Wie bekämpft man hartnäckiges Unkraut?

Koch oder Gärtner? Diese Woche gräbt Jakob Augstein seinen alten Rosenstock aus, erzählt von seinem jahrelangen Kampf gegen den Giersch und erklärt, was das mit dem Poststrukturalismus zu tun hat

Liebe Gartenfreunde,
als mein Garten und ich uns fanden, so kann man das wohl nennen, war er in keinem guten Zustand. Es hatten vor uns zwei Musiker mit ihren Familien das Haus bewohnt. Sie waren als Freunde eingezogen und dann zu Feinden geworden. Sie spielten bei den Berliner Symphonikern, der eine die Trommel, der andere ... ich habe es vergessen. Orchestermusiker stehen im Ruf, keine einfachen Zeitgenossen zu sein. Ich habe diese beiden nicht gut kennen gelernt, aber sie schienen mir einander ähnlich in ihrer sonderbaren, in sich gekehrten Hemmungslosigkeit. Aber was weiß ich. Ich habe den Garten von ihnen übernommen und den Hinweis, dass irgendwo links der Hund der Familie begraben liegt. Ich glaube, ich hatte das schon einmal erwähnt: Ich bin darauf vorbereitet, eines Tages auf seine Knochen zu stoßen.

Die eine Hälfte des Gartens war vollkommen verwildert. Seit Jahren hatte dort niemand mehr einen Spaten in die Erde gesteckt. In Berlin bedeutet das, trockenes Steppengras breitet sich aus und der Boden versandet. Es wächst da nicht einmal mehr Unkraut. Der Rest des Gartens war voller Giersch. Weil jetzt Winter ist und alles mit Schnee bedeckt und weil ich es geschafft habe, den Giersch zu besiegen, möchte ich mich heute mit diesem besonders schlimmen und hartnäckigen Unkraut befassen.

Sehen Sie, es gab einen alten Rosenstock bei mir, der sicher bis auf die frühe Nachkriegszeit zurückging und schon lange keine Blüten mehr trug. Aus seinem Stamm sprossen eines Tages viele braune Pilze, die hübsch anzusehen waren: Hallimasch. Im Gartenbuch von Granny Jane steht zu dieser Pilzsorte, dass es im Leben eines Gärtners nichts Schlimmeres geben kann als Hallimasch, dass jeder Widerstand zwecklos sei und man am bestenseine Sachen packen und anderswo von Neuem beginnen sollte. Nach meiner Erfahrung trifft das für diesen Pilz nicht zu. Aber für Giersch.

Den Rosenstock mit dem Hallimasch habe ich ausgegraben und den Boden im Umkreis von einem Meter ausgetauscht. Damit war das Problem erledigt. Gegen den Giersch habe ich jahrelang gekämpft. Was wir unter Giersch verstehen, ist eine Art der Doldenblütler, das Aegopodium podagraria, also etwa der gichtheilende Ziegenfuß. Eine alte Heilpflanze, die vitaminreich ist, gegen Gelenkschmerzen helfen soll und als Salat angeblich schmackhaft ist. Meinetwegen. In Wahrheit handelt es sich um den schlimmsten Feind Ihres Gartens! Das Zeug verbreitet sich über Rhizome. Und auch wenn Sie vom Poststrukturalismus mehr verstehen als vom Gärtnern und bei dem Wort Rhizom zuerst an Guattari und Deleuze denken, dann liegen Sie, was die Komplexität des Sachverhalts angeht, schon ziemlich richtig. Das Problem an Rhizomen ist, dass ein kleiner Krümel ausreicht, eine neue Pflanze zu bilden. Sie reißen den Giersch heraus, und bleibt auch nur ein Stück des weißlichen Rhizomfadens in der Erde, war Ihre Mühe umsonst. Der Giersch kennt, auch da eine gut poststrukturalistische Pflanze, kein Zentrum, sondern nur ein wucherndes Netz. Er breitet sich aus und begräbt alles unter sich. Es gibt, glaube ich, in meinem Garten nur eine einzige Pflanze, gegen die der Giersch machtlos war: Geranium macrorrhizum, der Balkan-Storchschnabel mit seinen schwermütig duftenden, pelzigen Blättern. Er bildet selber Rhizome, ist aber weitaus standorttreuer als der wandernde Giersch.

Wie ich den bösen Feind geschlagen habe? Handarbeit. Faden für Faden. Mit Geduld und Hartnäckigkeit. Über mehrere Jahre. Ich hatte den Entschluss gefasst, meinen Garten nicht dem Unkraut zu überlassen, das meine Vorgänger aus Desinteresse oder Fahrlässigkeit wuchern ließen.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin

Jakob Augstein

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