Warum sind die Narzissen aus Spanien hierher gewandert?

Koch oder Gärtner Sie ist eine vergängliche Blume und manch Dichter setzte sie mit Sternen gleich. Der Gärtner fragt sich, wie sie zu uns gelangen konnte und unterteilt sie dann in Klassen

Liebe Gartenfreunde, William Wordsworth hat ein berühmtes Gedicht über Narzissen ge­schrieben und das beginnt so:

I wandered lonely as a cloud / That floats on high o’er vales and hills, / When all at once I saw a crowd, / A host, of golden daffodils;

Übersetzt klingt es immer noch sehr hübsch, allerdings ein bisschen ringelnatzig:

Der Wolke gleich, zog ich einher, die einsam zieht hoch übers Land, / als unverhofft vor mir ein Meer von goldenen Narzissen stand. / Am See, dort wo die Bäume sind / flatterten, tanzten sie im Wind. So stetig wie der Sterne Schein und Funkeln hoch am Himmelszelt / war’n sie in endlos langen Reih’n / am Saum der Bucht entlang gestellt. Zehntausende, auf einen Blick, bogen im Tanz den Kopf zurück.

Es ist eine hübsche Idee, gerade die vergängliche Blume, die sich nur für wenige Wochen im Jahr über die Erde traut, neben die ewigen Sterne zu setzen. Man kann sich das ja gar nicht so richtig vorstellen, was Wordsworths Wanderer da unverhofft vor­findet, eine Wiese am Meer, vielleicht einen Abhang, über und über mit gelben Narzissen besetzt. Aber in England wachsen Narzissen wild. Sie sind nun einmal Zwiebelpflanzen, die nicht aus Kleinasien stammen oder aus noch weiterer Ferne. Sie kommen einfach aus Spanien. Und von dort aus sind sie gewandert.

So steht es wenigstens im Standardwerk des bedeutenden Kulmbacher Narzissenexperten Walter Erhardt, was jetzt nicht so viel heißen will, weil es so furchtbar viele bedeutende Narzissenexperten in Deutschland gar nicht gibt und in Kulmbach vermutlich noch weniger. Erhardt schreibt jedenfalls, es sei „interessant, dass sich diese Pflanzen das heutige Verbreitungsgebiet vor allem durch Wanderschaft erschlossen haben“. Interessant schon, aber schwer vorstellbar: Hat also eines Abends die eine Narzisse auf der iberischen Halbinsel zur anderen gesagt, es muss im Leben mehr als Spanien geben und sich einfach auf den Weg gemacht? Und sind ihr dann andere gefolgt?

So muss es sich zugetragen haben: In einem langen Strom haben die wandernden Zwiebeln zunächst die Pyrenäen über­wunden, dann Frankreich und Belgien hinter sich gelassen, um dann zu ihrer phänomenalsten Leistung anzusetzen: der Überquerung des Ärmelkanals. Wunderbare Natur!

Narcisuss pseudonarcissus hat also den Weg nach Norden gesucht, während es Narcissus poeticus nach Osten gezogen hat, über Griechenland bis zum Schwarzen Meer. Unwillkürlich fragt man sich, was aus der englischen Narzissendichtung über Wordsworth hinaus hätte werden können, wenn es umgekehrt gekommen wäre, und es die Dichternarzisse gewesen wäre, die den Weg nach Britannien gefunden hätte?

Es müssen auf dieser Wanderung eine Menge merkwürdiger Dinge passiert sein, denn heute gibt es ungefähr 26.000 ver­schiedene Kulturformen der Narzisse. Das ist eine ziemliche Menge, auch für das an Vielfalt nicht gerade arme Pflanzen­-reich. Gerade die Narzisse fordert also den Gärtner sozusagen dazu auf, sich der mühevollen aber notwendigen Aufgabe ihrer Ordnung und Klassifikation zu stellen. Sonst dreht man ja durch. Die Narzissen werden in zwölf Klassen eingeteilt. Die muss man sich nicht merken, aber die Namen sind einfach schön:

Trompetennarzissen

Großkronige Narzissen

Gefülltblühende Narzissen

Engelstränen Narzissen

Alpenveilchen Narzissen

Jonquillen

Tazetten

Dichternarzissen

Wildarten

Geschlitztkronige

Sonstige Narzissen

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Ihre Freitag-Redaktion

09:00 24.09.2011
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

Ausgabe 41/2021

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