Jakob Augstein
Ausgabe 0716 | 24.02.2016 | 06:00 24

„Wir müssen uns bekennen“

Salon Jakob Augstein im Gespräch mit Naika Foroutan über das freundliche Gesicht der Gesellschaft – und ihre Fratze

„Wir müssen uns bekennen“

„Nicht an einer Zahl scheitert Integration, sondern an der Haltung“

Foto: Philipp Plum für der Freitag

Jakob Augstein: Frau Foroutan, nervt es Sie, wenn man Sie als besonders gelungenes Beispiel von Integration herumreicht.

Naika Foroutan: Es nervt mich nicht. Aber ich würde nicht sagen, dass es stimmt.

Wieso? Ist bei Ihnen etwas schiefgelaufen mit der Integration?

Nein, aber meine Mutter ist in Boppard am Rhein geboren und ich auch. Insofern habe ich mich vielleicht in Berlin gut integriert. Es hängt eben davon ab, wie wir Integration definieren. Wenn wir darauf abzielen, dass jemand von draußen kommt, zum Beispiel irgendwann in der dritten Generation aus dem Iran stammt, dann müssen wir immer eine Kerngesellschaft voraussetzen, in die jemand erst hineinmuss. Definieren wir Integration aber über Teilhabe, über Bildung und Arbeit, dann sind auch Sie sicherlich ein Beispiel für gelungene Integration.

Mich überrascht, wie schnell Vorurteile gegen Fremde mobilisierbar sind. War ich zu naiv?

Ich würde mit einer anderen Überraschung anfangen.

Mit welcher?

Mit der Offenheit. Dieses ganz starke Moment von Akzeptanz, das Andere, die Fremden anzunehmen. Und zugleich anzunehmen, dass sich dieses Land so stark gewandelt hat. Dass man in der Gesellschaft die Bereitschaft gespürt hat, diesen Wandel nicht nur zu akzeptieren ...

… sondern?

… ihn und die Ankommenden regelrecht zu umarmen. Das hat mich und sicher viele überrascht.

Aber es gibt doch auch das Hässliche! Und den Zweifel!

Das liegt daran, dass diese Überraschung der Gesellschaft über sich selbst auch etwas offenbart hat. Dass man sich selbst nicht richtig geglaubt hat. Dass manche Menschen ihrer eigenen Courage nicht trauen. Das Moment des „Ja-wir-sind-ein-Einwanderungsland“ ist sehr schnell wieder hinterfragt worden: „Es wird kippen, das kann nicht halten, es werden immer mehr.“ Auf mich wirkt das geradezu wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Zur Person

Naika Foroutan, 44, ist Politologin und Islamwissenschaftlerin und gehört zu den einflussreichsten Integrationsforscherinnen der Republik. Sie leitet das neue „Berliner Institut für empirische Migrationsforschung“ von Hertie-Stiftung, DFB und Bundesagentur für Arbeit. Im „Sachverständigenrat Integration“ ist sie eine der Migrationsweisen

Wie deuten Sie das?

Wir müssen, finde ich, uns als Analytiker zunächst ein paar Fragen stellen: Wie konnte es zu so einem schnellen Wandel kommen? Welches ist nun das wahre Gesicht unseres Landes? Haben wir zu schnell aufgegeben, weil wir immer noch die böse Fratze der Xenophobie als unser wahres Gesicht sehen?

Sie sind die Forscherin.

Wir müssen uns nur die Zahlen anschauen. 29 Prozent der Befragten sagten vorletzte Woche, sie würden einen Schießbefehl auf Flüchtlinge an den Grenzen unterstützen. Gleichzeitig haben wir eine Zahl von 73 Prozent, die sagen: „Ja, es ist rechtens, wenn Menschen fliehen. Sie haben das Recht, Asyl zu bekommen.“ Drei Viertel – eine riesige Mehrheit.

Und ein großer Widerspruch.

Diese Ambivalenz ist das, was die Gesellschaft im Moment kennzeichnet. Der Integrationsoptimismus auf der einen Seite – und auf der anderen seine Einschränkung, sobald es um sichtbare Minderheiten geht. Die Leute sagen Ja zur Vielfalt – aber bitte ohne Muslime! Und ohne Flüchtlinge. Und ohne Obdachlose. Und ohne sonst wen, der nicht dem Mehrheitsbild entspricht.

Die Koalition macht also gerade Politik für die Pessimisten. Warum ist unsere Regierung ängstlicher als die eigene Bevölkerung?

Ich weiß gar nicht, ob ich das so unterstützen würde. Wenn wir uns Angela Merkel anschauen, dann wirkt die Kanzlerin nicht ängstlicher als die Bevölkerung. Im Gegenteil, an ihr können sich viele Wohlmeinende festhalten

Aber ist das nicht ein Missverständnis? Merkel lächelt – dann verschärft sie die Asylgesetze.

Warum sollte die Ambivalenz vor der Politik haltmachen? Wir müssen uns damit befassen, was die Ambivalenz mit den Menschen macht. Ungefähr 30 Prozent in der Bevölkerung bekennen sich zu dem neuen, offenen Deutschland. Ein Drittel steht für Einwanderung. Und definiert bestimmte Grundkriterien von Demokratie für alle Menschen gleich.

Wie stark ist die andere Seite?

Da haben wir auch 30 Prozent. Die sind gegen Einwanderung. Das ist auch nicht wenig. Allerdings gibt es ein sozialwissenschaftliches Bonmot, das sagt: Jede Gesellschaft hat 20 Prozent Populisten. Die muss man aushalten, die sind halt einfach da.

Und aus den 20 sind nun 30 Pozent geworden ...

Die 30 Prozent tendenzielle Grundstimmung in Deutschland sind in manchen Ländern Europas auf 50 Prozent angewachsen. Nehmen Sie Ungarn. Oder Polen. Auch in Dänemark, der Schweiz und Großbritannien sind es rund 30 Prozent Zustimmung für Rechtspopulisten.

Die Mitte der Gesellschaft ist nach rechts gerutscht.

Der politische Kampf wird um die Mitte der Gesellschaft geführt. In Frankreich können wir beobachten, wie der rechtsextreme Front National die Mitte vor sich hertreibt – und spaltet. Das Problem ist, dass es heute auch in wirtschaftlich stabilen Ländern gelingt. Das zerstört unsere Grundtheorie: Wir nahmen an, dass vor allem Länder, in denen es ökonomische Krisen gibt, fremdenfeindlicher werden. Das gilt nun aber scheinbar nicht mehr.

Wie erklären Sie sich, dass wir das nicht erkannt haben?

Wir haben nicht über Rassismus als solchen gesprochen. Wir haben Xenophobie offenbar zu lange über Status, ökonomische Ungleichheit und marxistische Argumentationsgrundlagen erklärt.

Hat das mit dem Islam zu tun?

Das hängt nicht am Islam, sondern daran, dass man sich selbst im Umgang mit Vielfalt nicht traut und die Demokratie in Frage stellt.

Vielleicht müssen gar nicht 100 Prozent der Leute an die Demokratie glauben. Vielleicht reicht es, wenn die Rassisten einfach die Klappe halten.

Nur, was passiert, wenn diese Rassisten in die Regierung kommen? Das ist ja keine hypothetische Frage. In Ungarn und Polen sind Regierungen an die Macht gelangt, von denen wir vor einigen Jahren nicht erwartet hätten, dass sie in Europa jemals wieder eine Chance hätten. Insofern sind das Motiv und die Dynamik, die entstanden sind, durchaus angsteinflößend. Wir stehen vor der Situation, dass sich wieder faschistische Strukturen etablieren könnten. In Europa.

Haben Sie als Forscherin etwas gelernt in den letzten Monaten?

Ich habe gelernt, dass wir uns zu wenig damit befasst haben, was Demokratie eigentlich bedeutet. Welche Herausforderungen die gleichberechtigte Teilhabe an jeden Einzelnen von uns immer wieder stellt. Ich sehe bei vielen Menschen eine kognitive Akzeptanz der Einwanderung, aber gleichzeitig eine emotionale Distanz. Das geht so weit, dass man plötzlich bereit ist, grundlegende demokratische Errungenschafrten wieder infrage zu stellen.

Sogar Intellektuelle wie Rüdiger Safranski warnen vor den „Abermillionen Muslimen“. Warum macht er das?

In seiner Wahrnehmung ist das Thema Islam so alltagspräsent, dass er die Zahl der Muslime und der Flüchtlinge einfach überschätzt. Wir haben dazu eine Umfrage gemacht. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung überschätzt die Zahl der Muslime – doppelt, dreimal oder viermal so hoch, wie sie in Wirklichkeit ist. Tatsächlich sind es circa vier Millionen, also fünf Prozent der Bevölkerung.

Wie ist das möglich?

Das liegt daran, dass das Bild in den Medien und auch in unseren Angstnarrativen so präsent ist. Die Wahrnehmung ist eben kein originalgetreues Abbild der Realität, sondern sie setzt sich aus dem Alltags-Hören zusammen.

Kann man dem auch entrinnen?

Ja, natürlich. Es kostet uns nur einen enormen Aufwand, über lange Zeit vorgelebte Rollenbilder zu überwinden. Dazu sind Ressourcen nötig, etwa Geld oder familiäre Unterstützung.

Können Sie das näher erklären.

Wir haben das bei den muslimischen Frauen gesehen. Sie haben sich aus der Rolle des potenziell immer unterdrückten Wesens befreit. Lange wurde die Frau mit Kopftuch pauschal als Opfer patriarchaler Strukturen beschrieben. Sie trägt ein Kopftuch, also hat sie keine Bildung und so weiter. Plötzlich stellen wir fest, dass das gar nicht stimmt. Da wenden sich Frauen mit Kopftuch an uns, sehr selbstbewusst, und sagen: Du musst mich nicht befreien, ich habe mich selbst befreit.

Das glaubt die deutsche Feministin nicht gerne.

Seit diesem Wandel im Frauenbild richtet sich der Fokus nun aber auf den muslimischen Mann, vor allem den jugendlichen Muslim.

Welche Rollen gibt es für ihn, um sich zu befreien?

Da ist unser Repertoire leider sehr beschränkt. Der junge Muslim wird tendenziell bildungsfern, aggressiv und gewaltbereit wahrgenommen. Wenn er überhaupt aufsteigt, dann als Fußballspieler oder Besitzer eines Internetcafés. Alle Rollen, die wir für Männer sonst noch bereithaben – Kindergärtner, Nerd mit Brille, Mathematik-Student usw. –, das sind keine Angebote, die wir für die Gruppe der jungen Muslime bereithalten.

Und wir Deutschen? Können wir aus unserer Haut heraus? Oder sind wir Rassisten?

Nicht mehr und nicht weniger als andere Bevölkerungen auch.

Warum fordern Sie ein Leitbild für Migration, keine Leitkultur?

Weil Leitkultur immer etwas ist, was retrospektiv aus der Vergangenheit zusammengestellt wird. Was ist unsere Kultur, wie hat uns Geschichte zu dem gemacht, was wir sind? Da wir aber ein Zuwanderungsland sind, wird es immer Menschen geben, die nicht schon immer hier waren. Ein Leitbild weist nach vorne: Wo wollen wir hin? Das kann man gemeinsam definieren.

Die CDU wird kein neues Einwanderungsgesetz erlassen. Selbst jetzt nicht.

Das glaube ich nicht. Wir haben seit 2001 eine doppelte Staatsangehörigkeit bekommen, ein Zuwanderungsgesetz, eine Anerkennung ausländischer Abschlüsse und so weiter. Alles das ist erst gekommen, als sich unser Leitbild verändert hatte – weil es seit 2001 ein anderes Narrativ gab: dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Damit muss man aber umgehen können.

Was soll das heißen?

Dass wir als Einwanderungsgesellschaft jedes Jahr eine hohe Zahl an Zuwanderung haben werden. Wir müssen uns ehrlich machen, was die Zahlen angeht. Wir haben im vergangenen Jahr die Zahl von einer Million kommen sehen. Und viele haben nun bereits Angst vor Überfremdung. Aber wir müssen uns im Klaren sein, was diese Zahl bedeutet: Sie bedeutet ungefähr ein Prozent Bevölkerungszuwachs.

Allein im Jahr 2015.

Wenn wir ein Einwanderungsgesetz wollen, werden wir uns an Einwanderungsländern wie Kanada, USA, Brasilien, Singapur orientieren. Die meisten dieser Länder haben eine Zuwanderung von 0,8 bis 1,5 Prozent. Das heißt – gehen wir mal von einem Prozent aus –, es werden 800.000 Menschen kommen. Nicht Abermillionen, sondern 800.000. Jedes Jahr. Das ist die Zahl.

Was ist der Wunsch, den Sie an die Politik hätten?

Sich zu bekennen und Signale zu senden, dass Integration etwas ist, was nicht an einer Zahl scheitert, sondern an der Akzeptanz.

Info

Der nächste Radio Eins und Freitag Salon findet am 7. März statt. Gast ist Ex-Pirat Martin Delius

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/16.

Kommentare (24)

CLW 24.02.2016 | 08:59

Werte Frau Naika Foroutan,

ich halte IhreAnalyse zwar nicht geradezu für falsch, wohl aber für unzureichend. Die ganze jetzige Situation ist docj unverständlich, wenn man den Neolieralismus aussen vor lässt: Die Anmassung, man dürfte/sollte/müsste seinen Mit-Menschen Beurteilung eines Menschen nach seinem Gebrauchswert. beurteilen. (Mit allen Folgen, die das hat; so z.B. "Fachkräftemangel" und ähnlichen Müll.) Wenn ich an den Sommer letzten Jahres zurückdenke: "Refugees welcome" war doch ein Akt des Widerstande:Die Flüchtlingsheime brannten doch schon, Heidenau, das war doch schon vorbei. Aber "Machen und nicht quatschen". Etwas wenig Platz hier ... aber ich suche mal einen Fernsehbeitrag aus jenen Tagen heraus- das muss heute nicht mehr stimmen, aber damals.

Comparse 24.02.2016 | 09:08

Wenig erhellendes - leider.

@Augstein: Populistisch bedeutet "dem Volk zugewandt". Vielleicht sollten wir uns zuallererst mal über bestimmte Begriffe einigen, bevor wir sie benutzen. Denn was wollen Sie mit "20% Populisten" im Volk zum Ausdruck bringen, sprich, was genau wollen Sie kritisieren, wenn Sie dieses Wort benutzen?

Das zerstört unsere Grundtheorie: Wir nahmen an, dass vor allem Länder, in denen es ökonomische Krisen gibt, fremdenfeindlicher werden. Das gilt nun aber scheinbar nicht mehr.

Diese Aussage von Frau Foroutan ist haltlos, denn unsere Gesellschaft befindet sich seit mindestens 7 Jahren sehr wohl in einer ökonomischen Krise. Es ist seit 1929 eine erneute Krise des Kapitalismus, die sich anschickt, weltweit immer mehr Kriege zu produzieren und die Zukunft von Generationen zu zerstören.

Man kann Rassisten nicht verbieten, in der Öffentlichkeit zu reden. Aber eine Regierung, die sich im Vorfeld mit dem Volk auf Werte wie Frieden, Solidarität und Mitgefühl geeinigt und diese in einer Verfassung (Grundgesetz) verankert hat, kann sehr wohl dafür sorgen, dass rassistischem und volksverhetzendem Gedankengut keine Bühne gegeben wird und der Respekt vor JEDEM Menschen (Ausländer, Arbeitslose, Hartz IVler, ehemalige DDR Bürger etc.p.p.) gewahrt bleibt.

Politiker, Intelektuelle und Medien haben sich - auch was ihre Worte angeht - an diese Vereinbarung mit dem Volk zu halten!

Und genau das ist in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr mißachtet worden.

Die Ergebnisse von Arroganz, Ignoranz und Laissez faire dürfen wir heute "bewundern".

Gold Star For Robot Boy 24.02.2016 | 09:48

Xenophobie und Rassismus sind tief in der Gesellschaft verankert und werden von Politik und Medien fleißig unterfüttert. Aktuelles Beispiel Sachsen. Ein Ministerpräsident, der alles tut um Rechtsextremismus und rechte Gewalt zu verharmlosen bzw. zu relativieren und Ängste vor Islam und "fremden Kulturen" schürt:

Ministerpräsident Tillich am 25.1.2015:

Der Islam gehört nicht zu Sachsen.

Ministerpräsident Tillich am 22.2.2016 zu den Vorfällen in Clausnitz und Bautzen:

Das ist nicht erklärbar. Das ist Willkür. Das ist an der Grenze dessen, was man als Verbrechen bezeichnen muss.

Ministerpräsident Tillich am 22.2.2016 im Heute Journal, als Claus Kleber ihn auf seine Bemerkung “Der Islam gehört nicht zu Sachsen” und die Nähe zum Satz “Es droht die Islamisierung des Abendlandes” anspricht:

Ich glaube, dass wir eine sachliche Debatte über die Asylpolitik brauchen. Eine sachliche Debatte schließt Gewalt aus. Das wünsch ich mir. Wir haben in den letzten Jahren ja durchaus das eine oder andere Beispiel erlebt, wo es auch sehr unsachlich zugegangen ist. Denken wir zum Beispiel an die Auseinandersetzungen in Stuttgart um den Bahnhof.

Beispiel 2: Eine große deutsche Zeitung, die mit falschen Zahlen und mit einem verkürzten Zitat in einem Artikel die Debatte um jugendliche Muslime verzerrt. Die Zeit hat diesen "Fehler" immer noch nicht korrigiert.

Beispiel 3: ARD/Bericht aus Berlin-Entgleisung: Fotomontage zeigt Merkel mit Tschador

Nicht zu vergessen die zahlreichen Talkshows, die im Wochentakt die "Ängste und Sorgen" der Menschen in den Fokus stellen und der AfD eine Plattform bieten...

CLW 24.02.2016 | 09:52

Zu "Verklausulierungen" möchte ich ja auch nicht auffordern (.Allerdings muss ich bekennen, dass ich eine Schwäche für Frauen habe So schaue ich seit Wochen nach einem neuen Betrag von Hatice Akyün.) Woran mir nur gelegen ist,: Räume und Wege schaffen; Neues ermöglichen,Korrekturen und Präzisierungen.

Oder anders:Mein bedarf an Rechthabern ist gedeckt, aber der an neuen Gedanken nicht.

CLW 24.02.2016 | 10:04

Da haben Sie natürlich Recht. Aber ein Beispiel beweist nichts,und tausend Beispiele beweisen auch nichts. Die Frage ist doch eher, ob es etwas gibt, Souveränität und Selbstvertrauen aufzubauen und auszustrahlen. Aktiv zu werden! Lärmen und Klagen tun doch die Anderen. Wenn es denn irgend ein "wir" geben soll - etwa: wir, die Anständigen -dann zeichnet ein solches "wir" doch wohl zuallererst aus, dass sie genau dieses unterlassen.

Nordlicht 24.02.2016 | 11:37

Warum gilt es als "Xenophobie und Rassismus", wenn man diese Zuwanderungswelle für falsch und gesellschaftlich gefährlich hält?

Warum wird nicht mehr differenziert zwischen (a) dem im GG festgelegte Recht auf Asyl, das meist zum dauerhaften Bleiben im Gastland führt, (b) der vorübergehenden Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und (c) der Regelung von Einwanderung?

Die allgemeine Unzufriedenheit ist doch entstanden aus der intellektuellen Unschärfe: alles mit allem zu vermischen. Auch die Autorin vermischt.

Jede der Einreisegründe verdient Respekt, aber keine gleiche Haltung und Handhabung. Es ist bei mir der Eindruck entstanden, dass die BuReg den Überblick verloren hat - ich rede von der Phase bis November - und die Kanzlerin keine hässlichen Bilder wollte. Dann tauchte sie weg, und die Medien bejubelten den plötzlichen Mut der Deutschen. Das Standardfoto war die Flüchtlingsmutter mit Kleinkind, direkt dem Krieg entkommen.

Das war Manipulation, denn die Zuwanderer-Strukturen waren und sind anders. Ich nehme an, dass die Medienmacher von der Darlegung der Realität zurück schreckten, um den Rechten keine Munition zu liefern.

Aber gerade das geschah durch die rosa Verschleierung, und die laufende Verschwörungsparanoia der Rechten hatte ihre Beweise für Lügen (ich sag mal: taktisches Verhältnis zur Wahrheit). Zusammen mit der offenkundigen Planlosigkeit der BuReg hat das Bürger den Rechten zugetrieben. (Aus den 5% rechten Deppen wurden plötzlich 10, 15%.)

Welche Lehren gibt das für die Zukunft? Zunächst: Diese Bundesregierung hat das Thema Einwanderung erst verdrängt, dann verfälscht, dann verbrannt. Und die Europäisch Einigung zurück geworfen.

Dennoch können wir m. E. hoffen, aus dem ganzen Schlamassel mit Vorteilen für die Gesellschaft heraus zu kommen. Ein wichtiger Weg dazu ist die Bewahrung des Rechts - es muss effektivere Polizeiarbeit insbesondere gegen rechte Gewalt geben, schnellere Aburteilung und härtere Strafen. Der aufgekommene Eindruck, das böse Gerücht in einigen Medien, dass Flüchtlinge straffrei agieren können, muss in jedem Einzelfall durch Polizei und Justiz als unwahr widerlegt werden. Solche Gerüchte wären sonst Benzin ins Feuer.

Und die Zivilgesellschaft? Die vielen Initiativen? Das Zusammenstehen alles Guten? Alles auch wichtig, aber wenn Straftaten begangen wereen und Flüchtlingsheime brennen, ist es Zeit für einen stärkeren, leistungsfähigen Staat. Herr Schäuble, vergessen Sie die Schwarze Null.

SigismundRuestig 24.02.2016 | 17:49

Insbesondere nach den aktuellen Entgleisungen in Sachsen und in Anbetracht der Umfragewerte zu den anstehenden Landtagswahlen ist die Not bei vielen Politikern groß. Der sächsische Ministerpräsident Tillich geht sogar soweit, die Zivilgesellschaft mit in die Haftung für die bisher verfolgte Flüchtlingspolitik und insbesondere für die von Rechts bedrohte Demokratie zu nehmen.
Nein, verehrte Politikerkaste! Diesen Schuh lassen wir uns so nicht anziehen!
Ihr habt es doch versäumt, rechtzeitig geeignete Verfahren und Infrastrukturen für die seit langem absehbaren Flüchtlingsströme aufzubauen! Ihr habt es doch versäumt, die Bevölkerung bei den notwendigen Maßnahmen zur Aufnahme und Integration der Flüchtlinge mitzunehmen, ihren berechtigten Vorbehalten und Ängsten entgegenzutreten!
Hat die Politik etwa Garantien für die einheimische Bevölkerung ausgesprochen, dass Flüchtlinge keine Arbeitsplätze, keine Wohnungen, keine Ausbildungsplätze wegnehmen?
Aber ihr wart ja nicht untätig. Ihr habt keine Woche, keinen Tag verstreichen lassen, untereinander unabgestimmte, untaugliche, unmenschliche, nicht konsensfähige, mehr dem Populismus geschuldete Vorschläge hinauszuposaunen, euch gegenseitig größte Fehler, Staatsversagen, Verfassungs- und Gesetzesbrüche, Verzögerung, Blockade um die Ohren zu hauen ( ich verzichte auf die Nennung derer, die sich durch ihre permanenten medialen Absonderungen hier besonders hervorgetan haben, da sie hinlänglich bekannt sind, ja sein wollen). Schon gar nicht habt ihr den Versuch unternommen, einen gesellschaftlichen Konsens über diese anstehenden Herausforderungen herbeizuführen. Kein Wunder, dass sich Teile der Bevölkerung verwundert, angewiedert, angestachelt, aufgehetzt abwendet.
Und jetzt habt ihr, nein schlimmer: haben wir, den Schlamassel!
Noch ist es nicht zu spät. Aber welche dieser Politiknasen trauen sich und welchen trauen wir noch eine nötige Umsteuerung und einen derartigen Kraftakt zu?
Fangt doch einfach mal an! Rauft euch im Wahlkampf zusammen! Erklärt den Wählern unisono, dass Vorgänge wie in Sachsen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Wirken der AfD, der PEGIDA stehen und stellt eure sonstigen gegenseitigen Vorwürfe ein!
Oder habt ihr schon die Errungenschaften der vorherigen Politikerkaste ( die übrigens zu Recht in unsere Geschichte eingegangen sind) abgeschrieben, wie insbesondere unser Grundgesetz, unser grenzenloses Europa?

"Der Bundestag glaubt noch​

Volksrepräsentant zu sein.

Tatsächlich sind Nichtwähler bald die größte der Parteien."

http://youtu.be/QGOx8I0COYg

Viel Spaß beim Anhören!

Rock-Blogger, Blog-Rocker und Roll'n Rocker Sigismund Rüstig posted auf multimediale Weise Meinungen und Kommentare zu aktuellen Reiz-Themen in Form von Texten und Liedern.

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Ehemaliger Nutzer 25.02.2016 | 00:31

Während Zwölftonmusik längst Finanzmärkte und sich als modern verstehende Gemeinwesen erreicht zu haben scheint - sehen sich moderne Demokratien mit ihren Nachlässigkeiten konfrontiert: nicht recht bedacht zu haben zu scheinen, in welchem Umfeld das Projekt Globalisierung stattzufinden scheint.

oldredsock 25.02.2016 | 02:04

"Der junge Muslim wird tendenziell bildungsfern, aggressiv und gewaltbereit wahrgenommen. (...) Kindergärtner, Nerd mit Brille, Mathematik-Student usw.-, das sind keine Angebote, die wir für die Gruppe der jungen Muslime bereithalten."

So ist das also: Die jungen Muslime sind nicht bildungsfern, aggressiv u. gewaltbereit - sondern sie werden von uns so wahrgenommen. Es liegt also an uns. Und wenn sie beruflich nicht voran kommen, dann liegt das auch an uns, denn wir halten für sie z.B. das Angebot Mathematik zu studieren einfach nicht bereit. Und wer darauf hinweist, daß ein Mathe-Studium mathematische Kenntnisse erfordert und Fleiß und daß es da nicht mit Koran-Studium getan ist, auch nicht damit, daß muslimische Studenten (!) in mehreren deutschen Universitäten die für alle Studierenden eingerichteten "Räume der Stille" für sich als Gebetsräume umfunktioniert haben mit muslimischen Kleidungs-und Verhaltensregeln (!!!), worauf diese Räume wieder entwidmet wurden, zum Nachteil für alle, wer also darauf hinweist, daß das Zusammenleben mit Muslimen nicht ganz einfach ist und wer deshalb gerne darauf verzichten würde und sich lieber seiner eigenen Kultur widmen möchte, ohne damit andere Kulturen abzuwerten, der ist in den Augen Augsteins gleich ein Rassist und soll die Klappe halten.

Das ist leider unter Augstein das Niveau im "Freitag" geworden und genau deshalb erhalte ich heute, nach fast 20 Jahren Freitag-Lektüre, mein letztes Exemplar dieses "Meinungsmediums".

Schöne Grüße an Alle

Oldredsock

uebung 25.02.2016 | 04:44

Die Fragen Herrn Augsteins und die Antworten Frau Foroutans kann ich nur schwer mit der jetzigen Situation übereinbringen. Insbesondere fällt es mir schwer, die schweren Zertifizierungsgeschütze, die im grau unterlegten Kasten beigefügt wurden, wiederzuentdecken.

Bis 2008 war Deutschland eher Auswanderungsland, was anhand der Zahlen festgemacht wurde. Es gingen mehr Menschen aus Deutschland weg, als einwanderten. Dann kam die von Politik und Medien titulierte Finanzkrise, die die Einwanderungsländer wie Spanien, Italien und Griechenland, vor allem letzteres, zum Abgrund trieben. Mit starken Auswirkungen inländisch, aber auch mit veränderten Zielländern der Binnen-EU-Arbeitsmigrationsbewegung. Es wanderten (plötzlich) mehr Menschen nach D ein als aus. D.h. das wir hier über ein Phänomen sprechen, was gerade mal vor acht Jahren überhaupt einsetzte und zudem stark von der Konjunktur der 'eigentlichen' Zielländer abhändig war. Und dies ist mein zweiter Kritikpunkt zum obigen Interview und allen anderen Texten derzeit: die EU-Binnenmigration wird permanent ausgeblendet. Alles was mit Fachkräftemangel und Überalterung der Gesellschaft, ich kann nicht einschätzen, ob dies so stimmt, zu tun hat, wäre allein durch EU-Migration auszugleichen. Doch das wird, obwohl auch in der Flüchtlingsfrage ständig der Fingerzeig zur EU geht, ausgeblendet, sogar von einer so hoch dekorierten Migrationsforscherin. Es wird über Fremdenfeindlichkeit schwadroniert, ohne die gesellschaftlichen Verträge beachten zu wollen, die quasi über Nacht über den Haufen geworfen wurden. Bspw. wurde abgemacht, des es die Freizügigkeit in der EU gibt. Die starken Differenzen wurden, wenn auch schon mit öfter lauterem Murren, in der Gesellschaft größtenteils mitgetragen. U.a., nehme ich an, weil klar war, dass es einen gegenseitigen Austausch gibt. Der Spanier kommt hierher, wenn die spanische Konjunktur schwach ist, der Deutsche geht aber auch nach Spanien zum Studium oder arbeiten. Alles easy soweit. Bevor sich das alles wirklich etablieren kann und die Menschen sich darin einfinden in der sich verschärfenden neoliberalen Gesellschaft, werden die Grenzen in andere Richtungen geöffnet, die EU nach Nahost, in den arabisch-afrikanischen Raum erweitert.

Ich hoffe inständig, dass Frau Merkel bald von diesem Regierungsstuhl gestürzt wird und zugleich die AFD und das noch extereme Umfeld wieder eingedämmt werden kann.

Roger11 26.02.2016 | 02:17

Stop, werter Forist, oder werte Foristin: Üben Sie sich in Übung. :)

Denken wir das Ding doch mal von Anfang bis zu Ende. Humanistisch -moralisch gaben Medien von der New York Times über den Guadian bis nach Australien und insgesamt weltweit einen derart positives Feedback auf die von allen Seiten unstrittige Entscheidung Angela Mekels im September 2015. Weltweit wurde dies honoriert. Und Merkel spielt für unsals einziges Land die Verantwortlichkeitskarte aus.

Ich als ehemals Grüner und heute Linker kann Angela Merkel garnicht genug Respekt zollen angesichts Ihrer inneren, moralischen Stabilität. Dass Seehofer nicht kapiert, dass es derzeit um Kraft und Einstimmigkeit innerhalb der EU und ihrer Prinzipien der Gründungsväter geht, kann ich noch vage nachvollziehen angesichts der CSU-Hoheit in Bayern. Dass aber Klöckner und Wolf Merkel in den Rücken fallen, angesichts lächerlicher Provinzwahlen, zeigt, welch Geistes Kinder sie sind. Man muss schlicht konstatieren: Diese Leute haben keine Statur.

Wir sollten eines verstehen: Merkel steht fest. Ihre eigenen Parteigesellen sind die Abtrünnigen, die ihre eigen Karriere im Sinn haben, und genau denen geht die grosse Politik am Arsch vorbei. Seehofer ist der Zerstörer der Einheit Europas, das wird er sich nachsagen lassen müssen, vielleicht. Seehofer erkennt garnicht, was er mit seinen Treffen mit Orban oder Putin angerichtet hat. Für Deutschland. Ist das den Deutschen in Bayern eigentlich klar?

Manchmal frage ich mich schon, um wieviel dämlicher man noch werden kann?

uebung 27.02.2016 | 13:01

Aha,

das Problem ist also das Provinzielle?

Nein, war ein Spasss. Natürlich müssen Lokalpolitiker auch lokal denken und zugleich in der Lage sein, dies in größere Zusammenhänge einzuordnen.

Man kann sich jetzt streiten darüber, wer was gegen die Wand gefahren hat. Deshalb sage ich nur kurz, ich bin anderer Meinung als sie. Ich denke, Frau Merkel (als offizielle Figur dieser Weltanschauungsgruppe) hat mit dieser Art von Flüchtlings'politik' die Lokalität vollends verlassen und spielt Weltpolitik mit der sehr einfachen Rechnung: wir nehmen Syrer auf, also mischen wir in Syrien mit. Deutschland darf mitbomben, da es nun ja quasi ein Teil Syriens ist und damit Eigeninteressen vertritt.

Deshalb wird der Flüchtlingsstrom auf absehbare Zeit auch nicht abebben aus diesen Gegenden, wenn Politiker ala Merkel mit den zugehörigen Netzwerken weiter am Steuer bleiben werden. Wir sehen ja, wie befriedet Afghanistan ist. Ziel ist nicht so schnell wie möglich einen Friedensschluss zu finden, sondern den Einfluss zu stärken (offenbar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln). Dass es in Syrien nicht so einfach wie zuvor in Afg., Irak und Libyen von statten geht, hat allein mit der russischen 'Verbundenheit' zum syrischen Staat und der geographischen Situation zu tun.

Was Seehofer genau mit dem Besuch bei Putin wollte, weiß ich natürlich nicht. Aber er hat damit u.a. auch einen nicht unerheblichen Teil der dt. Bevölkerung vertreten, die die Aggressionen gegen Russland nicht unterstützen, sondern sich einen kooperativen (wieder-)Zusammenschluss mit Russland wünschen. Oder anders gesagt: Man muss nicht Syrer sein, um sich Frieden und Sicherheit zu wünschen.

Und schließlich: wer nicht lokal denken kann, die Folgen seiner Handlungen auf lokaler Ebene nicht abschätzen kann, hat in der Weltpolitik nichts zu suchen. In diesem Sinne: Frau Merkel sollte abtreten oder gestürzt werden.

uebung 27.02.2016 | 13:07

Zusatz zum letzten Absatz: Wer nicht lokal denken kann, bzw., wem die lokalen Auswirkungen egal sind, hat in der Weltpolitik nichts zu suchen.

Die Genese der IS ist dafür ein eklatantes Beispiel. Die alleinige Forderung 'Assad muss weg' bei gleichzeitiger Unterstützung durch die westlichen und arabischen Gruppen für jedwede 'Oppositions'bewegung hat in dieser Region zu massivem Leid und Elend geführt. Lokale Dispositionen wurden massiv vernachlässigt. Bei Saudi-Arabien muss man von einer bewussten Destabilisierungspolitik ausgehen, bei westlichen Politikern kann ich das nicht so richtig einschätzen.

petar 03.03.2016 | 21:42

Merkel hat mit der weinenden Reem und Ihrer "wir können nicht alle aufnehmen" Antwort auf die Meinungsumfragen geguckt. Kam schlecht an. Dann entschloss sie sich zum "schaffen das"
Wer sie da als Heilige interpretieren will, hat ihre marktkonforme Demokratur vergessen. Und der "Michel" kapiert das nicht.Er frönt lieber der "schwarzen Null".Und über braune Sauce ist kaum wundern mehr.