Wie überleben meine Pflanzen klimageschockte Zeiten?

Koch oder Gärtner Der Gärtner möchte lieber mit dem Schlauch unterwegs sein, als seine Pflanzen automatisch bewässern zu lassen. Er sucht die innere Einkehr

Liebe Gartenfreunde, ist Ihnen eigentlich klar, wie wichtig Wasser ist? Ich meine nur auf gärtnerischem, nicht auf globalem ­Niveau. Zur allgemeinen Bedeutung des Wassers hat die UNO ja am 28. Juli alles notwendige gesagt, als sie das Recht auf sicheres und sauberes Wasser zum Menschenrecht erklärte. (Für Freunde des Völkerrechts: Es gab keine Gegenstimmen, aber 41 Enthaltungen, vor allem aus den Reihen der Industriestaaten, weil hier kein einklagbares Recht geschaffen werde – was insofern ein bemerkenswertes Argument war, als die Resolution ohne Chance geblieben wäre, hätte sie ein solches Recht vorgesehen. Aber da steckt man gleich im Disput zwischen Rechtspositivismus und Realismus und der Dualität von Sein und Sollen, und das sprengt unseren Rahmen.)

Gärtnerisch gesehen geht ohne Wasser gar nichts. Das ist eine Binsenweisheit, deren volle Bedeutung sich in diesen Tagen entfaltet. Machen Sie sich bitte klar, wie aufwändig das Wässern ist! Bedenken Sie das, bevor Sie sich zu einem Garten bekennen! Beachten Sie die Verantwortung, die Sie übernehmen! In diesen Tagen wird die Farbe des Rasens zum Ausweis Ihrer gärtnerischen Pflichterfüllung.

Ich winke jedes Mal ab, wenn mich jemand nach Balkonpflanzen fragt. Lass es, sage ich, Du kommst mit dem Gießen ohnehin nicht nach. Das galt schon in den normalen, präklimageschockten Zeiten. Nun, da die Sommer trockener werden, vor allem im abgeschlagenen deutschen Osten, in dem unsere ­große Stadt liegt, wird das Thema zur Überlebensfrage nicht nur für die Balkonbegrünung. Wenn Sie nicht ständig mit dem Schlauch unterwegs sind, stirbt Ihnen auch im Garten alles unter den Händen.

Manche Pflanzen vertrocknen trotz Wässerns

Es gibt die Möglichkeit der ­automatischen Bewässerung. Wer mit dem Gedanken an ein solches System spielt, muss eine Skizze des Gartens verfertigen und die Beete, den Rasen, die Bäume eintragen. Wo ist Licht, wo Schatten? Wo hält der Boden das Wasser fest, wo lässt er es versickern? Entwerfen Sie dann einen Plan für den Verlauf der Leitungen. Bedenken Sie die notwendige Tiefe zur Verlegung, so dass Sie nachher beim Setzen der Zwiebeln nicht mit der spitzen Pflanzschaufel alles kaputtmachen. Bitte, wenn Ihnen das Spaß macht. Ich habe dazu im Ernst keine Lust, und praktische Erwägungen, ob damit Geld oder Zeit oder Wasser zu sparen sind, kümmern mich wenig.

Ich gieße meinen Garten gerne. Ich gehe gerne gießend von Pflanze zu Pflanze, prüfe Wachstum und Zustand. Ich will mir ein Bild darüber machen, wo ich mich freuen kann und wo ich mir Sorgen machen muss. Ich blicke schaudernd zum Nistkasten empor und frage mich, ob darin die Eier der Meisen noch unausgebrütet liegen. Ich stelle mit Überraschung die hohe Zahl an Bienen fest, die sich um die blauen Blüten meiner Nepeta grandiflora balgen (besser bekannt als Katzenminze, aber lassen Sie die Finger von der üb­lichen Sorte, der Hybride faassenii, es gibt so viel schönere, Six Hills Giant etwa, Walker’s Low oder racemosa.) Mit einem Wort: Gießen bedeutet Einkehr.

Bei Temperaturen über 35 Grad hilft aber selbst die klösterlichste Disziplin des Gärtners manchen Pflanzen nicht mehr viel: Farne (bei mir vor allem der goldgrüne Dryopteris Affinis, der winterschöne Polystichum aculeatum und natürlich der prächtige Osmunda regalis) und Funkien (ich werde nicht müde, die Hosta sieboldiana elegans zu empfehlen) verlieren über die Blätter mehr Feuchtigkeit, als man ihnen über die Wurzeln zuführen kann. Sie vertrocknen trotz Gießens.

Es sei daran erinnert, dass man als Schwimmer ertrinken kann, auch wenn der Kopf aus dem Wasser ragt, wenn nur die Luft selbst damit hinreichend gesättigt ist.

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Ihre Freitag-Redaktion

10:00 08.08.2010
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

Ausgabe 42/2021

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