Protestanten im Dienst

Bellevue Joachim Gauck will ein Prediger der Freiheit sein. Aber als Staatsoberhaupt muss der „Demokratielehrer“ selbst noch einiges lernen

Wer Ohren hat zu hören, der wird hören. Da kann Gauck sicher sein. Alle warten jetzt auf seine Antrittsrede. Was für ein Glücksfall für einen Prediger: Ein ganzes Land lauscht als begierige Gemeinde seinen Worten. Deutschland ist so enttäuscht, so sinnentleert, da kann Gauck nur gewinnen, dieser protestantische Priesterkönig, den sich die Deutschen so als Präsidenten gewünscht haben. Von seiner ersten Rede verspricht sich das Land schon jetzt eine amtlich beglaubigte Agenda der Gegenwart: Was drin ist, ist in. Dabei wird Gauck, wenn er ein Lehrer sein will, vor allem selbst lernen müssen.

Seine Begeisterung für die revolutionären Errungenschaften der DDR-Bürgerbewegung kennt keine Grenzen. Wenn es um die Überwindung des ostdeutschen Unrechtsstaats geht, lässt er sich von seiner eigenen, zu Recht gerühmten, Rhetorenkunst glatt zu Tränen rühren. Aber für Gauck hat die Revolution ihren Reiz vor allem im Rückblick. In einem Gespräch mit dem Theatermacher Castorf bekannte er vor vielen Jahren: „Ich habe 68 vieles an den westdeutschen Unis für Blödsinn gehalten, weil für mich ’68 Prag war. Aber heute weiß ich, in diesem Land des Gehorsams war das etwas ganz Tolles.“ So geht es ihm jetzt wieder: Im Moment kann er nichts „Tolles“ an den gegenwärtigen Protestbewegungen finden. Es wäre schön, wenn nicht erst ein paar Jahre vergehen müssten, bis Gauck begreift, dass die Antikapitalismusdebatte keinesfalls „unsäglich albern“ ist, wie er im vergangenen Oktober losgepoltert hat, und diese sicher auch nicht „schnell verebben“ wird.

Den Schnäppchenjäger hatten wir gerade

Solche Äußerungen werden jetzt als Beleg dafür herangezogen, dass Gauck ein Mann von gestern sei. So ist das bei „wertegeleiteten Konservativen“. Dieses liebevolle Wort fand Präsidentenmacher Jürgen Trittin für den von ihm ausgewählten Kandidaten. Ausgerechnet Trittin. Aber genau darum ging es ja bei Gaucks Nominierung, dass er eben nicht so sei, wie wir anderen. Den Präsidenten als Schnäppchenjäger und Sylturlauber, den hatten wir gerade. Der war so sehr ein Mann der Gegenwart, dass sich das Volk am Ende angewidert abgewendet hat.

Einen „wahren Demokratielehrer“ nannte die Kanzlerin Gauck, und er widersprach nicht. Dabei heißt es in der Bibel: „Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus.“ Aber da hält Gauck es lieber mit Merkel als mit Matthäus. Mangelndes Selbstbewusstsein hat ihm noch niemand vorgeworfen. Merkel wusste schon, warum sie ihn verhindern wollte. Er war der Kandidat der anderen. Aber das war nicht alles. Zu den CDU-Granden soll sie gesagt haben: „Ich schätze ihn ja, und er hat auch recht mit den Bürgerrechten und der ,Idee der Freiheit‘, aber das allein reicht nicht für einen Bundespräsidenten.“ In der Tat: Gauck muss lernen. Der 18. März, der Tag seiner ersten Rede, muss auch der Tag sein, an dem der Präsident deutlich macht, dass er das vielgestalte Unbehagen begriffen hat, das die Menschen im Angesicht des kapitalistischen Terrors erfasst. Die Freiheit kommt nicht nur in der Diktatur des Proletariats zu kurz, sondern auch in der Diktatur des Profits.

Die Freiheit ist sein großes Thema. Dafür ist dieser Pastor zum Politiker geworden. Seine Kirche heißt jetzt Deutschland, sein Evangelium ist die Freiheit. Er bleibt dabei durch und durch Protestant. In den Worten Luthers: „Möchte darum die ganze Welt voll Gottesdienstes sein. Nicht allein in der Kirche, sondern auch im Haus, in der Küche, im Keller, in der Werkstatt, auf dem Feld, bei Bürgern und Bauern.“ Das ist die Vergeistlichung der Welt, das Wesen des Protestantismus: jeder Moment des Tages ein Akt des Glaubens – bei Gauck nun jeder Tag ein Akt der Demokratie. Das kann alles nicht schaden in einem Land, das die Freiheit selbst in der Nationalhymne erst an letzter Stelle nennt. Wenn sie es mit der Freiheit zu tun bekommen, fürchten in Deutschland die Rechten um die Ordnung und die Linken um die Gleichheit.

Gesetze auf geheimnisvolle Weise ausgehebelt

Merkel konnte Gauck nicht stoppen, und das wird ihr jezt als Niederlage ausgelegt, als Hinweis auf das Ende der schwarz-gelben Koalition. Die ist allerdings seit der Übernahme der Amtsgeschäfte in erbärmlichem Zustand. Aber die vorgebliche Merkeldämmerung in der Presse dauert nun schon so lange, und dabei sinkt Merkels Stern wie in einem nördlichen Sommer nie unter den Horizont, sondern erhellt auch noch die Nacht. Sie hat auf geheimnisvolle Weise die Gesetze der Umfragen ausgehebelt und bleibt einfach beliebt, egal welche innenpolitische Volte sie schlägt.

Am Ende ist diese Präsidentenwahl, mehr noch als jene Wulffs vor zwei Jahren, eine sonderbare Posse der deutschen Geschichte: Ausgerechnet Merkel lehnt Gauck ab, obwohl beide im Osten die sozialistische Unfreiheit kennengelernt haben und obwohl er ein Sprachrohr der im Westen gewonnen Freiheit sein will. Sie aber stemmte sich aus taktischen Gründen dagegen. Und ausgerechnet die Linken, die ostdeutsche Volkspartei, sind im Abseits wenn zwei Politiker aus dem Osten die Spitze des Staates übernehmen.

Jetzt stehen sie also gemeinsam über den Deutschen, Gauck und Merkel in Berlin, wie ein altes Elternpaar, der strenge Vater und die hinterlistige Mutter. Vereint in ihrem ganzen protestantischen Rigorismus.

Der alte Adenauer wusste schon, warum er Bonn zur Hauptstadt machte.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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