Wie ein wildes Tier

Fall Kachelmann Die Justiz in Mannheim hat nicht nur das Leben des Angeklagten zerstört. Sie hat den Rechtsfrieden beschädigt. Das biegt auch der Freispruch nicht wieder hin

Das Strafverfahren soll den Schuldigen verurteilen und den Unschuldigen schützen, es soll frei von Willkür sein, und es soll vor der nächsten Instanz bestehen können. Manchmal fällt es dem Gericht schwer, diese drei Aufgaben zu erfüllen. Manchmal ist das unmöglich. Der Strafrechtslehrer Claus Roxin sagt: „Darum kann der Strafprozess auch nicht wie ein Pfeil geraden Weges das Ziel erreichen.“ Der Strafprozess Jörg Kachelmanns hat weiß Gott keinen geraden Weg genommen. Und das biegt auch der Freispruch nicht wieder hin. Die Justiz in Mannheim hat nicht nur das Leben des Angeklagten zerstört. Sie hat den Rechtsfrieden beschädigt.

Neun Monate sind seit der Verhaftung Kachelmanns vergangen. 132 Tage saß er in Untersuchungshaft. 43 Verhandlungstage dauerte sein Prozess. Zehn Gutachten wurden vorgetragen. Und jetzt wurde er freigesprochen. Einen Freispruch erster oder zweiter Klasse kennt das deutsche Rechtswesen nicht. Aber noch in der Begründung des Urteils wurde deutlich, wie schwer es der Mannheimer Strafkammer fiel, von diesem Angeklagten zu lassen. Das Urteil beruhe nicht darauf, sagte der Richter, dass die Kammer von der Unschuld Kachelmanns oder einer Falschbeschuldigung des angeblichen Opfers überzeugt sei. Nicht einmal jetzt mag dieses Gericht dem Angeklagten die Würde zurückgeben, die es ihm in den vergangenen Monaten genommen hat. Es lässt zähneknirschend von ihm, wie ein wildes Tier, das man von seiner Beute zerrt.

Der Fall Kachelmann hat gezeigt, welche furchtbare Macht die Justiz sein kann, und welch gefährliche Gewalt Beschuldigungen entfalten können. Denn es bestand bei unabhängigen Prozessbeobachtern schon lange kein Zweifel mehr daran, dass mit den Anschuldigungen des angeblichen Opfers etwas nicht stimmte. Spätestens als das Oberlandesgericht Karlsruhe Kachelmann im Juli 2010 aus der Untersuchungshaft befreite, war die Glaubwürdigkeit der Zeugin dahin.

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge machte dem berüchtigten Wort von der Staatsanwaltschaft als „Kavallerie der Justiz“ alle Ehre: Kachelmann saß gerade eine Woche in Haft, da wussten die Zeitungen schon, was die Frau seiner Behörde erzählt hatte. Und so ging es neun Monate weiter. Bis zu Oltrogges Plädoyer, das er mit den Worten ankündigte, es würden neue „pikante Details“ aus Kachelmanns Liebesleben enthüllt.

Aber es geht uns nichts an, ob Jörg Kachelmann eine Freundin hatte oder ein Dutzend, ob er sie „Lausemädchen“ nannte und ihnen die Ehe versprach. Auch die Verwüstungen, die Kachelmann in ihren Leben zurückließ, gehen uns nichts an. Ja, es gibt Menschen, die andere in ihr Unglück hineinziehen. Aber der Mann war Wettermoderator, nicht Bundespräsident. Und trotzdem wissen wir nun lauter private Dinge über ihn, die uns nichts angehen.

Daran sind nicht die Medien schuld. Voyeurismus gehört zum Geschäft der Journalisten, und seine Neugierde wird man dem Publikum kaum vorwerfen können. Die Verantwortung liegt beim Gericht und bei der Staatsanwaltschaft: man hat sich in Mannheim um die Verhältnismäßigkeit des Verfahrens ebenso wenig geschert wie um den Grundsatz, dass eine „unnötige Bloßstellung“ des Beschuldigten zu unterlassen sei.

Staatsanwalt Oltrogge hat schon vor dem Urteil angekündigt, im Fall eines Freispruchs in die Revision gehen zu wollen. Das baden-württembergische Justizministerium sollte ihn stoppen: Dieser Mann schadet dem Recht.

14:15 31.05.2011
Geschrieben von

Jakob Augstein

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