Krieg und Frieden

Zypern Die Erfahrungen der Deutschen im 20. Jahrhundert sind offenbar nichts mehr wert – sonst würde sich die Politik in der Schuldenkrise jetzt sicher anders verhalten
Krieg und Frieden
Zyprer mit Merkel-Masken während einer Demonstration am 19. März in Nicosia
Foto: Barbara Laborde/ AFP/ Getty Images

Nun wissen wir, wozu wir fähig sind – und wozu nicht. In der Zypern-Krise haben die Deutschen ihre Macht gezeigt – und dass sie damit nicht richtig umgehen können. Ja, es waren die Zyprioten selbst, die ihre reichen russischen Gönner schützen und dafür ihre eigenen Leute über die Sparklinge springen lassen wollten. Aber es waren die mächtigen Deutschen, die diesen irrsinnigen Plan abnickten. Hauptsache, die Schulden werden bezahlt, von wem ist egal. Das ist die Mentalität einer Inkasso-Firma. Damit baut man kein gemeinsames Europa.

Sonderbare Ironie

Die ganze Welt horchte auf. Einlagensicherung hin, Angela Merkels Versprechen her: Im Zweifel lassen die Deutschen die einfachen Leute bluten. Der Plan wurde zurückgenommen. Jetzt geht es doch den reichen Russen an den Kragen. Sie reden von Enteignung. Eine sonderbare Ironie. Man wüsste gerne, was die Russen den Zyprioten angeboten hatten – und warum jene das Angebot nicht annahmen. Jetzt bleiben die Russen draußen. Wirklich böse dürfte Wladimir Putin aber nicht sein: Er bemüht sich ohnehin zur Zeit, russisches Geld zu repatriieren. Wenn die Schwarzgeldinsel im Mittelmeer in Schieflage gerät, kann das dem Kreml nur Recht sein.

Aber die unprofessionelle Politik der Deutschen hat das Vertrauen in die Krisenmanager erschüttert: Welchen Wert hat das Wort der Kanzlerin? Zypern hat erneut gezeigt: Auf die Deutschen ist kein Verlass. Und das leichtfertige Gerede des Euro-Gruppen-Chefs Jeroen Dijsselbloem bestätigt die Befürchtungen: Der Korken ist von der Flasche. Wer sein Geld jetzt noch bei südeuropäischen Banken lässt, ist entweder Patriot oder selbst schuld.

Der alte Nationalstaat lebt wieder auf

Unter Angela Merkels Führung lebt das Europa der Nationalstaaten wieder auf. Alt-Kanzler Helmut Schmidt hat gemahnt: „Das deutsche Bundesverfassungsgericht, die Bundesbank und vorher schon Bundeskanzlerin Merkel gerieren sich zum Teil zur Verzweiflung unserer Nachbarn als das Zentrum Europas.“ Ein Teil der öffentlichen Meinung sei hierzulande von einer „national-egoistischen Sichtweise“ geprägt. Der alte Mann, der den Krieg miterlebt hat, wird dieses Wort nicht leichtfertig gebraucht haben: national-egoistisch.

Europa wurde heutigen Generationen lange Zeit als Frage von Krieg und Frieden verkauft. Aber das verfängt nicht mehr. Vielleicht, weil der Krieg zu lange her ist und der Frieden als selbstverständlich gilt. Welch ein Irrtum! Noch jubeln die Deutschen ihrer Kanzlerin zu. Aber sie sollten an die Worte des Luxemburgers Jean-Claude Juncker denken: „Wer glaubt, dass sich die ewige Frage von Krieg und Frieden in Europa nie mehr stellt, könnte sich gewaltig irren. Die Dämonen sind nicht weg, sie schlafen nur.“

Dieser Euro-Konflikt entpuppt sich immer mehr als ein Konflikt um die deutsche Vorherrschaft in Europa. Es sieht aus wie Wirtschaft. In Wahrheit ist es Machtpolitik. Die Deutschen binden die europäischen Völker mit der Fessel der Schulden. „Wenn die Geschichte etwas zeigt, dann dies, dass es keine bessere Methode gibt, auf Gewalt gegründete Beziehungen zu verteidigen und moralisch zu rechtfertigen, als sie in die Sprache von Schuld zu kleiden – vor allem, weil es dann sofort den Anschein hat, als sei das Opfer in Unrecht“, hat der US-Ethnologe David Graeber geschrieben.

Merkel mit Hitler-Bärtchen

Wie stets in der Vergangenheit werden auch jetzt die Unterlegenen beschimpft. Wer Schulden hat, hat sich schuldig gemacht. Das gibt Raum für Vorwürfe und gleichzeitig für Selbstmitleid: „Ohne deutsche Garantien gäbe es keinen Rettungsschirm. Doch ausgerechnet uns Deutschen schlägt in den Krisenländern Kritik, ja offener Hass entgegen. Die Kanzlerin wird mit Hitler-Schnurrbart verunglimpft, deutsche Flaggen werden heruntergerissen, wir Deutschen sind die Bösen, die an allem Elend schuld sind.“ So brach es jüngst aus dem konservativen Bild-Kommentator Hugo-Müller Vogg hervor. So wird an den Stammtischen diskutiert, an den proletarischen wie an den professoralen, von denen aus die neue rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland zu einem glänzenden Erfolg bei den Bundestagswahlen gelangen könnte.

Dabei ist das alles eine Lüge. Bislang haben die Deutschen für die Krise nicht gezahlt, sondern an ihr verdient. Da sind die Zinsersparnisse, die Deutschland seit Krisenbeginn realisieren konnte, allein im vergangenen Jahr 10 Milliarden Euro. Und da sind die Zinszahlungen der Schuldnerstaaten. Das ist die Realität der Eurokrise: Die Armen von Athen bezahlen die Reichen in Deutschland.

Wir gönnen uns den Luxus der Nabelschau. Die historischen Erfahrungen taugen nur noch für mollige Fernsehabende, wenn wir „Unseren Müttern, unseren Vätern“ beim Scheitern zusehen. Aber es bedeutet nichts für die Gegenwart. Wie schon zweimal zuvor in der jüngeren Geschichte lassen sich die Deutschen schon wieder immer tiefer in einen Konflikt mit ihren Nachbarn führen. Ohne Rücksicht auf die Kosten und mit einem Ziel: die deutsche Vorherrschaft auf dem Kontinent. Angela Merkels Vorstellung von europäischer Integration sieht so aus: Europa soll sich Deutschland beugen.

09:27 27.03.2013
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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