Jakob Augstein
24.11.2011 | 18:00 58

Raserei der Rache

Freitag-Salon Der Literaturwissenschaftler Wolf Kittler über Heinrich von Kleist als Poeten eines neuen Krieges und die Frage, warum wir dessen mögliche Homosexualität nicht begreifen

Jakob Augstein: Sie haben über Kleist geschrieben, er stehe für ein „Bündnis von Poesie und Militär.“ War Kleist vor allem ein preußischer Dichter?

Wolf Kittler

: Preußen war damals in einer Krise, gedemütigt, geschlagen. Da kamen in der Politik Leute wie Gneisenau, Scharnhorst, Stein und wollten Staat und Armee reformieren. Clausewitz hat die Theorie des Krieges der neuen Praxis angepasst. Kleist ist der Dichter dieser preußischen Selbstfindung.

Kleist hat in einem Brief geschrieben: „Wohl dem Arminius, dass er einen großen Augenblick fand, denn was bliebe ihm heute übrig, als etwa Lieutenant zu werden in einem preußischen Regiment?“ Hören wir da die Enttäuschung über den Niedergang Preußens?

Ja. Da hatte er gerade den Militärdienst quittiert. Er hatte in der Rheinkampagne erlebt, dass es zwei verschiedene Arten gibt, Krieg zu führen. Den Krieg des 18. Jahrhunderts, in dem Preußen so stark war, der zwischen staatlichen Armeen ausgekämpft wurde. Und den neuen Krieg der napoleonischen Heere. Clausewitz hat den einen als Duell beschrieben und den anderen als absoluten Krieg. Es war aus preußischer Sicht eine unfassbare Katastrophe, dass das stolze Heer Friedrichs des Großen, das die schlesischen Kriege gewonnen hatte, diese bestausgebildete Armee ihrer Zeit, von einem Haufen dahergelaufener Franzosen besiegt werden konnte. Trotz allen Drills konnten diese Tirailleures, diese Heckenschützen aus Frankreich die Preußen schlagen. Warum? Weil die Franzosen mit dem Herzen kämpften und die Preußen mit Disziplin. Kleist hat das erkannt und über die Motivation des Soldaten nachgedacht, über die Frage, wie man Menschen dazu bekommt, andere Menschen zu töten.

Hat Kleist den Kampf, über den er schreibt, selbst kennengelernt?

Kleist stammte aus einer sehr alten Familie. Da gab es für die Männer drei Optionen: Soldat, Bauer oder, in späterer Zeit, Dichter. Er war das, was man heute Kindersoldat nennen würde. Er kam mit 15 Jahren zum Militär und hat am Rheinfeldzug teilgenommen. Er war bei der Belagerung von Mainz dabei.

Wissen wir, was er da erlebt hat?

Der Krieg dieser Zeit war nicht so schrecklich wie der Erste oder der Zweite Weltkrieg. Aber blutig genug. Kleist schreibt darüber nichts. Kein Wort.

Sie zitieren in Ihrem Kleist-Buch Gneisenau, der geschrieben hat: „Religion, Gebet, Liebe zum Regenten, zum Vaterland, zur Tugend sind nichts anderes als Poesie. Keine Herzens­er­hebung ohne poetische Stimmung. Wer nur nach kalter Berechnung handelt, wird ein starrer Egoist. Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet.“ Starkes Zitat für einen Militärplaner.

Der König hat an den Rand geschrieben: „als Poesie gut“. Da liegt der Unterschied zwischen der alten Politik, wo Poesie keine Rolle spielte, und der neuen Politik, wo der Versuch gemacht wird, eine innere Bindung des Bürgers an den Staat zu ent­wickeln. Gneisenau hat seinen König auf das spanische Beispiel aufmerksam gemacht – da haben Bauern und Mönche mit Sensen und Beilen den Kampf gegen die Franzosen aufge­nommen – und gefragt, warum machen wir das in Preußen nicht auch so?

Das war die Guerilla, der kleine Krieg.

Daher kommt der Begriff, den wir heute noch haben. Und die Frauen machen mit, das ist wichtig. Wenn man die Frauen bei der Sache hat, hat man auch die Männer, das wusste Gneisenau, und Kleist wusste es auch. Die Poesie, die romantische Poesie eignet sich als Treibsatz für den Volkssturm.

Carl Schmitt sagt, ein Romantiker sei jemand, der die jeweilige Wirklichkeit zum Anlass nimmt, um sein eigenes Ich imaginär zu entfesseln. War Kleist ein Romantiker?

In diesem Sinne nicht. Das Entscheidungslose, das Spielerische der Romantik war Schmitt zuwider. Für Schmitt ist Kleist das Gegenteil davon.

Aber wenn man Kleist politisch liest, seinen Franzosenhass, seine Gewaltvisionen, und die preußische und deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts danebenlegt, ist er dann nicht Beispiel dafür, wie es aussieht, wenn so ein entfesseltes, fanatisches Ich im echten Leben wirksam wird?

Das ist die Frage nach der Gefährlichkeit Kleists. Es gibt diese Texte, wo den modernen, humanitär eingestellten Lesern die Haare zu Berge stehen: „Schlagt ihn tot, das Weltgericht fragt nach euren Gründen nicht“, schreibt Kleist über Napoleon. Und: „Staut den Rhein mit den Leichen der Franzosen.“ Das sind aktuelle politische Texte, in denen Kleist den Schritt von der Dichtung in den Journalismus gegangen ist. Man darf nicht vergessen, dass Kleist Journalist war. Er hat die

Achill wird aufgegessen, im „Erdbeben von Chili“ wird ein kleines Kind so lange an einen Kirchenpfeiler geschlagen, bis ihm das Hirn aus dem Kopf spritzt. Woher kommt die große Grausamkeit bei Kleist?

Na ja, denken Sie mal daran, was Odysseus mit seinem untreuen Hirten Melanthios macht. Dem werden Nase, Ohren und noch mehr abgeschnitten. Solche überlegte Folter kennt Kleist nicht. Bei ihm gibt es die Raserei der Rache. In der

Es ist auch der Zusammenbruch des bisherigen Rechtssystems. Der Römer hatte damit gerechnet, nach den Genfer Konventionen behandelt zu werden. Aber Hermann führt den totalen Krieg, ohne Regeln. Wir wissen heute, was passieren kann, wenn man die Hunde des Krieges entfesselt. Hatten Kleist und Clausewitz davon keine Vorstellung?

Wir haben die Hoffnung auf den geregelten Krieg nicht aufgegeben, obwohl die Kriege, die wir heute sehen, alles andere als geregelt sind: Von Algerien über Vietnam bis Afghanistan. Der ­juristische Rahmen des Krieges ist im 18. Jahrhundert mit den französischen Revolutionstruppen zerbrochen. Aber Clausewitz dachte schon, dass man den totalen Krieg führen kann und ihn beendet, wenn das Kriegsziel erreicht ist.

Was ist denn das Ziel des Krieges bei Kleist?

Das fragen die Germanen in der

 Und die Utopie ist das Territorium. Carl Schmitt hat die Hermannsschlacht die größte Partisanendichtung aller Zeiten genannt. Für Kleist ging es darum, dass die Deutschen ihr eigenes Territorium haben. Um die nationale Freiheit. Das ist der tellurische Charakter des Partisanen bei Schmitt, die Verwurzelung im Erdboden. Und der Erdboden ist der nationale Boden. Darum ist eine Figur wie Lenin für Schmitt so unheimlich: Lenin will eine Internationale aufbauen, ohne Grenzen. Die Amerikaner, die von der „One World“ reden, wollen das, unter anderen Vorzeichen, auch. Für Schmitt das Grauen. Aber wenn Mao sagt, die Welt kann in drei Teile geteilt werden: Osten, Europa und Amerika, dann ist das in Ordnung.

War Kleist eigentlich schwul?

Wie? Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber es interessiert mich nicht, mit welchem Geschlecht Kleist gerne geschlafen hätte. Das interessiert mich bei meinen Freunden auch nicht.

Das wundert mich aber. Es ist doch für das Verständnis von Kleists Frauenfiguren nicht gleichgültig, welches Verhältnis er selber zu Frauen hatte.

Das Thema ärgert mich ein bisschen, weil es in den neuen ­Biografien über Kleist so eine große Rolle spielt. Es ist oberflächlich. Aber gut, es gibt da diesen Brief an seinen Freund Pfuel – der übrigens das Schwimmbad ­erfunden hat und das Brustschwimmen, ­natürlich alles im Dienst des Militärs, ein interessanter Mann also –, dem schrieb Kleist nach einer ­gemeinsamen Reise in die Schweiz: „Ich hätte bei dir schlafen können, du lieber Junge, so umarmte dich meine ganze Seele. Ich habe deinen schönen Leib, oft, wenn du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet“, und später gibt es noch einen anderen Brief, wo er sagt, er heirate jetzt keine Frau, sondern ihn, und ob sie zusammen irgendwohin gehen könnten. Na gut, dann war er eben schwul. Und jetzt?

Das ist doch ein sehr netter Brief. Vielleicht war das der übliche Ton unter Freunden damals?

Das würde ich nun nicht sagen. Aber lassen Sie uns nicht vergessen, dass wir unseren Begriff der Homosexualität aus dem späten 19. Jahrhundert haben, aus der Zeit, da Psychiater glaubten, man müsse Sexualität klassifizieren. In dieser Zeit ist Kleist übrigens als Musterbeispiel des Perversen beschrieben worden. Cesare Lombroso, der diese Bücher über das Verbrecherprofil geschrieben hat, erwähnt dauernd Kleist als Beispiel für alle möglichen Perversionen, die man sich nur ausdenken kann: Sadismus, Masochismus, Homosexualität, was Sie wollen. Ich finde, man muss da vorsichtig sein.

Aber was hat Kleist denn auf seiner berüchtigten, geheimnisvollen Reise nach Würzburg gemacht?

Das weiß keiner. Er ist mit seinem Freund Brockers nach Würzburg gereist. Die Stadt war gerade dabei, sich auf den Angriff napoleonischer Truppen vorzubereiten, und er war kurz davor, sich zu verloben – und da reiste er nach Würzburg. Die Briefe, die er von da geschickt hat, sind alle ein wenig rätselhaft. In den neueren Biografien werden drei Thesen gehandelt: Er hatte eine Phimose und wollte sich operieren lassen – das hätte er allerdings auch in Berlin machen lassen können. Eine andere Variante ist, dass er Industriespionage betrieben hat – aber das finde ich auch nicht so überzeugend. Und dann könnte es noch irgendwas mit den Freimaurern zu tun gehabt haben. Alles rätselhaft. Aber er hat eben diese Briefe an seine Verlobte geschrieben: „Wenn diese Reise erfolgreich ist, dann kann ich dich heiraten.“

Eignen sich Kleists Frauen als Emanzipationsvorlagen?

Nein. Kleist hat einmal einen Brief an Wilhelmine von Zenge geschrieben, in dem es eine geniale Stelle gibt. Er legt ihr da päda­gogische Probleme vor. Eins lautet: Stellen wir uns ein Ehepaar vor, wer verliert mehr, wenn der ­andere stirbt? Der Mann oder die Frau? Und die Antwort von Kleist: Der Mann verliert mehr, wenn er die Frau verliert. Warum? Weil der Mann zugleich Ehemann und Bürger des Staates ist. Die Frau hat nur den Mann, der Staat existiert für sie nicht. Sie gibt ihre ganze Liebe dem Mann. Der Mann gibt der Frau nur ein wenig Liebe, der Rest seiner Libido kommt dem Staat zugute. Deswegen verliert der Mann mehr, wenn die Frau stirbt.

 Das kann man nur verstehen, wenn man die Liebe als Gabe begreift. Die Frau gibt die größte Gabe. Eine absolut logische Sache, aber mit der Emanzipation der Frau in unserem Sinne hat das wenig zu tun. Es ist eher so, dass die Sexualität der Frau bei Kleist immer im Bild der Jungfrau Maria gedacht wird. Das gilt für Alkmene, die den Herakles als Gottessohn gebären wird. Das gilt für die Marquise von O., die schwanger wird, obwohl das eigentlich nicht zu erwarten war. Und Penthesilea, die Achill verspeist, so wie wir es beim Abendmal mit dem Leib Christi machen. Kleists Frauenfiguren machen den Mann zum Gott.

Sie fanden schon die andere Frage nicht gut, dann gefällt Ihnen diese wohl auch nicht: Hatte Kleist Sex mit Frauen?

Ich war nicht dabei. Das weiß ich wirklich nicht.

Aber im "Amphitryon", geht es da um Liebe oder um Sex?

Es geht um Vertrauen. Und das kann über die Frage der sexuellen Treue verhandelt werden. In

 Es geht bei Kleist immer um die absolute Einheit, die im wirklichen Leben nicht erreichbar ist. Die Anderen bleiben, sosehr man sie liebt und solange man auch mit ihnen zusammen ist, am Ende immer Fremde.

Hat er sich aus diesem Grund umgebracht?

Ich weiß es nicht. Selbstmord versteht man nie ganz. Aber es gibt solche Konstellationen an einigen Stellen, wo es um den gemeinsamen Tod zweier Liebender geht und um das absolute Vertrauen. Vielleicht ist der gemeinsame Selbstmord die maximale Vereinigung. Wer weiß.

Wolf Kittler, geb. 1945, ist Professor für Germanic, Slavic and Semitic Studies an der University of California, Santa Barbara. Er hat Bücher über Franz Kafka und Heinrich von Kleist veröffentlicht. Der kürzlich verstorbene Medienwissenschaftler Friedrich Kittler war sein Bruder Der nächste Freitag-Salon zum Thema Zehn Jahre Afghanistan: Bilanz eines gescheiterten Krieges findet am 7. 12. im Berliner Gorki-Theater statt. Beginn: 19.30 Uhr. Zu Gast ist Bernd Ulrich von der Zeit. Weitere Informationen unter freitag.de/salon

Kommentare (58)

Calvani 23.11.2011 | 19:03

"Ach", ich bin enttäuscht. Dass ich nicht beim Salon sein konnte, scheint gar nicht so tragisch gewesen zu sein. Nein, ich hätte mir ohnehin eine ganz andere Schwerpunktsetzung von einem Salon unter dem genannten Thema gewünscht. Wenn der obige Text exemplarisch für das Gespräch stehen kann, - was ich natürlich nicht weiß, weil ich nicht dabei war - dann habe ich nicht allzu viel verpasst.

Was mich interessiert hätte? Das Thema, das ursprünglich proklamiert wurde: "Auf nach Utopia! Was ist der Plan für unsere Gesellschaft?"

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Welche Schlüsse können wir z.B. auch aus "Der zerbrochene Krug" für unsere heutige Zeit ziehen, so wie es Cornelia Vismann in ihrem Buch "Medien der Rechtsprechung" vermittelt.
Naja, das hätte dann vielleicht nicht ganz zum Gast gepasst, nicht wahr? Diese Frage führt mich zur nächsten: Was hat und was soll der Freitag-Salon mit dem Freitag zu tun haben? Mit dem Printprodukt und der Community? Aus meiner Warte bin ich zu folgender Antwort geneigt: Nichts. So gut wie nichts.

Weder diskutieren Sie, Jakob, in Ihren Ankündigungsblogs die Vorschläge der User, noch gleichen Sie im Nachhinein den tatsächlichen Diskurs mit dem vorgeschlagenen ab. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit User auf die Freitag-Salon-Bühne zu holen und mit diesen zu diskutieren. Nein, "Prominente" sollen es sein.

Und ich dachte, irgendwie links bedeutet auf der Seite derer zu sein, die schwächer sind, die also ohnehin weniger Möglichkeiten haben als andere, deren Stimme nicht sowieso schon zu hören ist...

Popkontext 24.11.2011 | 13:50

Da kann ich Dir insgesamt nur zustimmen, Calvani. Inhaltlich klar Thema verfehlt - was nicht heißt, dass es uninteressant sein muss. Aber das entspricht dem, was ich auch von den Besucher/innen des Abends gehört habe.

Und sehr schade finde ich auch, dass der Salon trotz dauernden Bitten aus der Community nicht als Aufzeichnung / Stream zugänglich gemacht werden und auch diesbezügliche externe Angebote, die dem Freitag keine zusätzliche Arbeit machen würden, trotz bekundetem Interesse einfach im Sande verlaufen.

Popkontext 24.11.2011 | 14:19

Und mit Blogger/innen auf die Salon-Bühne holen ist auch so eine Sache: Natürlich müssen die fachkompetent sein und in der Diskussion mithalten können.

Um festzustellen, wer was kann, darf man die Blogger/innen eben nicht als eine homogene, nicht ganz für voll zu nehmende Masse betrachten, sondern sich dafür interessieren, was sie machen und gucken, wer was kann.

Ein solches Interesse würde auch die ganze Community nach vorn bringen, Einbeziehung bei redaktionell vorgegebenen Schwerpunktthemen ermöglichen, indem man die Leute dann auch gezielt anspricht etc. Das würde dann auch das imme postulierte Emanzipatorische beinhalten, und die gemeinsame Arbeit an dem Projekt Freitag - wenn sie denn wirklich gewünscht ist.

Ich finde auch die Diskussionen danach immer arg kurz und wenig ernsthaft geführt (also ich war bisher nur bei zwei Salons). Wenn man das ernster nehmen würde und nicht nur als Pflichtübung sieht, wäre auch schon was gewonnen.

ChristianBerlin 24.11.2011 | 20:01

@Calvani
@Popkontext

Ich war ja als Samariter mit Calvani im St. Hedwig unterwegs, während der Salon lief. Deswegen bin ich von uns dreien der Dritte, der nicht bei diesem Teil dabei war.

Dafür hatte ich meine Familie hingeschickt, der hat es gut so gefallen, weil die sowieso mehr allgemein germanistisch als enggeführt politisch an Kleist interessiert sind, also passte der Referent. Im Gegenteil, meine Tochter (@Mondstadt) war der Meinung, dass JA ihn zu viel unterbrochen hat oder zuviel nicht gelten ließ.

Allerdings hatte sie vorher die Ankündigung unter der der ganz anderen Fragestellung nicht gelesen und ebensowenig die Kommentare, die tatsächlich unter den Tisch fielen. Das scheint echter ein Vorteil zu sein, weil dann "falsche" Erwartungen gar nicht erst geweckt werden.

Widersprechen muss ich mit den Bloggern auf der Bühne. Es wird sonst immer diskutiert, und das heftig. Fast jeder hat die Chance, dranzukommen, wenn er einen Platz im Blickfeld von JA bekommt und sich dann auch sofort und konsequent meldet (rechtzeitig kommen und richtig hinsetzen!). Früher wurde sogar ein Mikro rumgereicht.

Dass es diesmal keine Diskussion gab, war, glauben ich, der Kälte geschuldet. Denn meine Frau hatte die nicht mehr ausgehalten und war kurz vor Schluss rausgegangen, sonst hätte die bestimmt als erste was gesagt - Kleist war schon immer ihr Liebslingsautor.

Einzig die Sache mit den Freikarten fand ich ziemlich kleinkarriert. Ich wollte eigentlich noch ein paar mehr Germanistinnen rankarren, die auch Interesse gehabt hätten, meiner Einladung zu folgen. Ich hab vom Freitag aber nur eine Freikarte (für mich selber) zugestanden bekommen.

Das wäre mir dann doch zu teuer geworden.

LG Christian

goedzak 24.11.2011 | 20:11

Tja, wie irgendwo hier neulich schon mal mitgeteilt, saß ich ja drin, bis es mir zu kalt wurde, und mir hats gefallen! - Mit Verlaub, aber die Themenverfehlung war ein Segen! Müsst Ihr nicht auch kichern, wenn Ihr jemand ernsthaft die Frage stellen hört: Was ist der Plan für unsere Gesellschaft? Wer z.B. ist denn dieses 'wir', dessen Gesellschaft das hier sein soll? Naja, und so weiter...

Popkontext 24.11.2011 | 20:27

@ChristianBerlin
Du hats mich glaube ich auf ganzer Linie mißverstanden - entweder habe ich mich nich tklar genug ausgedrückt oder du hast nicht richtig gelesen.

Ich habe lediglich konstatiert, dass das Thema nicht dem angegebenen entsprach, ohne Wertung. Und ich war gar nicht drin - wie ich auch schrieb.

Ich fand bei den beiden Salons, wo ich dabei war (Arbeit / Finanzkrise) die Diskussion recht lieblos. Blogger auf der *Bühne*, als vollwertige Diskutant/innen, Expert/innen zum Thema ist noch mal eine andere Nummer.

@goedzak
Ich kicher ja gern und oft, aber wenn das Thema entsprechend gestaltet ist, kann es ernsthaft interessant sein. Am besten ist in dem Fall, man sagt das Thema an, was man behandeln will ;)...

chrislow 24.11.2011 | 20:49

Calvani schrieb am 23.11.2011 um 18:03

"Wenn der obige Text exemplarisch für das Gespräch stehen kann, ..."

-> Kann er. Es war eine Mischung aus Geschichtsstunde und Literatur. Das aber das Ergebnis nichts mit der Ankündigung zu tun hatte, kann man auch anders sehen. Etwa so, dass man an Kleists Erzählungen und seinem Leben erkennen kann, wohin seine persönliche linke Utopie führen kann. Also vorsicht...
Eigendlich ein Stoß vor den Köpfen der Besucher aufgrund der Überschrift in der Ankündigung.

Ansonsten sei besser nichts vom Freitag Salon erwartet. Es ist immerhin nur eine kleine Unterhaltung auf dem Podium und nicht der Bundestag. Dann kann man auch nicht enttäuscht werden.

Calvani 24.11.2011 | 21:00

Ach, komm' schon, chrislow, wenn man nicht mal mehr erwarten kann, dass es um das Thema geht, das proklamiert wurde, dann wäre es konsequenter aus dem Salon eine Black-Box-Veranstaltung zu machen - wie im Kino.
Natürlich kann sich eine Diskussion auch von ihrem geplanten Diskurs entfernen, dann ist es aber umso interessanter, wie und warum sich das ergeben hat und warum die Schwerpunktsetzung verschoben wurde. Darüber erfahre ich im obigen Text aber nüscht!

Popkontext 24.11.2011 | 21:05

@Calvani
Hatte dich eben falsch verstanden und das als internen Scherz gesehen - deshalb 5 Sterne dafür ;)...Ansonsten finde ich die Frage nach der Homosexualität Kleists völlig legetim, da wichtig für sein Leben und Werk, weil es noch heute wirklich, aber eben damals erst recht nicht gesellschaftlich akzeptiert war und er seine Zuneigungen sehr vorsichtig äußern musste. Problematisch fand ich eher die Reaktion des Kleist-Experten.

Calvani 24.11.2011 | 21:21

Das war's ja auch... ein interner Scherz... aber nicht nur.
Mir fehlt letztendlich der rote Faden, der zum Thema passt. Was für ein Verhältnis Kleist zu Frauen hatte, ist nicht uninteressant, nur was hat das alles noch mit Utopien zu tun? Chrislow schreibt ja weiter unten, das Gespräch hätte einer Geschichtsstunde geglichen und so mutet der Ausschnitt hier auch an.
Wenn der Gesprächsführer mal die Güte aufbringen würde, etwas Licht ins Dunkel zu bringen, könnte ich vielleicht nachvollziehen, wo der Zusammenhang zu sehen ist. So bleibt mir nur die Spekulation.

ChristianBerlin 24.11.2011 | 21:46

@Helena Neumann

Zu teuer - 3,- € - ????????????????????????????????

Darf ich das als Angebot verstehen?

Aber Vorsicht:

Es ging nicht darum, über 3 Euro zu meckern. Die habe ich zuletzt immer gerne bezahlt.

Das Problem lag nicht im Einzelpreis, sondern in der Multiplikation mit 6 Personen, da ist man dann schon ganz schnell bei 18 :(

Ist das wirklich für Dich ein Nichts, das Du für Nichts oder pure Wohltätigkeit gern ausgibst?

Dann folgt meine Kontonummer per Privatmail ... ;)

LG

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helena-neumann 24.11.2011 | 22:04

@ Christian

Oh, Du bist schneller als die Polizei es erlaubt!

"Ist das wirklich für Dich ein Nichts, das Du für Nichts oder pure Wohltätigkeit gern ausgibst?"

Ich war nicht da! 'Kann das nicht beurteilen.
Nachdem Du aber immer so unzufrieden bist, frage ich Dich, wieso gehst Du da hin?
Muss ich das verstehen?

Ich hätte allein Wolf Kittler gerne wieder einmal gehört und gesehen, bin aber froh, dass ich mich der Kälte nicht ausgesetzt habe. Ich war schon malade.

LG

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helena-neumann 24.11.2011 | 22:23

@ Calvani
"Mir fehlt letztendlich der rote Faden, der zum Thema passt. Was für ein Verhältnis Kleist zu Frauen hatte, ist nicht uninteressant, nur was hat das alles noch mit Utopien zu tun? "

Liebe Calvani,
er ist ihnen aus dem Weg gegangen wie der Teufel dem Weihwasser, jedenfalls, wenn es konkret werden sollte. Kleist hat halt so gerne Briefe geschrieben. Am Ende bekam die Verlobte den Laufpass, so war das.

Hat die Utopie etwas mit z. B: der "Penthesilea" zu tun?
Ich finde schon, wenn auch nur via negativa: Die harte sexualisierte Sprache Kleists; der Geschlechterkampf das ist sehr modern und aktuell. Da schießt Kleist sich weit über seine Zeit hinaus. Am Ende bringt die Heldin Achilles ja nicht nur um, sie „frisst“ sein Herz. Darüber ließe sich trefflich psychologisieren.

Oder nehmen Sie die antiklassizistische Haltung Kleists. Der Skandal der "Hermannsschlacht" ist ja, dass Kleist Schillers Terrain der Vaterordnung betritt, nur um diese komplett zu zerstören. Dieser Hermann, der seine Ehefrau Thusnelda „prostituiert“, die Kinder als Mittel zum Zweck einsetzt usw. Da fällt die ganze bürgerliche Utopie der "heilen Familie", die Ehe wie man sie von Schiller und Goethe kennt, wie sie Hegel beschwört nicht nur wie ein Kartenhaus ein, sondern wird als Ort des Grauen und der Lüge vorgeführt. Da interessiert mich schon einmal, was in dem einen oder anderen Biobalkonherz und seiner „besten aller Ehefrauen mit dem wahrscheinlich größten aller Stillkissen“, das exemplarisch für eine „Neue Idylle“, im Prenzlauer Berg rudelweise herumwesen, so vorgeht, wenn es das liest oder gar auf der Bühne sieht.

Überhaupt das „Militärische“ und Antiutopische an Kleist ist, dass er dem Krieg jegliche Legitimation abspricht! Das ist so radikal modern, dass Kleist sich auch damit weit aus seiner Zeit katapultiert.

Wie kontrovers Kleist diskutiert wird, dafür steht diese Dskussion, sehr launig und empfehlenswert anzuhören.

www1.swr.de/podcast/xml/swr2/forum.xml (etwas runter scrawlen)
Mittwoch, 16. November 2011 17:05Von Bissen und Bestien. Gesprächsleitung: Anja Höfer, SWR2 Forum vom 16.11.2011.
Es diskutieren: Prof. Dr. Günter Blamberger - Literaturwissenschaftler, Universität Köln, Peter Michalzik - Theaterkritiker, Prof. Dr. Barbara Vinken - Literaturwissenschaftlerin, Universität München

ChristianBerlin 25.11.2011 | 00:44

@Helena Neumann

Nachdem Du aber immer so unzufrieden bist, frage ich Dich, wieso gehst Du da hin?
Muss ich das verstehen?

Muss ich jetzt verstehen, was Du meinst?

Es gibt Künstler oder Fans oder Veranstalter, die genau diese Frage stellen, wenn sie eine veröffentlichte Kritik lesen, die ihnen nicht gefällt. Das ist aber der Job eines Kritikers, sei er Journalist, Publizist oder Blogger. Seine hinterher veröffentlichte Kritik ist das Ziel des "Hingehens" - nicht seine persönliche Zufriedenheit mit der Veranstaltung selbst.

Wie Du vielleicht mitgekriegt hast, habe ich seit dem ersten Freitag-Salon im Wechsel mit Magda hinterher einen Bericht veröffentlicht, der zur Textsorte "Kritik" gehört, das war Teil unseres Bloggens hier bis in dieses Jahr hinein.

Inzwischen haben wir beide damit aufgehört, regelrechte Freitag-Salon-Kritiken zu schreiben.

Das solltest Du nicht überbewerten, aber es hängt sicher auch mit dem zusammen, was Magda und ich jeweils in "Wir müssen reden" geschrieben haben - ein weiteres Indiz vielleicht für wachsende Unzufriedenheit.

Mit der letzten Veranstaltung war ich - bis auf das Problem mit den Freikarten - überhaupt nicht unzufrieden, ich war ja gar nicht da (sondern im Krankenhaus) und hab hier auch nirgends behauptet, dass ich unzufrieden war, sondern sogar gesagt, dass meine Familie die Ausführungen von Prof. Kittler sehr aufschlussreich fand, bloß die Kälte nicht.

Eine Konsequenz, die ich gezogen hab, ist aber die, vorher keine Fragen zu posten, weil ich weiß, die kommen dort sowieso nicht dran. Lieber hingehen und dort Fragen stellen. Für Berliner ja kein Problem, wenn nicht gerade krank oder verhindert ist.

Gute Besserung deshalb, wenn sie nicht schon längst eingetreten ist!

Lg Christian

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helena-neumann 25.11.2011 | 01:59

@ LIeber Herr Augstein,

die Arbeit von Wolf Kittler über Heinrich v. Kleist liegt Jahrzehnte zurück. Sein Ansatz, Kleist „zum Dichter der preußischen Selbstfindung“ zu stilisieren, ist nicht unumstritten. Darüber ließe sich lange debattieren. Dieser sich an Carl Schmitt orientierende Ansatz fällt inzwischen hinter den Forschungsstand zurück. Selbst, jene die Kleists Preußentum noch betonen, argumentieren so nicht mehr. Kleist hat dem Krieg jede Legitimation abgesprochen, und dies wird gerade am Beispiel der "Herrmannsschlacht" – ungemein modern – deutlich.
Im Übrigen, wäre wohl eher zu fragen, ob Carl Schmitt die Romantiker verstanden hat, (oder eher Safranski)? Aber das ist ein anderes Thema,

Was Kleist sicher geprägt haben muss, ist seine Sozialisation als Kindersoldat. Das muss traumatisch gewesen sein: Folteranwendung etc.

Bemerkenswert ist, dass Sie Kleists Biographie wie eine Folie über seine Texte legen wollen. Hätte für ein Selbstgespräch nicht das Tagebuch gereicht? Wieso soll er noch Dramen, Lustspiele, Novellen, gar theoretische Schriften schreiben?

Das Thema von Ehe; Familie, Liebe und Treue ist sicherlich zentral in Kleists Werk. Bemerkenswert daran ist, dass seine Behandlung sich gegen die Weimarer Klassik aber auch bereits gegen die Romantik wendet und zwar so, dass diese Konzepte, oder nennen Sie es im Sinne Luhmanns Codierungen, an ihre Grenzen geführt werden.

Interessant ist in der Tat der Herausgeber Kleist. Kann man die Einlassungen über französische Zeitungen unter nur Franzosenhass subsummieren? Mir will vielmehr scheinen, dass Kleist dort ein bestimmtes Pressewesen und dessen zwiespältiges Verhältnis zur Wahrheit analysiert. Ich finde das nicht nur ungemein modern und hellsichtig.
Kleist hat ja dann auch ganz schnell seine Konzession verloren. Eines seiner wenigen finanziell erfolgreichen Projekte wurde den “Preußens“ dann doch zu kritisch.

www1.swr.de/podcast/xml/swr2/forum.xml Warum Kleist unter die Haut geht: tolle Diskussion

Salut
HN

goedzak 25.11.2011 | 02:03

Wenn ich sextratschgieriger Simpel abschließend nochmal die Meinung eines Dabeigewesenen den kritischen Nichtdabeigewesenen sagen darf:
Wolf Kittler hat angenehm unprofessoral und unterhaltsam von Kleist und seinen kulturgeschichtlichen Kontexten gesprochen, Jakob Augstein lässig, freundlich ironisch, kenntnisreich und minimalinvasiv moderiert. Das Wort Utopie kam solange, wie ich die Kälte im Raum ausgehalten habe, nicht vor.

Und nun streitet weiter darüber, was besser ist: Die Diskussion zum versprochene Thema oder die Diskussion zum nicht versprochenen Thema nicht mit angehört zu haben.

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helena-neumann 25.11.2011 | 13:16

Lieber Christian,

ich checke gerade nur meine "Post".
Ich habe wenig Zeit, die Arbeit ruft!

Nur soviel:
Der Salon hat in der Tat den Charakter eines Überraschungseis. Das ist nicht schlimm, so ist das mit Salons. Im Grunde sollte Salons etwas Launiges, Spontanes haben.

Deshalb poste ich auch keine Fragen mehr. Soll doch der Gastgeber das Heft in der Hand behalten. Ich lasse mich einfach unterhalten.

Was mir an Deinen Einlassungen auffällt ist so eine Forderungshaltung, die ich nur schwer nachvollziehen kann. Mir fehlen auch die Gelassenheit und ein Wohlwollen, kurzum eine freundliche Grundstimmung.
"Ist das wirklich für Dich ein Nichts, das Du für Nichts oder pure Wohltätigkeit gern ausgibst? "
Ehrlich gestanden finde ich das arg beleidigend!

Kann es sein, dass Du eine Konkurrenzhaltung einnimmst? Das wäre schade! Ich würde mich gerne in meinem Eindruck und Bauchgefühl irren.

Salut
Helena Neumann

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helena-neumann 25.11.2011 | 13:47

@ Lieber koslowski

Kleist war ein Erfinder der Gewalt? West die nicht schon seit Menschengedenken?

Ein Erfinder der Boulevardpresse?

Dabei hat Kleist sich sehr luzide über den Wahrheitsbegriff einer bestimmten Presse verbreitet. Das liest sich top-aktuell. Da können Journalisten, die sich die Springer-Presse zum Vorbild genommen haben, „via negativa“ noch richtig was dazulernen.
In dem aktuellen Blog von Wolfram Heinrich „Die Wahrheit als Panne“ habe ich am 20.11.2011 um 19:24A Auszüge von Kleists Haltung zum Thema eingestellt: www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/die-wahrheit-als-panne

Popkontext 25.11.2011 | 14:03

@koslowski
Entgegen anderlautender Behauptungen fand ich das Thema an sich auch keineswegs uninteressant (hatte ich von Anfang an auch so geschrieben). Ich finde allerdings, der Freitags-Salon sollte sein Profil als Ort, wo aktuelle gesellschaftspolitische Themen - gern auch mit Bezug auf ältere Literatur, oder auch Musik oder whatever - aufrecht erhalten. Das ist mE. die Stärke des Konzepts.

Joachim Petrick 25.11.2011 | 15:26

@Helena Neumann

"Kleist hat dem Krieg jede Legitimation abgesprochen, und dies wird gerade am Beispiel der "Herrmannsschlacht" – ungemein modern – deutlich."

Das ist eine interessante Interpretation der Kleistischen Findungsfrage
"Warum es dem Krieg, nicht nur in Preussen, an Legitimation mangele?".

Ich hatte Kleist bisher eher in seinen Äußerungen so verstanden, dass er, anders als Clausewitz, für den Krieg als ordnender Kraft die Legitimation der vorübergehenden Raserei forderte?

Interessant, dass Jakob Augstein für seinen nächsten Freitags Salon am 07. Dezember 2011(Pearl Habour Day 7//12/1941) ausgerechnet einen Autor, Bernd Ulrich geladen hat, der diese Kleistische Findungsfrage nach der Legitimation des Krieges in seinem Buch
"Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss!"

als Grünen Faden aufgreift.

wwalkie 25.11.2011 | 16:41

@Helena Neumann

Nur ein modester Einwand gegen die Apotheose des "Deutschesten der Deutschen", wie man ihn in dunkler Epoche nannte (natürlich mißverstehend).

Sie wissen: Kleist war im Verein mit Arndt Mitkonstrukteur des "Erbfeinds" (Katechismus der Deutschen). Der wurde in der Hermannsschlacht mit den netten Versen bedacht, die im obigen Gespräch zitiert wurden. Ich füge diese hinzu:

"Vor dieser Mordbrut keine Ruhe,
Als bis das Raubnest ganz zerstört,
Und nichts, als eine schwarze Fahne,
Von seinem öden Trümmerhaufen weht!"

Der Skandal liegt wohl weniger in der Destruktion der Schillerschen "Vaterordnung" als in der wahnhaften Aufforderung zur Destruktion eines konkreten Feindes, des napoleonischen Frankreich. Und der Zündung einer fatalen Kontinuität.

Die Kleistpreisträgerin 2011 spricht in ihrer Dankesrede nicht unberechtigt von einer "bösartigen Geröllhalde" und einem "Reiz wider Willen", den Kleist ausübe.

indyjane 25.11.2011 | 16:56

"Er beschreibt, was Menschen einander antun können. Das hat etwas erschreckendes, aber seltsamerweise hat man nie das Gefühl, dass das nichts mit einem selbst zu tun hat. Gewalt ist etwas den Menschen Innewohnendes. Er sucht in seinen Stücken und Erzählungen Situationen, in denen die Gewalt eskaliert. Was bei Kleist diese obsessive Faszination bewirkt hat, darüber kann man lange spekulieren."
www.tagesspiegel.de/kultur/ulrich-matthes-der-ganze-schmutz-die-ganze-seele/5864542.html

Joachim Petrick 25.11.2011 | 19:29

@Helena Neumann

Danke für den Link!

"die Forschung hat sich in dieses Thema verbissen. "

Liebe Frau Neumann,
ihr obiger JA Kommentar gibt sich dagegen recht forschungsfern freigebissen unfehlbar.
Warum?

tschüss
JP

siehe:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/bernd-ulrich--ich-darf-krieg-fuehren-papa-hats-erlaubt

25.11.2011 | 18:08
Bernd Ulrich "Ich darf Krieg führen! Papa hat`s erlaubt!?"
lesen bernd_ulrich jakob_augstein salon freitag_salon pazifismus parapazifismus krieg frieden kleist clausewitz auschwitz weltkrieg pearl_habour buchbesprechung arabellion occupy

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helena-neumann 25.11.2011 | 19:30

"Der Skandal liegt wohl weniger in der Destruktion der Schillerschen "Vaterordnung" als in der wahnhaften Aufforderung zur Destruktion eines konkreten Feindes, des napoleonischen Frankreich. Und der Zündung einer fatalen Kontinuität."

Die Vaterordnung wird in der Hermannsschlacht zerstört. Wenn Sie die Zeit haben, lesen Sie bitte noch einmal nach, wie Hermann das Terrain der Familie zur Disposition stellt. Das alles hat mit Schillers und Goethes bürgerlicher heiler Familienwelt nichts mehr zu tun. Die Familie ist hier mit Kriegsschauplatz – eben sehr weitsichtig.
Dieser Katechismus ist übel. Ich muss das noch einmal nachlesen und für mich sortieren.

Worum es mir sicherlich nicht geht, ist Kleist hier weichzuspülen, allerdings möchte ich ihn nicht in dieser Carl Schmitt Ecke stehenlassen.

„Das Marionettentheater“ richtet sich wieder so ganz gegen Schiller (Anmuth und Würde (1793)). Ich möchte das hier nicht wiederholen: www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/die-wahrheit-als-panne Meine Einlassung vom 21.11.2011 um 15:07

ChristianBerlin 25.11.2011 | 21:33

@Helena Neumann

"Ist das wirklich für Dich ein Nichts, das Du für Nichts oder pure Wohltätigkeit gern ausgibst? "
Ehrlich gestanden finde ich das arg beleidigend!

dto.

bezogen auf die mit einer Häufelschluss-Multiplikation beantwortete Ausgangsfrage:

Zu teuer - 3,- € - ????????????????????????????????

mit 32 Fragezeichen.

Kann es sein, dass Du eine Konkurrenzhaltung einnimmst? Das wäre schade! Ich würde mich gerne in meinem Eindruck und Bauchgefühl irren.

Dein Bauchgefühl kennt zumindest auch das zweite T-Argument gegen die Textsorte "Kritik".

LG Christian

goedzak 26.11.2011 | 00:38

Immerhin hat Kittler nicht den Eindruck erweckt, er glaube, die letztendlich gültigen Wahrheiten über Kleist zu verkünden.

Eine Frage an die Expertin: Von meinem so elend lange schon zurückliegenden rudimentären Germanistik-Zweitfach-Studium ist mir noch ein Begriff im Zusammenhang mit Kleist in Erinnerung, der mir in diesem Kleist-Jahr noch nicht wieder begegnet ist: "Kant-Krise". Wikipedia nennt das einen "umstrittenen Begriff der älteren Kleistforschung".

Mein Prof. war der 'Sturm-und-Drang'-Müller (Peter, Humboldt-Uni)
:)

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Ehemaliger Nutzer 26.11.2011 | 00:47

Elias Canetti fragt sich, warum schleppen wir den ganzen historischen Mist immer noch mit uns rum? Warum kann man das nicht einfach nicht mal vergessen? Warum liest jemand Carl Schmitt und zieht ihn zur Begründung für irgendwelche Vermutungen noch heran? Warum sollte man Kleist lesen? Weil er auf seine eigenartige Weise gut schreiben konnte. Alles andere ist doch egal. Und warum endet heute so alles Biographische in der ungemein wichtigen Frage, ob jemand schwul war? Das sollte doch auch völlig egal sein.

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helena-neumann 26.11.2011 | 14:32

@ Lieber Zeitleser!
"Warum liest jemand Carl Schmitt und zieht ihn zur Begründung für irgendwelche Vermutungen noch heran? Warum sollte man Kleist lesen? Weil er auf seine eigenartige Weise gut schreiben konnte. Alles andere ist doch egal"

Alles andere ist doch egal? Wirklich?

z.B. weil dieser Top-Jurist von Adolf-Nazi-Deutschland nie tot war (sic!)
www.freitag.de/alltag/1145-die-identitaetsfalle

z. B. weil am 07.12.2011 im Freitag Salon, Bernd Ulrich eine Plattform bekommt für die Bewerbung seines Buches! Ulrich begründet die Legitimität des Krieges nicht mit Clausewitz de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Clausewitz begründen, sondern eben mit Kleist !

www.taz.de/Sachbuch-ueber-deutsche-Kriege/!80528/ Top-Rezension!!!!!!!

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/bernd-ulrich--ich-darf-krieg-fuehren-papa-hats-erlaubt

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helena-neumann 26.11.2011 | 15:26

Lieber wwalkie,

Es ist unbestritten, dass Kleist eine hochproblematischer Literat ist: seine Einstellung zur Gewalt, seine Haltung zum Krieg, zur Sexualität, da meine ich vor Allem zum Verhältnis von Mann udn Frau. So heißt der Titel von Kittlers Habilitation nicht zu unrecht "Die geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie"

"Kittler hat die „bekannten Kontexte, die die unendliche Lesbarkeit Kleists gewährleistet haben, biographische, psychologische, philosophische, ästhetische - gewissermaßen von Erich bis Jochen Schmidt und jenseits - werden in dieser Arbeit durch einen neuen Kontext ergänzt und zum Teil gelöscht: durch den genealogischen und den militärhistorischen, die zusammengehören. Kittler setzt mit der Frage nach dem Namen Kleists ein. Denn der Name vergibt nicht nur Identität und soziale Stellung, sondern er macht seinen Träger auch zum Erblasser einer ganzen Geschichte. Heinrich von Kleist sah sich an eine nahezu fünfhundert Jahre umfassende Genealogie von Feudalherren und Offizieren angeschlossen, und der ruhmesgesättigte Name hat auch unwiderstehlich seine Biographie gesteuert." aus

elated.springerprotocols.com/lp/de-gruyter/wolf-kittler-die-geburt-des-partisanen-aus-dem-geiste-der-poesie-VeoLks0v0Z eine sehr lesenswerte Rezension

Die militärische Deutung Kleist steht auch im Mittelpunkt dieses Podcast, für den ich gerne Werbung mache!!!

Hören Sie sich doch einmal die Diskussion an:
www1.swr.de/podcast/xml/swr2/forum.xml Warum Kleist unter die Haut geht:

Im Freitag-Salon am 07.12.2011 wird Bernd Ulrich, seines Zeichens "Die Zeit Leitartikler, Kleist aus der Carl-Schmitt- Ecke "herausholen" (!) Auf seine je eigene Art, das versteht sich bei dem Mann, wird er sein Buch vorstellen : "Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss. Eine Streitschrift".

Man darf gespannt sein, wie diese Diskussion verläuft!

Jedenfalls schreibt Stefan Reimers von der Taz:

"Diese dampfende Selbstüberhebung des Leitartiklers zum besseren Kanzleramtsminister ist nur als Überkompensation zu verstehen. Denn der Leitartikler ist berufsbedingt unglücklich. In der Politik sind Wahlen und Lobbyinteressen die Hartwährung, Leitartikel nur Spielgeld. Der Leitartikler lebt daher im Zustand dauerhafter Kränkung.
Stets weiß er es besser, fast nie hört jemand auf ihn. Angesichts dieser Misslichkeit liegt es nahe, die eigene Bedeutsamkeit um so mehr herauszustreichen. In diesem Metier hat Ulrich es zu einer Könnerschaft gebracht, die nicht frei von Komik ist."

Dem Buch hätte es gut getan, wenn der Autor mal an einem Freitag darauf verzichtet hätte, Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt mit seinem Scharfsinn zu beeindrucken. Und anstelle dessen in Prishtina das Ergebnis des Menschenrechtsbellizismus mit eigenen Augen begutachtet hätte." aus:
www.taz.de/Sachbuch-ueber-deutsche-Kriege/!80528/

I

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Ehemaliger Nutzer 26.11.2011 | 18:48

Sie haben natürlich Recht, Carl Schmitt lebt und Julius Cäsar auch. Ich war erschüttert als ich sah, dass ein wiener Professor eine Stellungnahme für den Europarat umfänglich mit dem, was C. Schmitt meinte für richtig zu halten, garnierte und die Leser bzw. Politiker aus ganz Europa, die über die Stellungnahme zu entscheiden hatten und denen Schmitt nicht bekannt war, gewissermaßen suggerierte, dass er auf einen tiefen, anerkennungswürdiger Denker deutscher Provenienz zurückgriff. Nun ich konnte darauf hinweisen, wer derselbe nun wirklich war. Auch "Der gallische Krieg" wird ja nun - der schönen Sprache wegen - immer noch angeboten, obwohl C. ja ein Volk nach dem anderen (die Nervianer, die Eburonen .... ) aus Rachsucht ausrottete. Das ist der reich bestückte wie offene Giftschranck europäischer "Geisteskultur", der unter die Leute gebracht wird und das, was da mitgeteilt wird, als Normalität daherkommt.

Mein Ausgangspunkt war doch Elias Canetti, der sagte, macht diesen Giftschranck endlich mal zu, löscht dieses "Gedankengut" aus, in dem es vergessen wird, d.h. nicht mehr in die nächste und übernächste Generation hinein geträufelt wird. Dem stimme ich zu. Selbst wenn gesagt wird, ich weiß ja wer Schmitt war, ich kritisiere ihn und distanziere mich, faktisch wird es auch dadurch am Leben erhalten.

usw. Koriphäe

GR 26.11.2011 | 22:18

Wolf Kittler sagt in diesem Interview: "Es geht also um das Land in seinen eigenen Grenzen, nicht darum, den Feind auszulöschen." IIch fürchte, Kleist war Hitlers Absichten und Goebbels’ Idee vom totalen Krieg näher als Kittler mit diesen Worten nahelegt. Wie anders ist der Schluss der Hermannsschlacht zu deuten, wenn man dort liest:

Und laßt, im Hain der stillen Eichen,
Wodan für das Geschenk des Siegs uns danken! –
Uns bleibt der Rhein noch schleunig zu ereilen,
Damit vorerst der Römer keiner
Von der Germania heilgem Grund entschlüpfe:
Und dann – nach Rom selbst mutig aufzubrechen!
Wir oder unsre Enkel, meine Brüder!
Denn eh doch, seh ich ein, erschwingt der Kreis der Welt
Vor dieser Mordbrut keine Ruhe,
Als bis das Raubnest ganz zerstört,
Und nichts, als eine schwarze Fahne,
Von seinem öden Trümmerhaufen weht!

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helena-neumann 27.11.2011 | 22:06

@Lieber goedzak,
ich bin keine Kleist-Expertin, nur (arg!) infiziert vom 200. Geburtstag – das stimmt.

Unter dem Stichwort „Kant-Krise“ haben ich in meiner Schulzeit „Das Marionetten Theater“ lesen sollen. Ich kenne die neuere Forschungslage dazu nicht. Wenn es bei Wikipedia heißt, dass sei ein „umstrittener Begriff der älteren Kleistforschung“, dann mag das so sein, aber es wird in dem Wiki-Beitrag nicht erklärt, was dagegen spricht. Stattdessen kommt eher ein untermauerndes Zitat.

Es wäre zunächst zu eruieren, was die ältere Kleist-Forschung unter „Kant-Krise“ versteht.
Dabei geht es wohl um zwei Briefstellen aus denen hervorgeht, dass Kleists Weltanschauung durch die die „Kantische Philosophie“ bzw. erschüttert worden seinsoll : Brief an die Halbschwester Ulrike vom 5. Februar 1801 und an Wilhelmine von Zenge:
„Vor kurzem ward ich mit der neueren sogenannten Kantischen Philosophie bekannt ¬ und Dir muß ich jetzt daraus einen Gedanken mitteilen, indem ich nicht fürchten darf, daß er Dich so tief, so schmerzhaft erschüttern wird, als mich. Auch kennst Du das Ganze nicht hinlänglich, um sein Interesse vollständig zu begreifen. Ich will indessen so deutlich sprechen, als möglich.
Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün ¬ und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr ¬ und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich -
Ach, Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedankens Dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr ." (Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801)

Die Forschung hat sich gefragt, welches Werk Kants eigentlich von Kleist gelesen wurde; der Philosoph Ernst Cassirer meldete in einem Aufsatz (Heinrich von Kleist und die kantische Philosophie, 1921) bereits in den 1920er Jahren Zweifel an und hat eingeworfen, es könne sich auch um eine Fichte-Lektüre handeln (Fichte: Über die Bestimmung des Menschen von 1800). Diese Thesen wurden dann durch einen Ludwig Mut (Kleist und Kant. Versuch einer neuen Interpretation. In: Ergänzungsheft der Kant Studien, Köln 1954 Nr. 68) bereits in den 1950er Jahre
Im Internet finde ich allerdings nicht den genauen Argumentationsstrang resources.metapress.com/pdf-preview.axd?code=x0k70n12k12632xu=largest
Die neuere Forschung bringt aufgrund der dürftigen philologischen Beweislage Rousseau ins Spiel.
www.heinrich-von-kleist.org/europa-universitaet-viadrina/kleisthoersaal/kant-rousseau-kleist/
Wie auch immer, ich finde es macht Sinn eine Schrift wie das „Das Marionetten-Theater“ auf dem Hintergrund von Schiller "Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reyhe von Briefen" (die ersten Briefe erschienen 1795) oder "Anmuth und Würde" (1793): zu lesen. Dann werden nämlich die Brüche klar, die Kleist verursachte, vielleicht nicht intendiert hat, aber die über eine Diskussion über das Militärische weit hinausreichen. LG HN