Wie bereitet der Gärtner seine Winterpause vor?

Gärtner Der Gärtner räumt seinen Garten auf und denkt dabei über die Vergänglichkeit allen Seins nach. Mit seiner Garten-Kolumne pausiert Jakob Augstein nun ein halbes Jahr

Liebe Gartenfreunde, das Ende ist nah. War es eine gute Zeit? Ist die Saat Ihrer Arbeit aufgegangen oder ist Ihnen alles unter den Händen verdorrt? Für Reue ist es jetzt zu spät. Ihnen bleibt nur noch, Ordnung zu machen. Am Ende des Sommers müssen Sie Ihren Garten aufräumen, so wie man als Kind am Abend eines langen Tages sein Zimmer aufräumen muss.

Für den Gärtner hat das ein bisschen mit der Sorge um die Pflanzen zu tun und sehr viel mit der Liebe zur Ordnung. Der Winter ist an sich kein Spaß. Aber ein unaufgeräumter Garten im Winter ist wirklich deprimierend. Wenn schon alles um uns herum stirbt, sollten wenigstens wir die Form wahren. Wenn Sie Ihre Zwiebeln schon gesetzt haben, müsste Ihr Garten eigentlich in Ordnung sein. Denn die richtige Reihenfolge lautet natürlich: erst aufräumen, dann Zwiebeln setzen. Erst schafft man das alte Zeug beiseite und macht Platz und dann setzt man in den aufgelockerten, von allem Unrat gereinigten Boden die hoffnungsvollen Zwiebeln für das nächste Frühjahr.

Aufräumen bedeutet, die faulen Strünke der Stauden aus den in sich zusammengesunkenen Beeten zu schneiden. Stellen Sie sich vor, dass dieser faulige Unrat einmal die herrlichen Blumen waren, die Ihnen den Sommer versüßt haben!

Was bleibt?

Und denken Sie da­rüber nach, was die Zeit aus den Dingen macht! Was vom Leben bleibt. Was von der Liebe bleibt. Asche zu Asche und Staub zu Staub klingt nach einer sauberen Sache. Aber Tod und Verwesung sind alles andere als sauber: Überall liegen schimmlige Äpfel zwischen den verrottenden Stängeln abgestorbener Pflanzen, die Dinge sind im Stadium des Übergangs, in der Transition, in der Auflösung.

Wenn man Zeuge der geradezu konvulsivischen Schmerzen ist, unter denen das Leben vom Zustand der Ordnung in den der Auflösung wechselt, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie streng und mühsam die Arbeit der Natur gewesen sein muss, jene feinglie­drigen Blätter und diese zarten Farben zu erschaffen, wie viel Energie da gebunden wurde in diesen bezaubernden Blüten, die so wunderbar duften konnten, wenn ihre Aromen in einem kurzen Gewitterregen von der durch hohe Wolken brechenden Sonne in die mit Dampf gesättigte Luft befreit wurden.

Verpacken Sie die Rosen!

Also, schneiden Sie das Zeug weg, dann stört Sie der Anblick in den kommenden Monaten nicht. Verpacken Sie Ihre Rosen mit Tannengrün. Das schützt gegen den Frost und sieht gemütlich aus. Sie können die Rosen um überlange Triebe beschneiden. Aber eigentlich ist das Frühjahr die Zeit für den Rückschnitt. Stehen irgendwo noch Töpfe mit Pflanzen herum, die es nicht mögen, bei Minus 15 Grad komplett durchzufrieren? Die Töpfe gehören in den Wintergarten, den jedes Haus haben sollte. Oder an die Hauswand, in eine windgeschützte Ecke, eng aneinandergedrückt, und von oben sollte man auch sie mit Tannennadeln schützen.

Dann zieht sich das Leben in Ihrem Garten in die Erde und Sie sich ins Wohnzimmer zurück. Im Spätherbst gehen Sie noch mal raus und atmen diese besondere Luft ein, die jetzt gesättigt ist mit dem Duft der Erde und der Dunkelheit. Dann machen Sie die Türen zu, damit die Kälte nicht ins Haus kommt. Sie haben jetzt viel Zeit. Lesen Sie also ruhig noch mal nach, was Franz Biberkopf seinerzeit im Gefängnis aufgeschnappt hat: Inzwischen melden sich die Jahre, / Der Mottenfraß zermürbt die Haare / Es kracht bedenklich im Gebälke, / Die Glieder werden schlapp und welke, / Die Grütze säuert im Gehirn / Und immer dünner wird der Zwirn. / Kurzum, du merkst, es wird jetzt Herbst, / Du legst den Löffel hin und sterbst.

Jakob Augstein pausiert nun mit seiner Garten-Kolumne für ein halbes Jahr. Deshalb suchen wir ab sofort einen Aushilfs-Gärtnerkolumnisten für die Winterpause! Bewerbungen bitte unter dem Text posten.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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