Richtig austeilen

Debatte Ob eine Karikatur etwas taugt, entscheidet sich an der Frage, ob sie die Schwachen verteidigt oder sich in den Dienst der Starken stellt
Richtig austeilen
Den Papst bloßzustellen ist lustig, da er eine mächtige Institution verkörpert. Aber Kindergärtnerinnen?

Abb.: Franziska Becker / Emma, Titanic

Satire darf was? Alles. Damit könnte man die Sache erledigen, aber offenbar ist das unbefriedigend. Denn wir sind nicht im Jura-Seminar, sondern in der öffentlichen Debatte – und in der muss sich die Karikaturistin Franziska Becker gerade den Vorwurf anhören, manche ihrer Zeichnungen seien rassistisch und antimuslimisch. Und weil nicht alles, was erlaubt ist, auch erträglich ist, endet die Debatte nicht mit dem Satz, dass Satire alles darf – sie beginnt damit erst. In Alice Schwarzers Emma schreibt der Karikaturist Laurent Sourisseau: „Humor zielt auf Dummheit, Mittelmäßigkeit, Lächerlichkeit, Feigheit und sämtliche sonstige Zustände der menschlichen Seele. Das heißt, er zielt auf jeden. Wer wäre so anmaßend, von sich zu behaupten, er hätte sich noch nie getäuscht, oder noch nie Dummheiten von sich gegeben? Niemand.“

Emma hatte den Franzosen Sourisseau, Künstlername Riss, gefragt, was er von den Vorwürfen gegen Beckers Karikaturen hält. Sourisseau hat das Charlie-Hebdo-Massaker verwundet überlebt. Diese Erfahrung gibt ihm eine einzigartige Perspektive auf das Thema. Aber der größte Respekt vor seinem Schicksal und dem der Charlie-Hebdo-Redaktion war schon in der Vergangenheit kein Hinderungsgrund, vielen Karikaturen des Heftes denselben Vorwurf zu machen, mit dem sich die deutsche Zeichnerin Becker jetzt auseinandersetzen muss. Damit rechtfertigt man keineswegs die Morde an den Zeichnern und Kollegen der Redaktion, wie Alice Schwarzer in der Welt kurzschlüssig geschrieben hat – das war ein brutaler Gedanke der Publizistin, die sich weit von den liberalen Idealen entfernt hat, für die sie einst so erfolgreich stritt.

Sinn und Kontext

Viele Karikaturen, die Charlie Hebdo druckte, waren antimuslimisch, weil sie sich im objektiv bestehenden Machtgefälle zwischen christlicher Mehrheits- und muslimischer Minderheitsgesellschaft auf die Seite der Starken stellten und den Spott von oben nach unten gossen. Erstaunlicherweise legt Riss in der Emma nahe, dass er die muslimischen Migranten in Frankreich nicht im gesellschaftlichen Unten sieht.

Man scheut sich als Deutscher, einem Franzosen einen Besuch in Courneuve oder einen Blick auf die Zahlen des französischen Statistikinstituts INSEE zu empfehlen – aber hilfreich wäre hier beides. Riss’ Argumentation zeigt dieselbe Schwäche, die auch die antimuslimischen Karikaturen haben: Sie ignoriert, dass jede veröffentlichte Satire in einem bestimmten gesellschaftlichen und politischen Kontext steht, in dem sie wahrgenommen wird und überhaupt erst ihren Sinn entfaltet. Nur in diesem Kontext lässt sich entscheiden, ob die Satire befreit oder unterdrückt. Ob sie die Schwachen verteidigt oder sich in den Dienst der Starken stellt.

Die Art von Freiheit, die der Zeichner Riss da verteidigen will – und deren „humorlose Feinde“ die FAZ in seinem Gefolge dann angegriffen hat –, dient immer dem Starken und kann darum selbst zu einem Instrument der Unterdrückung werden. Wenn die Titanic ein Bild des Papstes zeigt, der sich selbst vollgepinkelt hat, ist das lustig, weil die katholische Kirche in Deutschland immer noch eine mächtige Institution ist. Wenn Beckers Cartoon eine Kopftuch-Kindergärtnerin zeigt, die ihre Schutzbefohlenen ein „Mullah Memory“ spielen lässt, ist das nicht lustig, sondern rassistisch und muslimfeindlich. Denn kopftuchtragende Kindergärtnerinnen sind keine gesellschaftliche Macht, mit der man sich anlegen muss, die man kontrollieren und brechen muss. Von ihnen geht keine Bedrohung aus, auf die man mit dem Mittel des Spotts zu reagieren hat.

Die New York Times hat erklärt, sie werde auf Karikaturen künftig verzichten, nachdem eine Zeichnung kritisiert worden war, die den blinden Donald Trump zeigt, der sich vom Dackel Netanjahu führen lässt. Der Vorwurf lautete: Die Karikatur bediene antisemitische Klischees. Niemand wäre bis dahin auf die Idee gekommen, der NYT ein antisemitisches Bias zu unterstellen. Das Beispiel legt die Vermutung nahe, dass israelische Politik und israelische Politiker kaum Gegenstand von Satiren sein können, ohne den Antisemitismus-Vorwurf zu zeitigen.

Das wiederum würde entsprechende Satiren umso notwendiger machen. Denn eines liegt auf der Hand: Der Staatschef Benjamin Netanjahu ist ein sehr mächtiger Mann – die muslimische Kindergärtnerin in Franziska Beckers Cartoon dagegen nur: eine Kindergärtnerin.

06:00 19.07.2019
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 176
Jakob Augstein
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 21