Sagen, was sein soll

Hegelplatz 1 Warum ich meine Kolumnen schreibe
| Ausgabe 35/2019
Einer der bekanntesten Kolumnisten der Welt, direkt nach Jakob Augstein: Paul Krugman
Einer der bekanntesten Kolumnisten der Welt, direkt nach Jakob Augstein: Paul Krugman

Foto: Frank Robichon/AFP/Getty Images

Dies hier ist eine Kolumne. Von Lateinisch columna, Säule. So weit, so äußerlich. Was ist das Wesen der Kolumne? Kolumnen dürfen persönlich sein, unfair, hart, riskant. Sie sind ein Spiel mit den heiklen und den verbotenen Seiten des Journalismus: mit Meinungen und Übertreibungen, mit dem Populismus, manchmal mit der Propaganda, oft mit der Satire. Kolumnen sind darum das passende Medium einer rauer gewordenen Debattenlandschaft. Wer allerdings den einzigen Zweck des Journalismus im sprichwörtlichen „Sagen, was ist“, sieht, wird Kolumnen gar nicht für Journalismus halten. Denn das ist nicht ihre wichtigste Aufgabe. Kolumnen nehmen sich die Freiheit, auch das zu sagen, was hätte sein können, was auf keinen Fall sein darf und vor allem: was sein soll. Der bekannteste Journalist unseres frühen 21. Jahrhunderts ist ein Kolumnist: Paul Krugman von der New York Times.

Woche für Woche Hunderttausende von Lesern, Millionen von Klicks im Jahr – wer als Kolumnist solche Zahlen generiert, könnte sich an der Vorstellung berauschen, er habe eine Wirkung, er habe gar Einfluss. Und Einfluss wäre doch schön. Denn natürlich denkt der Kolumnist, er habe etwas zu sagen und die Leute sollten gefälligst auf ihn hören. Das ist eben die Versuchung, wenn man nicht nur sagen will, „was ist“, sondern auch, „was sein soll“. Eine gefährliche Versuchung. Und wenn man darüber eine Weile nachdenkt, gerät man in Verwirrung.

Was soll man denn als Kolumnist von seiner Arbeit erhoffen dürfen? Es gibt Autoren und Autorinnen, die tragen mit selbstvollem Ernst ihr Ich vor sich her und sind in ihrer lächerlichen Kürbisköpfigkeit alles andere als ein Vorbild. Demut tut dem Kolumnisten not! Aber von der Demut ist es nur ein kleiner Schritt in die Bitterkeit und die traurige Erkenntnis der ganzen Vergeblichkeit des eigenen Tuns.

– Jahr für Jahr warnt man vor Angela Merkel. Und Jahr für Jahr wird sie wieder gewählt.

– Jahr für Jahr schreit man der SPD ins Ohr, sie solle endlich aufwachen. Und Jahr für Jahr muss man zusehen, wie die Partei sich selber zerstört.

Als Kolumnist stößt man auf Dauer unweigerlich auf die Frage: Muss das so sein? Oder könnte alles anders sein? Mit Blick auf die Rolle des Theaters hat Bertolt Brecht in den 1950er Jahren gesagt: „Die heutige Welt ist den heutigen Menschen nur beschreibbar, wenn sie als eine veränderbare Welt beschrieben wird.“ Das wäre mal ein Motto für einen zeitgemäßen politischen Journalismus: dass er von der Welt nur wissen will, wie sie besser werden kann!

Info

Am 18. September erscheinen die Kolumnen, in denen Jakob Augstein sich mit diesen Fragen beschäftigt hat, bei der DVA als Buch

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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