacht, und er hat er mitbekommen.

Hätten wir einen Kanzler im Rollstuhl haben können?

Schütz: Ich sehe nicht, dass ein Rollstuhl ein unüberwindbares Hindernis ist. Ich habe ihn 1997 in einem Interview gefragt, ob er sich die Kanzlerschaft zutraut. Und ich stotterte herum, weil ich nicht das Wort „Krüppel“ verwenden wollte. Und er schaute mich streng an: „Schütz, jetzt reden Sie nicht so drumrum! Wir kommen beide aus Baden, und da wissen Sie doch ganz genau, wie ein Mensch im Rollstuhl heißt! Also fragen Sie mich jetzt endlich: Kann ein Krüppel Kanzler werden?“ Und er hat geantwortet: „Ja, ich glaube, ich würde der Versuchung nicht widerstehen.“

Geht man mit Ihnen und Ihrer Krankheit anders um, Herr Lafontaine?

Lafontaine: Mit dem Krebs? Dass die Medien bei einem Politiker der Linken weniger Rücksicht nehmen, ist keine Frage. Sicherlich würde man bei der Bild-Redaktion mal bei einem konservativen Politiker anfragen, wie weit man gehen kann. Aber bei einem Politiker der Linken gibt es solche Hemmungen nicht.

Haben die Schmerzen ihn zum Tyrannen gemacht?

Schütz: Nein, er war schon immer sehr aggressiv und wenig rücksichtsvoll gegenüber seinen eigenen Leuten.

Mögen Sie ihn?

Schütz: Das ist eine schwierige Frage. Ich respektiere ihn ganz außerordentlich. Wir hatten während meiner journalistischen Anfangsjahre in Bonn meistens nur Streit, und er sagte oft zu mir, wenn ich ihn zum Beispiel auf dem Tennisplatz traf: „Was hast du denn wieder für einen Scheiß geschrieben?!“

Eine Schlüsselszene in Schäubles Leben ist die Schwarzgeld-Affäre Ende der neunziger Jahre. Herr Lafontaine, was glauben Sie, warum hat er damals vor dem Untersuchungsausschuss gelogen?

Lafontaine: Er hatte wohl Angst zuzugeben, dass er in die Schmiergeldaffäre verwickelt war.

Schütz: Schäuble hat damals blitzschnell erkannt, dass er jetzt in der größten Gefahr war, in die Spendenaffäre hineingezogen zu werden. Er hat später gesagt: „Es war der größte Fehler meines Lebens.“ Aber er war schon verwirrt, wie das auf ihn zukam. Ich bin der festen Überzeugung, Angela Merkel wusste, als sie ihren offenen Brief in der FAZ schrieb, dass sie die Karriere von Wolfgang Schäuble in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Ihm ist die Kontrolle entglitten?

Schütz: Es war ein Reaktionsfehler. Er stellt es wie einen Ausrutscher dar.

Aber bereut er seine Rolle heute?

Schütz: Er hat gesagt: „Die Spende des Waffenhändlers Schreiber an mich, die war vollkommen in Ordnung. Was nicht in Ordnung war, war die buchhalterische Verarbeitung der 100.000 DM in der CDU.“

Lafontaine: Es wird als eine Selbstverständlichkeit gesehen, dass Konzerne und Banken Parteien finanzieren. Das Gerede von der Unabhängigkeit der Politik ist lächerlich. Solche Spenden müssten wie in Frankreich verboten werden.

Schütz: Ich habe nie verstanden, wie harmlos Schäuble das erzählt. Er hätte da bei einem Essen mit Herrn Schreiber gesessen, den er gar nicht gekannt hatte, und der sagte dann, er möchte ihm gern 100.000 Mark in bar spenden. Es ist bis heute nicht geklärt, wie es wirklich stattgefunden hat. Aber in bar bestimmt nicht! Und christliche Politik auf der einen und Spenden vom Waffenhandel auf der anderen Seite, das geht für mich nicht zusammen.

Erinnern Sie sich noch, wie beim zweiten Regierungsantritt von Merkel ein niederländischer Journalist die Kanzlerin gefragt hat, wie sie einem Mann die deutschen Finanzen anvertrauen kann, der 100.000 Mark in seinem Schreibtisch vergessen hat? Alle haben irritiert geschaut, und Merkel hat ihn einfach ignoriert. Trifft Schäuble so etwas?

Schütz: Ich glaube, dass er eine neue Auseinandersetzung mit dieser Frage strikt vermeidet.

Ich habe mich beim Lesen gewundert, dass er so überrascht gewesen sein soll, als ihm Kohl 1999 in den Rücken gefallen ist.

Schütz: Er hat immer geglaubt, er habe eine besondere Vertrauensbeziehung zu ihm. Erst in den letzten Monaten des gemeinsamen Regierens hat er bemerkt, dass Helmut Kohl ihn eigentlich nur benutzt.

Lafontaine: An dieser Stelle habe ich einen Einwand: Sie haben in ihrem Buch geschrieben, Sie verstehen nicht, dass Schäuble damals nicht rebelliert hat. Bedingungslose Loyalität sei eine Form von Feigheit. Das ist ein ungerechtes Urteil, denn wenn man sich in seine Lage versetzt – und die wurde von Frau Schäuble ja sehr eindrücklich beschrieben –, dass man sich so klein fühlt, so schlecht bewegen kann, wie man sich praktisch ausgeliefert fühlt. In einer solchen Situation findet man die innere Einstellung nicht, einen Aufstand gegen einen solchen Machtmenschen zu begehen.

Hätten Sie sich an Schäubles Stelle auch über Kohl gewundert?

Lafontaine: Eine Begabung von Helmut Kohl ist, die Leute für sich einzunehmen. Aber sein unbedingter Machtwille war immer spürbar. Kohl hat den Euro gegen wirtschaftliche Bedenken in der jetztigen Form eingeführt, und nun müssen seine Erben sehen, wie sie damit zurechtkommen. Der Erbe ist Wolfgang Schäuble, Die Lebenswege der beiden Politiker sind unauflöslich miteinander verbunden.

Respektieren Sie ihn als Europa-Politiker?

Lafontaine: Ja und auch ohne Einschränkungen. Aber der Euro ist eher leider zum Rohrkrepierer geworden. Da ich selbst eine Zeitlang Finanzminister war, stelle ich mir vor, ich wäre jetzt an seiner Stelle. Ich kann Herrn Schäuble wirklich nicht beneiden, denn er kann zur Lösung der Krise wenig beitragen, solange die Bundeskanzlerin Angela Merkel falsche Antworten gibt, weil sie die Ursachen der Krise nicht versteht.

Schütz: Sie haben mir mal gesagt, wenn es nötig gewesen wäre, hätten sie 1998 mit Wolfgang Schäuble eine große Koalition gemacht. Würde die Bundesrepublik heute anders dastehen?

Lafontaine: Eine große Koalition, auch mit Wolfgang Schäuble, wäre für mich kein Problem gewesen. Er ist ein sehr intelligenter Mensch, der auch zu Kompromissen fähig ist. Ich bevorzugte aber bekanntlich Rot-Grün, heute jedoch frage ich mich, ob eine große Koalition den Sozialstaat vielleicht weniger zertrümmert hätte als die Regierung Schröder/Fischer.

Aber Schröder ist nicht Ihr Kohl?

Lafontaine: Sicher nicht. Ich bin ein Jahr älter, und er hat in mir lange Zeit einen großen Bruder gesehen. Aber es gibt Parallelen: Ich habe darauf gesetzt, wenn wir vor der Wahl vereinbaren, dass wir die wichtigen Entscheidungen gemeinsam treffen, dass er das einhält. Und das war ein Irrtum.

Im Jahre 1990 wurden erst Sie, Herr Lafontaine, Opfer eines Attentats und dann Schäuble. War das Zufall?

Schütz: Diese Frage ist bis heute nicht einwandfrei geklärt. Es gibt Experten, die gesagt haben, dass Schäubles Attentäter durch das Attentat auf Oskar Lafontaine animiert worden ist.

Der Attentäter von Schäuble hat sich viel später aus der Psychiatrie heraus entschuldigt. Hat das bei ihm etwas ausgelöst?

Schütz: Nein, er hat zu mir gesagt: „Über diese Frage rede ich nicht, ich nehme keine Entschuldigung an. Wenn er nicht zurechnungsfähig war, dann muss ich ihm auch nicht verzeihen.“

Verstehen Sie das, Herr Lafontaine?

Lafontaine: Ja. Die Frau, die das Attentat auf mich verübte, ist auch in der Psychiatrie gelandet. Sie hat mich um Verzeihung gebeten. Ich stand dann vor der Frage, antworte ich ihr oder nicht. Ich habe mich ja im Laufe meines Lebens mit Sozialpsychologie beschäftigt und weiß, wenn man sich darauf einlässt, dann besteht die Gefahr, dass eine Fixierung stattfindet. Mein Büroleiter hat ihr daher geantwortet: „Herr Lafontaine dankt Ihnen und lässt ihnen ausrichten, dass er das als eine Krankheit angesehen hat und nicht als ein schuldhaftes Handeln.“ Seitdem ist nichts mehr passiert, die Frau, soweit ich weiß, ist immer noch in der Psychiatrie.

Sie haben vorhin gesagt, dass Schäuble sich durch das Attentat nicht verändert hat. Aber vorstellbar ist das ja nicht.

Lafontaine: Nein, so richtig nicht. Ein solcher Eingriff verändert die Psyche, das ganze Leben, wenn man erfährt, wie verletzlich man ist.

Schütz: Diese Erfahrung gibt auch Wolfgang Schäuble zu. Aber er sagt auch, ich habe mich in meiner politischen Arbeit, den politischen Zielen nicht verändert. Sie haben sich ja relativ kurz nach dem Attentat zu einem Treffen zusammengefunden.

Lafontaine: Ich wollte ihm einfach ein Signal der Zuwendung geben. Und dann war das die eindrucksvollste Begegnung, die wir hatten. Er lag im Bett, ich saß davor, und es kam zu einem wirklichen Gespräch.

Nächstes Jahr werden Sie 70. Wird Herr Schäuble dann auch zu einer Buchvorstellung kommen?

Lafontaine: Weiß ich nicht. Vielleicht hat er Angst, das könnte seine Partei falsch verstehen.

Zum Schluss: Gibt es für Wolfgang Schäuble einen richtigen Moment aufzuhören?

Schütz: Ich glaube, er braucht die politische Arbeit, um weiterleben zu können. Im Urlaub auf Sylt fährt er mit seinem Rollstuhl manchmal im Kreis herum, sodass man mit dem Fahrrad kaum mikommt, aber sonst hat er eigentlich keine anderen Interessen als Politik. Er hat es jetzt vor der Bundestagswahl in der Öffentlichkeit immer strikt verschwiegen, aber schon vor einem Jahr hat er mir gesagt, dass er sich nicht vorstellen kann aufzuhören. Ich gehe davon aus, wenn es zu einer großen Koalition kommt, wird er nicht Finanzminister bleiben können, aber vielleicht wird er als dienstältester Parlamentarier Bundestagspräsident werden.

Hans-Peter Schütz wurde 1939 in Donaueschingen geboren. Er arbeitete viele Jahre beim Stern und hat den politischen Lebensweg des drei Jahre jüngeren Schäuble, der wie Schütz auch aus Baden stammt, seit den Siebzigern begleitet. Sein Buch Wolfgang Schäuble. Zwei Leben ist soeben im Droemer Verlag erschienen

Oskar Lafontaine wurde 1943 in Saarlouis geboren. Der Linkspolitiker wurde im selben Jahr wie Wolfgang Schäuble, nämlich 1990, Opfer eines Attentats. Außerdem bekleidete er nach der Bundestagswahl 1998, wenn auch nur für wenige Monate, ebenfalls einmal das Amt des Finanzministers. Lafontaine wird nächstes Jahr 70

09:51 21.09.2012
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein
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