Was haben Gärtner und Behörden gemeinsam?

Koch oder Gärtner Der Gärtner erfindet vielerlei Begriffe für Raum und Pflanzen - der kommunale Ordnungshüter sinniert auch: über Fäkalschlammentgelt

Liebe Gartenfreunde, wir kehren zurück zum Thema Wasser und gehen das ruhig etwas ausführlicher an. Das Thema hat es auf ­ jeden Fall verdient: Ohne Wasser hat das ganze Gärtnern keinen Sinn. Es gibt nicht viel Wasser in Berlin, wohin es den Gärtner verschlagen hat. Im Laufe eines Jahres gehen auf jeden Berliner Quadratmeter 580 Liter Wasser nieder. Das klingt irre viel. Ist es aber nicht. Hamburg hat es mit 760 Litern viel besser. Dieser Umstand, der bessere Boden dort und überhaupt das angenehmere Klima erklären, warum die Rhododendren, ohne die ein an­ständiger Garten in Wahrheit ja unmöglich ist, in Hamburg so viel besser wachsen als in Berlin.

Im Ernst gleicht das Gärtnern hier im fernen Osten einem andauernden stillen Kampf. (Um Ihnen für Niederschlagsmengen überhaupt mal einen Maßstab zu geben: Über den Wäldern und Schluchten des indischen Cherrapunji, das zwischen Bhutan und Bangladesch liegt und wo seit 150 Jahren der offizielle Regen­rekord gehalten wird, ergießen sich im Jahr etwa 11.000 Liter pro Qua­dratmeter.)

Wenn die Flüsse rückwärts fließen

Wegen der bekannt sandigen Beschaffenheit des Berliner Bodens versickert der Regen ziemlich schnell und verwandelt sich in Grundwasser. Immerhin. Denn davon lebt die Stadt. Keineswegs von ihren spärlichen oberirdischen Gewässern, die in Wahrheit bessere Teiche sind. Im Mittel sind die Berliner Seen 4,5 Meter tief. Wer in der Havel segeln geht, muss damit rechnen hundert Meter vom Ufer auf Grund zu laufen, und die Spree ist auch nicht mehr, was sie mal war. Die meisten Lausitzer Braunkohlegruben sind seit ein paar Jahren stillgelegt, das Grubenwasser wird nicht mehr nach Norden geleitet – das raubt der Spree den Atem. Früher, als es noch Poesiealben gab, haben wir geschrieben: „Wenn die Flüsse rückwärts fließen, wenn die Füchse Jäger schießen, wenn die Mäuse Katzen fressen, dann erst will ich Dich vergessen.“ Da muss man in Berlin heute sagen: Vorsicht, mit dieser Liebe ist es nicht weit her. Denn es gibt Tage, da fließt die Spree tatsächlich rückwärts. Also wieder in den Müggelsee. Gucken Sie sich das ruhig mal auf einer Karte an.


Die Beschäftigung mit dem Wasser bietet auch Gelegenheit, in die Tiefen und Geheimnisse der kommunalen Wasser- und Abwasserwirtschaft einzutauchen – und in ihre Tarife und Terminologien. Es begegnet einem dort der bewunderungswürdige behördliche Ordnungssinn, der die im Fluss befindliche Welt der Dinge in Gedanken und Begriffe fasst, ganz so wie der Gärtner es mit dem Raum und den Pflanzen macht. Man sinniert über Schmutzwasserentgelt und Niederschlagswasserentgelt, über Fäkalwasserentgelt und Fäkal­schlammentgelt und stellt mit zugegebenermaßen nicht geringem Schrecken eine gewisse Verwandschaft zwischen behördlichem und gärtnerischem Denken fest. Und man stellt mit nicht minderem Schrecken fest, dass Berlin alles andere als ein billiges Pflaster ist. Ich habe neulich zwar gesagt, mir sei meine Wasserrechnung gleichgültig. Aber das war gelogen.

Für Studenten und Kreative mag Berlin traumhaft günstige Lebensbedingungen bieten. Für Hausbesitzer sieht das anders aus. Im Jahr 2008, jüngere Zahlen habe ich nicht, belegte die Stadt bei den Abwassergebühren einen traurigen 91. Platz. Potsdam übrigens den hundertsten und letzten. Die Durchschnittsfamilie (vier Köpfe) in ihrem Durchschnittshaus (120 Quadratmeter) mit ihrem Durchschnittsgrundstück (200 Quadratmeter) gab in Potsdam sagenhafte 786,48 Euro im Jahr für Wasser aus, in Berlin enorme 673,14 Euro. In Freiburg aber, um mal ans andere Ende des Landes zu gehen, kostete das Wasser nur 283,31 Euro – und in Karlsruhe, billiger wird’s dann nimmer, nur 226,32 Euro.

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Ihre Freitag-Redaktion

18:28 04.09.2010
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 213
Jakob Augstein

Ausgabe 25/2021

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