Selenskyjs heroischer Widerstand vernebelt vielen das Hirn

Ukraine Präsident Selenskyj wehrt sich mit allen Mitteln gegen Russlands Angriff, auch medialen. Er hat damit Erfolg. Aber ist das auch gut?
Wolodymyr Selenskyj bei einer (digitalen) Rede an das französische Parlament
Wolodymyr Selenskyj bei einer (digitalen) Rede an das französische Parlament

Foto: ZUMA Press/Imago Images

Es gibt eine Lesart, nach der bedeutet das Wort Ukraine „Grenze“. Und das ist auch die Rolle, die das Land am europäischen Ostrand neuerdings spielt: nämlich die einer Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei. Und weil die Ukraine das unbestrittene Opfer eines verbrecherischen Krieges ist, wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie selbst sich gleichsam diesseits dieser Grenze befindet, dass sie zu „uns“ gehört, und jenseits hausen die Barbaren. Aber ist das wirklich so?

Die Frage wirkt beinahe wie ein Sakrileg. Die Anteilnahme mit dem heroischen Widerstand der Ukraine ist zu Recht groß. Aber das Heroische ist wie eine Droge. Es benebelt den Leuten das Hirn. Vor allem dort, wo sie es nicht mehr gewohnt sind. Wie im postheroischen Deutschland. Man tut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und seinen Leuten kein Unrecht, wenn man sagt, dass sie diese Droge bewusst für ihre Zwecke einsetzen. Wer schuldlos vom Stärkeren angefallen wird, muss nutzen, was er hat.

Im Medienkrieg schlägt sich Selenskyj gut

Um wirksam zu sein, bedarf das Heroische der richtigen Erzählung. Erst die Erzählung lässt aus dem Kämpfer einen Helden werden. Das ist das Wesen der Heldendichtung seit jeher. Und was früher die Aufgabe der epischen Sänger war, besorgen heute unsere Medien. Der Spiegel hat Wolodymyr Selenskyj schon zum „Verteidiger der freien Welt“ befördert. Im Medienkrieg gegen Russland schlägt sich Selenskyj also gut. Er ist ein Schauspieler und Produzent, der vor ein paar Jahren in die Politik wechselte und nun die Rolle seines Lebens gefunden hat. Um weltweit Unterstützung einzuwerben, inszeniert er den Kampf um die Ukraine als multimediales Spektakel, mit sich selbst als Hauptdarsteller. Stets unrasiert, im militärischen Look lässt er sich in die Parlamente der Welt schalten und wirbt um Solidarität. Seine Reden verfasst ihm ein früherer Drehbuchschreiber der Serie, mit der er berühmt wurde. Meist kommen sie beim Publikum gut an – die Amerikaner erinnerte er an Pearl Harbor, den Engländern kommt er mit Churchill, und zu den Italienern redet er über die Kinder.

Und wenn dann eine Autorin der taz sich im Angesicht der ukrainischen Gegenwehr an die Résistance erinnert fühlt, an die Geschwister Scholl und an den Aufstand im Warschauer Ghetto, dann ist Selenskyjs Strategie aufgegangen und die Russen sind die neuen Nazis und unser Kampf gegen Wladimir Putin wie ein verspäteter Widerstand gegen Hitler. Wobei man über Putins Kriegsziele hin und her rätseln mag, aber den Plan unserer Großeltern, die Juden zu ermorden und die Slawen zu unterjochen, wird er wohl nicht kopieren. Dennoch rief Selenskyj den Israelis bei seiner Sendung in der Knesset unverdrossen zu: „Ihr erinnert euch gut an die ‚Endlösung‘ der jüdischen Frage“, und setzte dann tatsächlich das Schicksal der Ukraine mit dem Holocaust gleich. Da sah der ukrainische Präsident plötzlich aus wie ein Manipulator. Für die Heldenerzählung ist das gefährlich.

Das Schicksal der Ukraine wird mit unserem verknüpft

Aber vielleicht war das, was da aufbrach, nicht nur ein Fehler im Drehbuch – sondern eine Schwäche der Geschichte selbst. Es gab in der vergangenen Woche in Brüssel eine Szene, die zu denken gibt. Selenskyj sprach vor der Runde der Staats- und Regierungschefs der EU und ging tatsächlich alle 27 Staaten der Reihe nach durch und verteilte gleichsam Kopfnoten für gutes oder schlechtes Betragen in der Ukraine-Krise: Vom Streber Frankreich – „Emmanuel, ich glaube wirklich, dass du zu uns halten wirst“ – bis zum Klassenletzten Ungarn: „Hör mal, Viktor, weißt du eigentlich, was in Mariupol los ist?“ Selenskyjs Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, gibt sich nicht mal mehr die Mühe der Verstellung, wenn er einen SPD-Außenpolitiker als „Arschloch“ bezeichnet, weil der das geforderte Solidaritätssoll nicht erfüllt.

So ist das, wenn man sich in der Spirale des Krieges befindet. Es gelten dann keine Regeln und keine Rücksichten mehr. In der FAZ war ein Gespräch zwischen drei ukrainischen Schriftstellerinnen mit der Zeile übertitelt: „Es ist auch euer Krieg.“ Besser kann man das Wesen der ukrainischen Strategie nicht beschreiben: Das ukrainische Schicksal soll mit unserem verknüpft werden. Bei EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat das schon sehr gut funktioniert. Mit den Worten: „Sie sind einer von uns, und wir wollen sie drin haben“, hat sie dem Land den Beitritt versprochen. Dabei war die Ukraine noch im vergangenen Herbst eine europäische Enttäuschung: Erst bemängelte der Europäische Rechnungshof anhaltende Korruption und Oligarchenmacht in der Ukraine, an der auch der Präsident kaum etwas geändert habe, dann kam heraus, dass Selenskyj selber das Geld, das er im Showgeschäft verdient hat, über eine karibische Offshorefirma in Immobilien in London angelegt hatte.

Das ist die Wirklichkeit. Von der Leyens Diktum – das von SPD-Chef Lars Klingbeil gerade wiederholt wurde: „Wir wollen euch auch in der Europäischen Union“ – bleibt hoffentlich nur ein frommer Wunsch. Wenn die Politik sich von ihrer pathetischen Dauererregung in die Ekstase drängen lässt, droht sie den Fehler von 2004 zu wiederholen. Damals wurden in der Osterweiterung Länder in die EU aufgenommen, die man heute lieber nicht drin hätte. Polen und Ungarn passen mit ihrer Ablehnung von Rechtsstaat und unabhängigen Medien, ihrem Rassismus und ihrer Frauen- und Schwulenfeindlichkeit in Wahrheit mehr zu Putins Russland als zum liberalen Westen. Und die Ukraine?

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 123
Jakob Augstein

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare 622

Avatar
Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar