Jakob Augstein
Ausgabe 1215 | 29.04.2015 | 06:00 10

„Lachen ist hilfreich“

Interview Die Yes Men sind die Superstars der Kommunikationsguerilla, ihre Aktionen erregen weltweit Aufsehen. Wie arbeiten sie? Was bewirken sie wirklich?

Der Freitag: Wenn man sich die Aktionen der Yes Men anschaut, sieht alles oft ganz einfach aus. Braucht man nicht mehr als eine Visitenkarte und einen Anzug, um sich in der Wirtschaftswelt einzuschleichen und eine Veranstaltung zu kapern?

Igor Vamos: Normalerweise braucht man tatsächlich nur eine Visitenkarte, um zu beweisen, dass man jemand ist. Umgekehrt ist man aber auch niemand, wenn man keine hat.

Was war denn die letzte Aktion der Yes Men?

Jacques Servin: Bei einer unserer letzten Aktionen sind wir zu einer Konferenz des Homeland-Security-Ministeriums in Washington gegangen und haben uns als Beamte des Energieministeriums und des „Bureau of Indian Affairs“ vorgestellt. Dann haben wir angekündigt, dass die USA bis 2030 zu 100 Prozent grüne Energie nutzen werden. Dafür bekamen wir – vielleicht gar nicht so überraschend – viel Zuspruch von den Verteidigungs- und Sicherheitsleuten. Die fanden die Idee alle super. Man sieht: Sobald eine Person eine positive Rede hält und überzeugen kann, nimmt das Publikum die Idee offen auf.

Als Jacques Servin sich 2004 als Sprecher des Chemiekonzerns Dow Chemical ausgab und in einem Live-Interview mit der BBC die Verantwortung für die Katastrophe im indischen Bhopal übernahm, unter der heute noch Tausende Menschen leiden, verlor die Firma kurzzeitig zwei Milliarden Dollar an Aktienwert. Haben die versucht, Sie dafür haftbar zu machen?

Vamos: Nein, wir wussten auch gar nicht, dass wir ihnen einen solchen Verlust verursachen würden. Es zeigt den ganzen Zynismus der Märkte. Eigentlich hätte Dow Chemical mit der Übernahme der Verantwortung ja das Richtige getan. Also moralisch gesehen. Hätten wir vorher gewusst, dass die Aktien deshalb so abrauschen, hätten wir viel Geld damit machen können, auf den fallenden Kurs zu setzen.

Und daran haben Sie vorher nicht gedacht?

Vamos: Nein.

Servin: Wären wir schlau genug gewesen, um zu wissen, dass das passieren würde, wären wir jetzt im Gefängnis. Es gab eine Untersuchung der Börsenaufsichtsbehörde, die herausfinden sollte, ob wir uns mit der Aktion bereichern wollten. Hätten wir auf den sinkenden Kurs spekuliert, hätten wir jetzt echte Probleme.

Vamos: Es gibt da außerdem noch ein anderes kleines Problem. Du brauchst vorher schon richtig viel Geld, um auf diese Weise abzusahnen.

Klären Sie die rechtlichen Konsequenzen vorher ab?

Vamos: Bei unseren ersten Aktionen haben wir vorher immer mit Anwälten gesprochen. Wir haben ihnen erzählt, dass wir vorhatten, uns als diese oder jene Person auszugeben, eine Fake-Website zu erstellen oder was auch immer. Einige Anwälte sagten: „Das solltet ihr wirklich nicht tun, das ist nicht okay.“ Andere sagten: „Na ja, wir wissen es nicht so genau, welche rechtlichen Folgen das haben kann. Aber probiert es doch aus.“ Auf die haben wir dann gehört. Und es hat sich herausgestellt, dass es nicht so sehr ein rechtliches Problem ist. Die Unternehmen wollen keine große Aufmerksamkeit auf ihre Verfehlungen lenken und klagen deshalb nicht. Wenn du also weißt, wie du die Medien benutzen kannst, bist du klar im Vorteil. Die Konzerne wissen das nämlich nicht so genau. Die zahlen Millionen von Dollar, um sich beraten zu lassen.

The Yes Men

Jacques Servin (links) und Igor Vamos sind die Köpfe der New Yorker Gruppe The Yes Men. In ihrem neuen Film (The Yes Men are revolting) thematisieren sie das Älterwerden als Aktivist

Wo kommt eigentlich das Geld für die aufwendigen Yes-Men-Aktionen her?

Servin: Ursprünglich aus unserer richtigen Arbeit. Wir haben ja normale Jobs. Damit haben wir das meiste finanziert.

Ihre Familien müssen begeistert sein …

Vamos: Doch, unsere Familien lieben die Arbeit der Yes Men.

Servin: Wir arbeiten heute beide als Professoren an Universitäten. Das war natürlich nicht immer so. Wir hatten früher auch andere Jobs, aber wir haben immer gearbeitet. Die Yes Men machen wir nicht hauptberuflich. Heute kriegen wir auch Geld von privaten Stiftungen. Wir haben mittlerweile eine eigene NGO, das Yes Lab. Da schulen wir Organisationen und Privatpersonen.

Es ist wirklich lustig, was Sie machen, aber: Sie tun dem System im Grunde nicht weh. Der Kapitalismus, in dem wir heute leben, kann Ihre Aktionen einfach absorbieren. Ist das nicht ein Problem?

Vamos: Ja, auf jeden Fall.

Und wie gehen Sie damit um?

Vamos: Wir wissen, wie man Geschichten über wichtige Probleme in die Medien bringt. Natürlich bringt das das System nicht zu Fall, aber es gibt andere Dinge, die das System stürzen könnten. Massenbewegungen verändern zum Beispiel Dinge. Und wir hoffen, dass unsere Arbeit einen Teil dazu beiträgt, indem einige Ideen in die Öffentlichkeit gelangen, die sonst keine Aufmerksamkeit kriegen. Oder indem wir Aktivisten einfach aufheitern. Ich glaube, Aktivisten zum Lachen zu bringen, ist wichtig und hilfreich.

Aber ist es nicht so, dass diese Art von Aktivismus vor 15 Jahren einen viel größeren Einfluss hatte als heute, weil das System, die Institutionen, die Menschen und die Medien sich daran gewöhnt haben? Heute kann die andere Seite leicht sagen: „Das ist Teil unserer großartigen westlichen Demokratie. Sogar die Yes Men sind ein Beispiel dafür, wie gut unser System funktioniert. Wir lassen sie tun, was sie wollen, und trotzdem geht alles den gewohnten Gang“.

Vamos: Das habe ich sie noch nie sagen hören.

Servin: Es ist auch nicht wichtig, was die von uns denken. Uns ist es ehrlich gesagt egal, was sie denken. Denn das ist nicht der Weg, wie sich Dinge verändern. Menschen, Bewegungen, Aufstände bringen wirkliche Veränderungen. Und es gibt ein paar Anzeichen dafür, dass Menschen sich von dem, was wir machen, inspiriert fühlen. Das zählt.

Vamos: Wir bekommen viele E-Mails. Junge Leute schreiben uns: „Ich habe immer das gedacht, was meine Eltern gedacht haben. Sie haben mich total konservativ erzogen. Aber jetzt bin ich bereit, das Scheißsystem zu stürzen.“ Außerdem haben wir herausgefunden, dass Dow Chemicals uns ausspionieren ließ. Sie haben uns nicht verklagt, stattdessen haben sie eine Firma engagiert, uns zu überwachen. Wenn die so viel Aufwand betreiben, müssen unsere Aktionen doch einen Einfluss gehabt haben.

Was ist eigentlich aus Occupy geworden?

Vamos: Occupy lebt und ist aktiv in New York. Ab und zu tauchen sie in den Medien auf. Als der Hurrikan Sandy New York traf, wurden sie besonders sichtbar. Alle Netzwerke von Occupy wurden aktiv, sorgten für Schutz und Essen für Menschen, die es brauchten. Es gibt da gut funktionierende Netzwerke. Das Gleiche konnte man beim Marsch der Millionen gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze sehen. Es gab eine riesige Demo in New York. Die Initiative kam von einigen Studenten. Sie nutzten die Netzwerke von Occupy, um die Demo möglich zu machen.

Veränderungen passieren also, ohne dauernd sichtbar zu sein?

Vamos: Ja, Bewegungen sind in der Regel die meiste Zeit unsichtbar. Dann werden sie für kurze Zeit sichtbar. Sogar bei der Bürgerrechtsbewegung in den USA war es so. Damals hätte man sie wahrscheinlich die meiste Zeit kaum wahrgenommen. Erst jetzt, rückblickend, ist es unstrittig, dass es sie gab und sie vieles verändert hat.

Sie machen das jetzt schon seit 15 Jahren und klingen immer noch sehr optimistisch ...

Vamos: 15 Jahre ist keine besonders lange Zeit, wenn es um gesellschaftliche Veränderungen geht.

Servin: Wir werden auf jeden Fall weitermachen. Momentan konzentrieren wir uns auf den Klimawandel. Er ist eine Gefahr für unsere Zivilisation und den Großteil der Lebewesen auf der Erde. Das scheint uns ein ziemlich dringendes Problem. Wenn wir aber nicht optimistisch blieben, könnten wir gleich aufgeben und in Yes-Men-Rente gehen. Aber es gibt Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen. Außerdem: Bei uns hat das Älterwerden auch Vorteile.

Wieso das?

Servin: Wenn man älter wird, wird man auch respektabler. Das macht vieles leichter.

Weiße Haare und eine Visitenkarte sind besser als nur eine Visitenkarte allein?

Servin: Wir kennen viele junge Leute zwischen 18 und 23 Jahren, die gern solche Aktionen machen wollen. Nur ist es unmöglich, sie aussehen zu lassen, als wären sie der Chef irgendeiner Firma. Das funktioniert nicht. Darum wird es einfacher, je älter man wird.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/15.

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 29.04.2015 | 11:11

Die legendäre BBC-Aktion hat wie ich finde ein paar Dinge manifestiert:

1. Der "shareholder value" ist immer mehr Wert als Menschenleben (stellt nicht meine Ansicht dar!), Dow steht seitdem zu Recht beispielhaft für diese Praxis – und die zwei Milliarden $ "postwendend" Minus waren mithin die maximal schändliche Offenbarung der Finanzakteure, dass die nicht einen Deut besser sind!

2. Aber die Welt hat schon eindeutig und glasklar verstanden, was die Aktion eigentlich an's Tageslicht gebracht hat.

Die bezahlte Unmenschlichkeit und die studierte Gewissenlosigkeit, wie sie die Multi-Bosse wahrscheinlich allesamt in ihren Job mitbringen, harmoniert ausgezeichnet mit ihrer Volksferne und den Heerscharen von ebenso gewissen- und charakterlosen Juristen, die ihnen mit allen Mitteln den Weg ebnen. Gemeinsam bilden sie das abgeschottete "da oben".

Um es mal zugespitzt zu fragen:
Wovor müssen sich solche Menschen eigentlich mehr fürchten – vor der Bevölkerung oder vor Ihresgleichen?

Oberham 03.05.2015 | 16:11

... ich glaube die boten mal Kreuzfahrten für arbeitslose Inder und Chinesen an, die Passagiere sollten als Tiernahrung in den "Zieldestinationen" ankommen - in Nullkommanix wären genug Investoren bereit gewesen 200 Millionen für die etwas anderen Fabrikschiffe bereit zu stellen - die Enttäuschung war - wie immer rießig, dass es nur ein Fake war.