„Wir waren lange gelähmt“

Interview Die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr kennt Alternativen zum Weg der Politik in der Corona-Krise
„Wir waren lange gelähmt“

Foto: Nikita Teryoshin für der Freitag

Die dritte Corona-Welle ist gebrochen, die Zahl der Geimpften steigt. Und so betreten wir langsam den Raum der Nachbetrachtung, in dem wieder mehr der Mensch und weniger das Virus im Vordergrund stehen kann. Wie wir über unser Menschsein in der Krise nachdenken, ist eine der Kernfragen der Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr. Sie kritisiert, dass Freiheit und Selbstbestimmung bei der bisherigen Ausdeutung der Pandemie zu kurz kamen, und regt eine Re-Demokratisierung an.

Jakob Augstein: Frau Mitscherlich-Schönherr, Corona war lange Zeit vor allem eine Sache der Epidemiologen und Virologen. Wo ist der Platz der Philosophie in so einer Krise?

Olivia Mitscherlich-Schönherr: Die Krise war eine Grenzsituation. Kein rechtlicher Ausnahmezustand à la Carl Schmitt, sondern eine Grenzsituation des Lebens, in der uns viele Selbstverständlichkeiten abhandengekommen sind. Sicher geglaubte Begriffe sind infrage gestellt worden. So wissen wir normalerweise etwa, was wir meinen, wenn wir sagen, dass wir gesund oder krank sind. Wir gehen davon aus: Wenn wir uns gesund fühlen, sind wir gesund. Wenn wir uns krank fühlen, sind wir krank. In der Pandemie ist es auf einmal so, dass wir uns gesund fühlen, aber schon längst das Virus in uns tragen können, andere infizieren können, vielleicht sogar kurz vor dem Tod stehen. Zugleich erinnert uns die Krise an die Ungewissheit unserer Existenz. Das allgemeine Wissen über unsere Sterblichkeit ist auf einmal sehr konkret geworden. Auf einmal sind es nicht mehr nur die anderen, die sterben werden, sondern ich selbst bin betroffen. Es stellen sich uns also neu und dringend die alten Fragen: Wer bin ich, und was ist ein gelingendes Leben? Das sind die Fragen der Philosophie.

Haben Sie da andere Dinge zu sagen als Soziologen oder Psychologen?

Den wichtigsten Beitrag der Philosophie sehe ich in der Art und Weise der Auseinandersetzung mit der aktuellen Krise. Philosoph*innen können Vorannahmen reflektieren, die in verbreiteten Deutungen der Krise unter der Hand in Anspruch genommen werden: Vorstellungen über Gesundheit, Verletzlichkeit, Sicherheit, Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit. Philosoph*innen können diese Annahmen kritisch überprüfen und auf Einseitigkeiten, Verkürzungen, innere Widersprüche hinweisen. Für dieses philosophische Nachfragen hat Sokrates das Bild der Stechmücke geprägt.

Er hat auch von Zitterrochen und Hebammen gesprochen, oder?

Genau! Indem er auf das Bild der Hebamme – und wohlgemerkt: gerade nicht auf das Bild des Wegweisers – zurückgreift, gibt er uns zu verstehen, was philosophische Orientierung eigentlich sein kann. Er will keine allgemeingültigen Leitbilder eines guten Lebens vorschreiben, sondern beim Gebären – also: beim Durchlaufen von Erkenntnisprozessen – helfen. Die philosophischen Gesprächstechniken bringt er auf die Bilder des Zitterrochens und der Stechmücke. Wen der Zitterrochen berührt, der ist erst einmal gelähmt, muss innehalten. Philosophierende verstören, reißen aus scheinbaren Selbstverständlichkeiten heraus. Und wie Mücken stechen sie, indem sie die Frage stellen: Weißt du eigentlich, was du meinst, wenn du einen bestimmten Begriff benutzt?

Es war ja interessant, dass es in der Pandemie vor allem Virologen und Computerwissenschaftler waren, die sich eine Deutung der Krise zugetraut haben.

Da war ein euphorisches, beinahe erotisches Erkennen am Werk. Die Bio- und Computerwissenschaftler*innen haben sich die Deutung der Krise selbst zugetraut – und die Politik hat das bestärkt. Bis heute ist es so, dass die Beratungsgremien der politischen Exekutive primär von den Bio-Wissenschaften geprägt sind. Das beeinflusst unser Bild von uns selbst als Menschen und macht es schwer, andere Perspektiven zu berücksichtigen. Ich erinnere mich, dass es um das Jahr 2005 herum große Debatten um Eingriffe in das menschliche Erbgut gab, gleichzeitig fand eine Reihe von islamistischen Terroranschlägen statt. Diese Ereignisse waren natürlich nicht kausal miteinander verknüpft. Aber Jürgen Habermas nutzte die Koinzidenz und schrieb: Wir brauchen komplementäre Lernprozesse von gläubigen und nicht gläubigen Bürger*innen, weil beide etwas voneinander lernen können.

Zur Person

Olivia Mitscherlich-Schönherr, geboren 1973, ist Dozentin für Philosophische Anthropologie an der Hochschule für Philosophie (HfPH) in München. Schwerpunkt ihrer Forschung und Lehre ist die Auseinandersetzung mit Grenzfragen des menschlichen Lebens

Was würde das denn bedeuten?

Habermas hat damals – ganz grob formuliert – auf ein gefährliches Vertrauen in die naturwissenschaftliche Erkenntnis hingewiesen. Wenn wir Wissenschaft und Technik verabsolutieren, wenn wir sie entgrenzen, kann es geschehen, dass diese Formen der Aufklärung uns nicht mehr Freiheit und Selbstbestimmung bringen, sondern dass sie selbst zu einem System der Abhängigkeit werden. Gegen die damals diskutierten Eingriffe in das menschliche Erbgut hat Habermas eine andere Auseinandersetzung mit der menschlichen Geschöpflichkeit, mit der menschlichen Endlichkeit gesetzt: Religion. Um einen Dialog zwischen diesen Traditionen herzustellen, bedarf es Übersetzungsleistungen. Die haben bisher leider nicht stattgefunden.

Aber Greta Thunberg und Luisa Neubauer sagen: „Follow the Science“, und in der Pandemie sind wir der Wissenschaft gefolgt. Ist das nicht gut?

Hinter dem großen Vertrauen in die evidenzbasierte Politik steht das Misstrauen gegenüber einer tradierten Vorstellung von politischer Klugheit. Wir wollen keine Abwägungen, Einschätzungen, Erfahrungen, Haltungen – wir wollen Eindeutigkeit und Alternativlosigkeit. Und Virologie, Epidemiologie, Physik und Molekularbiologie scheinen uns das aktuell zu liefern.

Wo ist da das Problem?

Hier wird mit einem verkürzten Rationalitätsverständnis gearbeitet und eine politische Praxis ausgebildet, die unsere politische Freiheit beschränkt. Ich glaube, dass die Vertreter*innen der evidenzbasierten Politik die Abstraktheit der wissenschaftlichen Evidenzen unterschätzen. Wir halten die Ergebnisse für wahr – aber sie können per definitionem nur einen Aspekt des Lebens widerspiegeln. Und wenn wir aus diesen Evidenzen eindeutige Handlungen ableiten, dann beziehen wir uns damit auf bestimmte Werte, ohne das klar zu reflektieren. Damit beschneiden wir uns in unserer Urteilsfähigkeit. Wir haben die Corona-Krise für lange Zeit wie ein rein virologisches Phänomen behandelt und dabei das gesamte gesellschaftliche Gefüge ausgeblendet, in dem sie sich abspielt.

Ich erinnere mich an eine Infografik aus der Anfangszeit der Krise: lauter kleine Punkte, die sich in einem Viereck bewegen, einer ist rot, und wenn er einen anderen berührt, wird der auch rot – und dann sind ganz schnell alle rot. Sind wir alle solche Punkte?

An dieser Grafik lässt sich deutlich die Abstraktheit einer ausschließlich epidemiologischen Perspektive ablesen: Der Punkt ist Träger eines Virusgeschehens und hat eigentlich keine Freiheit, er steht in keinerlei Wertbezügen, er hat weder einen geschichtlichen noch einen sozialen oder ökonomischen Kontext. Das Virusgeschehen wird für uns aber erst in diesen Kontexten relevant ...

… weil sich so ein „Punkt“ in Neukölln anders verhält als einer in Grunewald und es auch andere Konsequenzen hat, wenn er sich ansteckt …

… genau das ist aber alles ausgeblendet. Ich finde es sehr interessant, dass im wissenschaftlichen Beirat der Bundeskanzlerin mit Viola Priesemann auch eine Physikerin sitzt, die in den Hirnwissenschaften arbeitet und künstliche neuronale Netze – also: Künstliche Intelligenz – baut, um Theorien über menschliche Hirnaktivitäten aufzustellen. Sie hat nun ihre Theorien darüber, wie Informationen in neuronalen Netzen funktionieren, egal ob im Computer oder im Gehirn, auf das Pandemiegeschehen angewendet und daraus Schlüsse für die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung gezogen. Unter anderem daraus hat sie auch ihre Forderung nach „No-Covid“ abgeleitet. Wir erklären uns also das gesellschaftliche Leben in der Pandemie anhand einer Verschränkung von Bio- und Computerwissenschaften.

Erstaunlich finde ich, dass viele von den verwendeten Modellen offenbar nur sehr ungenaue Vorhersagen machen können – und wir uns trotzdem in so wesentlichen Fragen auf sie verlassen.

Ich habe mich in dieser Krise öffentlich zu Wort zu gemeldet, um darauf hinzuweisen, dass wir gemeinsam Lernprozesse durchlaufen sollten, die uns wieder dazu befähigen, politische Klugheit auszubilden. Noch ist die Debatte zu polarisiert. Es war auch nicht hilfreich, dass die lauteste Kritik an der evidenzbasierten Politik ausgerechnet von den politisch Rechten kam, von der sogenannten Querdenken-Bewegung. In dieser Gegenüberstellung – hier die Aufklärung, da ihre Feinde – waren wir lange gelähmt. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir da noch nicht am Ende stehen.

Es gab in Ihren Texten und Beiträgen zur Corona-Krise ein wiederkehrendes Motiv, das ich in diesem Zusammenhang gar nicht erwartet hatte: das Thema Krise der repräsentativen Demokratie. Wollen Sie das ausführen?

Es gibt eine stark wissenschaftszentrierte Haltung, die sich auch in den Medien widerspiegelt. Und dann gibt es eine große Bewegung des Misstrauens, die von der Rechten ausgeht, aber auch noch ganz andere Leute erfasst und bei der es um die Sorge um die individuelle Selbstbestimmung geht. Zwischen diesen Blöcken gibt es kaum noch Vermittlung. Da sehe ich einen Verlust an pluralistischer Debatte. Das ist für unsere liberale Demokratie problematisch. In ihr sind zwei unterschiedliche Prinzipien politischer Freiheit verwoben: Gewaltenteilung und Demokratie. Die Gewalten kontrollieren sich gegenseitig, und das demokratische Prinzip sichert Selbstbestimmung und Partizipation aller. In der Corona-Krise zeigt sich die Spannung zwischen diesen Prinzipien. Natürlich hat dieser Prozess schon lange vorher begonnen: Die Verfahren wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer komplexer, wir haben es immer mehr mit einer Expert*innen-Demokratie zu tun, die die weniger gebildeten Teile der Bevölkerung de facto ausschließt. Das wird in der Krise sichtbar.

Messen Sie dieser sogenannten Querdenker-Bewegung da nicht zu viel Bedeutung bei? Diese Leute mögen sichtbar gewesen sein. Aber waren es wirklich so viele? War es nicht im Gegenteil so, dass verblüffend viele Menschen dem Staat und seinen Organen plötzlich mit sehr viel Vertrauen begegnet sind?

Ich glaube, dass es ein nicht zu unterschätzendes Potential an Menschen gibt, die den Eindruck haben, aus der demokratischen Selbstbestimmung herausgefallen zu sein. Meines Erachtens lohnt es sich, auch auf diese Leute zu hören. Weil wir etwas von ihnen lernen können. Denn wenn wir es ernst meinen mit dem Pluralismus, dann sind wir auf die anderen angewiesen: Nur im Dialog mit denen, die uns fremd sind, werden wir urteilsfähig, können wir politische Klugheit entwickeln. Wenn es stimmt, dass wir in eine besondere Form der Oligarchie kippen, sollten wir uns überlegen, wie wir unser Repräsentativsystem ergänzen könnten – um es zu re-demokratisieren. Sehr interessant finde ich, was in Irland nach der Finanzkrise 2008 passiert ist. Als Antwort auf die Demokratiemüdigkeit führte man dort Bürger*innenräte ein – aber nicht als Ersatz für repräsentative Verfahren, sondern als Ergänzung zu ihnen. Per Losverfahren werden aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Rät*innen ausgelost, die sich in Versammlungen treffen und über wichtige gesellschaftspolitische Fragen sprechen. In Irland ging es etwa um ein neues Abtreibungsgesetz. Die Legislative hat sich verpflichtet, die Ergebnisse dieser Runden ernst zu nehmen. Hieraus sind mehrere Gesetzesvorlagen und dann auch tatsächlich Gesetze hervorgegangen. Und man weiß inzwischen, dass dieses Verfahren auch zu einem Erstarken der Demokratie geführt hat. Dies wäre eine demokratische Alternative zur evidenzbasierten Politik.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 09.06.2021
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 213
Jakob Augstein

Ausgabe 24/2021

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