Moralische Kernschmelze

Aufruhr Der Westen erlebt sein soziales Fukushima. Die Gerechtigkeit steht auf dem Spiel. Wer wird siegen: die Demokratie oder der Kapitalismus?

Von der Gestalt der künftigen Tragödie wissen wir nichts“ hat Botho Strauß einmal geschrieben. Aber das gilt nicht mehr. Inzwischen können wir uns die Gestalt unserer Tragödie ganz gut ausmalen. Wir müssen nur bei Youtube nachsehen. Die Bilder der riots sind der Vorfilm unserer Zukunft: Der malayische Student Asyraf Haziq Rosli sitzt blutend am Boden, ein paar Jugendliche beugen sich über ihn, zwei helfen ihm auf, während in aller Ruhe der dritte den Rucksack des Verletzten öffnet und ausräumt. Sie lassen den jungen Mann, der sich nicht wehren kann, dastehen. Das ist der menschliche Nullpunkt.

Der britische Premier Cameron hat ein paar Tage gebraucht, um die richtigen Worte zu finden. Erst in dieser Woche sagte er: „Die sozialen Probleme, die sich seit Jahrzehnten entwickelt haben, sind vor unseren Augen explodiert“. Und er sprach von der „kaputten Gesellschaft“. Für einen Tory ist das ein Fortschritt. Gesellschaft – das Wort kommt dem britischen Konservativen nicht leicht von den Lippen. Da wirkt immer noch die Lehre Jeremy Benthams nach, der vom „fiktiven Körper“ sprach. Aber wenn die Gesellschaft kaputt ist, geht auch der Mensch kaputt. Das wollten Margret Thatcher und die anderen neoliberalen Ideologen nach ihr nicht wahrhaben. Der Markt hat keine moralische Qualität ,und ohne Moral werden wir zu Tieren.

Alle Debatten über gesellschaftliche und private Verantwortung mal beiseite: Keine Gesellschaft ist ganz machtlos, ob ein Kind zum gewissenlosen Schurken wird. Sie müsste wahnsinning sein, den Einfluss, den sie hat, aufzugeben. Aber solcher Wahnsinn hat sich im Westen ausgebreitet. „Nach und nach wurde jene geheimnisvolle, gefährliche Kraft, das Selbst, zum Maßstab der gesellschaftlichen Beziehung“, hat Richard Sennett geschrieben. Jetzt fällt es plötzlich allen auf. Im konservativen Daily Telegraph schreibt der Thatcher-Biograf Charles Moore: „Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich mir diese Frage stelle, aber in dieser Woche spüre ich, dass ich sie stellen muss: Hat die Linke nicht am Ende recht?“ Und in der konservativen FAS greift Frank Schirrmacher das auf, wendet es gegen Angela Merkel und bejammert, mit welch „gespenstischer Abgebrühtheit“ die Kanzlerin das moralische Vakuum bürgerlicher Politik verwaltet.

Die Aufstände in London, so scheint es, sind für das soziale Selbstverständnis des Westens, was Fukushima für sein technologisches Selbstverständnis war: der GAU, die immer denkbare, aber nie erwartete Kata­strophe, der moralische Meltdown.

Die Neoliberalen können jetzt neben den Linken ihren Platz auf dem Scherbenhaufen der Ideologien einnehmen. Die Linken müssen deswegen nicht frohlocken. Sie kranken seit jeher daran, dass sie die Idee der Gerechtigkeit nicht mit der Idee der Freiheit verbinden können. Die Partei Die Linke hat sich das Wort „links“ unter den Nagel gerissen so wie die FDP seinerzeit das Wort von der Freiheit. Das bekommt den Begriffen nicht. Sie degenerieren in der politischen Abnutzung. Wenn Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, das unwürdige Gezänk über die traurige DDR-Vergangenheit, Sahra Wagenknecht und ihr Haufen von DDR-Vertriebenen, die in Wahrheit nicht mal mehr als politische Folk­lore taugen – wenn all das links ist, wer will dann links sein?

Links in einem politischen Sinne wäre es, das parlamentarische System gegen seine Feinde zu verteidigen und innerhalb dieser Gesellschaft für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Der Posten ist frei, seit die Sozialdemokraten ihn gekündigt haben. Dafür müsste sich Die Linke aber endlich von dem Gedanken verabschieden, die Vollendung der Gesellschaft liege jenseits des parlamentarischen Systems. Dort wartet nur die Stasi. Sonst nichts.

Das parlamentarische System hat stärkere Verbündete nötig. Es gerät unter Druck. Neulich hat der chinesische Journalist Zhong Sheng geschrieben, im Westen stünden Wahlen an, die Zukunft der amtierenden Regierungen sei unsicher: „Populismus und Konservatismus werden dort wahrscheinlich zunehmen.“ Dem Westen mangele es, so der Kommentar in Renmin Ribao, dem Zentralorgan der Kommunistischen Partei Chinas, an Wille und Fähigkeit, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Mark Siemons bemerkte dazu in der FAZ, das laufe am Ende auf die Frage hinaus, „ob Kapitalismus überhaupt mit Demokratie funktionieren kann. Oder nicht gleich in den Händen der Kommunisten besser aufgehoben wäre.“ Die Antwort ist: Natürlich findet sich der Kapitalismus in einem autoritären Regime blendend zurecht. Und das Autoritäre wittert schon seine Chance: In England haben sich die Rechtpopulisten zu Bügerwehren formiert, Premier Cameron denkt über eine Kontrolle von Facebook und Twitter nach, wie sie in arabischen Staaten praktiziert wird. In Deutschland fordert der Innenminister die Aufhebung der Anonymität im Internet.

Aber eine Demokratie ohne Demokraten hat keine guten Aussichten. Wir lernen aus der Geschichte bekanntlich wenig. Aber an diese Lehre von Weimar sollte man sich erinnern: Die res publica amissa, das vernachlässigte Gemeinwesen, wird am Ende untergehen. Wenn es darum geht, was uns wichtiger ist, die Demokratie oder der Kapitalismus – wie werden wir uns entscheiden? Und: Wird man uns überhaupt entscheiden lassen?

15:00 18.08.2011
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein
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