Krieg der Machos

Syrien Der Westen hat seine Raketen allein zur eigenen Triebabfuhr verfeuert
Krieg der Machos
Für den kriegerischen Geist ist der Nahe Osten ein Mekka: Söldner und Soldaten, Militärberater, Geheimdienstler und Glücksritter

Foto: Alex Wong/Getty Images

Stand ein Krieg zwischen den USA und Russland kurz bevor? Diese Frage konnte man sich vergangene Woche tatsächlich stellen. „Kuba-Krise“: Das Wort ging um, als eine US-geführte Tripelallianz, zu der Großbritannien und Frankreich gehörten, mit dem Beschuss Syriens auf einen mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz reagierte. Die Angst steigt, dass aus der russisch-westlichen Konfrontation ein heißer Krieg werden könnte.

Wenn die Kuba-Krise der richtige historische Bezugsort ist, dann befinden wir uns gegenwärtig, wie zu Beginn der 1960er Jahre, auf dem Höhepunkt der Enfremdung. Lange vor dem Beginn der Entspannungspolitik. Aber solche Vergleiche sind gefährlich. Denn sie legen nahe: Da wir die Kuba-Krise überstanden haben, werden wir auch diese Krise überstehen. Wer jetzt den Krieg fürchtet, der muss wie damals auf die Vernunft der handelnden Personen hoffen und auf die Zuverlässigkeit der technischen Systeme. Eine schwache Hoffnung.

Die Risiken des westlichen Angriffs auf Syrien waren enorm. Hier ein denkbares Szenario: Russische Luftabwehr des Typs S-400 Triumf reagiert auf die Annäherung amerikanischer Marschflugkörper. US-Raketen schalten ein russisches Kommandozentrum aus und töten 22 Soldaten. Die Russen reagieren mit Beschuss des US-Zerstörers „Donald Cook“, der vor der syrischen Küste im Mittelmeer kreuzt. Zwölf Amerikaner verlieren ihr Leben, einer von zwei anfliegenden Suchoi-Su-34-Jagdbombern wird abgeschossen. Die beiden russischen Piloten sterben.

Wie wäre ein solches Kriegstheater weitergegangen? Welche Seite hätte die Kraft besessen, aus der Logik der Eskalation auszusteigen? In den vergangenen Jahren hat es einen Prozess der inneren Aufrüstung gegeben, auf beiden Seiten, eine Konditionierung für die kommende Auseinandersetzung. „Der Russe“ ist wieder unser Feind. Die Medien tun dafür auch in Deutschland das Ihre. Die grüne Politikerin Antje Vollmer hat gesagt: „Ich habe selten eine so geschlossene Gesellschaft gesehen wie diese mediale Einheitsfront in Bezug auf Russland und Osteuropa.“

Tatsächlich: Neulich veröffentlichte die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) ihren Bericht über die Substanz, mit der der ehemalige Doppelagent Skripal und seine Tochter vergiftet worden waren. Die Nachrichtenagentur AFP meldete: „OPCW bestätigt russische Herkunft des Giftes im Fall Skripal“ – und eine große Zahl von Medien griff das auf, verbreitete es und hielt daran fest – obwohl sich die OPCW gar nicht zur Herkunft des Stoffes geäußert hatte. Da aber viele Beobachter ihr Urteil über die russische Schuld längst gefällt hatten, spielten die nachprüfbaren Fakten gar keine Rolle.

Für diesen kriegerischen Geist, dem ein sehr männliches Denken innewohnt, ist der Nahe Osten ein Mekka: Söldner und Soldaten, Militärberater, Geheimdienstler und Glücksritter. Ein Paradies für Psychopathen und Perverse, für die Brutalen und die Skrupellosen. Und vergessen wir nicht den Tross der Marketender, die an dem Kriegstheater verdienen. Die Männerbande will ja versorgt werden, mit allem, was sie zum Leben und Töten braucht, mit Waffen, Drogen, Frauen, Autos. Am Wochenende trifft man sich zum Ausspannen in den Bars und Bordellen von Dubai.

Die Faszination für militärische Gewalt sickert auch bei uns schon wieder durch, die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Paris handelt, Berlin eiert.“ So geht, auch 2018, der außenpolitische Machojournalismus der alten Schule: Wer schießt, handelt. Wer nur redet, eiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat aber nicht „geeiert“ – sondern einmal die richtige Entscheidung getroffen, als sie Deutschland aus diesem Waffengang heraushielt, der nicht nur gefährlich war, sondern vor allem zwecklos. Wie sehr die praktische Vernunft auf dem Rückzug ist, zeigt, dass bei Militäreinsätzen wie diesem nicht die Befürworter ihr Handeln rechtfertigen müssen, sondern die Gegner.

Den jüngsten Einsatz begrüßten auch jene, die wissen, dass sich die militärische Balance in Syrien dadurch nicht ändern wird, und auch jene, die ahnen, dass Assad weiter die Fähigkeit haben wird, Menschen mit chemischen Waffen zu quälen. Das heißt, dass Leute die Militärschläge unterstützen, die sich über deren Sinnlosigkeit vollkommen im Klaren sind. Das ist die surreale Politik der militärischen Interventionen des Westens.

Sinnlos? Nein, die Raketen waren selbstbezüglich. Sie wurden nicht abgefeuert, um in Syrien etwas zu bewirken – sondern hier, bei uns. Sie dienten der moralischen Hygiene des Westens. Raketen als Triebabfuhr.Eine öffentliche Reflexion dessen fand freilich kaum statt. Mit stoischem Gleichmut betonten die allermeisten Kommentatoren sowohl die Notwendigkeit als auch die Sinnlosigkeit dieses Angriffs.

Es scheint, als seien diese Kollegen alle bei Alfred Wunsiedel in die Schule gegangen, jenem Unternehmer bei Heinrich Böll, der den ganzen Tag durch die Gänge seiner Fabrik läuft und ruft: „Es muss etwas geschehen!“ Woraufhin seine Belegschaft antwortet: „Es wird etwas geschehen!“

In Alfred Wunsiedels Fabrik geht es nur um Seife. In der neuen Auseinandersetzung zwischen dem Westen und Russland steht deutlich mehr auf dem Spiel.

06:00 22.04.2018
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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