Warum nervt der Mensch im Garten?

Gärtner Der Gärtner denkt über andere Menschen im Garten nach und fragt sich, warum sie dort nerven

Liebe Gartenfreunde, in der letzten Folge hatte ich wie beiläufig erwähnt, dass ich mich, von meinen Gärtnern, wie man sagen kann, getrennt habe. Ich habe darüber nachgedacht und finde, es handelt sich hier um ein bedeutsames und einschneidendes Ereignis, für meinen Garten und für mich. Ich will also nicht einfach so im Text fortfahren, sondern innehalten und über meine Gärtner nachdenken.

Wir befassen uns im Garten mit den Pflanzen, auf welchem Boden sie leben wollen, wie wir sie ernähren und pflegen und großziehen. Wir befassen uns manchmal auch mit den Tieren, obwohl Sie wissen, dass ich den Tieren im Garten mit einer gewissen Zurückhaltung gegenüberstehe. Aber wir müssen uns auch mit den Menschen befassen. Es geht ohne Menschen nicht.

Wenn man sich nun die Natur der Pflanzen, der Tiere und der Menschen ansieht, leuchtet es schnell ein, dass von diesen dreien die Pflanzen im Umgang die einfachsten sind, die Tiere schon schwieriger – am schwierigsten ist aber der Mensch.

Der Mensch im Garten, um es klar zu sagen, nervt.

Es kann sein, dass wir den Garten ja lieben, um dem Menschen zu entkommen. Dass wir den Garten schaffen, um Ordnung an die Stelle von Chaos zu setzen, Schönheit an die Stelle von Verkommenheit und Harmonie an die Stelle von Lärm. Es wäre darum sicher am besten, den Menschen den Zutritt zum Garten zu verweigern. Eine Mauer um den Garten zu errichten und die Schwätzer, die Lügner, die Eigennützigen, die Unzuverlässigen, die Aufgeblasenen, die Missgünstigen draußen zu halten. Ein Traum. Nicht zu verwirklichen.

Denn, wie gesagt, es geht nicht ohne den Menschen. Beispielsweise ohne den Gärtner. Keine Chance, alles im Garten allein zu machen. Es ist zu viel. Ich erinnere mich, wie ich mit den Leuten geredet habe: Ich will einen Teich anlegen. Ein Teich, so und so tief, diese und jene Form; verstehen Sie, und den Rand machen wir so, mit Steinen auf der einen und Pflanzen auf der anderen Seite. Damit Natur und Ordnung sich um den Teich herum gegenüberstehen, und das Wasser wie ein Drittes dazwischen liegt. Und sie sagen: Ja. Das ist nicht schwierig. Das machen wir. Und ich frage: Sind Sie sicher? Und sie sagen: Ja. Und ich denke: Gut. Doch da liegt der Fehler.

Wenn einer sagt, er macht es, dann heißt das – nichts. Das ist eine der sonderbarsten Erfahrungen, die ich den vergangenen Jahren gemacht habe. Nicht nur im Garten. Erledigen Sie diese Auf­gabe? Erreichen Sie dieses Ziel? Können Sie dieses Problem lösen? Liegen Sie im Plan? Verstehen Sie, was Sie tun? Ja. Ja. Ja. Aber dann wird nichts draus und es geht alles schief und daneben und scheitert. Zweifel und Zögern wären die Wahrheit gewesen und nicht ein schnelles Ja.

Das ist sehr bedauerlich. Denn am Ende fließt das Wasser ab und die Wahrheit kommt zum Vorschein. Zum Glück, möchte man sagen. Und Lüge und Selbstüberschätzung und Überheblichkeit zerbrechen am Ende. Dann ist das Vertrauen zerstört und die Zeit verloren. Und das Geld sowieso. Und man muss den ganzen Teich neu anlegen, weil er von Grund auf falsch konstruiert wurde. Es kommt dann die Zeit der Abrechnung, in der man sich, wie gesagt, vor Gericht wiedersieht. Schon klar. Aber das dient eher der ­Hygiene als der Heilung.

Es ist sicher eine der interessantesten Fragen im Leben, warum Menschen so sind. Und Gärtner. Warum sie Versprechen machen, die sie nicht halten können, obwohl sie einmal an den gebrochenen Versprechen selber nicht weniger leiden werden als der, dem sie gegeben wurden. Ich muss ­darüber nachdenken.

Ich neige zu psychologischen ­Erklärungsmustern. Auch bei Gärtnern. Mir fällt der Psychiater ­Delbrück ein, der Ende des 19. Jahrhunderts ein Buch über den pathologischen Lügner und die Pseudologia Phantastica geschrieben hat. Der Pseudologist unterscheidet sich vom normalen Lügner. Dieser weiß, dass er lügt. Er ist also berechnend und daher gesund. Der Pseudologist aber wirkt gerade darum so überzeugend, weil er glaubt, was er sagt, ohne deshalb einer wahnhaften Verkennung seiner Umwelt zu verfallen. Der Pseudologist hat gleichsam ein doppeltes Bewusstsein.

Das wäre vielleicht das Freundlichste, was sich von meinen ­früheren Gärtnern sagen ließe.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin

Jakob Augstein

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