Zivilität im Netz

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community


Liebe Leser,
jetzt haben wir ein Jahr den neuen Freitag.
Darüber freue ich mich sehr. Die Community ist ein gewagtes Experiment gewesen, das - finde ich - gut ausgegangen ist. Dank Ihnen. Und dank uns. Das ist schon mal ein großer Erfolg. Wir wachsen, wir integrieren die Artikel und Blogs der Community immer besser in den gesamten Auftritt. In einigen Monaten werden wir soweit sein, dass zwischen Redaktions- und Community-Texten kein struktureller Unterschied mehr besteht. (Stichwort: Angleichung der Datenbanken). Das ist der richtige Weg.


Je größer wir werden, desto wichtig ist, dass wir unsere Identität behalten, bewahren und entwickeln. Das geht ja alles miteinander her.


Es gab in den letzten Wochen ein paar Situationen, die ich neu fand im Freitag und die mich zunächst auch gar nicht so beunruhigt haben. Unsere Community-Kollegen Teresa Bücker und Jan Jasper Kosok haben mit viel Disziplin und Behutsamkeit und Einfühlungsvermögen alles dafür getan, den Ton leise und die Temperatur - temperiert zu halten, Eskalationen zu vermeiden. Das ist gut so. Sie wissen alle, dass Netzkommunikation zur Eskalation neigt. Niemand von uns ist von dieser Gefahr frei. Wenn wir nachts um 0311 einen Beitrag schreiben, ist das Risiko hoch, dass Aggressionen sich ihren Weg bahnen, die andernfalls, zu einer anderen Zeit besser kanalisiert worden wären: In einer spitzen Formulierung, in einer ironischen Wendung, einer gründlicheren Recherche.

Aggressionen an sich sind nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn sie sich ungerichtet ergießen. Wenn Kommunikation zum Kampf wird. Wenn aus Worten Gewalt wird. Wenn der Respekt vor dem Gegenüber verloren geht weil man das Gegenüber gar nicht mehr im Blick hat. Sondern nur sich selbst. Der User allein vor seinem Bildschirm, draußen die Nacht und die Stille und drinnen die ganze Wut, das ganze Rechthaben, die Empörung, gerecht, na klar. Den Leuten geht dann die Fähigkeit zur Selbstdistanz verloren. Sie sind ganz eins mit sich und die anderen sind die Dummköpfe. Das ist gefährlich. Wenn sich das dann in die Tasten ergießt fühlt man sich momentan besser. Aber es ist das Gefühl, das vernutlich auch Leute haben, die im Vorübergehen jemandem einen Fausthieb verpasst haben.

Ich denke, wir sollten anfangen, hier einen Diskurs über Zivilität im Netz zu führen. Über die Grenzen des Erwünschten, des Empfohlenen, des Erlaubten, des Zulässigen.

Es gab dazuvor ein paar Wochen einige Anlässe. Dann kehrte Ruhe ein. Nun haben wir erneut einen Fall, in dem wieder einer der damals Beteiligten eine ungute Rolle spielt. Ein User hat zu einen meiner Blog einen Kommentar geschrieben, in dem es heisst:

"Wieso belästigen Sie dann hier erwachsene Leute mit so 'nem Kinderscheiß?" und: "Ich bin jedenfalls keineswegs Ihrer Meinung, sondern würde uns eine Presse wünschen, die Sie und uns vor Ihren primitiven Geschmacklosigkeiten schützt."

Das ist ein Beispiel für einen Tonfall, für eine Wortwahl, für einen Gestus beim Sprechen, die ich für den Freitag ablehne. Wollen wir so miteinander reden?

Das ist keine Frage der Empfindlichkeit. Es ist eine Frage des grundsätzlichen Respekts, den man voreinander haben muss, um in einer solchen Gemeinschaft miteinander in den Austausch zu treten. Wenn dieser Respekt fehlt, kann es keine Kommunikation geben.

Es gibt einen Level verbaler Gewalt, der die inhaltlichen Anteile der Kommunikation zerstört. Es bleibt dann nur die pure Aggression. Der Inhalt verglüht.

Das Spektrum der Möglichkeiten ist so groß: Meinungsäußerungen können lustig, ernst, trocken, kalt, klar, wohlinformiert, naiv, zaghaft, fröhlich, wütend, gekränkt, neugierig und ich weiß nicht was noch alles sein. Sie sollte nie böse, erniedrigend, verleumdend, hasserfüllt sein.

Wie wollen wir mit diesen Fragen verfahren?

Eine Idee: In der Klasse meiner Tochter wird an jedem Freitag der Klassenrat abgehalten. Jedes Kind, das sich von einem anderen schlecht behandelt fühlt, erhält Gelegenheit, seine Klage vorzubringen. Die Klasse spricht darüber und am Ende vertragen sich die Kinder. Meistens. Nun gibt es da eine Lehrerin, die die Moderation und die Schlichtung übernimmt. Bei uns kann am Ende nur die Schrift das letzte Wort haben: Die AGB und Tessa, die gleichsam als Hohepriesterin des Gesetzes darüber wacht.

Man kann auch andere Vorschläge prüfen. Der Geschädigte könnte seine Klage führen, der Beschuldigte könnte sich von einem Fürsprecher vertreten lassen. Es könnte nachher zu einer Abstimmung kommen. Warum nicht? Aber das sind nur Ideen. Vielleicht haben Sie andere?

Mir ist das sehr ernst. Ich will nicht, dass unser Erreichtes durch das asoziale Verhalten von Einzelnen zermürbt wird oder das neue Nutzer dadurch abgeschreckt werden.

Ihr JA

17:51 02.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

Kommentare 120

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