„Zu wenig Demokratie“

Interview Klimaaktivistin Pauline Brünger vertraut der Politik kaum noch. Jakob Augstein staunt über ihren Kampfgeist
„Zu wenig Demokratie“
„Wir müssen nicht nur über das Klima, sondern vor allem über Gerechtigkeit reden“, sagt Pauline Brünger

Foto: Jörg Carstensen/dpa

Etwa anderthalb Jahre ist es her, dass Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik den Anfang für eine globale Bewegung machte. Seither haben sich auch in vielen deutschen Städten junge Menschen zusammengetan, um sich für ein beherztes Handeln gegen die Klimakrise einzusetzen. In Köln engagiert sich die Schülerin Pauline Brünger, 18 Jahre alt, für Fridays for Future.

Jakob Augstein: Frau Brünger, bevor die Bundesregierung ihr Klimapaket veröffentlichte, hatte ich ein Zitat von Ihnen in der Zeitung gelesen: „Das Klimakabinett muss Verantwortung übernehmen und statt eines Flickenteppichs aus Einzelmaßnahmen ein Konzept präsentieren, dass die großen Co2-Quellen im Blick hat.“ Das klingt so professionell, als wären Sie eine Politikerin, die das schon seit 25 Jahren macht.

Pauline Brünger: Ich hoffe nicht! Ich glaube, dieses Zitat wurde aus der Pressemitteilung übernommen, die wir verschickt hatten.

Verstehe. Wie fanden Sie dieses Klimapaket denn dann?

Absolut schockierend. Die neun Monate zuvor waren so selbstermächtigend, wir gingen demonstrieren, wir hatten plötzlich eine Stimme, allein an dem Tag waren ja 1,4 Millionen Menschen in Deutschland auf der Straße. Dann war da für einen Moment dieses absolute Gefühl der Hoffnungslosigkeit, als wäre alles für die Katz.

Sie haben gedacht, weil sie neun Monate demonstrieren, ändert sich ein Verhalten, das sich 30 Jahre lang nicht verändert hat?

Das meine ich ja: Ich habe mich gefragt: Wieso hatte ich überhaupt diese Erwartung? Aber das ist doch total schlimm: Wenn man als junger Mensch nicht mehr dieses Vertrauen in die Politik hat. An die Demokratie als höchstes Gut glaubt, aber nicht wahlberechtigt ist und merkt: Du hast doch keine Stimme in dieser Demokratie.

Können Sie das Ergebnis des Klimapakets überhaupt beurteilen?

Wahrscheinlich nur zu einem Bruchteil. Aber was uns als Fridays for Future stark macht, ist, dass wir uns auf die Wissenschaft berufen. Wir sind eigentlich ein Sprachrohr der Wissenschaft, wir sagen das, was seit 30 Jahren gesagt wird. Und die Stimme der Wissenschaft zu diesem Klimapaket ist unfassbar klar: Das reicht nicht aus.

Ich selbst bin in einer Generation großer Wissenschaftsskepsis groß geworden, wir haben „Die Physiker“ von Dürrenmatt gelesen, die erfinden die Atombombe, und hinterher will es keiner gewesen sein. Da finde ich diese totale Wissenschaftsgläubigkeit junger Leute jetzt sehr interessant. Die wissenschaftlichen Prognosen der 1970er haben sich nicht bewahrheitet – aber jetzt will Ihre Generation auch wieder wissen, wie die Zukunft aussieht.

Aber wir sehen die Auswirkungen der Klimakrise ja jetzt schon, sie löst bereits unerträgliches Leid aus bei Menschen in dieser Welt, die keine andere Chance haben als zu kämpfen, während wir beide hier in unseren gemütlichen Sesseln sitzen. Außerdem ist der wissenschaftliche Konsens unfassbar groß. Wo er gebrochen wird und vereinzelte Wissenschaftler bestreiten, dass der Mensch den Klimawandel verursacht, ist fast immer die Lobby der fossilen Energien als Auftraggeber im Spiel. Der US-Ölkonzern Exxon hat selbst bereits in den 1970ern herausgefunden, dass Erderwärmung und Klimawandel absehbar sind – und startete Kampagnen, um jede Regulierung, die seine Profite schmälern könnte, zu verhindern.

Haben Sie Angst vor der Zukunft?

Ganz ehrlich: Ich bin mittlerweile fast etwas abgestumpft. Tagtäglich strömen so viele negative Nachrichten auf mich ein. Es geht ja nicht nur um die direkten Folgen, um eine Welt, die ein paar Grad heißer ist. Sondern auch darum, was gesellschaftlich daraus resultieren wird: Wenn wir einen Kampf um Nahrungsmittel haben, kommt es zu Kriegen. Wenn immer mehr Menschen ihre Heimat verlassen müssen und zu uns nach Europa wollen, haben wir einen größeren Rechtsruck in der Gesellschaft. Obwohl diese Dinge total abstrakt sind, machen sie mir Angst. Aber darum müssen wir nicht nur über das Klima, sondern vor allem über Gerechtigkeit reden: Wer trägt das Leid, wer verursacht es? Wir reden über Entschädigungen von Konzernen, die an der Kohle festhalten, um ihre Profite zu steigern, während Mitarbeiter dieser Konzerne Angst um ihre Lebensgrundlage und vor der Zukunft haben!

Zur Person

Pauline Brünger ist 18 Jahre alt und Gymnasiastin in Köln. Im kommenden Frühjahr wird sie ihr Abitur ablegen. Sie engagiert sich seit dem Beginn der Bewegung in Deutschland bei Fridays for Future, also jetzt exakt ein Jahr lang, ist Sprecherin und Mitorganisatorin

Die Pläne für die fossile Energieproduktion in den nächsten Jahren sind bekannt; sie werden dazu führen, dass der CO2-Ausstoß massiv weiter wächst. So massiv, dass wir das Ziel der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad um das Vierfache übersteigen werden. Da finde ich irre, dass Sie nicht schon zynisch in der Ecke sitzen und sagen: Egal, es ändert sich ja eh nichts.

Wenn ich sehe, dass es Leute gibt, die schon jetzt um ihr Überleben kämpfen, dann fällt es mir persönlich schwer zu sagen: Okay, lass die mal machen, vielleicht bin ich ja irgendwann eine von den Privilegierten, die genug Geld haben, um sich aus der Scheiße rauszukaufen. Es gibt ein Budget an CO2, das wir emittieren dürfen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. So lange wir sehr, sehr viel emittieren, wird dieses Budget sehr, sehr schnell sehr viel kleiner. Je länger wir nichts machen, desto drastischer werden die notwendigen Maßnahmen. Da frage ich mich: Ist das realistisch?

Sie haben gesagt, Sie finden Demokratie toll. Ich finde Demokratie auch toll. Aber, ehrlich gesagt, scheint es mit der Demokratie nicht so gut zu funktionieren, dieses seit langem bekannte Klimaproblem in den Griff zu kriegen.

Mir sagt das nicht, dass die Demokratie generell nicht funktioniert. Ich glaube eher, dass wir zu wenig Demokratie haben. Es gibt Menschen, deren Stimmen mehr gehört werden als die anderer. Lobbyisten und die Spitzen großer Konzerne haben sehr viel größeren Einfluss als Menschen im globalen Süden. Also brauchen wir ein System, das mehr Demokratie zulässt, und wir müssen dafür sorgen, dass wirklich alle Menschen die gleiche Stimme haben.

Die Subjekte unseres Staates sind aber nicht Menschen im globalen Süden, sondern die wahlberechtigten Bürger in Deutschland. Glauben Sie, dass die, wenn man sie ihnen vorlegt, für klimagerechte Politik votieren würden?

Ich glaube, dass derzeit ein Umdenken stattfindet, wie wir es vorher noch nicht hatten. Im September im ARD-Deutschlandtrend hat die Mehrzahl der Deutschen gesagt, dass ihnen Klimaschutz wichtiger ist als Wirtschaftswachstum.

Aber selbst die Grünen machen ja nur ein Kompromissangebot, demnach die Tonne Co2 60 Euro kosten soll, während das Umweltbundesamt und Ihre Fridays for Future von 180 Euro pro Tonne reden. Die Grünen!

Das ist nicht so doll, auf jeden Fall. Wir fordern übrigens auch nicht, sofort mit 180 Euro einzusteigen, sondern so schnell wie möglich den Preis zu erhöhen, bis wir bei 180 Euro sind, denn das entspricht den Folgekosten für zukünftige Generationen. Aber wenn es eine Partei gäbe, die die Lösung anbieten würde, wären wir wohl keine überparteiliche Organisation, sondern würden uns der Jugendorganisation dieser Partei anhängen.

Würden Sie selbst denn in eine Partei eintreten?

Vielleicht. In Zukunft. Jetzt nicht. Wenn ich vergleiche, was die Parteien in den vergangenen Jahren geschafft haben, und was wir in einem Jahr geschafft haben …

Ich finde eigenartig, wie selbstverständlich viele – auch die Grünen – sagen, dass wir das Klimaproblem mit marktwirtschaftlichen Mitteln lösen müssen. War es nicht die Marktwirtschaft, die dieses Klimaproblem verursacht hat? Wenn wir jetzt den Ausstoß von CO2 verteuern, können Reiche weiter SUV fahren und fliegen, Arme nicht.

Wir fordern eine sozialverträgliche CO2-Abgabe. Das geht, indem man zum Beispiel die mit ihr erzielten Einnahmen wieder rückverteilt, an die am meisten Betroffenen, oder es fördert, sich gegen den Konsum von besonders emissionsstarken Gütern zu entscheiden.

Aber am Ende läuft das trotzdem darauf hinaus, dass nur der Reiche fliegen kann. Im Gegensatz zu heute, bei den Easyjet-Preisen. Ist es gerecht, das Klimaproblem über den Preis zu klären?

Sie haben Recht, dass das eine Frage ist, bei der man viele Ebenen mitdenken muss. Ich zum Beispiel kann darauf verzichten zu fliegen, aber was ist mit Mitbürgern, die Familie im Ausland haben und sie besuchen wollen? Natürlich braucht es also komplexe Lösungen. Aber ich glaube, dass eine sozialverträgliche CO2-Abgabe die sinnvollste und effizienteste Lösung ist, um sehr schnell etwas zu ändern. Aber Sie fragen ja eigentlich nach dem Wirtschaftssystem, nach den Widersprüchen und danach, ob sich unser Protest auf mögliche Veränderungen innerhalb des Kapitalismus beschränkt …

Genau! Kann Fridays for Future all das, was Sie wollen, erreichen, ohne antikapitalistisch zu sein?

Fridays for Future ist so entstanden, dass da ein paar Kids gesagt haben, es geht darum, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Einige waren vorher noch nie politisch organisiert, manche schon total lange. Es gab auch Leute, die gesagt haben: Leute, stellt mal eine Analyse an: Was passiert hier gerade, wo liegen die Ursachen und wie sinnvoll ist das, was wir gerade machen? Mittlerweile ist den meisten klar, dass wir in einem System leben, das auf unendlichem Wachstum auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen aufbaut und dass dieser Widerspruch offensichtlich ist. Das ist der Punkt, an dem wir stehen: wir haben die 1,5-Grad-Zahl im öffentlichen Bewusstsein verankert, aber die Analyse dahinter, die noch nicht.

Info

Das Gespräch entstand als Teil der Reihe „Unter vier Augen“ des Schauspiel Köln in Kooperation mit WDR 3. In voller Länge können Sie das Gespräch im der Freitag Podcast auf Spotify, iTunes oder podcast.freitag.de nachhören

06:00 10.01.2020
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein
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