Über die Netznomaden. Kleine Kritik an der Kritik am Freitag

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es gärt in der Freitag Community. Das ist ein gutes Zeichen - weil es zeigt, das die Mitglieder der Community Anteil nehmen. Und es ist ein schlechtes Zeichen, weil Unzufriedenheit sich breit macht und die Kritik, die am Freitag-Team und an den technischen Grundlagen schon seit langem geäußert wurde, sich verschärft hat.
Ich könnte jetzt sagen, dass ich die Kritik verstehe, ernst nehme und alles tue, um ihr gerecht zu werden - das wäre sogar die Wahrheit, denn natürlich müssen wir genau das tun. Aber ich will etwas anderes sagen: Die Kritik geht fehl. Komplett. Sie ist grundsätzlich falsch. Nicht in den Einzelheiten, die kritisiert werden, sondern im Grundsatz.
Es gibt eine technische Ebene, eine inhaltliche und eine allgemeine, eine der Kommunikation, des Stils, des Klima.
Inhaltlich habe ich selber hier sehr viel und sehr ausführlich Stellung bezogen. Vor allem meine Haltung zum Verhältnis von Staat und Wirtschaft hat hier für - gelinde gesagt - Irritationen gesorgt. Das ist in Ordnung. Meine Haltung ist nicht ganz unbegründet, ich weiß wovon ich spreche, die Argumente sind nicht total bescheuert, um es klar zu sagen. Wenn daran Kritik geübt wird, halte ich das gut aus. Ich fordere die Kritik heraus.
Der neue Freitag ist nicht angetreten, eine reine Lehre zu verbreiten. Wir sind keine Priester. Wir praktizieren keine Religion. Wir sind Journalisten. Und als solche Zweifler. Wer das nicht versteht, versteht Journalismus nicht. Journalismus heisst Zweifeln. Und heisst nicht Wissen.
Die Abteilung für Weltanschauung ist woanders. Wir haben eine Grundhaltung, die ist "irgendwie links", ich benutze diese angreifbare Formulierung bewusst, weil ich - und sehr viele andere Leute - keine Lust auf ideologische Festlegung, politmorale Rechthaberei und engstirnige Gestrigkeit haben. Mit den Rezepten, die gestern gescheitert sind, wird man die Krankheiten von morgen nicht heilen. Wir brauchen neue. Wer das nicht begreift, kann es sich im historischen Schmollwinkel gemütlich machen und schimpfen. Das kostet nichts und hält die Füße warm. Aber das ist nicht meine Haltung. Man versagt damit vor der Herausforderung der Wirklichkeit. Gerade heute.
Darum ist es im Freitag so, dass ich schreibe, was ich denke und die anderen schreiben, was sie denken. Und es gibt eine - wie gesagt - zugrundeliegende Gemeinsamkeit aller Freitag Redakteure und Autoren und Herausgeber, eine polit-emotionale Übereinstimmung in der Tiefenstruktur und es gibt wechselseitigen Respekt. Wenn es das alles nicht gäbe, könnten wir nicht zusammen arbeiten. Aber es gibt keine Deckungsgleichheit in der Analyse, in der Kritik, im Argument ... Zum Glück nicht. Ich würde in einer Zeitung, in der das so ist, nicht arbeiten wollen - und lesen möchte ich das auch nicht.

Das ist das Inhaltliche.
Dazu gibt es nicht mehr zu sagen.

Und nun das Tecnische.
Das technische System von Freitag.de lässt zu Wünschen übrig. Das finden wir auch. Wir sind mit einer Beta-Version gestartet. Beta heisst unfertig. In den vergangenen sechs Wochen ist sehr vieles sehr viel besser geworden. Daran kann es keinen Zweifel geben. Die Geschwindigkeit der Seite ist erhöht worden. Neue Funktionen sind hinzugekommen. Das Navigieren ist einfacher. Perfekt ist das alles nicht. Noch lange nicht. Perfekt wird es hier nie werden, möchte ich hinzufügen.
Muss es das sein?
Ich wundere mich.
Aber vielleicht beruht meine Verwunderung auf einem Missverständnis.

Der Freitag ist angetreten, um Leser und Redaktion und Autoren zu einer Community zu vereinen, zu einer Gemeinschaft. Wir wollen dieses Produkt gemeinsam gestalten. Der Anteil von Leser-Texten am Online-Auftritt des Freitag liegt im Moment bei knapp über 20 Prozent. taz, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, FAZ haben Anteile, die sich zwischen ein und vier Prozent bewegen. Keine Missveständnisse: Ich zitiere die Statistik nicht aus Zahlengläubigkeit. Der Spiegel hat wahrscheinlich zehntausendmal mehr Masse im Netz als wir. Egal. Es kommt auf das Prinzip an. Wir sind sechs Wochen auf Sendung. Und ein Fünftel von unserem Material kommt aus der Community. Das freut mich. Weil wir genau das wollen.
Langsam? Ja. Unperfekt? Ja. Verbesserungswürdig? Ja. Aber eben auch einzigartig. Es gibt schlicht und ergreifend kein journalistisches Produkt in Deutschland, das diesen Weg eingeschlagen hat, den wir eingeschlagen haben. Bei uns können Leser buchstäblich schreiben, was sie wollen. Und wenn wir es gut finden, drucken wir es in der Zeitung ab und dann gibt es Zeilenhonorar wie für jeden anderen Autor. Es gibt keine Zensur. Es gibt keine Freischaltungsfristen. Es gibt eine offene Auseinandersetzung. Manchmal auch schmerzhaft. Na und? Das gehört dazu. Wir sind dafür bereit. Sind die Leser es auch? Das müssen sie selber entscheiden. Unser Job ist es, die technischen Grundlagen zu verbessern. Die konzeptionelle Grundlage ist da und sie funktioniert hervorragend.

Und dann gibt es noch eine Ebene der Kritik, die Komunikation, Stil und Klima betrifft. Da lerne ich gerade sehr viel. Und ich will gerne mitteilen, was ich lerne - erneute Kritik geradezu herausfordernd. Sie müssen bedenken, dass ich - und wir alle hier - aus der Kultur des Printjournalismus kommen. Eine andere gibt es im Moment in diesem Land auch noch nicht. Sie ist am entstehen, Projekte wie dieses helfen dabei. Im Printjournalismus gibt es ein bestimmtes handwerkliches Ethos. Ob sich die Zeitungen und die Kollegen daran halten, ist eine andere Frage. Aber die Regeln sind eigentlich klar. Und es gibt eine bestimmte institutionelle Tradition. Zeitungen sind komplexe Gebilde. Viele Leute müssen sehr differenzierte Arbeitsabläufe befolgen, damit eine Zeitung entstehen und verkauft werden kann. Der Aufbau solcher Strukturen braucht Zeit. Zeitungen brauchen Zeit. Zeitungen sind etwas sehr nachhaltiges. Verlagshäuser entstehen in Generationen. Abonnenten halten ihrem Blatt jahrzehntelang die Treue. Auf der Grundlage dieser Traditionen, dieser Nachhaltigkeit entsteht Qualität.
Das Internet ist anders. Schneller. Die Hierachien sind flacher. Das Experiment findet Raum. Das ist schön, das ist der Vorteil des Netzes. Und sein Nachteil. Es gibt weniger Bindungen. Weniger Geduld. Weniger Nachhaltigkeit. Weniger Tradition. Weniger Verantwortung. Es gibt, mit einem Wort, weniger Institutionen. Ohne Institiutionen aber ist alles nichts. Das Internet birgt das Risiko der Infantilisierung. Schnell rein. Schnell raus. Es ist bindungsarm. Unser Vorhaben, eine Community aufzubauen, will dieser Tendenz des Netzes entgegenwirken. Es geht um Bindung. Es geht darum, sich dem schnellen Sog entgegenzustellen. Es geht um Nachhaltigkeit.

Es gibt Netznomaden, die weiterziehen wenn die Steppe abgegrast ist. Und es gibt andere, die bleiben und Zisternen graben. Netznomanden werden keine Städte bauen. Wir wollen eine Stadt bauen.

Wer kann glauben, dass man eine Stadt in sechs Wochen baut?

11:30 25.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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