Wie schnell laufen eigentlich Laufenten?

Koch oder Gärtner? Diese Woche lässt der Gärtner das geheimnisvolle Wort "Mittelschluff" fallen. Er fragt sich, was die Fische im Winter machen und ob Enten Frostschutzmittel im Blut haben

Liebe Gartenfreunde,

bitte verschonen Sie mich mit Fragen nach dem Frühling. Im Ernst. Seien Sie so gut und nehmen Sie sich noch ein bisschen zusammen. Geduld ist eine gärtnerische Tugend. Mir fällt es auch nicht leicht. Verdammt noch mal.

Täglich gehe ich hinaus und schaue nach meinen Zwiebeln. Drei, vier Zentimeter Grün sind hier und da zu sehen. Es hängt natürlich vom Boden ab. Der ist in meinem Garten, wie Sie als aufmerksame Leser wissen, nicht von gleichmäßiger Qualität. Bindige und nichtbindige Abschnitte wechseln sich ab. Feinschluff mit Grobsand, Mittelschluff mit Feinsand, Grobschluff mit Mittelsand, wie auch immer, es ist von außen nicht immer gut zu erkennen, nur jetzt in der Zeit des zurückweichenden Eises sieht man, wo das Wasser steht, wo der Boden träger taut und wo die Zwiebeln schon durchs lockere Erdreich stoßen. Gehen Sie hinaus! Sehen Sie selbst! Diese ganze Kolumne ist doch nichts anderes als ein dauernder Aufruf zum Hinausgehen und Tätigwerden. Das Drinnen-Bleiben ist ja unser größtes Problem. Immer. In allen Fragen. Gesamtgesellschaftlich. Nicht nur beim Gärtnern.

Das Eis auf dem Teich trägt seit einigen Tagen nicht mehr. Ich hatte vor einigen Wochen mit dem Beil Löcher hineingeschlagen, aus Neugierde und aus Sehnsucht. Es ist lange her, dass ich von meinen Fischen etwas gesehen habe. Meine beiden Koikarpfen und mein Sterlet. Wie mag es ihnen ergangen sein? Der Eisangler weiß, dass im tiefen Gewässer auch des Winters die Temperatur nicht unter vier Grad sinkt und die meisten Fische noch beweglich bleiben – was Voraussetzung fürs Eisangeln ist, denn der winterstarre oder gar eingefrorene Fisch ist nicht gut zu angeln. Ich habe mich also über dieses Loch gebeugt, das mich wie ein düsteres Auge aus dem weißen Antlitz des Sees angestarrt hat. Ich habe in die Schwärze hinabgeblickt und ich kann Ihnen sagen, dass die Schwärze in mich geblickt hat. Das kalte dunkle Wasser erfüllte mich mit Furcht und ich wich schaudernd zurück. Kein Zeichen von meinen Fischen übrigens.

Ich bin einmal im März ein paar Meter tief auf den Grund eines Sees getaucht, um ein versunkenes Seil heraufzuholen und es war da so kalt und finster, wie ich mir den Tod vorstelle.

Nachdem ich nun mein Projekt in Angriff genommen habe, Laufenten in meinem Garten heimisch zu machen, richtete eine Leserin die besorgte Anfrage an mich, ob denn die Enten im Winter vor Eisfüßen geschützt seien. Ich trete hier ungern als Schulmeister auf, aber in diesem Fall kann ich gar nicht anders: Liebe Leserin, Enten haben von Natur aus Eisfüße und zwar notwendigerweise. Entenfüße sind im Winter null Grad kalt. Wären sie wärmer und die Ente ginge auf ein gefrorenes Gewässer hinaus, würde sie erst ein kleines Loch ins Eis tauen und dann vermutlich festfrieren. Ich gebe zu, dass ich vor einigen Monaten noch dachte – und geschrieben habe – dass die Enten eine Art Frostschutzmittel im Blut haben. Stattdessen lassen sie ihr Blut in den Füßen kalt werden. Herrjeh! Ich bin Gärtner. Kein Tierpfleger.

Es stellt sich übrigens die Frage, wie die Hündin mit den Enten verfahren wird. Hatte ich die Hündin bislang nicht erwähnt? Sie ist schwarz und eine gute Jägerin, und sie hat mir früher Mäuse gebracht. Es wäre bedauerlich, wenn meine Laufenten das gleiche Schicksal erleiden. Zumal die einschlägige Literatur vom Verzehr der Laufente abrät: Sie bestehe nämlich praktisch nur aus Hals.

An die Kaninchen hat sich die Hündin inzwischen gewöhnt. Solange sie stillhalten. Rasche Bewegungen lösen bei der Hündin jedoch einen kaum zu kontrollierenden Schlüsselreiz aus. Wir werden dann mal sehen, wie schnell die Laufenten sind.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:00 20.03.2010
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 207
Jakob Augstein

Ausgabe 38/2020

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