Jakob Augstein
Ausgabe 0916 | 03.03.2016 | 06:00 38

Vater aller Whistleblower

Ehrung Daniel Ellsberg machte die Wahrheit über den Vietnamkrieg öffentlich. Nun bekam der 84-Jährige den Dresden-Preis. Die Laudatio von Jakob Augstein

Vater aller Whistleblower

Ellsberg war Vorreiter für Chelsea Manning, Edward Snowden und Julian Assange

Fotos: Melissa/Flickr, Frederick Florin/AFP/Getty Images, Oli Scarff/Getty Images

Mr. Ellsberg, wir kennen uns nicht persönlich, aber ich habe sehr viel über Sie gelesen, ich weiß, was Sie getan haben, und das beeindruckt mich sehr. Ich verneige mich vor Ihnen. Fast am meisten beeindruckt hat mich ein Artikel, den Sie für die Washington Post geschrieben haben, im Juli 2013. Da hatte Edward Snowden gerade Asyl in Moskau gefunden.

Sie haben damals geschrieben: „Viele Leute erwähnen mein Beispiel und werfen Edward Snowden vor, sein Land verlassen zu haben, anstatt sich hier der Strafverfolgung zu stellen, wie ich das getan habe. Ich bin nicht dieser Ansicht. Das Land, in dem ich damals geblieben bin, war ein anderes Amerika, und das ist lange her.“

Sie haben Snowden in Schutz genommen. Und Sie haben das Risiko, das Sie selbst damals auf sich genommen haben, nachträglich harmloser gemacht, als es war. Aber Ihr Risiko war nicht klein. Wenn es nach Richard Nixon und Henry Kissinger gegangen wäre, dann hätten Sie bis zum Jahr 2008 im Knast gesessen – bei guter Führung. Sie hatten Glück. Nixon hat es übertrieben – in Ihrem Fall wie viele Jahre später im Watergate-Skandal. Er hat Leute geschickt, die in die Praxis Ihres Psychoanalytikers einbrachen, um irgendwelches Material gegen Sie zu sammeln. Ihr Telefon wurde abgehört, obwohl es dafür keinen Beschluss gab. Schließlich tauchte eine geheimdienstliche Anweisung auf, die forderte, „D. E. vollständig außer Gefecht zu setzen“.

Kein Held: Barack Obama

Mr. Ellsberg, Sie haben dafür gesorgt, dass die Pentagon Papers veröffentlicht wurden, die Unterlagen, die bewiesen haben, dass vier amerikanische Präsidenten hintereinander die Öffentlichkeit über Absichten und Aussichten des Vietnamkriegs belogen haben. Diese Papiere haben dazu beigetragen, den Krieg zu beenden.

Dafür wurden Sie damals von großen Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit und des Establishments gehasst. Am Anfang waren Sie nur ein Held der Gegenkultur. Das hat sich geändert. Heute bekommen Sie Respekt von Leuten, die Sie damals für 40 Jahre ins Loch gesteckt hätten. Im November 2013 wurde der Hacker Jeremy Hammond zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er hatte Daten des privaten Informationsdiensts Stratfor gestohlen – den manche für einen privaten Geheimdienst halten –, da waren auch tausende Kreditkartendaten dabei. Hammond hob 700.000 Dollar ab – aber nicht für sich selber, sondern für Spenden an gemeinnützige Organisationen. Eine Straftat – keine Frage. Aber zehn Jahre Haft? Die Richterin konnte an Hammonds Vorgehen nichts Heroisches entdecken. Sie sagte: „Das waren nicht die Taten eines Martin Luther King, Nelson Mandela und selbst nicht die eines Daniel Ellsberg.“

Das ist doch interessant – da sperrt eine Richterin einen Hacker für zehn Jahre weg, und Daniel Ellsberg wird sozusagen als positives Gegenbeispiel zitiert.

Daniel Ellsberg war für die Veröffentlichung der „Pentagon Papers“ verantwortlich

Foto: Dod/Life/Getty Images

So ist das im historischen Rückblick, da verklären sich die Dinge. Und es verschieben sich die Perspektiven. Man konnte das übrigens auch sehr schön im vergangenen Oktober sehen, als Barack Obama lauter lobende Worte für Benjamin C. Bradlee fand. Bradlee war der Chefredakteur der Washington Post gewesen, die – gemeinsam mit der New York Times – die Pentagon Papers veröffentlichte. Und nun war er im Alter von 93 Jahren gestorben.

Barack Obama legte sich ins Zeug für Bradlee. Er sagte, für Bradlee sei Journalismus mehr als ein Beruf gewesen, ein öffentliches Gut, lebenswichtig für unsere Demokratie. Er lobte Bradlee dafür, wie er die Post geprägt hatte, und er lobte ihn ausdrücklich auch dafür, wie er die Pentagon Papers publiziert, wie er Watergate aufgedeckt hatte und so weiter. Man fragt sich, ob niemand den Widerspruch bemerkt hat. Wie man weiß, hat kein Präsident die Whistleblower bislang so gnadenlos verfolgt wie Barack Obama. Es gab, so weit ich informiert bin, sieben Fälle, in denen gegen Whistleblower wegen des berüchtigten Espionage Act ermittelt wurde – das ist das gleiche obskure Gesetz, mit dem seinerzeit Ellsberg in den Knast gesteckt werden sollte.

Der ehemalige CIA-Mitarbeiter John Kiriakou hatte einigen Reportern bestätigt, was die Welt eigentlich schon ahnte: dass die Foltermethode Waterboarding, bei der Opfer fürchten, sie würden ertrinken, gängige Praxis bei den Diensten war. Für diesen Hinweis wurde der ehemalige Nachrichtendienstler mit zweieinhalb Jahren Haft bestraft.

Schlafender Polizeistaat

Und auch Chelsea Manning wurde aufgrund dieses Gesetzes verurteilt – zu 35 Jahren Haft. Als Private First Class mit Zugang zu geheimen Informationen hatte Chelsea Manning Julian Assanges Wikileaks-Veröffentlichungen ermöglicht. Sie hat dadurch dazu beigetragen, dass US-amerikanische Kriegsverbrechen bekannt gemacht wurden. Das Urteil war eine juristische Sensation, ein politischer Meilenstein und eine moralische Katastrophe. Das Leben dieser jungen Soldatin ist verpfuscht. Aber die Reputation dieses Präsidenten ist es auch. Also, im Rückblick kann aus einem Verräter ein Held werden. Aus einem Terroristen ein Freiheitskämpfer. Das ist schön. Ich gönne Ihnen das von Herzen, Mr. Ellsberg, Sie haben sich das verdient. Aber es empört mich, dass wir 30, 40 Jahre warten sollen, bis Julian Assange, Edward Snowden oder eben Chelsea Manning die Gerechtigkeit erhalten sollen, die ihnen zusteht.

Die Staaten des Westens sind Demokratien. Es wird gewählt. Regierungen wechseln. Es gibt die Medien, die mehr oder weniger unabhängig sind. Es gibt Nichtregierungsorganisationen. Es gibt die Gewaltenteilung. Das ist alles schön und gut, und wir sollten uns darüber freuen. Denn es könnte tatsächlich schlimmer sein.

Aber unter dieser Oberfläche gibt es unsichtbare Tiefenstrukturen. Von Macht und Rechtlosigkeit, von Überwachung und Kontrolle und von Gehorsam. Vor allem von Gehorsam. Es gibt eine funktionstüchtige Infrastruktur des vollkommenen Polizeistaats, in die wir alle eingebettet sind. Wir sehen sie nicht. Wir spüren sie nicht. Aber sie umgibt uns. Wir leben in einem ruhenden Polizeistaat, in einem schlafenden Polizeistaat – der jederzeit zum Leben erweckt werden kann.

Wer diesem Rechtsstaat in die Quere kommt, kann sich auf einiges gefasst machen. Chelsea Manning verbrachte neun Monate in Isolationshaft. Sie musste nachts ihre Kleider abgeben und morgens nackt vor der Zelle antreten. Körperliche Übungen waren ihr verboten. Das Licht brannte unablässig. Das ist der Rechtsstaat.

Und Selbsttäuschung war es, die viele Journalisten in Deutschland eher mürrisch auf die Wikileaks-Veröffentlichungen reagieren ließ. Der Herausgeber der Zeit, Josef Joffe, war da typisch. Er schrieb, er wünsche sich „keinen Ein-Mann-Rächer, der nach eigenem Geschmack entscheidet, was zu veröffentlichen sei. Dafür haben wir Parlamente und Gerichte, also den Rechtsstaat“. Normalerweise rechtfertigen staatliche Stellen mit solchen Worten die Knebelung der Presse. Nur zur Erinnerung: Die Folter in Abu Ghraib, das grausame Waterboarding in den Gefängnissen der CIA, das Niedermähen unbewaffneter Zivilisten in Afghanistan – all das, was die USA in gefährliche Nähe zu den Unrechtsregimen im Nahen Osten, zu China und zur untergegangenen Sowjetunion gebracht hat, ist eben nicht durch „Parlamente und Gerichte“ an den Tag gekommen, sondern durch Whistleblower.

Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr solcher Veröffentlichungen. Hätte ein neuer Daniel Ellsberg rechtzeitig die Lügen des Pentagons über die vermeintliche Bedrohung aufgedeckt, die Saddam Hussein darstellte – der Irakkrieg mit seinen zahllosen Toten hätte nicht geführt werden können.

Mr. Ellsberg, Sie hatten dazu aufgerufen – denn auch was den Irakkrieg angeht, haben Sie es kommen sehen. Sie haben im Januar 2003 gesagt, dass die Regierung von George W. Bush die Öffentlichkeit über die wahren Gründe des Kriegs belügt. Man hat Sie gefragt, wie denn der Krieg aufzuhalten sei. Sie haben gesagt: „Demonstrationen reichen nicht. Wir brauchen Leute, die geheime Dokumente veröffentlichen. Ich habe das lange nicht zu sagen gewagt, weil es nach Selbstbeweihräucherung klingt: Tut, was ich getan habe. Aber es ist so, dass ein wirklicher Widerstand nur entstehen kann, wenn wir mehr Informationen haben. Vertrauliche Informationen.“

Unsere Verpflichtung

Leider hat niemand auf Sie gehört. Im Deutschen kennen wir kein Wort für Whistleblower. Wir kennen nur den Verräter. Und das Gesetz ist ja auch eindeutig: Es ist verboten, Dokumente der nationalen Sicherheit zu veröffentlichen. Es ist verboten, in die Datenbanken von Kreditkartenunternehmen einzubrechen. Es ist verboten, öffentliches Straßenland zu besetzen. Und weil all das verboten ist, ist die Sache mit Assange, Anonymous und Occupy ganz einfach: anzeigen, anklagen, aburteilen.

Aber: Es ist auch verboten, in einer russisch-orthodoxen Kirche Punk-Gebete zu singen. Wie die Frauen von Pussy Riot es getan haben. Die Gültigkeit des Rechts allein ist nicht der Maßstab für politische Verfolgung! Nicht alles, was Recht ist, ist richtig, und nicht jedes Gesetz ist gerecht. Nach US-amerikanischem Recht ist die Überwachung der Welt erlaubt. Was soll das? Diesen Rechtsanspruch können sich die Amerikaner gar nicht selbst genehmigen.

In Bezug auf ihre Auffassung von Sicherheitspolitik sind die USA heute ein totalitärer Staat. Solange das so ist, haben wir eine besondere Verpflichtung, wir in Europa, wir in Deutschland. Es ist die Verpflichtung, die Flamme der Freiheit nicht ausgehen zu lassen. Es ist die Verpflichtung, jenen, die gegen diesen Totalitarismus kämpfen, Schutz zu gewähren.

Asyl ist ein politischer Begriff. Asyl erhält der politisch Verfolgte. Die Bundesrepublik hat in der Vergangenheit schon solchen Männern Schutz geboten: Zu Beginn der 70er Jahre wurde Alexander Solschenizyn von den Sowjets ausgewiesen und kam zunächst bei Heinrich Böll unter. Und zu Beginn der 80er Jahre wurde Lew Kopelew ausgebürgert, als er gerade zu Besuch in Köln war.

Irgendeinen Rechtsgrund werden die Sowjets damals schon vorgebracht haben. Denn welcher Dissident hat nicht die rechtmäßige und dennoch falsche Ordnung gestört?

Darum:

Freiheit für Chelsea Manning!

Freiheit für Julian Assange!

Asyl für Edward Snowden!

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 09/16.

Kommentare (38)

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Ehemaliger Nutzer 03.03.2016 | 10:42

klingt für mich extrem unausgewogen und einseitig antiamerikanisch.

Schließlich würden in China und Russland solche "Verräter" im Auftrag der Staatsführungen mit blutigen Händen liquidiert, bevor ihr Fall einer größeren Weltöffentlichkeit zur Kenntnis gelangt. Neben den dennoch bekannten Fällen ist die Dunkelziffer vermutlich extrem hoch.

Auch fehlt im Kontext von Edward Snowden die Erwähnung des perfiden Zynismus Putins, wie er die Not Snowdens für seine politischen Zwecke instrumentalisiert, und zugleich jede Kritik an seinem Unrechtsstaat mit allen Mitteln verhindert.

Die Sequenz zu Obama klingt für mich schon wie vorweggenommenes Nachtreten.

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Ehemaliger Nutzer 03.03.2016 | 12:29

ich habe auch sehr viel gelesen - ohne etwas verstanden haben zu müssen.

Gleichwohl: Whistleblower mit Preisen zu bedenken bedeutete ihre Intentionen zu unterschätzen.

Preise beinhalten stets Pferdefüsse.

Und die vielen, die sich das Maul nicht stopfen lassen - wir denken an den diskreten Charme der Bourgeosie - werden auch keine Preise bekommen - umso besser wenn man sich von der Bourgeosie fern hält wie von der Pest - die in ihrer doppelbödig wirkenden Moral sich an "Preisverleihungen" anschickt.

Schlechten Geschmack kann man niemandem vorwerfen...

de gustibus

balsamico 03.03.2016 | 14:25

klingt für mich extrem unausgewogen und einseitig antiamerikanisch.

Schließlich würden in China und Russland solche "Verräter" im Auftrag der Staatsführungen mit blutigen Händen liquidiert, bevor ihr Fall einer größeren Weltöffentlichkeit zur Kenntnis gelangt. Neben den dennoch bekannten Fällen ist die Dunkelziffer vermutlich extrem hoch.

Eine sonderbare Kritik. Es geht zum Einen um den Mut von Menschen, die Missstände erkannt haben und sie unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile bekanntmachen, mit dem Ziel, auf Abhilfe hinzuwirken. Und zum Anderen geht es darum, dass dieses höchst ehrenwerte Anliegen von den Regierungen diskreditiert wird, weil sie es für richtiger halten unter dem Deckmantel von Staatsgeheimnissen Unrecht zu tun. Dabei ist es vollkommen egal, ob es um die Regierung eines Rechtsstaates geht, die sich nur zusätzlich an ihren eigenen ethischen Maßstäben messen lassen muss, oder um die Regierung eines Unrechtsstaates, von der man von vornherein nichts anderes erwartet als Unrecht.

Auch fehlt im Kontext von Edward Snowden die Erwähnung des perfiden Zynismus Putins, wie er die Not Snowdens für seine politischen Zwecke instrumentalisiert, und zugleich jede Kritik an seinem Unrechtsstaat mit allen Mitteln verhindert.

Es ist keine Frage, dass Putin Edward Snowden nicht aus Menschenfreundlichkeit Asyl gewährt, sondern dass er dies tut, um die USA am Nasenring ihrer eigenen Scheinheiligkeit durch die Manege zu führen. Umso schlimmer ist es freilich, dass ihm die USA dazu Gelegenheit geben. Denn Snowden und auch Assange haben ja in den USA alles andere als faire Prozesse zu erwarten, in denen auch über Staatsunrecht zu reden wäre. Die USA, die so gerne über sog. Schurkenstaaten herziehen, können nämlich höchst fragwürdig denken und handeln, wenn ihre eigenen Schurkereien ans Licht kommen. Das China und Russland das auch können, ist geschenkt.

Die Sequenz zu Obama klingt für mich schon wie vorweggenommenes Nachtreten.

Obama ist gemessen an seinen eigenen zur Schau gestellten Ansprüchen an die sog, westlichen Werte eine Riesenenttäuschung. Während G.W. Bush diese Werte aus Dummheit mit den Füßen trat, tat Obama das Gleiche im vollen Bewusstsein um das Unrecht seines Handelns.

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Ehemaliger Nutzer 03.03.2016 | 15:43

Dass Obama die postulierten Ziele nicht alle oder in dem angestrebten Umfang umsetzen konnte, lag sicher nicht an seiner fehlenden Intention, sondern am politischen Widerstand.

Und wer ernsthaft erwartete, er könne alle seine Vorhaben auch umsetzen, muss schon sehr naiv sein.

Unausgewogen und seltsam plakativ mit den letzten drei Zeilen bleibt Augsteins Aufruf für mich dennoch, erinnert mich irgendwie an Avaaz.

Sie müssen meine Meinung ja nicht teilen.

iDog 04.03.2016 | 00:55

"Dass Obama die postulierten Ziele nicht alle oder in dem angestrebten Umfang umsetzen konnte, lag sicher nicht an seiner fehlenden Intention, sondern am politischen Widerstand."

Ihre Oberflächlichkeit ist Methode? Würde mich nicht wundern.

Obama bzw. die , die er repräsentiert, haben ihre politischen Ziele erreicht. Das lag am fehlenden Widerstand und an den politischen Intentionen. Was Sie da Widerstand nennen, wohlmöglich von noch weiter rechts, ist doch Kasperletheater von Dummköpfen für Dumme. Der wirklich Widerstand kommt erst noch. Bislang konnte er mit Tränengas und Polizeigewalt unterdrückt werden. Der kommende Widerstand wird anders aussehen und anders wirken.

Und ob Obama oder wer auch immer, who the fuck cares, denn es macht wirklich keinen Unterschied, wer den Strohman gibt. Die kapitalistischen Eliten sind so was von flach und ratlos mit ihrer phantasielosen Monokultur des totalitären Konsumismus, dass ein Augstein sich positionieren, ein Loblied auf Snowden und Assange zu singen kann. Man ist schon gespannt wann der Artikel zu 9/11 kommt.

Klar ist also, dass das "Ding" am kippen ist wo man hinschaut , im Kleinen wie im Großen. Alle, die nicht auf ihrem Hirn sitzen merken das, nur Sie nicht.

karamasoff 04.03.2016 | 01:45

Mit Projektionen und Netiquette kennen Sie sich ja aus:

"Warum sollte sich die SPD denn auch mit dem inzwischen zwar abgehalfterten Spaltpilz von der Saar einlassen, der sich ja nicht mal zu schade war, auch DIE LINKE zu spalten, was vermutlich aus ego-emotionalen Gründen dann in letzter Sekunde doch ausblieb.

Der Dampfplauderer weiß nämlich genau, dass ohne seine WASG-Fraktion eine irgendwie linke Koalition sehr wohl möglich, vielleicht sogar erfolgreich wäre, aber das gönnt der Egomane nicht einmal seinen eigenen Parteifreunden."

Ihr O-Ton zu Oskar Lafontaine.

iDog 04.03.2016 | 02:14

Vielen Dank für Ihr Mitgefühl Herr InternationalBankaccountnumber, ich halte mich immer an die Nettiquette - seit Jahren. Ich brauche mir also von Leuten, die hier seit ein paar Tagen einen Account unterhalten dieselbe nicht unbeding erklären lassen. Der Blockwartposten ist übrigens schon vergeben. Ist Ihnen das klar?

Aber vielleicht meinten sie ja auch nur, dass sie es der "Mama" sagen werden, falls ich Ihnen noch mal widersprechen oder mißfallen, zu nahe treten sollte mit kritischen Äusserungen. Dear, dear. Wer weiß das schon. Leute, die so wie sie hier gerade auf ein offenes Wort reagieren, wobei sie selber Allgemeinplätze von sich geben, sind hier recht selten. Manche merken dann, dass andere Methoden als Autoritätshörigkeit und devote Linientreue auch zu Ergebnissen, Debatten und intelligentem Austausch führen. Manche merken es aber auch nicht. Aber das ist eher selten.

Ich habe auf Ihren Kommentar geantwortet, weil ich ihn wie gesagt für sehr oberflächlich und ideologisch tendenziös um nicht zu sagen für eine ideologische Stereotype halte, mithin für unrealistisch. Ich habe ihnen meine bezüglich Einschätzung kurz mitgeteilt. Keine sachlich Reaktion ihrerseits.

Und dann Sie ... Man fragt sich zu Recht wie Sie als Reaktion darauf kommen, Sie würden mir in welcher Form auch immer meine "Projektionen vor die Füße legen". Wo ist der Sinn dieser Aussage? Und dann haben Sie nicht mehr zu bieten als mir Drogenkonsum vorzuwerfen gleich nachdem Sie sich auf die Netiquette berufen wollen. Fällt Ihnen nicht anderes ein, oder wo liegt das Problem?

Sind Sie vielleicht auf Kritik nicht eingestellt? Falls das so ist, wäre zu überdenken, ob sie auf dem für sie richtigen Portal unterwegs sind. Hier wird in den meisten Fällen kritisch, polarisierend debattiert. Alles ander macht ja kein Sinn. Konformistische Konsesbekundungen brauchen wir wirklich nicht selber zu schreiben, die stehen jeden Tag in jeder Zeitung - diese Allgemeinplätze, sozusagen als systamatische Beleidigung der Intelligenz des verantwortungsvollen Bürgers.

Getreu meinem alten Motto: "Wer nicht selber denkt, muss dran glauben." wünsche ich Ihnen noch einen beschaulichen Abend.

iDog 04.03.2016 | 03:07

antirussisch antiamerikanisch antichinesisch antieuropäisch ... alles die selbe lächerliche Ideologie ...

Sie haben hier also ganz deutlich eine einmalige Chance vertan,könnte man meinen, denn Sie hätten es sein können, der die Ihrer Meinung nach fehlende Ausgewogenheit hätte beisteueren, ergänzen können. Aber aber ... leider verratzt . Ihnen fällt ein, dass auch in anderen Ländern/Kontinenten Dissidenten geschlachtet und gefoltert werden. Und das müsse man natürlich dazu sagen wenn man die totalitären Methoden des Goldenen Westens , der eigenen Eliten kritisiert, dass nämlich die anderen Eliten auch nicht besser sind ... weil genau so machen das auch immer, die die Putin , die chinesiche KP, wen auch immer beschuldigne ganz schlimmem Finger zu sein, oder? Zuerst sagen die immer , das sie selber so was abscheuliches machen und dann sagen sie erst, dass die anderen auch nicht besser sind, nee, nämlich noch schlimmer Ungeheur ... huuuuh

... Und deswegen ist das alles gar nicht so schlimm. Oder?

... oder müssen wir , wie man so schön sagt, erstmal vor der eigenen Türe kehren , um ein echter ausgewogener Saubermann erster Güte zu werden?

Nein, es ist noch ganz anders: Sie haben schlicht und ergreifend das Thema total verfehlt und danebenargumentiert. Das Thema hier ist die totalitäre Tendenz unserer sogenannten zivilisierten und aufgeklärten "Demokratien". Nicht die der anderen oder die der sogenannten "Feinde". Es sind zB die englische , dei US amerikanische und schwedische Demokratie gemeint im Fall von Assange.

Diese eigene Tendenz kann man mit gutem Recht kritisieren und beschreiben ganz ohne darauf hinweisen zumüssen wie unmenschlich es woanders läuft. Denn woanders, da haben wir selber nicht zu Verantworten. Wir kümmern uns also um unseren eigenen Verantwortungsbereich und was innnerhalb desselben trotz angeblich freier Meinungsäußerung und tralala Menschenrechten mit Menschen geschieht, die sich kritisch äußeren und uns mit Informationen zur gängigen Verschwörungspraxis der Herrschenden versorgen. Bei diesem Thema ist es uns wirklich egal was wer auch immer in anderen Staaten mit seinen Bürgern macht. Es geht um uns.

Denn , lieber Herr IBAN, sie sind sich ja sicher darüber im klaren, dass ihrer Meinung nach der "zivilisierte" Westen eine freiheitliche Vorbildfunktion zu erfüllen hat, ohne die er sich niemals die Legitimation hätte herbeiimaginieren könnt die restliche Welt in Schutt und Asche zerlegen zu können, nur weil die diesem irrealen Vorbild nicht entsprechen will. Ja?

Nun gut. Es ist wie es ist, könnte man meinen: Die eigene faschistische Gewaltherrschaft hat prinzipiell Recht. Und: Hauptsache man ist auf Seiten des Rechts, damit einem nichts passieren kann. Aua.

Ich meine , dass wir gerade mit diesem weinerlichen und kriecherischen Hyperoportunimus und der entsprechenden Heuchelei was die sogenannten freiheitlichen Werte angeht in diese global nur als beschissen zu bezeichnende Situation garaten sind. Damit muss Schluss sein. Und ich sage es nicht gerne. Aber wo Gorgie Bush Recht hatte , hatte er Recht: Either you are with us , or you are with the terrorists" war eine treffende Feststellung. Er war aus versehen wie ich glaube seiner Zeit damals sogar vorraus. Denn wir leben jetzt tatsächlich in einer Periode , in der jeder, wirklich jeder Position beziehen muss, und jeder der nicht eindeutig Position bezieht, wird zum feindlichen Lager gezählt werden müssen. Es gibt keinen politisch neutralen Raum mehr ( hats nie gegeben und war immer nur eine Ausrede für Weicheier). Und langsam aber sicher klärt sich auch auf wer die Terroristen wirklich sind.

balsamico 04.03.2016 | 09:03

Dass Obama die postulierten Ziele nicht alle oder in dem angestrebten Umfang umsetzen konnte, lag sicher nicht an seiner fehlenden Intention, sondern am politischen Widerstand.

Was hat denn der Friedensnobelpreisträger Obama für den Weltfrieden erreicht, nachdem er mit seinem "We want change-und-yes we can-Getröte" Präsident geworden war? Helfen Sie mir. Mir fällt gerade nichts ein. Obama ist außenpoltisch - und das heißt auch weltpolitisch - eine Riesenenttäuschung, genauer gesagt: ein Versager und eine Null.

balsamico 04.03.2016 | 09:26

PS:

Und sein, Obamas, Sinn für Gerechtigkeit ist nullstrebig, wie man insbesondere daran erkennt, dass er friedliche Bürger nach Herzenslust belauschen lässt, wie es vor ihm noch kein Präsident getan hat und diejenigen, die ihm per Whistleblowing einen Strich durch die Rechnung machen, gnadenlos verfolgen lässt, dass sie sich verkriechen müssen, um nicht auf Jahrzehnte in einem Ami-Knast zu verschwinden. Und wen er zum Terroristen erklärt, den lässt er ohne Verhaftung und rechtsstaatliches Verfahren "abliquidieren," wobei niemand erfährt, ob seine Drohnen nicht auch Zivilisten treffen. Dieser Präsident hat zwar charmantes Gesicht aber eine grausame Seele.

maguscarolus 04.03.2016 | 09:30

IBAN der Schreckliche! Er hat was gegen "Antiamerikanismus", unterstützt also die deutsche mainstream-Bewegung des Anti-Antiamerikanismus. Solche Doppel-Antisierungen werden ja immer beliebter. "Der Deutsche" liebt es nicht, "gegen etwas" zu sein. Ist doch auch viel kuscheliger, wenn man "dafür" ist. Und wer nicht "dafür" ist wird zum Hassen freigegeben. Anti-Anti ist die Front der "Mutigen Mehrheit".

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Ehemaliger Nutzer 04.03.2016 | 11:42

Vielleicht ist es bei Ihnen ja schon eine Weile her, deshalb empfehle ich auch Ihnen und einigen anderen "Alteingesessenen" hier, sich die Netiquette dFC nochmal anzusehen, denn dann wüssten Sie, dass sich diese primär auf das Verhalten der Nutzer untereinander, und nicht auf Personen des öffentlichen Lebens bezieht.

Das muss Ihnen natürlich nicht gefallen, aber das ist eine ganz andere Baustelle.

Was die Aufregung hier allerdings mit der Ehrung von verdienstvollen Wistleblowern zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht.

iDog 04.03.2016 | 19:06

??? Sie regieren gereizt auf Kritik an ihren Aussagen? Ihnen fällt nichts anders ein als die Nettiquette? Sie halten die Meinungen anderer wohlmöglich für perönliche Angriffe? Klare Diagnose : Sie haben Kapitalismus.

Ich meine, sie sollten sich nicht zuviel enbilden. Ich kenne Sie doch gar nicht. Man regiert hier auf Textfragmente, und das war es auch schon. Wenn der eigne Text anderen kritikwürdig erscheint, muss man mit Kritik rechenen. So it goes.

Wie wärs , wenn Sie mal zur Abwechslung was Sachliches zur Debatte beisteuern würden. Haben Sie mein Kritik nicht gelesen? Verteidigen Sie ihre Meinung? Nein, Sie jammern rum, hat man den Eindruck.

karamasoff 05.03.2016 | 01:58

"Der Herausgeber der Zeit, Josef Joffe, war da typisch. Er schrieb, er wünsche sich „keinen Ein-Mann-Rächer, der nach eigenem Geschmack entscheidet, was zu veröffentlichen sei."

Damit zielte Joffe mit Sicherheit nicht auf die Verhältnisse in den USA, sondern auf die Absicherung einer Lufthoheit über Publikation in Deutschland.

Geheuchelter double standard ist es außerdem. Daß Joffe gerne via Wunschgericht entscheiden lässt, was zu veröffentlichen sei und was nicht, hat er ja unlängst schon deutlich machen wollen.

Selbst in den USA ist man kritischeres gewöhnt als hierzulande. Z.B. die Kritik und Veröffentlichung der Ausgaben der Pentagon Propagandastrategieabteilung MISO, die Millionen Dollarbeträge in das Ziel steckt im Ausland die Öffentlichkeiten zu Gunsten der imperialistischen US-Kriegsstrategien zu beeinflussen.

Dafür brauchts nicht nur Whistleblower, sondern vor allem freien Journalismus mit mutigen Herausgebern wie Ben Bradlee.

Man nennt das auch Transparenz in der Demokratie. Antidemokraten scheuen Transparenz wie der Teufel das Weihwasser und verstecken ihren Drang nach Intransparenz und Lufthoheit über Nachrichten hinter dem Rechtsstaatsbegriff und Richterroben.

Angelia 05.03.2016 | 10:31

Schön von Ihnen mal wieder einen Beitrag zu lesen, der einer inneren Logik folgt, die ich auch in Ihrem Buch Sabotage vorfand.

Was lerne ich aus Ihrem Beitrag?

Es scheint Menschen zu geben, die sich ausschließlich ihrem Gewissen und vielleicht noch einer Idee von Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit verpflichtet fühlen und andere fühlen sich womöglich ausschließlich Gremien und Kuratorien, für die sie sich freiwillig engagieren, verpflichtet.

Da können abstrakte Ideen, die dem Wohlergehen der Allgemeinheit dienen sollen ,u.U. nun mal Opfer vom zweckgebundenen, pragmatischen Tagesgeschäft werden.

Ich bin mir sehr sicher, dass Herr Joffe auch nur das Gute will. Nun haben wir aber im Fall "die Anstalt" gelernt, dass es unklug ist, laut denkend Zusammenhänge abstarkt zu formulieren. Aber man darf sich sicher noch laut die ein oder andere Frage stellen. Z.B für wen oder was er das Gute will. Nur sollte man sich selbst diese Frage klugerweise und aus Selbstschutz eben nicht laut und schon gar nicht öffentlich beantworten, wenn man nicht bereit ist, wie die im Beitrag erwähnten Wistleblower, den Preis dafür zu zahlen.

Wir haben nämlich auch gelernt, dass Wistleblower zwar Helden für die breite Masse sind, diese breite Masse sich aber weder klar hinter die Wistleblower stellt, noch ist sie wirklich so weit, praktisch etwas mit den Informationen anzufangen.

Vielleicht liegt die Schlinge der Totalitarität einfach noch nicht eng genug um den eigenen Hals....

joernszwischenfrage 06.03.2016 | 23:16

Insgesamt ist das ein Beitrag, der Spaß macht, zum Nachdenken anregt. Aber ein Abschnitt bleibt mir unverständlich. Sie schreiben:

Im Deutschen kennen wir kein Wort für Whistleblower. Wir kennen nur den Verräter. Und das Gesetz ist ja auch eindeutig: Es ist verboten, Dokumente der nationalen Sicherheit zu veröffentlichen. Es ist verboten, in die Datenbanken von Kreditkartenunternehmen einzubrechen. Es ist verboten, öffentliches Straßenland zu besetzen. Und weil all das verboten ist, ist die Sache mit Assange, Anonymous und Occupy ganz einfach: anzeigen, anklagen, aburteilen.

Nun, das deutsche Wort für Whistle-blower ist Informant oder neuerdings auch Whistleblower. Allgemein ist das Wort Informant genauso positiv oder negativ besetzt wie Whistle-blower: Es ist eine Frage der Sichtweise, ob die Preisgabe der Information der guten Sache dienlich war, wohingegen "Verräter" eindeutig negativ besetzt ist. Ein Verräter mag Informationen liefern, Skandale aufdecken, unserem Feind zum Nachteil handeln, wir verachten ihn trotzdem. Der Informant ist hingegen durchaus anerkannt, und zwar auch rechtlich (Stichwörter: Quellenschutz und ziviler Ungehorsam). In welchem Zusammenhang gibt es das Wort Whistle-Blower also nicht? Steckt hinter diesem Abschnitt folglich ein Apell, die drei Tätigkeiten grundsätzlich zu erlaubten Handlungen werden zu lassen? Soll die Weitergabe von Informationen, wodurch unsere nationale Sicherheit gefährdet wird, soll das Stehlen von Kreditkartendaten oder das Besetzen von öffentlichen Straßen gar gefördert werden? Das kann nicht gemeint sein (und wäre anderenfalls nicht richtig), oder?

Oliver Kloss 08.03.2016 | 05:29

Die Laudatio von Jakob Augstein zur Ehrung Daniel Ellsbergs hebt auch die aktuellen Helden zu ehren an. Das gefällt mir sehr. Der Text ist herausragend, wenngleich ich mich der kritischen Anmerkung nicht enthalten kann.

Barack-Obama-Kritik mag inzwischen Mainstream sein, aber sie vergisst, was er zu bewältigen hatte. Gewiss hat sich Barack Obama überschätzt, besonders bezüglich der schnellen Auslösung von Guantanamo. Aber Obama übernahm als Präsident die USA in einer Situation, da die Rechtsstaatlichkeit längst verlassen worden war.

Er hatte gegen Mehrheitsverhältnisse anzuregieren, die er sich nicht aussuchen konnte. Heute fürchten wir nicht mehr um ein weiteres Abgleiten der USA, sie sind auf dem Wege der Umkehr zu ihren zivilisatorischen Errungenschaften und überdies ist es Obama gelungen, wenigstens ein Gesundheitssystem zu begründen, das in die Richtung eines besseren Sozialstaates ausbaufähig ist.

Wenn sich US-Geheimdienste das Recht der Überwachung der Welt erlauben, so gleichen sie darin einfach den Geheimdiensten vieler anderer Staaten, denen vielleicht die technischen Möglichkeiten mangeln. Aber wozu die USA bezüglich ihrer Sicherheitspolitik einen "totalitären Staat" nennen? Das lässt keine Steigerung mehr offen, wie ließe sich dann noch die Kluft zu Russland oder gar Nord-Korea sinnvoll bezeichnen?

Es sollte die Verpflichtung liberaldemokratischer Republiken sein, Whistleblowern Schutz zu bieten, wenn sie im eigenen Lande mit Verfolgung rechnen müssen, damit sie nicht - wie Edward Snowden - in die Peinlichkeit geraten, Zuflucht in Staaten nehmen zu müssen, in denen sie sich ihre Tat nur unter weit größerer Gefährdung hätten leisten können:

"Freiheit für Chelsea Manning!

Freiheit für Julian Assange!

Asyl für Edward Snowden!"

Joachim Petrick 10.03.2016 | 02:36

Manchmal sind es einzelne Personen, die das Andere Leben der Menschen in der Welt, in Deutschland, in den USA, Russland, in China, der Türkei durch Worte den Atem des Lebens zu verleihen vermögen.

Hier an dieser Stelle der Daniel Ellsberg Laudatio, anlässlich der Verleihung des Dresdner Preises an ihn, ist es es Jakob Augstein, der das vermag. Danke!

Welch ein Elan!, lieber Herr Augstein, samt Appell:

"Freiheit für Chelsea Manning!

Freiheit für Julian Assange!

Asyl für Edward Snowden!"

da wird mir nicht mehr bange um das "Andere Leben"!

Auch in deutsch- deutschen Verhältnissen gab es von 1949- 1990 Whistleblower, wie Rainer Rupp, Jahrgang 1945, 68er, der aus dem Nato- Hauptquartier in Brüssel als freiwilliger Kundschafter im Namen des Friedens zwischen den Ost- West Blöcken auf eigene Faust und Rechnung geheime Papiere an die Warschauer Vertragsstaaten nach Ostberlin lieferte und dafür nach der Deutschen Einheit 1993 verhaftet, zu 12 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, wie es Martin Walser in seiner Dankesrede bei seiner Annahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Paulskirche Frankfurt/Main eindringlich zu schildern wusste.

"Also ist es mir ganz und gar unangenehm, wenn die Zeitung meldet: Ein idealistischer Altachtundsechziger, der dann für die DDR spionierte und durch die von Brüssel nach Ostberlin und Moskau verratenen NATO-Dokumente dazu beigetragen hat, denen im Osten begreiflich zu machen, wie wenig von der NATO ein atomarer Erstschlag zu befürchten sei, dieser idealistisch-sozialistische Weltverbesserer wird nach der Wende zu zwölf Jahren Gefängnis und 100 000 Mark Geldstrafe verurteilt, obwohl das Oberlandesgericht Düsseldorf im Urteil festhält, "daß es ihm auch darum ging, zum Abbau von Vorurteilen und Besorgnissen des Warschauer Paktes die Absichten der NATO transparent zu machen und damit zum Frieden beizutragen . .." Und er habe "auch nicht des Geldes wegen für seine östlichen Auftraggeber gearbeitet". Wolfgang Schäuble und andere Politiker der CDU haben dafür plädiert, im Einigungsvertrag die Spionage beider Seiten von Verfolgung freizustellen. Trotzdem kam es 1992 zu dem Gesetz, das die Spione des Westens straffrei stellt und finanziell entschädigt, Spione des Ostens aber der Strafverfolgung ausliefert. Vielleicht hätte ich auch von diesem Vorfall wegdenken können, wenn er nicht ziemlich genau dem Fall gliche, den ich noch zur Zeit der Teilung in einer Novelle dargestellt habe. Und man kann als Autor, wenn die Wirklichkeit die Literatur geradezu nachäfft, nicht so tun, als ginge es einen nichts mehr an. Wenn die unselige Teilung noch bestünde, der kalte Krieg noch seinen gefährlichen Unsinn fortfretten dürfte, wäre dieser Gefangene, der als "Meisterspion des Warschauer Paktes im NATO-Hauptquartier in Brüssel" firmiert, längst gegen einen Gleichkarätigen, den sie drüben gefangen hätten, ausgetauscht. Dieser Gefangene büßt also die deutsche Einigung. Resozialisierung kann nicht der Sinn dieser Bestrafung sein, Abschreckung auch nicht. Bleibt nur Sühne. Unser sehr verehrter Herr Bundespräsident hat es ablehnen müssen, diesen Gefangenen zu begnadigen. Und der Bundespräsident ist ein Jurist von hohem Rang. Ich bin Laie. Fünf Jahre von zwölfen sind verbüßt. Wenn schon die juristisch-politischen Macher es nicht wollten, daß Ost und West rechtlich gleichgestellt wären, wahrscheinlich weil das eine nachträgliche Anerkennung des Staates DDR bedeutet hätte - na und?! -‚ wenn schon das Recht sich als unfähig erweist, die politisch glücklich verlaufene Entwicklung menschlich zu fassen, warum dann nicht Gnade vor Recht? So der Laie.

http://kulturkritik.net/quellen/walserrede.html
Dankesrede von Martin Walser
zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels

in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998